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Wolfgang Behr
The "Anti-*itler"




tree of Auschwitz "tree of Auschwitz"





STRING und die Verantwortung für Auschwitz

von Wolfgang Behr


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Als Deutscher, der nach 1945 geboren wurde, habe ich einen Verantwortung dafür, was sich meine Nation in ihrer Geschichte zu Schulden hat kommen lassen. Diese Verantwortung bezieht sich vor allem darauf, dafür zu kämpfen, daß von den Deutschen keine kollektiven Verbrechen mehr begangen werden.
Im Falle von dem, was unter den Namen Auschwitz, Holocaust oder Shoah als das schrecklichste Verbrechen der Menschheitsgeschichte (Täter, Opfer, Motivation, Art und Weise, Stand der Zivilisation etc.) bekannt wurde, ist die Verantwortung aber nochmal eine andere, eine größere.


I. Mein Aufwachsen in der Bundesrepublik des "Kalten Krieges" war nicht zuletzt von der Angst vor jener Gefahr geprägt, die die Sowjetunion, bzw. der Bolschewismus für die BRDeutschland und den gesamten Westen angeblich darstellen sollte. Diese Angst war aber auch die Angst vor einem Atomkrieg und insofern sehr real.

Solche Ängste vor den Feinden bzw. vor den Kollektiven, die zu Feindbildern stilisiert werden, sind meineserachtens der Hauptgrund, warum sich Menschen und vor allem menschliche Gruppen nicht angemessen auf eine Schuld einlassen können, die sie auf sich geladen haben. Sie glauben, daß ein Eingeständnis von Schuld als Schwäche ausgelegt wird und so nur ihren Feinden nützt. Zusätzlich sind sie davon überzeugt, daß deren Geschichte ebenfalls genügend verleugnete, bzw. gerechtfertigte Verbrechen vorzuweisen hat.

Auch den Westdeutschen als Kollektiv war der "Kalten Krieg" Anlaß genug, keine überzeugende, nach innen gerichtete Aufarbeitung der Geschichte des "Dritten Reiches" zu leisten, geschweige denn dem Phänomen Auschwitz gerecht zu werden. Dieser Eindruck drängt sich auf trotz der staatlichen Wiedergutmachungsleistungen, trotz öffentlicher Denkmäler, Gedenktage und Reden und selbst trotz des persönlichen Einsatzes vieler Menschen z.B. in israelischen Kibbuzim. Zu schnell ist die Bundesrepublik wieder ein traditionelles Staateswesen mit Wiederbewaffnung, martialischer Rhetorik und der erwähnten "Angst vor dem Feind" geworden.

Zwar haben sich kaum jemals zuvor in der Geschichte die Menschen in einem Land so intensiv mit den Verbrechen, die im Namen ihrer Nation begangen wurden, auseinandergesetzt, wie gerade die Deutschen nach dem Krieg. Dies gilt besonders für die junge Generation nach 1968. Aber wir erleben auch immer wieder Verleugnung und Verdrängung. Immer wieder reagiert die Bevölkerungsmehrheit äußerst ablehnend, wenn die Aufarbeitung der faschistischen Vergangenheit in einzelnen Städten oder Dörfern auf die Tagesordnung gebracht wird. ("Nestbeschmutzer","Geh doch rüber in die DDR")
Man könnte den Eindruck gewinnen, daß eine grundlegende Beschäftigung mit der deutschen Nazivergangenheit meist von den Menschen geleistet wird, die sich wegen ihres Außenseitertums auch in einer Kriegssituation eher von Verbrechen oder Mithilfe zu Verbrechen fernhalten würden.

Ich will als Einzelner jedoch keinen Anspruch erheben, diesen Umgang mit der eigenen Vergangenheit, den Deutschland nach dem Krieg pflegte, gültig zu bewerten. Dies vor allem deswegen, weil mich mein Lebensweg zu einem Umgang mit den Konflikten und Verantwortungen der deutschen Geschichte gebracht hat, der Kollektive ausdrücklich zurückweist. Die Geschichte des "Dritten Reiches" und seiner Exzesse hat nach meiner Auffassung die menschlichen Kollektive generell auf nicht mehr wiedergutzumachende Weise in Mißkredit gebracht. Daher kann ich von einem Kollektiv auch keine wirkliche Bewältigung gerade dieser Verbrechen erwarten.

Ich wurde eines Tages durch eine seelische Krise von der gesellschaftlichen Zugehörigkeit abgetrennt und gänzlich auf mich geworfen. Dies geschah nicht unmittelbar durch Einwirkung von Außen, nicht durch andere Menschen, sondern von Innen in einer unwiderstehlichen Entwicklung. In meiner Wahrnehmung war es nicht zuletzt eine Reaktion auf die vielfältigen Spannungen, die Deutschland in der Nachkriegsära beherrschten. Sicher spielte dabei meine Aufgeschlossenheit für diese Schwingungen eine besondere Rolle. Vor allem aber wirkte die Familie, in der ich aufwuchs, wie eine Art Brennspiegel, der die moralisch-emotionalen Zerwürfnisse und Abgründe der Epoche in mich einbrannte.

Dieser Bruch in meinem Leben führte dazu, daß für mich von einem Tag auf den anderen keine positive Lebensperspektive mehr möglich schien. Ich begann, mich für die Verbrechen und Kriege, welche die Menschen in der Geschichte und bis heute ständig begehen, verantwortlich zu fühlen. Solange irgendjemand auf der Welt getötet, gefoltert wird oder in einem KZ gefangen gehalten wird, solange glaubte ich selbst kein individuelles, nach vorne gerichtetes Leben mehr führen zu können. Dem natürlichen (privaten) Egoismus und Überlebenstrieb zu folgen war für mich gleichbedeutend geworden mit dem Akzeptieren dessen, was in Auschwitz geschehen ist!

Auf Grund einer starken Beziehung zur Philosophie gelang es mir trotzdem wieder eine aktive Lebensperspektive zu entwickeln. Meine Überlegung ging dahin, daß das "Schwarze Loch", in das ich gestürzt war, auch das "Schwarze Loch" war, in dem sich die Kultur der Menschheit nach Auschwitz und unter dem Fallbeil der Atombombe befand.
Der einzige Ausweg, der mir denkbar erschien, ist von unüberbietbarer Radikalität. Ich kam zu der Ansicht, daß alle herrschenden Formen kollektiven Lebens überwunden werden müssen, weil sie in bestimmten Situationen die Menschen zu Greueltaten ermächtigen, welche diese ansonsten nicht so leicht begehen würden.

Zusätzlich war dieser Gedanke davon bestimmt, daß das Verhalten, welches den geschichtlichen Kollektiven, den Völkern, Reichen, Religionsgemeinschaften, Staaten, ja selbst Wirtschaftsorganisationen zueigen ist, irgendwann unweigerlich in neue Kriege münden würde, auch wenn das im Augenblick (trotz "Kaltem Krieg") nicht absehbar schien. Im Zeitalter moderner Waffensysteme würden Kriege jedoch unglaubliche Desaster bis zur völligen Auslöschung menschlichen Lebens hervorrufen.

Kollektive katalysieren und bündeln zu ihrer eigenen Konsolidierung die psychischen Dispositionen ihrer Mitglieder - Egozentrik, Paranoia, Narzismus und Projektionen. So entsteht ein neurotisches gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis, das vernünftiges Handeln erschwert, manchmal unmöglich macht. Deshalb ist die Kollektivität als Ordnungsprinzip menschlicher Gesellschaft dem heutigen Problemniveau nicht mehr angemessen!

Diese Erkenntnis in die Tat umzusetzen erfordert eine radikale und umfassende Veränderung der individuellen Existenz, welche die Menschen von ihren Kollektiven unabhängig macht. Um sie zu erreichen, versuchte ich in einem ersten Schritt, eine neue Basis menschlichen Lebens zu finden, indem ich auf der politischen Souveränität des einzelnen Menschen aufbaute. Bald wurde mir aber klar, daß ich nichts allgemeines bewirken kann, wenn ich mich auf das Individuum beschränke. Ich mußte doch wieder eine Form kollektiven Geschehens finden und sie zu realisieren versuchen.
Bei dieser neuen Form war aber das auszuschließen, was ich den bestehenden Kollektiven vorwarf, nämlich daß sie sich von anderen Kollektiven abgrenzen und damit in eine wirkliche oder potentielle Feindschaft zu diesen geraten. Es ging um nichts geringeres, als eine Form von Gemeinschaft zu entwickeln, die dem Faktum der Koexistenz der Menschen auf der Welt Rechnung trägt und die sogar einer neuen Zukunft den Weg bahnen kann, ohne daß die Menschen in die traditionellen Identifikationsmuster zurückfallen. Das konnte nur eine Form der Gemeinschaft aller Menschen sein.

So entwickelte ich das Konzept des Weltereignisses STRING, das die Institution der geeinten, aber aus politisch selbständigen Persönlichkeiten bestehenden Menschheit sein soll. Diese Institution kann durch ihren Ereignischarakter auf jegliche dauerhafte kollektive Struktur verzichten. Sie übergibt die politische Ordnung als Status an den einzelnen Menschen, der sich durch eine Initiation in die Lage versetzt, dieser neuen Verantwortung gerecht zu werden.


II. Den für mich prägendsten Kontakt mit dem Komplex Auschwitz hatte ich durch eine Szene aus dem Film "Shoah" von Claude Lanzmann, in der ein alter Mann, eine Überlebender des Vernichtungslagers, erzählt, wie er als Friseur die Aufgabe hatte, allen in dem Vernichtungslager Ankommenden die Haare zu schneiden (zum Zwecke der vollkommenen Ausschöpfung aller Ressourcen!!), bevor sie in den Gaskammern ermordet wurden.
Er durfte auf die Fragen, was denn mit ihnen passiert, keine Antwort geben, immer unter der Bedrohung seines eigenen Lebens stehend. Eines Tages kamen die Frauen aus seiner Stadt herein und seine Schwestern und seine Mutter und er durfte nichts sagen, nichts tun, ... der alte Mann konnte nicht mehr weitersprechen und brach in Tränen aus.

Es ist die "Normalität", die in diesen Erinnerungen auftaucht - und ich bin dem Mann unendlich dankbar, daß er den Mut hatte, diese Erinnerungen zu bewahren und wieder auszusprechen, denn solche Erinnerungen sind untrennbar mit schrecklichen, unstillbaren Schuldgefühlen verknüpft: Darf ich denn überhaupt noch weiterleben, angesichts dessen, was den meinen passiert ist? - es ist dieser in Ruhe stattfindende, alltägliche Ablauf der Vernichtung jenseits von Pogromstimmung, von Blutrünstigkeit und Mordlust, der für mich das Ungeheuerliche, das Unfassbare an Auschwitz ausmacht. Natürlich gab es das brutale, Schrecken verbreitende Morden, Vergewaltigen, Quälen auch in den Vernichtungslagern genauso wie in den Ghettos und auf den Todesmärschen. Aber es ist nicht das, was Auschwitz von anderen Greuel der Geschichte und der Gegenwart unterscheidet.

Erst das pflichtbewußte, geradezu ruhige Selbstverständnis, mit dem die Ausrottung der Juden, der Homosexuellen und der Zigeuner (Sinti und Roma) gleich einer "notwendigen Arbeit" durchgeführt wurde - weit jenseits jedes Unrechtsbewußtseins -, ist das Beispiellose an Auschwitz. Gerade die Herabwürdigung der Opfer zu industriell zu beseitigendem Abfall erzeugte die besondere Art von Horror, von nachhaltigem Grauen, von Verlust des Menschseins, die uns heute noch als völlig beispiellos erscheint. Wenn man es nicht selbst erlitten hat, kann man es kaum fassen und die Überlebenden läßt es nicht mehr los.

Exakt diese Täterhaltung ist aber ohne die kollektive Tradition, mit der ein Staat, ein Volk oder ein Stamm agiert und seine "Untertanen" an sich bindet, nicht denkbar. Die Autorität des Kollektivs als solche, ausgeübt durch die Herrschenden, bringt eine nicht geringe Anzahl von Menschen dazu, praktisch jede Tat zu vollbringen, ohne sich im geringsten als Verbrecher zu empfinden und ohne sich darüber klar zu werden, was sie da tun.

In jenem unsäglichen Zitat von Himmler (Chef der SS) wird diese Ideologie zur groteskesten Spitze getrieben: "Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben und dabei - abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen - anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies wird ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte."

So ungeheuerlich es klingt, dieses Zitat bedeutet nach meiner Einschätzung keinen Quantensprung der menschlichen Abgründigkeit, sondern ist die durch Ideologie ins verbrecherische Extrem gesteigerte Denkungsart, die uns als Schreibtischtätermentalität alltäglich begegnen kann.

Ich komme wieder an den selben Punkt. Es gibt nur einen Weg, um dieses Verhalten und dieses Denken für die Zukunft auszuschließen. Die unhinterfragte Zugehörigkeit der einzelnen Menschen zu Gruppen, zu Völkern, zu jede Art von kollektiven Autoritäten muß definitiv und weltweit abgeschafft werden. Die Menschen müssen in einem gewaltigen Schritt lernen, sich wesentlich auf ihre Individualität zu beschränken und keine kollektive Macht mehr zuzulassen. Neue Strukturen menschlichen Lebens, die sowohl die politischen Verhältnisse als auch die materiellen, konkreten Lebensbedingungen individualisieren, sollen dies auf wirksame Weise unterstützen. (Man könnte die rechtstaatliche Demokratie als einen entscheidenden Schritt in diese Richtung begreifen. Aber nicht zuletzt die fortwährende Entmündigung der Nationalstaaten durch neue globale Strukturen läßt diese Gesellschaftsordnung als vorläufig erscheinen und gefährdet ihr schon erreichtes zivilisatorisches Niveau.)

Ich weiß sehr wohl, daß man nichts mehr ungeschehen machen kann. Ich weiß, daß die von Leid und Folter gezeichneten Menschen nur sehr schwer oder gar nicht mehr zu einem guten Leben zurückfinden können.
Elie Wiesel schreibt sarkastisch über sein Schicksal: "Der Mensch, der mehr und anders gelitten hat als die anderen, müßte abgesondert von ihnen leben. Allein, am Rande jedes geschichtlichen Daseins. Er verpestet nur die Luft für seine Umwelt. Er raubt der Freude ihre Unmittelbarkeit und ihre Berechtigung. Er tötet die Hoffnung und die Lebenslust. Er verkörpert die Zeit, die die Gegenwart und die Zukunft leugnet, um nur das harte Gesetz der Erinnerung anzuerkennen. Er leidet, und sein ansteckendes Leiden weckt Echostimmen ringsum." (Tag, Paris 1961, im Original französisch)

Wenn die Verantwortung für Auschwitz überhaupt übernommen werden kann, dann nur in der so unvollkommenen Weise, wenigstens dafür Sorge zu tragen, daß die Menschen keine solchen Verbrechen mehr begehen.
Bis heute hat die Menschheit das schrecklicherweise immer noch nicht erreicht, wie man in Bosnien, im Sudan oder in Ruanda, aber auch in Tibet und vielen anderen Orten wieder sehen kann. Obwohl sie sich kurz nach dem Ende des Krieges mit der Gründung der UNO nichts geringeres als das vorgenommen hat.

Man darf nicht aufhören, Auschwitz und alles, was damit zusammenhängt in das öffentliche Bewußtsein bringen. Aber das kann nur ein vorläufiger und, wie sich herausstellt, letztlich zu schwacher Protest gegen die Fortsetzung der Kette kollektiver Verbrechen sein. Es wird höchste Zeit, daß wir etwas neues auf den Weg bringen, um weitere Holocausts guten Gewissens ausschließen zu können! "Wir", das ist die ganze Menschheit als ein handelndes Subjekt, das sich nicht mehr von den nur scheinbar unausweichlichen Mechanismen der eigenen Geschichte bestimmen lassen will. Einzelne Menschen oder einzelne Völker alleine können dieser epochalen Aufgabe nicht gerecht werden.

STRING, das Projekt einer anderen politischen Revolution, will einen zeitgemäßen Weg aufzeigen, wie wir uns als dieses Subjekt konstituieren können und gleichzeitig das Individuum ins Zentrum der Geschichte rücken.








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