keine Schuld, viel Verantwortung


DRESDEN

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(Anstatt eines Vorworts: Es ist das jüdische Volk und seine mehr als 2500 Jahre alte ununterbrochene geschichtliche "performance" - beruhend nicht auf Land wie zum Beispiel in China, sondern auf der spirituellen und intellektuellen Kraft der Bibel -, bzw. es ist der Plan, dieses Volk vollständig auszulöschen, der zuallererst dem Holocaust seine beispiellose Einzigartigkeit gibt. Zum zweiten resultiert sie aus der unfassbaren Art des Mordens, aus der perversen Mischung von atavistischen, entmenschlichenden sowie modernsten bürokratischen und industriellen Elementen in den Verfahren der Massentötungen, die in Auschwitz und anderswo begangen wurden. Und nur an dritter Stelle kommt diese Qualität von den deutschen Tätern, die zu einer der großen Kulturnationen der Moderne gehören, welche sie durch ihr grausames Tun zutiefst beschädigt haben - eine Tatsache, die in keiner Weise geändert wird durch die von anderen an Deutschen begangenen Verbrechen! Siehe auch: Über die Vergleichbarkeit von Massenverbrechen )

Meine Großmutter hat mir ausführlich die Bombardierungen der Stadt Dresden geschildert, die sie und mein Großvater nur mit viel Glück überlebt haben. Die Feuerstürme waren so stark und zogen die Menschen mit solcher Gewalt in die riesigen Flammeninfernos in der Innenstadt, dass sie versuchten, in 5er- oder 6er-Ketten dagegen anzukämpfen. Aber immer wieder riss aussen einer weg und wurde unaufhaltsam in den glühenden "Ofen" gesaugt. (Das wäre ein "schönes" Element eines Hollywood-Thrillers über diesen Horror. - Mittlerweile gibt es eine deutsche TV-Produktion über dieses Thema.) Ständig mussten sie auf der Flucht in die Parks und in die Randbezirke Dresdens über verkohlte Menschen steigen. Die Kinderleichen hatten oft noch die Schulranzen an.
Ich wunderte mich aber immer darüber, dass ich fast keine Gefühle bei ihren Erzählungen hatte. Irgendwie war mir das alles eher gleichgültig. Ich hörte mir diese Geschichten aus einer rationalen Distanz an. Schließlich musste ich mich gegen die Gefühle meiner Eltern und Großeltern wappnen.

Tatsächlich sind keine nahen Verwandten von mir umgekommen und meine Generation wurde sicher auch nicht mit großer nationaler Identifikation erzogen. Deshalb ist meine innere Distanz vielleicht nicht so erstaunlich. Trotzdem erscheint es mir zunehmend von besonderer Bedeutung, diesen unfassbaren Schrecken des Bombenkrieges für die Zivilbevökerung mit Trauer und Entsetzen zu begegnen. Das gilt auch für das große Leid der vielen zivilen Deutschen, die nach dem Kriegesende Opfer von Folterungen, Vergewaltigungen und Pogromen wurden. Man spricht auch hier von Millionen von Toten (G. Heinsohn, "Lexikon der Völkermorde"), aber wieviele traumatisierte Überlebende gab es auch hier?

Heute zählt Wissen (Information) mehr als alles andere. Aber das Wissen bleibt gegenüber dem Erlebten in einigen wichtigen Aspekten immer oberflächlich.
Wir wissen fast alles über Auschwitz, Theresienstadt und all die anderen Orte der Naziverbrechen. (z.b. durch Filme wie "Die Grauzone") Wir haben ein lebendiges Bild des Horror, den die vielen Deutschen, die sich in die Mordmaschinerien der Nazis haben einspannen lassen, den anderen Völkern und Menschen bereitet haben. Die Schilderungen der Todesmärsche aus den KZs am Ende des Krieges erzeugen eine Beklemmung, von der man sich fast nicht befreien kann.

Um aber eine wirkliche Ahnung dafür zu bekommen, was wir Deutsche vor über 50 Jahren den anderen Menschen und Völkern, den Serben, den Polen, den Ukrainern und Russen, den Sinti und Roma, den Juden, ... auf lange Sicht angetan haben - um wenigstens eine kleine Vorstellung des Fabrikmordens in Treblinka, was es für die Geschichte der Juden bedeuten mag, entwickeln zu können, brauchen wir die Gefühle, brauchen wir die unangenehmen, niederdrückenden Momente bezüglich des Leidens unserer eigenen Vorfahren.
Ich sehe diese historisch-psychologische Entwicklung vor allem als die Aufgabe meiner, der nachgeborenen Generationen. Denn die Zeitgenossen dieser Ereignisse kommen leider nicht alle aus dem Hass oder zumindest, man muss es sagen, aus dem Aufrechnen heraus. Sie sind mit dem Bewältigen ihres eigenen Schicksals beschäftigt und das ist vielleicht auch ihr Recht. Erst wir haben den nötigen Abstand und können uns wirklich auf die Schicksale der anderen, sowie der eigenen Leute einlassen. Wir haben die Chance, dafür sorgen, dass dieses schreckliche 20. Jahrhundert nicht nur als Wissen historisiert wird, sondern zu substantiellen Veränderungen unserer menschlichen Kultur des Zusammenlebens und der Politik hinleitet.

Daß solche Veränderungen eine Überlebensnotwendigkeit der menschlichen Art werden können, erscheint ja schon fast als Allgemeinplatz. Noch sind sie aber nicht genügend geschehen, wie die Kontinuität des Massenmordens in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts zeigt.
Spätestens mit dem neuen Jahrtausend ist dies eine Aufgabe von allen Menschen geworden - weltweit! Alle müssen wir lernen, uns geistig und emotional den dunklen Seiten unserer eigenen Herkunft, unserer eigenen Vöker zu öffnen, anstatt das eigene Ego an den Fehlern der anderen aufzubauen.


Wolfgang Behr



1999-2007