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Wolfgang Behr
The "Anti-*itler"




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CYBERSPACE

Eine kleine Erzählung der menschlichen Kultur im Gefolge von Marshall McLuhan

von Wolfgang Behr


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(English summary: "CYBERSPACE" introduces the idea that the phenomenon, which is called cyberspace, is much older than the existence of VR (virtual reality), computer networks or even electronic communication technologies. Actually a sort of virtual reality already occurred, when humankind started to use language. Seen from the immediate world of nature and matter language is definitely beyond reach and of an unreal, virtual quality. Since human beings are telling stories about the life and all the rest, they are living in two worlds, being the bridge between them. One of them, the language-world, could be called cyberspace. Cyberspace by this is older than 50 000 years.

"CYBERSPACE's" second aspect is concerning what Marshall McLuhan is calling "The Electronic Age" and which means the era, we are living in. According to the argumentation following here, we should bring "The Electronic Age" to its logical end by organizing an ultimate world-event. The integrated use of all old medias language, writing, pictures and notations together with all new, electronic medias could virtually and really bring together nearly all women and men in the same moment to celebrate a special political foundation act. This most comprehensive form of cyberspace gives us the chance to create a 'real existing' community of humankind. The cyberspace or/and the language is committing us to use its political possibilities.
But in order to achieve this object - a community of humankind deserving its name -, the world-event has to establish a clear and powerfull political movement towards material and spiritual independence of all human beings.)










CYBERSPACE



          " ... in der blutgeschwängerten Dunkelheit hinter den Augen wallten silberne Phosgene aus den Grenzen des Raums auf, hypnagoge Bilder, die wie ein wahllos zusammengeschnittener Film ruckend vorüberzogen. Symbole, Ziffern, Gesichter, ein verschwommenes, fragmentarisches Mandala visueller Information. ... Wie ein Origami-Trick in flüssigem Neon entfaltete sich seine distanzlose Heimat, sein Land, ein transparentes Schachbrett in 3-D, unendlich ausgedehnt."

          (NEUROMANCER, William Gibson)




Cyberspace I

1. Wenn wir - zum Datenkörper mutiert - in den animierten 3D-Graphiken der "virtual reality" herumwandern, sind wir dann im Cyberspace? Oder realisiert sich der Cyberspace gerade im exponentiellen Wachstum des Internets? Oder liegt seine Zukunft in der Kombination der beiden, den Chatrooms, den virtuellen Einkaufszentren und virtuellen Städten? Vielleicht gibt es bald den virtuellen Urwald.
Wie sie auch beschaffen sind, noch keine dieser Versionen des Cyberspace kann sich mit der faszinierenden Phantasie und Sprachgewalt von William Gibson messen, der in seinem Roman Neuromancer (1984) diesen mittlerweile paradigmatischen Begriff prägte und mit Leben füllte.
Aber der Begriff hat Geschichte gemacht und heute bezeichnet William Gibson schon die Erfindung des Telefons vor gut 130 Jahren als die erste Manifestation des Cyberspace: " ... I think in a very real sense cyberspace is the place where a long distance telephone call takes place." (Gibson, Interview 1994). Er folgt damit dem Epochenverständnis des kanadischen Medienforschers und Wissenschaftskritikers Marshall McLuhan (1911-1980), der seit den sechziger Jahren mit Büchern wie "Die Gutenberg Galaxis", "Understanding Media" oder "The Global Village" vor allem in der angelsächsisichen Welt für Furore sorgte.


Marshall McLuhan I

2. Nach McLuhan katapultierte uns (res. die Griechen) die Erfindung des phonetischen Alphabets aus der unmittelbaren, durch das Gehör geprägten Welt der Stammeskulturen in eine visuell-distanzierte, wissenschaftliche Abstraktionswelt. Etwa zweieinhalbtausend Jahre später machte Gutenberg diese psychokulturelle Innovation mit dem ersten Mittel der Massenproduktion, dem Buchdruck, auch zu einem Massenphänomen.
Aber seit im letztem Jahrhundert die nahezu Lichtgeschwindigkeit elektrischer Impulse zur Informationsübertragung eingesetzt werden kann, hat die Weltzivilisation eine Rolle rückwärts gemacht. Wir befinden uns wieder im "Weltdorf", wo jeder sofort alles erfährt, wo alle mit allen zusammenhängen, ein Lebensbereich, den man nur "ganzheitlich" wahrnehmen kann.
Dies ist kurz umrissen die McLuhan'sche Weltsicht, die sehr erfrischend wirkt und die manche überraschende Sicht der Dinge birgt, der aber in Deutschland lange das Interesse verwehrt blieb. Spielen doch politische Kategorien in diesem in die Zukunft gewendeten Denken eines Anglistik-Professors, dessen geistiger Vater der "Anti- alphabetist" James Joyce ist, keine ausdrückliche Rolle.


Sprache

3. Vor unvorstellbar langer Zeit fingen die Menschen an, statt nur mit einem Gemisch aus Gesten und kurzen symbolischen Lauten zu kommunizieren, richtiggehend zu sprechen. Wie immer man den Cocktail aus der Entwicklung des Gehirns, der Entwicklung des abstrakten Denkvermögens, dem aufrechten Gang, dem Werkzeuggebrauch, der Bildung größerer Gruppen und dem daraus folgenden vermehrten Kommunikationsbedürfnis, den Veränderungen des Kehlkopfes u.s.w. mixt, es wird nie völlig aufklärbar sein, wie es zu dieser Sprachentstehung kam. Aber die unhintergehbare Komplexität der Sprache, ihre Regelhaftigkeit, legt es nahe, daß ihr Erwerb plötzlich, quasi als Sprung vor sich gegangen ist. Denn man kann die Sprache nicht nur "ein bißchen" sprechen.
Das neue Medium Sprache hat durch seine grammatikalische Struktur eine Stabilität, die es von dem aktuellen Informationsaustausch unabhängig macht. So konnten neben der Alltagskommunikation mythische (so sagen wir heute) Namen und Geschichten entstehen, die einer bestehenden Gemeinschaft eine lange andauernde Existenz vermittelten, indem sie von einer Generation auf die andere weitergegeben wurden. Es entstand in den Köpfen und durch sie hindurch ein flexibler "Raum", der im Prinzip ohne materielle und zeitliche Grenzen ist.
Auf Grund der instrumentellen Offenheit der Sprache (sie gleicht einem potentiell unendlichen weißen Blatt) und der sich daraus ergebenden Unabdingbarkeit ihrer aktiven Gestaltung durch den Sprecher ist die Künstlichkeit eine entscheidende Eigenschaft dieses "Geschichten-Raums". Daher ist es nicht fernliegend, ihn ebenfalls Cyberspace zu nennen, wenn man unter Cyberspace ganz allgemein einen künstlich geschaffenen Raum begreift, in dem man sich quasi körperlos bewegen kann und Informationen oder geistige Konzepte verbreiten kann. (Es ist auch davon auszugehen, daß die Sprache bald nach ihrer Entstehung als gesellschaftliche "Regelungstechnik", als "Kybernetik" eingesetzt wurde.)

4. Nimmt man diese Begriffserweiterung vor, dann ergibt sich eine Übertragung zentraler Eigenschaft der Sprache auf den Cyberspace, allen voran ihre Unfasslichkeit (ein Eigenschaft, die allen medialen Funktionen wie z.B. der Luft oder dem Licht zukommt). Man kann einen Buchstaben auf Pappe zeichnen und ausschneiden, das Wesentliche an ihm hat man dadurch aber nicht in der Hand.
Es gibt zwei Wege, dieses Phänomen der Indirektheit zu verdeutlichen. Zum einen der Hinweis darauf, daß sowohl einzelne Buchstaben als auch einzelne Worte ihre Bedeutung nicht unmittelbar durch ihre konkrete Form darstellen können, denn die ist ja willkürlich. Ihre Informationsgehalt beruht vielmehr auf der Differenz zu den anderen Buchstaben und Wörtern, "a" ist "a", weil nicht "b", nicht "c", nicht "d", etc. . D.h., nur ihre Position im ganzen Sprachsystem gibt den Buchstaben oder den Wörtern die Fähigkeit, eine bestimmte Funktion zu erfüllen oder eine bestimmte Bedeutung zu tragen. Ihnen selbst kann deshalb eine Art Negativität zugesprochen werden, um auf die mangelnde Eigenständigkeit ihrer materiellen Präsenz hinzuweisen.
Der zweite Weg beruht auf der Feststellung, daß ein und dieselbe Sprache ja nicht sowohl gesprochen und geschrieben werden könnte, wenn sie von der jeweiligen Materilisation "a" geschrieben oder "a" gesprochen direkt abhängen würde. Die Sprache geht also entscheidend über ihre konkrete Form hinaus, ohne deshalb auf sie verzichten zu können.
Aus beidem ergibt sich, daß der Sprache und damit auch dem Cyberspace eine Art substantieller Bodenlosigkeit zueigen ist, weil sie bei ihrer sichtbaren Seite nicht zu fassen sind. Traditionell formuliert kann man sagen, daß sie Phänomene sind, die zwar materiell dargestellt werden müssen, aber als das, was sie ausmacht, nur geistig wahrgenommen werden können.


Zivilisation

5. Die Sprach- und Denkfähigkeit hat den Menschen vermutlich dabei geholfen, das Feuer zu zähmen (wenn sie dies nicht schon vorher geschafft hatten), Bestattungsriten zu entwickeln und ihre Erfindungen zu vermehren und zu verfeinern. Der sprachlich-geistige Cyberspace hat sich also mit manifesten Gegebenheiten wie Steinen und Holz oder z.B. mit Strategien bei der Jagd verbunden und ist immer abhängig geblieben von dieser Alltagsverwendung der Sprache und deren kreativer Ausdifferenzierung. Aber sein eigentliches Reich ist jenes "Surplus" (Überschuß), das wir in der Neuzeit als Poesie und Literatur, Philosophie und reine Wissenschaft kennen.
Bis die menschliche Zivilisation mit der sog. neolithischen Revolution, d.h. Seßhaftigkeit, Ackerbau, Viehzucht, etc. richtig ins Rollen kam, vergingen jedoch noch viele Jahrtausende. In all den unvorstellbar langen Epochen davor waren jene den Cyberspace aufspannenden Geschichten, in denen die Erfahrungen, Phantasien und Lehren vieler Generationen versammelt waren, die ausgeprägteste Verwendung der Sprache (im Rahmen von kultischen Ereignissen vielleicht ergänzt durch Musik, Tanz oder bildnerischen Darstellungen). Diese Geschichten waren vermutlich am natürlichen Ablauf der Dinge orientiert und hatten hohes künstlerisches Niveau.

6. Als dann unsere Vorfahren seßhaft wurden, fand die Sprache eine neue Dimension, ihre grammatikalische Stabilität fest an die materiellen Lebensumständen anzubinden, wie dies z.B. in dem Satz "Diese Herde oder dieses bebaute Feld gehört dem xxx" geschieht (sei xxx nun ein Stamm oder eine Person). Leider führte diese neue Kulturstufe nicht nur zu Ackerbau und Viehzucht, sondern auch zur Sklaverei.
Die Strukturen der so entstandenen Gesellschaften mögen anfangs noch den nomadisierenden Kleingruppen ähnlich gewesen sein. Doch ermöglichte die Seßhaftigkeit bald viel größere Gemeinschaften. So gab es schon vor etwa 7000 Jahren Städte mit hunderttausend und mehr Einwohnern (wie in der Ausgrabungsstätte Catalhöyük in der Türkei zu sehen ist). Solche Großstädte konnten nur bestehen, wenn es Disziplin, feste soziale Regeln, kultische Vereinheitlichung und funktionierende Versorgungsstrukturen gab. Das war die Geburtstunde der Bürokratie und der politischen Macht durchaus schon in heutigem Sinne.


Schrift und Gesellschaft

7. Jetzt lag es auch nicht mehr fern, die medialen Funktionen der Sprache direkt materiell zu verkörpern, d.h. über den Zwischenschritt der Geldzeichen Schriftzeichen zu erfinden und z.B. in Ton zu drücken oder in Stein zu meißeln.
Diese neue Kulturtechnik war dann die Voraussetzung des Zustandekommens der ersten stabilen Megagesellschaften der Geschichte, des römische Weltreichs und des chinesische Reichs der Mitte. Beide beruhten auf abstrakt formulierten Gesetzen, die alle Lebensbereiche einschließlich religiöser Betätigungen Regeln unterwarfen. Dadurch konnten weit entfernte Gebiete und Völker, nach dem sie auf bekannte Manier erobert waren, unter einer Herrschaft gehalten werden. Entscheidend war dabei, daß die Gesetze und Verordnungen auf Papyrus (statt auf Stein) notiert waren und deshalb leicht transportierbar waren.
Der westliche Vertreter (Rom) benutzte das universellere phonetische Alphabet (der Griechen) statt der älteren Bild- und Silbenschriften, das gab ihm gegenüber China zwar keine differenzierter Zivilisation, aber war vielleicht für seine größere politische Geschichtsdynamik in der Neuzeit mitverantwortlich.

8. Beide Reiche waren einschlieslich ihrer Peripherien auch die größten Ausdehnungen, die die Ökumene, also die bekannte und bewohnte Welt bis dahin angenommen hatte. Und sie sind damit auch die größten Manifestationen dessen, was ich hier den Cyberspace nenne, denn natürlich breitete er sich mit der einheitlichen Zivilisation aus. Zusätzlich profitierte er von dem geistigen Erfahrungsraum jeder Lokalkultur, die in die großen Reiche eingegliedert wurden.
Seit dieser Zeit ist der Cyberspace unaufhaltsam auf dem Weg, weltumspannend zu werden, und man kann den Eindruck gewinnen, daß alle, ob Politiker, Militärs, Priester oder Kaufleute und Erfinder (Waffen!) zu seinen Erfüllungsgehilfen geworden sind. Leider geschah dies in hohem Maße durch Anwendung von Gewalt und sehr oft verbunden mit höchst elitärem Bewußtsein.


Cyberspace II

9. So formuliert stellt sich die Frage, ob dieser Cyberspace als etwas Eigenständiges und Lebendiges zu betrachten ist?
In der Neuzeit wurde die dogmatische Allgemeingültigkeit Gottes als eines von der Welt unabhängigen geistig-seelischen Wesens überwunden (wiewohl dieser Topos auf persönlicher Ebene und in vielen lokalen Kulturen bis hin zu den großen Religionsgemeinschaften immer noch eine große Rolle spielt). Und sein Ersatz, der Begriff einer unabhängigen Natur, in der die Menschen eingebettet sind, wird durch die theoretischen und praktischen Ausgriffe menschlichen Handelns immer unhaltbarer. Insofern wäre es fast wie ein Rückfall in den Animismus, würde man den Cyberspace als eine eigenständige Entität beschreiben.

10. Der Cyberspace beruht auf der Aktivität unserer Gehirne und auf unseren jeweiligen technischen Systemen (Netzen) als "Hardware", sowie auf unseren Sprachen und Zeichensystemen als "Software". Ausgehend von dieser Basis entwickelt er eine Eigendynamik, die spätestens seit Erfindung der Schrift unwiederbringlich über die Welt eines in die Natur eingebundenen Lebewesens hinausgegangen ist. Der Cyberspace ist ein Kollektivphänomen und übersteigt eindeutig die Dimension des einzelnen Menschen.
Andererseits besitzt er keine Lebendigkeit außerhalb der Lebendigkeit unserer Köpfe und bleibt immer auf Protagonisten angewiesen, die ihn repräsentieren. Man könnte den Cyberspace demnach als eine Art Zwitter zwischen Eigenständigkeit und Abhängigkeit bezeichnen. Er wird durch beide charakterisiert, je nach der angewandten Betrachtungsebene. In gewisser Weise ist eine solche Definition des Neologismus Cyberspace sogar der Sache angemessener als die gängigen Varianten. Denn zwar braucht die "virtual reality" oder das weltweite Computernetz den einzelnen Computer, aber der Computer benötigt wiederum menschliche Gehirne, um sinnvoll zu funktionieren. Letztenendes findet auch das Internet in den Köpfen der "user" statt. (Der parallele Begriff "global brain" versucht diesem Tatbestand durch die Betonung der Schnittstelle Mensch-Computer gerecht zu werden, die das einzelne "Neuron" eines globalen "neuronalen" Netzwerks darstellen soll.)


Macht

11. Die Tatsache, daß der Cyberspace Menschen braucht, die ihn repräsentieren, ist auch der Grund für die starke Verbindung zwischen dem Cyberspace und der Macht. In manchen Gesellschaften, die von Gottkönigen, bzw. deren weiblichen Varianten beherrscht wurden, waren beide sogar fast identisch. Große gesellschaftliche Macht beruht nicht nur auf Gewalt (Militär, Waffen, Sanktionsgewalt) und Ressourcen (Geld, Land etc.), sondern auch auf der Fähigkeit einzelner Personen, strategisch umfassend zu denken und die verfügbaren Mittel im Sinne größtmöglicher und dauerhafter Herrschaft einzusetzen. Ihre Autorität gewinnen die Mächtigen (neben einer möglichen ideellen oder religiösen Bedeutung) dementsprechend aus dem Anspruch, die ganze Welt und d.h. den Cyberspace politisch zu ordnen. Deshalb ist es ein unausweichlicher Drang der Mächtigen, alles für sie erreichbare, ja sogar alles denkbare zu erobern, da sie sonst damit rechnen müssen, selbst erobert, bzw. eingeordnet zu werden. Macht hat immer einen paranoischen Zug.
Modern gewendet läßt sich sagen, daß Macht zu einem Großteil diskursive Macht ist. Nun sind andere entscheidende Repräsentanten der Diskurse und damit des Cyberspace als deren geistigem Raum die Schriftsteller (die Geschichtenerzähler), die Philosophen, die Künstler und Filmemacher, die Wissenschaftler und die Presseleute, aber auch die Reisenden. Deshalb bleiben die Vertreter der politischen Macht immer wieder auf diese Menschen angewiesen und versuchen sie zu zwingen, im Sinne ihrer Interessen zu denken.


Gewalt ohne Grenzen

12. Die Menschen waren sicher immer eine gewalttätige Species, die ihr Auskommen erkämpfen mußte. Nichts ist aber mit der lebensverachtenden Härte und Ignoranz zu vergleichen, die sie an den Tag legen, wenn sie, statt für ihr persönliches Interesse zu streiten, sich im Dienst der Allgemeinheit, also ihrem jeweiligen Verständnis des Cyberspace wähnen, d.h. wenn sie für eine kollektive Institution und deren Ideologie tätig sind. Das müssen wir gerade in der Neuzeit erfahren. Nach wie vor stehen wir fassungslos vor den technokratischen, bürokratischen Tötungsmaschinerien der national- sozialistischen KZ's, nach wie vor stehen wir fassungslos vor den Tätern dieser Undenkbarkeiten. Vielleicht können nur Dichter wie Elie Wiesel aus ihrem Leid heraus den Holocaust in mehr als persönliche Worte fassen.
Überhaupt nimmt unser Jahrhundert in punkto Genozid und Massenmord einen einsamen geschichtlichen Spitzenplatz ein (man spricht von mehr als 120 Millionen ermordeter Menschen).
Nach der gerade entwickelten Idee des Cyberspace sind diese Extreme aber keine Rückfälle in vorzivilisatorische Zeiten, sondern sie resultierten gerade aus der Tatsache, daß in der Neuzeit die Sprache und die Schrift mit der ihnen eigenen Kälte und Kontingenz die endgültige kulturelle Dominanz angetreten haben (man denke an den Siegeszug der Mathematik). Daher sind diese gnadenlos ideologisch motivierten Massenmorde durchaus als originäre Auswüchse unserer Zeit zu sehen.
Auch wenn das manches erklären mag, entschuldigt es selbstredend keinen einzigen Täter, denn jeder muß für seine konkreten Handlungen verantwortlich gemacht werden!


Marshall McLuhan II

13. Es fällt schwer, aus diesen "Schwarzen Löchern" menschlicher Existenz wieder herauszukommen. Ich will nochmal an Marshall McLuhan und sein zukunftsweisendes Denken anknüpfen.
Schon durch die Erfindung des Buchdrucks und der darauffolgenden massenhaften Verbreitung des Alphabetismus intensivierte sich das geistige Leben, der Cyberspace um einige Größenordnungen. Aber seit dem Aufkommen des "elektronischen Zeitalters", wie McLuhan unsere Epoche nennt, ist der Cyberspace in eine völlig neue Dimension eingetreten, welche aus der Verbindung immer neuer Formen der Kommunikation mit der "Zeit und Raum vernichtenden" Übertragungsgeschwindigkeit der neue Medien (Telefon, Radio, Film/TV und Computer) entsteht.
Das Erlebnis einer Kommunikation unabhängig von der Entfernung macht den Cyberspace als das Faszinosum eines grenzen- und körperlosen, aber doch konkret erfahrbaren Erlebnisraumes erstmals für die Mehrheit der Menschen zu einer unabweisbaren Wirklichkeit. (Man denke an die Geschichten von Leuten, die das erste Mal mit dem Telefon in Kontakt kommen.)
Anzumerken ist aber, daß diesem technogenen Cyberspace die spirituelle Qualität vieler traditioneller geistiger Welten abgeht.

14. Der zentrale Begriff, mit dem Marshall McLuhan unsere Zeit der fortschreitenden zivilisatorischen Gleichzeitigkeit und der ereignisbezogenen Weltkultur verständlich machen will, ist die Implosion. Damit soll ausgedrückt werden, daß keine räumliche Ausdehnung (Explosion) mehr stattfindet, sondern nur noch Vernetzung und Komplexifizierung nach innen und zwar mit ständig steigender Geschwindigkeit. Alles und alle werden miteinander verbunden, "Echtzeit" oder "live" ist zur Seele unserer Epoche geworden.
Natürlich weiß auch McLuhan, daß gerade die westlichen Menschen noch der modernen, in rationalen Funktionssystemen ausdifferenzierten Welt verhaftet sind. (Nicht umsonst gilt er als Prophet, dessen Visionen viele im aktuellen Internet- Boom Wirklichkeit werden sehen.)

15. Die Herausforderungen des "elektronischen Zeitalters" lassen sich für ihn deshalb auch nicht rational oder technisch bewältigen. Unter der Verwendung einer aus der Gehirnforschung stammenden, wenn auch umstrittenen Theorie bestimmt er als unsere Aufgabe, von der einseitigen Fixierung auf das logische, hierarchisierende Denken der linken Gehirnhälfte loszukommen, welche ein Ergebnis der Verwendung des phonetischen Alphabets ist. Denn die neue Kultur der unmittelbaren globalen Verbundenheit verlangt wieder das gesamtheitliche Mustererkennen oder -erleben, das die Domäne der rechten Gehirnhälfte ist und das in den Stammeskulturen nach McLuhan's Auffassung der wesentliche Wahrnehmungsmodus war, bzw. noch ist.
Während schriftliche Texte uns zu einem geistig-visuellen Weltbild aus der Zentralperspektive (von außen, von oben) anhalten, wird die Stammeskultur vom Gehör und seiner kugelförmigen Ausgerichtetheit nach allen Richtungen bestimmt, dessen Sinneseindrücken man sich nicht entziehen kann. (Man denke an die ungeheuere, bannschlagende Wirkung der Buschtrommeln.)
Nur mit dieser psychosozialen Neuorientierung, die er vor allem anhand neuer Organisationstrukturen von Wirtschaftsunternehmen exemplifiziert, sind wir nach Marshall McLuhan in der Lage, der Dynamik des "elektronischen Zeitalters" gerecht zu werden. Können wir doch die elektronische Gleichzeitigkeit unserer heutigen Welt nicht mehr vor uns hinstellen und sezieren, sondern nur noch von innen gleichsam "auditiv" (im Sinne von unmittelbar) wahrnehmen und bewältigen.

16. Marshall McLuhan schafft es jedoch nicht, über die medienanthropologische Analyse und Therapie hinaus bis zur politischen Ebene vorzudringen. Wenn man indes seine Erkenntnisse eines unmittelbaren Zusammenhangs der ganzen Welt ("The global village") uneingeschränkt weiterdenkt, ergeben sich gerade für die Politik dringend notwendige neue Perspektiven. Denn die bestehenden Staaten sind längst nicht mehr in der Lage, die heutigen zivilisatorischen Probleme in ihrer Globalität zu erfassen oder zu bewältigen.
Keine der traditionellen politischen Formen, die ja in wesentlichen Aspekten so alt sind wie die Geschichte der Seßhaftigkeit, kann das Phänomen, bzw. das politische Potential einer gleichzeitigen Verbindung der großen Mehrheit aller Menschen z.B. über TV oder Datennetze gestaltend umsetzen. Findet diese doch jenseits aller politischen Territorialität statt, wofür Telefon, Satellitenfernsehen oder das Internet schon lebendige Beispiele liefern. Das erweckt Hoffnung für die Zukunft, Hoffnung darauf, daß wir doch noch eine zeitgemäße Politik entwickeln können.


Wissenschaft und Kapitalismus

17. Zwei Prinzipien, die sich im Grunde ein einziges reduzieren lassen, wurden in der Neuzeit immer bestimmender, bis sie in der gegenwärtigen Epoche nahezu unumschränkt herrschen. Erstens: Eine bestimmte Ursache entspricht (=) gemäß einem festgelegten theoretischen (nach Möglichkeit mathematischen) Modell einer bestimmten Wirkung (z.B.: F = m x a) und zweitens: Irgendeine Sache wird zur Ware, d.h. wird einer bestimmten Summe einer abstrakten Geldeinheit gleichgesetzt (=).
Dieses = - Prinzip, wie ich es nennen möchte, hat zwei wesentlichen Effekte. Es verschafft seinen Anwendern die Freiheit, sich weder um die Art und Herkunft noch um die Bedeutung und Auswirkungen sowohl der Ursachen als auch der Wirkungen, bzw. sowohl der Waren als auch des Geldverkehrs zu kümmern, solange nur die Balance der beiden Seiten bzw. der Profit stimmt. Also, ob die Krafteinwirkung direkt von Gott kommt oder nicht (etwas, worüber sich Newton noch kräftig gestritten hatte), ob eine verkaufte Buddhafigur eine wichtige esoterische Bedeutung für eine lebende Glaubensgemeinschaft hatte oder welche Nebenwirkungen neue Produkte haben, all dies spielt für die Adepten des = - Zeichens keinerlei wesentliche Rolle. Kein Physiker kann inhaltlich endgültig bestimmen, was Strom ist. Aber für die technische Anwendung muß er das auch nicht. Dafür genügt es, daß die beiden Seiten der Gleichung stimmen und man damit experimentieren kann.
Damit komme ich zum zweiten Effekt. Das = - Prinzip verschafft in seiner Abstraktheit den kreativen geistigen Kräften ein nahezu unbegrenztes Feld, neue Dingen zu finden, zu erfinden, zu erzeugen und zu kombinieren - mit dem Resultat all der modernen Maschinen, Techniken, neuen Materialien, Stoffen, Substanzen, aber auch der unerschöpflichen Welt neuer Waren, Dienstleistungen, u.s.w., die uns heute fast schon erdrücken.
Es zeigt sich, daß der unabhängige "Spielcharakter" dieser neuen Welt für ihre Protagonisten viel wichtiger ist als die sich ergebenden Gebrauchswerte, von denen wir nichtsdestotrotz längst abhängig geworden sind.

18. Es ist leicht zu sehen, das das = - Prinzip, also das, was gemeinhin Wissenschaft und Kapitalismus genannt wird, die effektivste Methode in der Geschichte war und ist, das menschliche Leben zu "versprachlichen". Mit diesem Mittel dringt der Cyberspace bis an die Grenzen unseres Lebens vor, bis zu den biologischen und atomaren Bausteinen unserer Existenz und bis zu ihren kosmischen Weiten. Gleichzeitig vernetzt er unsere materiellen Lebensbedingungen zu einer unüberschaubaren "Megamaschine". Aber das = - Prinzip individualisiert uns auch unaufhaltsam, denn je mehr wir selbst erzeugen und kaufen können, desto mehr tun wir das - jeder nach seinem Gusto. Diese beiden Auswirkungen entsprechen der Phänomologie der Sprache, die einerseits den Cyberspace einer gemeinsamen Welt aufspannt und die andererseits durch ihre unendliche Kombinierbarkeit jedem/jeder SprecherIn (oder DenkerIn) einen singulären, unverwechselbaren Weg durch ihr Reich ermöglicht, ein Weg, der sich schon zu Beginn jedes Individuums in seinem Namen andeutet.

19. Aber der größte Vorteil dieser neuen Welt des = - Zeichens, ihre Gleichgültigkeit gegenüber jeglichen Inhalt, ist auch ihre größte Tragik bzw. ihre Kehrseite. Denn bei all ihrer lebenspraktischen Dominanz schafft sie keine Identitäten (keine Werte), sondern bleibt immer beliebig und im Kern nichtssagend. Das wird auch durch all die Ersatzmythen der Technik (z.B. das Auto) oder der Markenwerbung nicht aufgehoben. Vor allem aber kümmert sich diese Welt wegen ihrer Fixiertheit auf das = - Zeichen nicht um die Rahmenbedingungen ihrer Gleichungen, eine Eigenschaft, die erst seit relativ kurzer Zeit als Ökologieproblematik begriffen worden ist, die aber als menschlich-kulturelle Problematik schon seit langem Romantizismen, Fundamentalismen und politische Verirrungen hervorgebracht hat.
Der Formalismus, der die wissenschaftliche Forschung bestimmt, bleibt als kulturschaffendes Prinzip trotz aller Abstraktheit immer wesentlich auf Gegenstände bezogen. Dabei verliert er aber nie ganz seine Lebensfremdheit und kann deshalb unmittelbar angemessene, politische Begriffe und Bilder für unsere Situation nicht ersetzen, konnte sie nie ersetzen!


Finanzmärkte

20. Es ist mitnichten ein Zufall, daß das Geld als das Medium, das von seiner Entstehung her der Schrift am nächsten ist, sich heute in der Hochphase der zivilisatorischen "Implosion" scheinbar am besten global und "elektronisch" gebärden kann. Je immaterieller etwas ist, desto besser läuft es durch die neuen Netze.
Die internationalen Finanzmärkte transferieren derzeit in ihren Computern in einem Zeitraum von nur fünf Tagen eine Summe, die dem Weltjahresumsatz aller Güter und Dienstleistungen entspricht. Das Geld regiert die Welt in viel direkterem Sinne, als es das Sprichwort meint, d.h. die Deregulierung der Märkte und die Kapitalakkumulation sind Phänomene, die man trotz ihrer traditionellen Ignoranz ökologischer und sozialer Probleme nicht direkt bekämpfen kann, da sie die integrativ fortgeschrittenste und unmittelbarste Ebene der geistigen Weltordnung und d.h. des Cyberspace verkörpern.
Natürlich sind auch die Protagonisten der Finanzmärkte und die Aktionäre von den Gesellschaften abhängig, in denen sie und ihre Kinder leben. Man sollte hoffen, daß die längerfristige Zukunft dieser Gesellschaften möglichst bald in ihrem Planen und Handeln eine Rolle spielt. Denn das Verhalten von Investoren wird sich in ihren Risiko- und Renditeabschätzungen von einer sich ändernden öffentlichen Meinung gegenüber den Unternehmen und deren ökologischem oder sozialem Verhalten beeinflußen lassen. Zudem werden Reformen, die den Glücksspiel-Charakter der avanciertesten Börsenspekulationen zähmen, für unumgänglich gehalten, wenn sich auch dafür Lösungen noch kaum abzeichnen, da überall die Angst vor zuviel Reglementierung herrscht.

21. Letztendlich wird man aber die abgehobene Eigendynamik und die überdimensionale, demokratisch unkontrollierte Macht, mit der die Finanzmärkte selbst große Staaten zwingen, sich nach ihren Regeln zu verhalten, bändigen müssen, indem man einen Emanzipationsprozeß der menschlichen Kultur von der Geldwirtschaft initiiert. Gerade wenn ihre positiven Eigenschaften der maximalen investitiven Flexibilität und Potenz erhalten bleiben sollen, ist eine Autarkisierung des Auskommens auf kleinster Ebene (Subsistenz) auf Dauer unumgänglich, da sie die zur Freiheit der Märkte korrespondierende Freiheit der Menschen hinzugesellt.
Wenn es gelingt, eine im Vergleich zur Finanzwelt den zeitgenössischen Möglichkeiten des Cyberspace noch angemessenere, noch "flüssigere" Form globalen geistigen Lebens zu verwirklichen und zu erklärter politischer Macht zu führen, kann das der entscheidende Ausgangspunkt für eine solche Emanzipation sein. Es geht dabei um einen primär ideellen Akt, der erst jetzt möglich wird, nachdem sich die integrative Zuspitzung des Geldverkehrs als letzte Stufe der Megagesellschaft vollzogen hat. Die Autorität einer solchen neuen Realisation des Cyberspace soll garantieren, daß man die finanziellen Mittel für materielle Innovationen in Richtung auf lokale Unabhängigkeit auf den Finanzmärkten suchen kann, ohne deren Sklave zu werden. Daß bei solchen Unternehmen ökonomische Regeln beachtet werden, ist keine Unterordnung, sondern das Realitätsprinzip.


Krankheit?

22. Der amerikanische Schriftsteller William S. Burroughs hat bei seinem Auftritt in einer Laurie Anderson - Performance folgenden Satz gesagt: "Language is a virus from outerspace". Dieses Bild scheint mir die menschliche Situation auf kurze aber geniale Weise zu charakterisieren. Denn daß man Sprache (=Erkenntnis) als Fremdkörper betrachtet, dafür plädiert schon der Mythos der Vertreibung aus dem Paradies, der sicher viel älter ist als die Schrift, da es von ihm auch in mündlichen Kulturen Varianten gibt. Nach diesem Verständnis ist die Sprache so fremd, geradezu giftig (Schlange) für ein natürliches Lebewesen bzw. Tier, welches der Mensch war und immer noch ist, daß man sie als Krankheit, insbesondere als eine Viruserkrankung bezeichnen kann. Denn die Sprache zwingt uns, wenn sie einmal Zugang zu uns gefunden hat, sie zu reproduzieren. Heute dringt der Cyberspace (d.h. die Re- und Neuproduktionen der Sprache durch den Menschen) bis in die tiefsten Schichten unseres körperlichen Daseins und unserer materiellen Lebensbedingungen vor, transformiert sie, erzeugt sie. Getrieben von seinen Imaginationen und von unseren Bedürfnissen verschränken sich der geistig- sprachliche Raum und die natürlichen Lebensumstände zu kaum mehr steuerbaren komplexen Systemen und Interdependenzen, die keine individuellen Verantwortlichkeiten klassischen Zuschnitts mehr kennen. (Und wir produzieren - freiwillig oder nicht - Gifte, ungeheuere Mengen tödlichster Gifte, wie z.B. Plutonium).
Um im Bild der Krankheit zu bleiben kann man sagen, die Viruserkrankung hat sich zum Krebs ausgewachsen. Angesichts unserer Megazivilisation scheint die wie immer geartete Chance, von dieser Krankheit zu genesen, ihren vollen Ausbruch zuzulassen, ja sogar betreiben zu müssen. D.h., als Hoffnung für unsere Körper bleibt nur die Steigerung des Cyberspace bis zu seiner gänzlichen Emanzipation von den Dingen, bis zur Erzeugung seiner "absoluten" sprachlichen oder geistigen Form.


Weltereignis

23. Auf dem Weg dahin könnten wir mit der schon erwähnten Tatsache rechnen, daß jeder einzelne Mensch mit seiner geistigen Aktivität der Ort ist, an dem der Cyberspace letztenendes lebt. Auf die Möglichkeiten dieses Potentials müssen wir uns besinnen.
Schaffen wir einen gemeinsamen geistigen Raum, indem wir uns unter Zuhilfenahme moderner Medien wie TV und Datennetzen zu einem weltweiten Ereignis zusammenfinden, einem Ereignis, durch das wir dem unaufhaltsamen Zusammenwachsen der Weltzivilisation in Form einer freien Vereinigung aller Menschen Ausdruck verleihen! Dieser momentane, die Erde umspannende Bewußtseinsraum würde dem Cyberspace eine nie dagewesene Größe, Unmittelbarkeit und Aktualität geben. Seine Quantität ließe sich nicht mehr steigern und die Leichtigkeit seiner Existenz könnte uns eine bisher unbekannte Chancen geben, ihm eine neue Qualität zu verleihen. Dazu müßten wir uns im Rahmen dieses Weltereignisses als ein gesamtmenschheitliches Subjekt, als eine lebendige Gemeinschaft erschaffen, die in der Lage ist, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen - ein geschichtliches und gesellschaftliches Niveau, das im Augenblick nicht gegeben ist. Das "wir", das ich hier verwende, würde so erst gerechtfertigt sein.



24. Die von allen Menschen getragene bewußte Erschaffung des Cyberspace wäre mit Abstand das bedeutendste, größte Ereignis der menschlichen Geschichte.
Um Mißverständnisse zu vermeiden, es ist sicherlich ein unmögliches Unterfangen, uneingeschränkt alle Menschen zu einem weltweiten Ereignis zusammenbringen zu wollen. Aber man darf das "alle" nicht dogmatisch verstehen, schließlich leben zuviele Menschen gänzlich außen vor und sind aus verschiedensten Gründen zu keinerlei Anteilnahme am öffentlichen Leben, geschweige denn an der Weltöffentlichkeit in der Lage oder bereit. Gerade deshalb muß das Gemeinschaftsereignis ein so großes Maß an geschichtlicher Allgemeingültigkeit erreichen, daß es auch in deren Sinne stattfinden kann. Es soll die "basisdemokratische" Repräsentation des Cyberspace von allen für alle werden. Trotz der großen politischen Umbrüche und Veränderungen in der Neuzeit wäre das nochmal eine neue Stufe von Revolution.

25. Die Gestaltung dieses Ereignisses und besonders die Werbung dafür kann davon profitieren, daß heute ausgehend von Film-, Foto- und Videoproduktionen Ansätze zu einer Sprache mittels Bildern gegeben sind, die die Chance in sich trägt, der "babylonischen" Sprachvielfalt ein kleines Schnippchen zu schlagen. Neben der Frage des "Marketings" stellt sich das Problem der Finanzierung dieses Weltereignisses. Wenn man bedenkt, über welche Mittel das IOC oder die FIFA verfügen, dann sollte das kein Kopfzerbrechen bereiten. Wenn es von uns gewollt wird, läßt es sich auch wirtschaftlich realisieren.


Vorstellungskraft

26. Kann man sich den Cyberspace in seiner ganzen Größe und Umfassendheit vorstellen? Soll man sich ein Bild von im machen? Sicher nicht, denn zu weit übersteigt dieser geistige Megakomplex immer schon und erst recht heute die Vorstellungskräfte jedes Einzelnen von uns. (Man versuche nur mal sich eine umfassende Vorstellung von New York oder von einem Weltkonzern zu machen.)
Gerade deshalb sind all die Versuche der Machthaber, den Cyberspace gänzlich zu umfassen und zu repräsentieren, auf so groteske Weise lächerlich. (Der letzte, der es tatsächlich versucht hat, war Hitler - wir wissen, mit welchem Resultat.)
Künstler und Schriftsteller können seine Komplexität und Umfassendheit vielleicht deshalb mehr als andere in ihren Werken "spürbar" werden lassen, weil sie sich ihm mit Haut und Haaren ausgeliefert haben. Dieses Schweben zwischen Aktivität und Passivität ist für alle handlungsfixierten Menschen schwer zu begreifen.
Letztendlich braucht es uns alle zusammen, die geistige Offenheit einer freien Verbindung aller Menschen, um den Cyberspace des "elektronischen" Zeitalters wirklich zu fassen und zu realisieren (vorzustellen).


Institution

27. Der Cyberspace in der Form dieses Gemeinschaftsereignisses wird die erste große, zivilisatorisch fortschrittliche Gesellschaftsform sein, die nicht auf einer rechtlichen, machtgestützten Ordnung basiert. Um ihm trotzdem als Manifestation des Geistes in der Welt das nötige reale Gewicht und den angemessenen Prioritätsstatus zu verleihen, soll dieses Gemeinschaftsereignis trotz seiner zeitlichen Befristung zur politischen Institution einer geeinten Menschheit werden. Die Institutionalität, die das traditionelle Mittel der politischen Ordnung großer Gesellschaften ist und die von ihrer Art her als unverwundbar und unsterblich projiziiert wird, findet sich dadurch einer grundsätzlichen Innovation unterzogen. Aber die konkrete politische Vereinigung aller Menschen ist geradezu davon abhängig, ohne eine feste, auf Dauer angelegte Kollektivstrukturen auszukommen, da diese immer mit Dominanz des Zentrums gegenüber der Peripherie verbunden sind. Dieses traditionelle politische Modell, prominent vertreten in der Idee des Weltstaates, hat sich nicht zuletzt deshalb als unrealisierbar erwiesen, weil mit ABC- Waffen kein Weltkrieg mehr möglich ist.
Eine solche Institution, die der Weltöffentlichkeit ihre Heimat gibt, eröffnet die dringend notwendigen Perspektive, die Ansätze all der anderen globalen Kollektivstrukturen überflüssig werden zu lassen. Denn deren derzeitige unglückliche und parteiische Ausprägung rührt wesentlich von dem Zwang zur Herstellung einer Welt"ordnungs"kultur mit den schwerfälligen Mitteln traditioneller Macht- und Ordnungspolitik her, als da sind militärische und wirtschaftliche Vorherrschaft.


Entflechtung

28. Unsere Zivilisation wird durch eine solche "Entmaterialisierung" oder "Vergeistigung" ihrer Einheitsdynamik die Freiheit gewinnen, langsam aus den gefährlichen Widersprüchen zwischen den technologischen Fähigkeiten und den ökologischen Bedingungen der materiellen Existenz herauszufinden. Ganz praktisch gesehen soll sich dies in dem Ziel äußern, eine schrittweise Rückführung der großen wirtschaftlichen und machtstrukturellen Vernetzungen zu vollziehen und in letzter Konsequenz eine mehr oder weniger selbstständige Subsistenz (Bewältigung der materiellen Bedürfnisse "vor Ort") zu ermöglichen.
Allgemeiner kann man von einem notwendigen Paradigmenwechsel aller kulturellen Muster menschlichen Zusammenlebens von der geschichtlichen Megakollektivität hin zur Individualität und zum Primat des Nahbereichs und der Subsistenz sprechen. Eine nach neuen Ufern suchende technologische Kreativität wird darin entscheidende Impulse finden.


Initiation I

29. Die Teilnahme an einem weltweiten Ereignis ist heute für die überwiegende Mehrheit der Menschen durch andere große Ereignisse wie Olympiaden oder die Mondlandung schon geläufig. Wenn der einzelne Mensch aber die weltumspannende Dimension des Cyberspace in der Zukunft aktiv verkörpern und mittragen will, benötigt er ein ausgeprägtes individuelles Bewußtsein. Er muß sich für eine entscheidende Phase seines Lebens ganz auf die abstrakte, naturferne Qualität des Welt-Cyberspace jenseits aller lokalen, partikularen und damit primär materiellen Gebundenheiten einlassen - auch wenn er als körperliches Lebewesen immer in dieser Nahumgebung lebt und leben wird.
Den Cyberspace zu repräsentieren ist eine noch weit umfassendere Aufgabe als die Reintegration der ganzheitlichen Wahrnehmungsfähigkeit der rechten Gehirnhälfte in das westliche kulturelle Procedere, wie es uns Marshall McLuhan anheimstellt, wiewohl dies sicher ein wesentlicher Bestandteil davon sein kann.

30. Auch wenn sie für unser an Professionalität und Technokratie gewöhntes Denken zuerst fremdartig klingt, ist es die Initiation, die alle Merkmale einer kulturellen Bewältigung des Cyberspace erfüllt. Eine Initiation hat mit der Preisgabe (dem Tod) der kindlichen Identität und des Eingebundenseins in die Zusammenhänge zu tun, in denen ein Mensch aufgewachsen ist. Ihr Ziel in diesem Zusammenhang soll der Schlußakt des Heranreifens zu einer erwachsenen Persönlichkeit sein, der Übergang von einem natürlichen Lebewesen zu einem Kulturmenschen. Und sie soll dem Menschen befähigen, seine Emotionalität auf die Höhe der Gegebenheiten unserer sprachlichen Zivilisation zu bringen und ist deshalb nur als große anthropologische Innovation vorstellbar. Dafür gab es in den letzten zwei- bis dreitausend Jahren, was menschheitsgeschichtlich gesehen ein sehr kurzer Zeitraum ist, schon viel Ansätze. Die mit der Initiation verbundene ethische Autonomie der Menschen läßt den Verzicht auf die kollektiven (rechtlichen) Sanktionssysteme der bestehenden Gesellschaften möglich werden. Die einzelnen Personen tragen als freie Individuen die institutionelle Kontinuität der Weltgemeinschaft nach dem zu Ende gegangenen Gründungsereignis weiter, wenn sie einen solchen initiatorischen Schritt bewältigt haben.

31. In einer auf sprachlich-bewußter, individueller Eigenständigkeit basierenden Weltkultur wird es allerdings für die Initiation kein allgemeines Ritual mehr geben. Die einzelnen Personen, Frauen wie Männer werden sich unabhängig voneinander im Lauf ihres Lebens jeder einen eigenen Weg suchen, um in der Initiation den Cyberspace als die geistige Gemeinschaft der Menschheit für sich selbst zu verwirklichen. Man kann die große Freiheit, die Heranwachsende heute in den entwickelten Kulturen genießen, als eine Art Voraussetzung betrachten, um den Weg zu einer Initiation zu suchen.
Dieser eklatante, postjuristische Maßstab selbstbewußter Existenz, den die Initiation erreicht und der das Konzept der Volksbildung radikalisiert, knüpft nicht zuletzt an den Erwachsenenstatus in sog. traditionellen Gesellschaften an - wenn auch unter konsequent modernen Vorzeichen. Ihn in die Welt zu setzen und politisch zu symbolisieren wird ein wesentliches Ziel des großen Ereignisses sein, das den Cyberspace zu seiner ausdrücklichsten Form führen soll.

32. Die besondere Herausforderung für die menschliche Kultur entsteht durch die Kürze des einzelnen menschlichen Lebens gemessen am Alter der Gesellschaften, bzw. dem Alter der Entwicklung des Cyberspace insgesamt. Jeder Mensch muß von Null an alles lernen, was die (seine) Kultur ausmacht, denn die Menschen sind bei ihrer Geburt heute im wesentliche noch dieselben wie z.B. die Menschen vor 30 000 Jahren, die uns ihre Höhlenzeichnungen hinterließen.
Eine neu zu begründende Tradition der Initiation hat das Ziel, die Veränderungen unserer Existenzweise seit dem Erwerb der Sprachfähigkeit quasi an ihrem Endpunkt durch eine wesentliche Anpassung des Menschen dauerhaft mit unserem natürlichen Leben zu verbinden. Diese Anpassung muß die Absolutheit aufnehmen, welche den globalen Cyberspace auszeichnet. Deshalb wird jeder Mensch einen radikalen "Sprung" von der Natur zu diesem Stand der Kultur bestehen lernen müssen, der dem ersten "Sprung" in die Sprache vor unendlich langer Zeit entspricht.
Auch in der Zukunft wird das menschliche Zusammenleben dadurch nicht gänzlich von Atavismen verschont bleiben, denn angesichts des unhintergehbaren Freiheitsspielraumes menschlichen Lebens, der auch den Verzicht auf persönliche Entwicklung beinhaltet, kann es keine perfekte Welt geben. Aber es ist sehr wohl ein realistisches Vorhaben, mit der Initiation ein neues, unserer Zeit angemessenes Niveau menschlicher Existenz etablieren zu wollen.


Politik

33. Zu Beginn der neuzeitlichen Politik stand Thomas Hobbes mit seiner Definition des Menschen als raubtierhaftem Einzelwesen ("homo hominis lupus est"), der einen hypothetischen Gesellschaftsvertrag auf gegenseitiges Inruhelassen und den mächtigen Vertreter eines Gewaltmonopols (Staat) zur Garantie dieses Vertrags braucht, um zivilisiert zusammenleben zu können.
So willkürlich, wie diese Definition war, so sehr wies sie den Weg in neue Formen politischen Lebens. Aber heute stellt sich die Frage, ob nicht die Terroristen, die Serienmörder oder die Gangs in den Großstadtgettos überall auf der Welt das Resultat einer Art "selffulfilling prophecy" der hobbes'schen Anthropologie darstellen? Es stellt sich die Frage, ob die neuen Freiräume für das Individuum von den Vorgaben des Gesellschaftsvertrags überhaupt zu bewältigen sind, wenn alle traditionellen Schranken menschlichen Verhaltens im Loch der Vergangenheit verschwinden?
Die kulturelle Koinzidenz der umfassendsten Form der Kollektivität (Cyberspace) und des Erwerbs einer tragfähigen Basis der Individualität (Initiation) in einem einzigartigen Weltereignis könnte uns wieder eine offene, unseren Fähigkeiten angemessene Zukunft bescheren. Der Schritt ins traditionslose politische Niemandsland, den die Neuzeit mehr als jede Epoche zuvor gewagt hat, soll so wieder ein Stück Boden unter die Füße bekommen.


Krieg

34. Vor allen Dingen geht es darum, die überwältigende Tradition des Kriegs zu bannen, welche die Mentalität und die Stimmungen der Menschen noch immer in hohem Maße beherrscht. Die Bedrohung durch ABC-Waffen, auch wenn sie den Kalten Krieg kalt bleiben ließ, hat noch keine einzige Armee aus der Welt schaffen können. Und mittlerweile prägt die Kriegsmentalität in einer Art Ersatzhandlung das weltweite Wirtschaftsleben durch das uneingeschränkte Primat des Wettbewerbs. Überall wächst Angst, Mißtrauen und Paranoia, den "anderen" werden die schlimmsten Dinge unterstellt, überall entsteht die Bereitschaft, mit sämtlichen Mitteln, auch mit denen unter der Gürtellinie zu kämpfen.
Wenn es um alles oder nichts geht, ist es selbstverständlich, sich ohne Rückhalt einzusetzen, 16 Stunden und mehr zu arbeiten und alle zu entlassen, die dabei nicht mitziehen wollen. Man kann sich während des Kämpfens auch nicht um mittelbare Sekundär- und Folgewirkungen des Handelns kümmern. Aber in einer Zivilisation, die im Prinzip alle Mittel zum Überleben erworben hat, führen diese kriegerischen Werte nicht mehr zu sinnvollen Handlungsvorgaben. Vielmehr resultieren aus diesen traditionellen Werte auf Grund der Überpotenz der Mittel immer wieder neuen Selbstgefährdungen unserer Zivilisation. Die Ignoranz oder das Ernstnehmen der Umweltproblematik liegt genau auf der Scheidelinie zwischen der alten und einer neuen Wertewelt, die natürlich gar nicht neu ist, sondern im sich Kümmern um Kinder, Haustiere oder Pflanzen eine Tradition hat, die sogar noch hinter die Menschwerdung zurückreicht.
Wie es scheint, wird sich eine Neuorientierung der Werte nicht von selbst ergeben und sie läßt sich auch nicht alleine durch rationale Nützlichkeitsargumente herbeizitieren. Sie muß vielmehr in einem ausdrücklich kulturellen Akt eingeführt und mit der nötigen Autorität versehen werden - eine hervorragende Aufgabe für das Weltereignis des Cyberspace.


Initiation II

35. Entscheidend ist es, aus dem kriegerischen als dem vielleicht mächtigsten Zug menschlicher Kultur auf der Ebene des Individuums herauszufinden. Dazu müssen die einzelnen Personen lernen, ihre negativen Potentiale (Hass, Frustration, etc.) und die Verantwortung für den Tod selbst zu tragen, statt sie den jeweiligen Kollektiven und deren Feindbildern zu überantworten. Die Initiation, welche den Menschen ihren eigenen Tod und ihre inneren Abgründe mit bewußtseinsprägender Kraft vor Augen führt, soll dabei die entscheidende Rolle spielen. In einiger Zukunft wird Mann oder Frau ohne Initiation kein ganzer Mensch mehr sein, bzw. nicht als solcher gelten können. Vielleicht kann ein solches Tiefenerlebnis eine wichtige Rolle im Leben der Menschen spielen, denen in ihrer Kindheit Gewalt und seelische Verletzungen zugefügt wurden und die sich deshalb mit manifesten Aggressionen gegen sich oder gegen andere wenden. Klar ist, da es dafür angesichts der praktisch unendlichen Verletzbarkeit der menschlichen Seele keine sichere Heilung geben kann.
Die Initiation ersetzt als neues Kulturgut keinerlei schon bestehende Bemühung um Schutz, Hilfe und Therapie, vor allem ersetzt sie nicht die Mühen der Erziehung, sondern erweitert sie sogar noch um eine weitere. Sie soll die wesentliche Ergänzung all der kulturellen Entwicklungen sein, die für den modernen Menschen prägend geworden sind.


Bildung

36. Leider wird es selbst in unseren rasant sich entwickelnden Gesellschaften zwei oder drei Generationen dauern, bis die Mehrheit der Menschen den Weg zu einer solchen Initiation finden. Vielen Menschen, die schon erwachsen sind oder die sehr traditionell und partikularistisch geprägt werden, ist der Weg zum Cyberspace der geistigen Weltgemeinschaft versperrt. Deshalb gibt es auch keinerlei Garantie, daß nach einem solchen Weltereignis nicht noch menschliche Desaster passieren. Z.B. läßt die Bevölkerungsexplosion keine positive Perspektive zu, da die einzigen wirksamen Gegenmittel, nämlich Bildung, materielle und soziale Besserstellung, sowie individuelles Leben für Frauen (und auch für Männer) viel Zeit zur Realisierung brauchen. Den "Fußweg" dorthin kann weder das Weltereignis des Cyberspace noch die individuelle Initiation verkürzen. Aber sie können als Symbole einer neuen Zeit die Richtung auf eine Bewältigung dieser Probleme unumkehrbar machen.


Wohlstand

37. Immerhin gab es niemals in der Geschichte diese materiellen Möglichkeiten guten Lebens, die durch modernes Erfinden und Wirtschaften in den vergangenen fünfzig Jahren für einen großen Teil der Menschheit zur Selbstverständlichkeit geworden sind. Dabei ist nicht nur die Zahl der Wohlhabenden größer als je zuvor, auch die Art und Weise, wie sie ihr Leben, ihre Gesundheit, ihre Freizeit gestalten können, ist um Welten besser und vielseitiger als früher.
Trotzdem muß man feststellen, daß die menschliche Existenz diesbezüglich noch nicht auf der sicheren Seite steht. Denn einmal verbraucht unser Wohlstand vielzuviel Ressourcen und gefährdet bzw. zerstört Gemeingüter wie z.B. die Atmosphäre oder lokale Umwelten. D.h., unsere Zivilisation arbeitet bei aller betriebswirtschaftlichen Potenz global gesehen nicht effizient genug.
Zum zweiten ist die globale Gesellschaft immer noch weit davon entfernt, ein Gleichmaß des Wohlstandes zu erreichen. Für die große Mehrheit der Menschen ist nach wie vor Armut und das Fehlen des Nötigsten die einzig angemessene Beschreibung ihrer Situation.

38. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, daß das Wohlergehen einer Mehrheit der Menschen kein primäres Ziel der bestimmenden politischen und gesellschaftlichen Kräfte war und ist. Zwar ist der Wohlfahrtsstaat und die Vollbeschäftigung der Nachkriegsära in hohem Maße politisch gewollt und mit etwas Glück tatsächlich bewirkt worden. Doch war dies ein politisches Ziel vor allem aufgrund der vorhergehenden und zeitgenössischen geschichtlichen Erfahrungen und Konstellationen.
Mittlerweile ergibt sich, daß die kapitalistische Weltwirtschaft nicht mehr soviel arbeitende Menschen braucht. Um also schon bestehende und neu aufkommende Massenarmut substantiell zu überwinden, ist doch noch ein ganz neuer Einsatz vonnöten. Der wird im wesentlichen darauf beruhen, daß das Individuum und damit auch seine materielle Selbständigkeit ins Zentrum von Politik und Geschichte gerückt werden.


Individuum

39. Nun legt gerade der Cyberspace, den die ganze Menschheit ausführt, als sprachliches Phänomen diese zentrale Bedeutung auf das Individuum. Wie schon festgestellt, kann seine unmittelbare, grenzenlose Geistigkeit und die damit verbundene politische Innovation einer nicht verfassten Institution nur von freien und unabhängigen Persönlichkeiten wahrgenommen und getragen werden. Diese individuelle wie allgemeine geistige Freiheit steht im Gegensatz zu den schon existierenden Kollektiven (Nationalstaaten, Konzerne mit Corporate Identity, Religionsgemeinschaften etc.), welche von einer, wie es scheint, lebensnotwendigen Dogmatik abhängig sind, die ihre Partikularität zum für sie und ihre Mitglieder Wichtigsten auf der Welt bestimmt. Aus diesem Grund werden manche ihrer Vertreter den weltumspannenden Cyberspace eher als Konkurrenz empfinden und müssen von seiner Vorrangigkeit überzeugt werden. Immer noch beherrschen materielle Zwangsverhältnisse, d.h. die Abhängigkeit der Existenz von Arbeits- und Geldsystemen das Leben der großen Mehrheit der Menschen auch in den reichsten Ländern. Das zu ändern ist eher eine Frage der globalen Perspektiven als der materiellen Möglichkeiten.

40. Die materielle Unabhängigkeit der Menschen korrespondiert zur Leichtigkeit des globalen Cyberspace. Wenn wir es mittels der Sprache und dem aus ihr kommenden Erfindungsreichtum geschafft haben, uns im Sinne unserer materiellen Bedürfnisse von der Natur zu emanzipieren, indem jeder von uns individuell die Lebensnotwendigkeiten mehr oder weniger zufriedenstellend bewältigen kann, dann haben wir alle zusammen und jeder für sich die Freiheit, den Cyberspace zu verwirklichen. Wobei dieses "wenn" konditional und nicht zeitlich zu verstehen ist. In Wirklichkeit benötigen wir das Weltereignis, welches das Individuum mit politischer Priorität ausstattet, um die technologische Entwicklung hin zur materiellen Selbständigkeit des Einzelnen anzuspornen.


Demokratie

41. Selbst die modernsten liberalen Gesellschaften sind oligarchisch organisiert (das Prinzip der repräsentativen Demokratie). Daraus könnte man schließen, daß die Zukunft dieser Demokratie im besten Fall in einer Art "guter Weltdiktatur" zu sehen ist, welche die Freiheit der Bessergestellten garantiert und die Armen in Schach hält.
Die Geschichte des 20. Jhr. zeigte aber, daß die Zustimmung der Massen selbst für streng totalitäre Regime auf Dauer unverzichtbar war. Deshalb wurde von allen Machthabern zwar dogmatische, aber nichtsdestotrotz intensivste Meinungspolitik betrieben. Demokratie in unserem Jahrhundert bedeutete, daß die Zustimmung der Masse der Bevölkerung als Machtlegitimation unerläßlich wurde. Selbst der Individualismus in den entwickelten Ländern der ersten Welt ist eine von der Politik und der Wirtschaft gemanagte "Massenbewegung".
Spätestens jetzt, zum Ende der Nachkriegsepoche wird der Übergang von der Perspektive des Kollektivs zur Perspektive des Individuums, den die neuzeitlichen Vertragstheorien höchstens theoretisch leisten, auch lebenspraktisch unausweichlich. Mit der Kette zivilisatorischer Innovationen werden die Gestaltungsmöglichkeiten vieler einzelner Menschen so speziell und so umfassend, daß diese nur noch selbst die Maßstäbe ihres Lebens entwickeln können.

42. Nicht zuletzt weil die einzelnen Staaten durch die Globalisierung der Wirtschaft und der gesamten Zivilisation immer mehr an Selbstbestimmung verlieren, ist es zudem offensichtlich geworden, daß die demokratische Gesellschaft auf eine neue Grundlage gestellt werden muß und das kann nur noch im globalen Maßstab geschehen.
Ich verstehe unter Demokratie die Möglichkeit des einzelnen Menschen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Das beinhaltet sowohl Wissen und Bildung der Persönlichkeit als auch die materiellen Ressourcen und wenn nötig, die Teilhabe an ihn betreffenden kollektiven Entscheidungsprozessen. Wie schon gesagt gehe ich davon aus, daß die technologischen und ökonomischen Innovationen unserer Zeit sich mit Hilfe der großen finanziellen Potentiale bis zu einer individualisierten Basis der materiellen Existenz weiterentwickeln können. Wobei der Motor dieser Entwicklung eine wirtschaftlich rentable, ökoeffiziente und nachhaltige (um zwei neue Schlagwörter zu leihen) Massenproduktion, sowie der zugehörige Massenmarkt ist.
In diesem Szenario soll der Welt-Cyberspace und die Gestaltung einer modernen Initiation die globale (postetatistische) Grundlegung der Demokratie für die Menschen leisten.


Menschlichkeit

43. Ist es notwendig, explizit aussprechen, daß der hier vorgestellte Entwurf politischen Handelns keine vollkommenen, sondern menschliche Lösungen erwartet und braucht, gerade weil die absoluten Anspruche des Geistes im Cyberspace ihre Verwirklichung finden konnen?
Selbst die modernen Nationalstaaten, die bis jetzt sehr wohl als politisch unabhängig gelten, waren praktisch nie in jeder Hinsicht selbständig. So wird auch das politisch autonome Individuum nicht völlig autark werden und in vieler Hinsicht auf eine hochdifferenzierte, arbeitsteilige Gesellschaft angewiesen bleiben. Es wird immer pflegebedürftige Menschen geben, seien es Babys, Alte oder Kranke, die die Solidarität und Hilfe der anderen Menschen brauchen. Entscheidend ist aber erstens die Richtung der Entwicklung hin zu materieller Selbständigkeit, zweitens die Allgemeingültigkeit des Stils neuer diesbezüglicher Techniken und drittens vor allem das Erreichen eines im Prinzip fur jeden Menschen aus eigener Kraft zuganglichen Schutzes vor Armutsverhältnissen.


Revolution

44. Die tiefe Verfahrenheit menschlicher, sozialer und politischer Verhältnisse, die an vielen Orten der Welt herrschen, sind wenn, dann nur durch eine umfassende Umgestaltung der Lebensbedingungen überwindbar. Diese friedliche Revolution soll den Problemen und Sachlagen, welche Menschen heute noch in Kriege und tiefste Feindschaften bringt, den Boden entziehen. Der zentrale Angriffspunkt ist die Vergrößerung des gesellschaftlichen Gewichts des einzelnen Menschen. Das Individuum muß in seinem Lebensvollzug die Bedeutung der traditionellen Kollektive, seien es Völker oder Nationen, seien es alle Arten von Organisationen, zum verblassen bringen. Deshalb hören diese nicht unbedingt auf zu existieren oder müssen jene nicht unbedingt abgeschafft werden, wenn sie nützlich sind. Sie haben nur keine darüberhinausgehende Wichtigkeit mehr.


Verantwortung

45. Ist es notwendig, festzustellen, daß die vielen Fragen, die an die hier geäußerten Gedanken anknüpfen, z.B. wie denn die Menschen ohne feste gesetzliche Regeln zusammenleben können, gar nicht detailgenau beantwortet und gelöst werden können? Eine zukünftige Welt wird sich nur neu und offen zwischen uns einzelnen Menschen gestalten und mit situationsgebundenen Regeln versehen lassen. Die geistige Freiheit des Cyberspace kennt keine Patentrezepte und keine festen kollektiven Traditionen mehr. Daher werden die einzelnen Menschen mehr Verantwortung insbesondere für die nötige zivilisierte Friedlichkeit ihrer - unserer Koexistenz tragen müssen als heute. Die kollektiven Verantwortungsträger der bisherigen Welt wird es jedoch nicht mehr geben.
Das bedeutet, daß die hier geäußerten Gedanken selbstverständlich nicht den Anspruch objektiver Wahrheit erheben. Es gibt keine Welttheorie und es wird nie eine geben! Die Gedanken sind ein Vorschlag, wie wir sowohl alle zusammen als auch jeder für sich unser Leben in die Hand nehmen und mit den faszinierenden Mitteln dieser Zeit neu gestalten können.


Größe

46. Es ist notwendig, festzustellen, daß die Situation von hunderten von Millionen von Menschen auf der Erde vollkommen unhaltbar ist. Sie haben weder sauberes Wasser, noch genügend Nahrungsmittel oder medizinische Grundversorgung. Sie sind Verfolgung, Gewalt, Folter oder Vergiftungen ihres Wohnortes ausgesetzt. Es besteht unmittelbarer Handlungsbedarf, um ihnen zu helfen.
So stellt sich die Frage, ob es überhaupt gerechtfertigt ist, der Welt so große Ziele zu setzen, wie es hier geschieht, wenn eine Vielzahl von Menschen nicht einmal die primitivsten Voraussetzungen für ein menschenwürdiges Leben haben. Auf diese Frage gibt es keine befriedigende Antwort. Man kann sich die Freiheit, dies zu tun, nur nehmen. Aber die Idee des Weltereignisses und der individuellen Initiation lebt von der Vorstellung, daß wir Menschen in der Lage sind, größte kulturelle Leistungen zu vollbringen. Und es sieht so aus, als ob wir unsere kulturelle Zukunft nur in einer Höchstleistung gewinnen können, in einem Geschichtsereignis von noch nie dagewesener Größe. Daß geschichtliche Größe in aller Zukunft aber nicht mehr unabhängig von den Lebensbedingungen der einzelnen Menschen zu haben ist, kann als eine entscheidende Bedingungen unserer Epoche betrachtet werden.


Marshall McLuhan III

47. Meine Überlegungen treffen sich im Ende doch wieder mit den Intentionen Marshall McLuhan's, wenn er schreibt: " Das vorliegende Buch verspricht, mit dem Versuch, alle Medien sowie Konflikte, aus welchen sie entstehen, und die noch größeren Konflikte, zu welchen sie Anlaß geben, zu verstehen, diese Konflikte durch zunehmende Autonomie des Menschen zu verringern." ("Die magischen Kanäle - Understanding Media", Basel 1994, S. 89)


Name und Fest

48. Wir sollten dem Cyberspace bei seinem Ereignis einen Namen geben (mein Vorschlag ist STRING, ein Begriff aus der Theorie der Selbstorganisation des Universums). Und wir sollten ihn, wenn er zustande gekommen ist, mit einem großen Fest, einem richtigen Weltfest feiern!
Das Ziel einer Befreiung des unendlichen Cyberspace aus seiner Verfangenheit in die menschlichen Bedürfnisse ist nichts geringeres, als dieselbe Befreiung für das vielgestaltige, unauslotbare Leben unserer Körper und all unserer Sinne. Wenn uns das gelingt, welchen besseren Anlaß für ein Fest könnte es geben!



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