Politik der Geistigen Freiheit II - Politisches Pamphlet

von Wolfgang Behr

  

Vorbemerkung: Dieses Pamphlet schließt sich inhaltlich an das Politische Programm gleichen Titels an. Es soll einzelne Aspekte und Positionen dieses Programms ausführlicher darstellen und setzt zudem eigene Schwerpunkte.

  

1. Es hilft alles nichts, wir müssen uns zu unserem individuellen Leben selbst ermächtigen. Kein anderer Mensch, keine Institution kann uns das abnehmen (wiewohl dazu helfen)!
Für einen solchen Schritt gibt es keine festgefügte gesellschaftliche Tradition, kann es gar nicht geben, nur einzelne Personen als Beispiele. Diese Leere, dieses "Nichts" an fester Vorgabe ist der Sprache geschuldet, ihrer bei relativ geschlossener innerer Struktur doch unendlichen Sinnhaftigkeit und Bedeutungsfähigkeit - der Sprache, die sich spätestens heute durch die technowissenschaftlich-kapitalistische Zivilisation in ihren Wirkungen gegenüber uns menschlichen Lebewesen als autonom, unabhängig und vielleicht zerstörerisch erweist. Dies mag abstrakt klingen, ist aber nicht anders zu verstehen, wobei Sprache für die sogenannten natürlichen Sprachen, aber auch für die künstlichen Zeichensprachen etwa der Mathematik oder anderer Wissenschaften steht.

2. Alles Wissen und alles wissentliche Verfahren ist in Sprache bzw. in Zeichensystemen formuliert oder festgelegt und gewinnt gerade dadurch Unabhängigkeit von uns, die wir immer unmittelbar (körperlich) existieren. Wollen wir uns also selbst ermächtigen, dann müssen wir das in wiederum sprachlicher Überschreitung (Transzendierung) des Wissens tun. Nicht zuletzt dadurch erst kann dieses Wissen unser Wissen werden.
Um uns sprachlich autonom zu betätigen, brauchen wir Freiheit, geistige Freiheit. Weil modernes Wissen im Prinzip allgemein ist, meint "wir" tatsächlich uns alle!

3. Auch die der geistigen Freiheit korrespondierende materielle Freiheit des Individuums hat keine Tradition. Fangen wir doch erst gerade an, unsere Welt künstlich durchzugestalten und müssen erst lernen, unsere Antriebe mit unseren Fähigkeiten in Einklang zu bringen - weg von der explosiven Verschränkung, die im Augenblick noch herrscht zwischen (Macht-)Gefühl und (Machbarkeits-) Gedanke und die zu entwirren immer noch als utopisch gilt.

4. Materielle Freiheit heißt der prinzipielle, selbstbestimmte und selbstverwaltete Zugang von jedermann, ob groß oder klein, ob Frau oder Mann zu den Bedingungen und Ressourcen, die er braucht, um seine Lebensbedürfnisse auf künstlicher (kultureller) Basis und angemessenem Niveau zu bewältigen und gestalten. Dieser Zugang kann gesellschaftlich gestaltet sein, vor allem durch einen darauf gerichteten technischen und zivilisatorischen Fortschritt, darf aber nicht gesellschaftlich bestimmt sein, etwa wenn der eine die Ressourcen bekommt und der andere jedoch nicht. Um dies auszuschließen, muß der Zugang in immer wieder neuen Anläufen so individuell und zugleich so allgemein wie möglich gestaltet werden.

5. Geistige Freiheit, materielle Freiheit und Selbstermächtigung sind zu erlernende Potentiale des Menschen und seiner globalen Zivilisation. Das Ziel ist die individuelle Lebensgestaltung als sprachbegabtes Lebewesen. Es gibt keinen Grund, anzunehmen, daß nicht jeder Mensch - richtige Gelegenheit, richtige Bildung und richtige Technik vorausgesetzt - diese Potentiale entwickeln und anwenden kann. Wenn es als gängige gesellschaftliche Praxis existiert, wird dies nicht schwieriger sein als die Lebensbewältigung, die immer schon uns Menschen aufgegeben ist. Wobei der Gedanke der materiellen Freiheit darauf beruht, daß der Bereich der knappen Güter heute im Prinzip keineswegs mehr die Möglichkeiten einer guten Lebensführung umfasst, sondern nur noch bei Luxusgütern eine Rolle spielt.
Daß materielle Freiheit trotzdem im Bewußtsein der meisten Menschen noch weit von der Realität entfernt scheint und daß tatsächlich vielen Menschen die grundlegendsten Dinge zum Leben fehlen (z.B. sauberes Trinkwasser), liegt eben nicht am etwaigen utopischen Charakter der Perspektive materieller Freiheit, sondern hat im wesentlichen aus der bzw. aus den Traditionen herrührende politische und psychosoziale Gründe. Schon heute, bei gegebenem Stand des zivilisatorischen Fortschritts, wäre materielle Freiheit und Selbständigkeit der einzelnen Menschen in hohem Maße weltweit möglich, wenn dieses Ziel wirkliche allgemeine Priorität hätte.

6. Es kann gar keinen Zweifel geben, daß diese materielle, von Gelderwerbsarbeit in hohem Maße unabhängige Selbständigkeit aus eigener Kraft, die durch die dafür nötigen zivilisatorischen Mittel ermöglicht werden, für jedermann auf der Welt in höchstem Maße notwendig ist! Vorher, scheint es, können die Menschen in ihrer überwiegenden Mehrheit gar nicht an die geistige Freiheit für sie selbst glauben - zuviel gegenteilige Erfahrungen stecken in ihrem expliziten oder impliziten Geschichtsbewußtsein. Und bevor sie nicht an die geistige Freiheit und Selbstbestimmung glauben, bzw. sie quasi "am eigenen Körper verspüren", werden sie auch ihren Kindern nicht von ihr erzählen.

7. Doch wie soll die Zukunft der Menschheit und ihrer Geschichte ohne geistige Freiheit vorstellbar sein? Daß wir nicht "vom Brot allein" leben und daß Menschen, kaum haben sie minimale Ressourcen dazu, sofort beginnen, geistige Bedürfnisse zu entwickeln, ist ein Gemeinplatz. Die Abhängigkeit globaler menschlicher Zukunft von basaler geistiger Freiheit und Selbständigkeit ergibt sich aus der fortschreitenden und unaufhaltsamen Verkünstlichung unseres Lebens. Je feiner, je komplexer unsere zivilisatorischen Fähigkeiten und Potenzen werden, desto weniger sind sie von einem derart primitiven Mechanismus zu beherrschen, wie es der strikt kollektive Zusammenhang zwischen Individuen ist - ein Zusammenhang, der die Menschen per direkter Macht zwingt ebenso undifferenziert und primitiv zu bleiben wie er es selbst zwangsläufig ist. Die Feinheit und Komplexität modernen Lebens, gerade auch seiner Systeme, läßt sich nicht mehr von durch Kampf zusammengeschweißten Truppen meistern, schon gar nicht mehr durch den kleinsten gemeinsamen Nenner unserer Instinkte, sondern sie benötigt die gelernte Fähigkeit zur Selbstregulierung eines jeden einzelnen Individuums.

8. Wir befinden uns in einer Umbruchsituation. Gemessen an dem unserer Zivilisation innewohnenden Potential, das gerade mal anfängt sich zu entfalten, leben wir immer noch quasi in der "Prähistorie", jedenfalls weit unter den Möglichkeiten der modernen Zeit. Das gilt für die Wohlhabenden und Gebildeten, um wie viel mehr für die Armen und Elenden auf der Erde, die die große Mehrheit bilden.

9. Überhaupt läßt sich geistige Freiheit in der menschlichen Kultur nicht anders gestalten, denn als Institution, bzw. entsprechend der geistigen Freiheit des Individuums als die Institution der politischen (d.i. materiell-seelischen und geistigen) Selbständigkeit und Unabhängigkeit des Individuums.
Und überhaupt läßt sich diese Institution, die es noch nicht gibt, die deshalb völlig neu zu schaffen ist, nur in die Welt setzen kraft der Autorität des größten und allgemeinsten menschlichen Kollektivs, welches ebenfalls noch nicht existiert - der lebendigen Gemeinschaft aller Menschen auf der Erde - eine Gemeinschaft, die nicht zufällig, nebenbei entstehen wird, sondern die sich zu bilden hat für eine Aufgabe, die nur sie bewältigen kann, weil sie alle bestehenden letztlich traditionalen Kollektive, alle weltgesellschaftlichen Entitäten zu partikularen Subsystemen werden läßt, weil nur die Gemeinschaft aller Menschen allein auf der Sprachfähigkeit, der bedeutendsten Gemeinsamkeit aller Menschen, begründet sein kann.
Diese Gemeinschaft, dieses Kollektiv darf seine Autorität selbstredend nicht als Bürokratie oder gebunden an ein Territorium entfalten, wäre dies doch im definitiven Widerspruch zur politischen Unabhängigkeit des Individuums. Seine institutionelle Form wird daher das zeitlich befristete globale Ereignis sein.

10. Nun könnte man denken, daß der Vorschlag eines politischen Weltereignisses über das Schreiben eines Textes wie diesen hinausgehen sollte, denn "es gibt nichts gutes, außer man tut es" (sagte Erich Kästner). Tatsächlich handelt es sich bei dem Weltereignis aber um etwas, das wir - zumindest die, die dazu in der Lage sind - denken oder uns bewußt machen sollten, bevor es Realität werden kann, d.h., bevor es von einer eigens dafür geschaffenen Organisation verwirklicht wird (wobei diese Organisation mit dem Ende des Weltereignisses entsprechend aufgelöst werden muß). Denn nur wenn wir daran denken als etwas, das uns, jeden von uns unmittelbar betrifft, insofern wir gar nicht anders können, als unser Leben selbst zu gestalten und die Bedingungen dafür, daß dies möglich wird, selbst zu schaffen - wofür uns das Weltereignis nützen soll -, nur dann wird das Weltereignis keine Repräsentation einer Gemeinschaft, im vorliegenden Fall der Gemeinschaft der Menschheit sein, sondern die gelebte äußere Seite dessen, was wir, jeder von uns, innen ist und sein wird - eben Mensch und im besonderen politischer Mensch. Nur auf diese Weise wird die politische Selbständigkeit des einzelnen Menschen nicht von einer ihm äußerlichen Macht oder Struktur gewährt und legitimiert, sondern von ihm selbst, von jedem selbst genommen und dies Nehmen in dem Weltereignis nur kollektiv vollzogen - "basisdemokratisch", elitefrei!

11. Sicherlich ist Angst, die ein wichtiges Warninstrument ist, das zur evolutionären Grundausstattung des Menschen gehört, heute ein sehr verbreiteter seelischer Zustand in der Menschheit, der dafür mißbraucht wird, die traditionellen machtbetonten Großgesellschaften zu festigen. Die Verhältnisse, in denen Menschen oft leben müssen, scheinen unendlich weit von der hier in den Raum gestellten Freiheitskultur entfernt.
Heute aber ist die neue Zugänglichkeit zu den Menschen entscheidend. Niemals zuvor konnte man in absehbarer Zeit der Größenordnung nach praktische alle Menschen kommunikativ erreichen - wie es bereits zentrale kulturelle oder Sportereignisse demonstrieren. Das eröffnet auch die Möglichkeit, den Menschen das hier Entwickelte als Chance und als Notwendigkeit zu denken zu geben - wenn auch nicht nur in diesen eher schwierigen Formulierungen.
Das Faktum der Angst, das hier für vieles Schlimme, das die Menschen sich gegenseitig antun, stehen soll, zeigt auf, daß dieses "zu denken geben einer Freiheitskultur" viel mit Werbung und Überzeugungsarbeit zu tun haben muß, um zu erreichen, daß sich die Menschen der Perspektive einer individuellen Selbstgestaltung ihres Lebens überhaupt öffnen. Sich den Mut zuzutrauen, die eigenen Ängste wahrzunehmen und zu bändigen, das ist nicht mal in den zivilisiertesten Ländern eine Selbstverständlichkeit.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang, daß die Selbstgestaltung des eigenen Lebens gar nicht in jeder Beziehung formale Neuheit des Verhaltens und der Lebensbezüge bedeuten muß. Im Gegenteil, Selbständigkeit bezieht sich eher auf den bewußten und frei gewollten Vollzug des eigenen Lebens im Rahmen dessen, was die Menschen schon kennen und so weit ihnen diese Möglichkeit von der Schicksalhaftigkeit des Daseins gewährt wird. Daher sollte den Menschen klar werden, daß politische Selbständigkeit mitnichten mit Chaos gleichzusetzen ist, eher mit dem Ende der Irritationen der Moderne.

12. Es ist die Angst, die zu überwinden ist und nicht, daß die Menschen etwa kein Interesse daran hätten, ihr Leben politisch unabhängig zu führen und auf grundlegende Weise geistig, seelisch und materiell selbständig sein zu können. Die meisten in der Weltbevölkerung wagen davon noch nicht mal zu träumen.
Es geht nicht um die Erfüllung irgendwelcher absoluter Maßstäbe, es geht um menschliche Maßstäbe - die Karawane hat sich nach dem langsamsten Kamel zu richten!
Jeder wird im Rahmen dieser Unabhängigkeit der Lebensgestaltung frei auf seine Traditionen zurückgreifen und wird dabei immer wieder auf die Probleme der menschlichen Freiheit treffen, die wir schon lange kennen und von denen die ältesten Texte der Menschheit in ihren Geschichten und ihren Moralkodizes zeugen.
Jeder bleibt an seinen "Ort" gebunden und muß sich mit seinen Mitmenschen und seiner Nahumgebung auseinandersetzen. Auch die schlimmsten Auswüchse menschlichen Verhaltens werden bleiben, aber einen vernünftigeren Umgang damit - auch mit den verursachten Schmerzen - kann man wohl finden.

13. Wenn es stimmt, daß die Künstlichkeit unseres Lebens beständig zunimmt und damit verbunden die Komplexität unserer Gesellschaft, bzw. unserer Gesellschaften, beides Effekte des unaufhaltsamen Wissenszuwachses der kapitalistischen technowissenschaftlichen Zilisation, dann stellt sich die Frage der Emanzipation von dieser Entwicklung, nicht jedoch die von deren Aufhebung. Diese Emanzipation ist nur vorstellbar als ein grundlegender Paradigmenwechsel in der Gesellschaft, der das Prinzip der Kollektivität als Basisprinzip menschlichen Lebens und Zusammenlebens durch das Prinzip der Individualität ersetzt. Man verstehe das richtig, auch nach diesem Paradigmenwechsel leben die Menschen zusammen, letztllich so wie sie das immer getan haben. Nur bestimmte wichtige Regeln und Phänomene dieses Zusammenlebens werden sich ändern. Denn nur durch diesen Paradigmenwechsel läßt sich eine Rationalität der Handlungsfähigkeit genügend anwenden, von vernünftigen Individuen, ohne jedoch das menschliche Leben insgesamt auf diese Rationalität reduzieren zu müssen.
Das Individuum ist nichts natürliches, nichts selbstverständlich vorgegebenes. Im Gegenteil, gerade das Individuum ist ein höchst künstliches, rationales, sprachliches Produkt. (Man denke nur mal an die äußerst späte Erfindung der Zentralperspektive als ein wesentliches Element individueller Emanzipation.) Natürlich, "tierisch" oder traditionell im Sinne von (so weit sich das wisssen läßt) schon vormenschlich existent ist die Horde mit ihren natürlichen, biologischen Hierarchien und Differenzierungen. Wer könnte bestreiten, daß in den Mechanismen, nach denen sich auch heute noch Gruppen, von ganz kleinen bis zu großen Gesellschaften differenzieren, trotz "modernster" Zeiten immer wieder die Elemente natürlicher, auf Stärke, Größe und biologischen Funktionen beruhender Hierarchiebildungen wiederfinden lassen - und sei es durch subtilste Kultursymbole vermittelt. Im Zustand der Künstlichkeit unserer Kultur werden sie immer wieder regelrecht aus der Mottenkiste hervorgeholt. Denn die Disposition zur Regression ist wegen der extrem langen Adoleszenz zutiefst menschlich!

14. Warum spielt der Unterschied zwischen arm und reich im 20.Jhr., dem "modernsten" aller Jahrhunderte, noch so eine entscheidende Rolle im konkreten Leben der Menschen, ein Unterschied, der, wenn man entsprechenden Berichten Glauben schenken darf, wieder wächst. Es ist grotesk, wenn wir die Spitze der Kultur und der Modernität gleichsetzen mit Haute Couture, HighTech-Produkten oder Weltraumabenteuern, während gleichzeitig Millionen von Menschen das nötigste zum Leben fehlt (pro Tag zwei Dollar, wie Ted Turner sagt). Dies ist der Skandal, nicht der Abstand zwischen dem Ärmsten und dem Reichsten an sich! Wohlgemerkt, wir wissen (wußten im Prinzip schon immer), daß das Verteilen von materieller Hilfe den Leuten keinen dauerhaften Nutzen bringt, weil sie das in Abhängigkeiten hält. Deshalb geht es vor allem um die Erkenntnis, daß sich die Modernität der Welt an dem Grad der Selbständigkeit der Menschen - aller Menschen auf der Erde bemißt, geistige, seelische und materielle Selbständigkeit, d.h. politische Selbständigkeit!

15. Tatsächlich leben wir noch in einem primitiven Zeitalter, das sich allerdings selbst an den Rand des Abgrundes bringt - dies für den Moment nicht mehr unmittelbar, denn die Atomkriegsgefahr zwischen zwei Supermächten ist gebannt, aber generell bleibt das Problem erhalten, denn die ABC-Waffen sind nicht abgeschafft, sondern werden nach wie vor weiterentwickelt.
Der Paradigmenwechsel von der Gruppe, vom Kollektiv zum Individuum bedeutet den Übergang von der Priorität der Natur als Bereich ohne Sprache zur Priorität der Kultur als Bereich der sprachlichen Gestaltung des Lebens. Der Mensch lebt, seit er zur Sprache gekommen ist, in einem gemischten oder gespaltenen Zustand. Bis heute gibt es die Priorität der natürlichen Gewalt, zum Teil als Gewalt der außermenschlichen Natur, aber auch als Gewalt der menschlichen Natur (wozu mittlerweile sogar die Potenz gehört, die außermenschliche Natur in hohem Maße beeinflußen zu können). Beide Gewaltform werden dem einzelnen meist durch die Gruppe, durch die Kollektivität vermittelt. In beiden Formen fand und findet die der Sprache eigene, potentiell unbegrenzte Freiheit des Denkens ihre bis jetzt undurchdringliche Grenzen. Allerdings scheint die außermenschliche Gewalt, sei es als Naturkatastrophen, sei es als materielle Not heute durch die menschliche Zivilisation zumindest auf dem Weg, gebändigt zu werden - wenn auch mit manchen Fragezeichen. So bleibt vor allem die Gewalt zwischen den Menschen, die politischen Zustände, die bis jetzt und trotz des Rechts als Mittel zum Schutz des Schwachen vor dem Starken die generelle Etablierung freier Geistigkeit und Individualität verhindern. Geistige bzw. politische Freiheit kann nur real sein als Grundbaustein einer politischen Kultur, nicht jedoch als besonders geschützte Form in einer ansonsten unfreien Gesellschaft oder Welt. Auch in den westlichen sog. freien Gesellschaften mit all ihren demokratisch-rechtsstaatlichen Errungenschaften gibt es noch keine geistige Freiheit in der Politik. So sehr sich der apostrophierte Paradigmenwechsel heute aufdrängt - es gibt keine Alternative zu ihm! -, wir müssen ihn erst noch explizit herbeiführen.

16. Zwar gibt es schon seit längerem eine deutliche Entwicklung in Richtung der Individualität und der geistigen Freiheit, aber die kollektiven Mechanismen, jene geschichtlichen Agglomerate aus Natur und Sprache sind immer noch sehr mächtig. Sie wirken in den Menschen und in den Gesellschaften.
Es gibt also die Notwendigkeit eines schlagenden, prinzipiellen Neuanfangs, einer definitiven Annahme der Sprache, ihrer Freiheit und ihrer Offenheit, durch uns Menschen. Wir haben unser Leben schon längst unaufhebbar der Sprache anheimgestellt - auch wenn das erst in unsere neuzeitlichen, kapitalistischen Technik- und Wissenschaftskultur unübersehbar geworden ist. Wir können nicht mehr zurück zur Natur, zu ihrer Einheit, zu ihrer bisweilen grausamen aber immer befreienden Fraglosigkeit, wie es das Bestreben des Schamanismus und der traditionellen Religionen war und ist!

17. Sprach- und Abstraktionsfähigkeit, die alle Menschen, so sie bei sprechenden Menschen aufgewachsen sind, auszeichnen, können beide als Mittel der selbstbestimmten Lebensgestaltung, ja der Lebenserfindung (z.B. in der Mode) nicht nur einer Elite vorbehalten bleiben und sozial beschränkt sein. Sie müssen sich vielmehr, so sie nicht mit Gewalt unterdrückt werden, in ihrer Wirkung bis zur größten Allgemeinheit, bis zur gesamten Menschheit durchsetzen.
Erst wenn die Angst, deren Hauptgrund in Gewaltverhältnissen zwischen Menschen liegen mag, zumindest was ihre kollektiven Ursprünge betrifft, eingedämmt ist - was Individuen tun, wird sich (glücklicherweise) nie völlig festlegen lassen - und erst, wenn auch die soziale Differenzierung in höher- und niederwertige Personen in ihrer Bedeutung relativiert ist, erst dann kann die Sprache, die ja ein essentiell kommunikatives Phänomen ist, uneingeschränkt ihre freiheitsstiftende Wirkung entfalten und die gesamte Weltgesellschaft auf ein neues Niveau heben. Sie kann dann die Möglichkeit schaffen, daß jeder Mensch seinen "Boden", sein gesamtkulturelles Lebensprinzip selbst gründet, ausgehend von dem, was ihm im Rahmen seiner Tradition und eines zwar zivilisatorisch veränderlichen aber niemals ganz aufhebbaren persönlichen Schicksals vorgegeben ist, sowie was er selbst mittels der Freiheit des Geistes neu entwickeln kann. Auch wenn er dabei in bestimmten Momenten alleine mit sich sein wird, benötigt er auf dem Weg zu dieser Selbständigkeit immer wieder den freien Gedankenaustausch mit seinen Mitmenschen. Dort, und nicht im der Jugend beliebenden und zustehenden ausgeflippten Leben, ist der hauptsächliche Ort der geistigen Freiheit zu finden.

18. Die pragmatisch verwirklichte geistige Freiheit entfaltet das Potential der Sprache im Menschen. Wenn der individuelle Mensch diese Gelegenheit nicht bekommt, wenn sein Denken schon von Kindheit an immer in gesellschaftlich bestimmten (Sach)zwangslage befangen bleibt, dann wird dieses Potential der Sprache auf verquere oder sogar gefährliche Weise zum Ausdruck kommen. Die vielgerühmte Freiheit der Forschung gab es nur solange, wie sich Politik und Wirtschaft von der Wissenschaft und Technologie nicht viel versprachen. Heute, da sich die immensen Möglichkeiten des rationalen Weltumgangs längst eröffnet haben, machen sich die kollektiven Mächte die Wissenschaft und Technologie immer mehr zu nutze. Vor allem dadurch werden höchst kontraproduktive Wirkungen hervorgerufen. Die Menschen könnten sich selbst zerstören - nicht absichtlich, aber unwillkürlich, irgendwann -, wenn sie durch den Paradigmenwechsel ihre sachliche Kompetenz nicht dem Individuum und seiner Freiheit unterstellen. Es wird auch in Zukunft Gefahren geben und sensible Techniken oder hochgiftige Stoffe werden genauer Beobachtung und Kontrolle bedürfen, um nicht mißbraucht zu werden. Aber es sind die kollektiven, letztlich vormodernen politisch-kollektiven Zwangsmechanismen, die ausgeschaltet werden müssen, denn von ihrer Verbindung aus Irrationalität und Effizienz gehen die größten Gefahren aus.

19. Mitnichten bewirkt der Paradigmenwechsel vom Kollektiv zum Individuum, sowie die volle Entfaltung des sprachlichen Potentials das Ende der Politik. Die Politik ist die nie völlig aufklärbare, rationalisierbare Bewältigung des Widerstreits zwischen den Dynamiken der unmittelbaren Natur - in uns, außer uns - und jener konstitutiven Unabhängigkeit der auf einem willkürlichen, aber intern geregelten Zeichensystem basierenden Sprache (und Schrift) - wenn diese auch unsere natürlich gewachsenen Gehirne als "Prozessoren" benötigt. (Es mag sein, daß die natürliche Unmittelbarkeit und der sprachliche Geist irgendwo, sei es in der Geschichte, sei es in der Transzendenz einen gemeinsamen Ursprung oder Verknüpfungspunkt haben, den auch jeder Mensch faktisch mit sich weiterträgt. Aber für die Bewältigung der zeitgenössischen Herausforderungen erscheint es sehr wichtig, die fundamentale Heteronomie dieser beiden Bereiche zu erkennen, weil sie der Grund dieser Herausforderungen ist.)
Das politische Handeln, die politische Macht wird durch den Paradigmenwechsel von den Repräsentanten der Kollektive auf die Individuen übergehen. Geschichtlich gesehen wird dies dadurch möglich, daß das Überleben der menschlichen Art die Gruppe (das Kollektiv) und ihren Zusammenhalt nicht mehr benötigt - die Menschheit ist nach augenblicklich gegebenen Maßstäben die Herrscherin der Erde. Gleichzeitig soll der Paradigmenwechsel bewirken, daß alle konkreten Strukturen und alle regelsetzenden Instanzen, die die Individuen miteinander verbinden, strikt institutionalisiert und damit begrenzt werden - ein Prozeß, der in den modernen Staaten der Neuzeit schon weit gediehen ist und der nur noch eine menschlich-universelle Grundlage benötigt, um weltweit der gültige Stand des politischen Lebens werden zu können. Diese Basis findet er in der Institution des politisch freien Individuums.
Eine solche abstrakte Institution individueller politischer Selbständigkeit zerstört nicht die Idnetität lokaler Kulturen oder Völker (wie etwa eine als "McWorld" beschimpfte globale Einheitskultur). Aber sie gibt allen Herrschaftssystemen, gleich welcher Art, das Primat des Individuums auf - ein Primat, das sich letztlich zwanglos an den natürlichen Egoismus des Menschen anschließen läßt.

20. Das Schauspiel der Grausamkeit, das die Politik in der Geschichte oft bot und bietet und das man getrost auch dem untilgbaren Bösen im Menschen zurechnen kann, wird durch diesen Paradigmenwechsel nicht gänzlich verschwinden. Menschliches Leben ist zu problematisch, zu fragwürdig, ja zu abgründig, als daß menschliche Desaster prinzipiell zu vermeiden wären. Aber abgesehen davon, daß sie in extremer Form eher die Ausnahme als die Regel sind, gilt es ihre möglichen Auswirkungen zu begrenzen und nicht qua Kollektivität unzählige Unbeteiligte der Gefahr auszusetzen, unter ihnen zu leiden. Nach wie vor sind es die Kollektive, in deren Namen Menschen gefoltert und unterdrückt werden. Wir wissen aus vielen Beispielen, daß kollektive Mechanismen einzelne Menschen, die als Privatpersonen völlig unauffällig waren, zu grotesk verbrecherischem Verhalten bewegen kann. Und je moderner die Welt, je größer die moralischen Spielräume, je effizienter die Mittel, desto größer können die Wirkungen des Bösen werden. Es ist eben mitnichten ein Zufall, daß das gegenwärtige Jahrhundert die grausamsten und unfassbarsten Exzesse der menschlichen Geschichte hervorgebracht hat. Vor allem dieses Faktum weist darauf hin, daß wir die eigentliche politische Aufgabe der Neuzeit noch zu leisten haben. Man wird nicht jegliche zwischenmenschliche Gewalt verhindern können und wollen. Davon kann aber nicht die Rede sein, wenn nach über einhundert Millionen (!) Toten in KZ´s und Gulag´s weiteres kollektiv begründetes Quälen und Morden verhindert werden soll.

21. Allein in einer individualisierten Welt wird das Böse im Menschen keine ganzen Völker mehr in den Abgrund reißen können. Da das Böse zwischen den Individuen jedoch weiter existieren wird, ist im höchsten Maße geboten, vor allem diejenigen modernen Institutionen, die für die Individuen und ihre Freiheit geschaffen worden sind, aufrechtzuerhalten, demokratisch weiterzuentwickeln, aber auch strikt zu rationalisieren, d.h. auf individualisierte unabhängige Personen als ihre Vertreter zu achten!
Eine Politik jedoch, die mehr als relative Gerechtigkeit will, führt nach aller Erfahrung eher in einer schlechter und ungerechtere (totalitäre) Welt. An dieser Erkenntnis müssen wir festhalten, selbst wenn geschehenes Unrecht oft kaum auszuhalten ist.

22. Generell wird der jeweilige Bestand an Institutionalität unter dem Gesichtspunkt des Übergangs der politischen Autorität vom Kollektiv auf das Individuum zu durchforsten sein (wobei die Kulturinstitutionen eher als letzte in Frage stehen sollten). Der Staat kann hierbei als organisatorisches Dach weiterhin eine wichtige Rolle spielen, wenn es ihm gelingt, sich zu einer Dienstleistungsinstitution weiterzuentwickeln. Zudem muß er eine rein sachliche, konstruktive Zusammenarbeit mit den anderen Staaten etablieren, die es den Individuen erlaubt, sich von den bürokratischen Unterschieden zu emanzipieren und ohne unsachgemäße Hemmnisse den Wohnort zu wechseln. Insbesondere darf der Staat, wie alle Kollektivstrukturen keinerlei Eigendynamik kollektiven Zuschnitts mehr produzieren, keine organisierte Eigenständigkeit einer kollektive Politik mehr, die es in der Vergangenheit einzelnen Amtspersonen oder Mächtigen erlaubt hatte, die Kraft vieler Menschen, die von ihnen abhängig sind, ohne genaue Vorgaben zu bündeln und sie für unbekannte eigene Zwecke einzusetzen und eventuell ein weiteres Desaster menschlicher Geschichte anzurichten.

23. Wer behauptet, ein Paradigmenwechsel, eine grundlegende Änderung der menschlicher Gesellschaft, wie sie hier ins Auge gefasst wird, sei nicht möglich, nicht realistisch, weil der Mensch doch so und so veranlagt ist, egoistisch, ignorant, böse etc., oder weil die Mächtigen das nicht zulassen werden und was der Legion solcher Einwürfe und Argumente ist, der übersieht durch eine rückwärtsgewandte Denkhaltung, in welche Situation wir längst geraten sind. Im Grunde genommen ist diese Art pessimistischer Realismus nichts anderes als die zirkuläre Selbstbestätigung all der Menschen, die sich nichts anderes vorstellen können und wollen, als den bisherigen Verlauf der Menschheitsgeschichte. Ein starker Feind oder eine große Gefahr geben schließlich dem Krieger oder dem Apokalyptiker im eigenen Land erst die ersehnte Bedeutung und Macht - dafür kann man schon mal übertreiben oder gar einen Krieg anzetteln!
Es ist die Demokratiegeschichte, die das Hauptargument gegen diesen Skeptizismus bietet. Wie wechselhaft, wie schwierig und scheinbar hoffnungslos war oft der Kampf gegen die Könige und Fürsten, die Royalisten und Monarchisten, gegen die Kaisertreuen, die Nazis und Kommunisten, gegen die Gegner des Frauenwahlrechts etc.. Zuletzt hat konnte man in Südafrika sehen, daß sich der demokratische Gedanke mit all seinen Problemen und Unwägbarkeiten doch durchsetzt. Es ist ein Fehler zu denken, in der Demokratie geht es nur um die Befreiung von Unterdrückung und Unrecht. Moderne, emanzipierte Individuen (nicht als Abstraktum, sondern als konkrete, jetzt lebende Menschen), sind bereits die Träger jeder funktionierenden Demokratie. Darüber hinaus wird ihre Form der Existenz die Voraussetzung einer dauerhaften politischen Weltordnung sein - nicht mehr und nicht weniger!

24. Der Lauf der Welt ändert sich sicherlich nicht aus purem Idealismus. In der heutigen Welt gilt jedoch nichts mehr, was überkommen ist, als unwiderruflich und unveränderlich. All die Versuche, Sicherheit und Selbstverständlichkeit durch Regeln und Rituale, durch Kampf und Macht, durch Zugehörigkeit zu Kollektiven oder durch die Ideologie des Realismus zu imitieren oder wiederzuerlangen sind spätestens in unserem Jahrhundert obsolet geworden. Auf nichts von alle dem und was sonst noch Traditionen ausmacht kann die Zukunft gegründet werden und alles so weiterlaufen zu lassen birgt unabsehbare Gefahren und Risiken in sich. Man sieht dies nicht zuletzt an der immer wichtiger werdenden Rolle des globalen Kapitalismus, der ja kein stabiles System ist, sondern eher einem galoppierenden, vorwärtsstürmenden Pferd gleicht. Wir können unsere Zukunft nur noch neu gewinnen, und zwar aus der Besinnung auf eine der ältesten "Traditionen" des Menschen, der Sprache, die als geistige Freiheit letztlich der Motor der modernen Zeit ist.

25. Die Fragwürdigkeit des Bestehenden dehnt sich heute sogar auf das Prinzip der demokratisch-rechtstaatlichen Verfassungen selbst, weil sie im Weltmaßstab dem Prinzip des Staates als zeitgenössische Ausprägung traditioneller politischer Kollektivität eindeutig nachgeordnet sind. Die meisten Menschen leben in Staaten, aber mitnichten alle in einer demokratisch-rechtstaatlichen Ordnung (die diesen Namen auch verdient). Zudem ist der Mensch allein als Rechtssubjekt seines Staates durch die Menschenrechtsartikel von dessen nationaler Verfassung (wenn es sie dort gibt!) und durch dessen Sanktionsgewalt geschützt, nicht jedoch als Staatenloser und nur bedingt als Flüchtling. Dieser Zustand widerspricht der prinzipiellen Allgemeingültigkeit des Rechts, ein Mangel, der von der UNO bis jetzt nicht behoben werden konnte. Auch drohen die demokratischen Defizite global agierender wirtschaftlicher und erst recht verbrecherischer Organisationen das demokratische Prozedere auch in den avanciertesten Demokratien auszuhöhlen.

26. Der Staat bleibt z.B. als territoriales Prinzip oder als Garant des Eigentums bis auf weiteres unverzichtbar, da er das grundlegende territoriale Abgrenzungsbedürfnis des Menschen vertritt. Er bleibt unverzichtbar mit seinen vielfältigen Aktivitäten zur Hegung von Recht, Kultur und Zivilisation. Aber er ist zwiespältig, immer wieder herrschafts- und klassenbezogen, partikular und er wird nicht zuletzt deshalb den globalen Anforderungen unserer Zeit alleine nicht gerecht. Um aber den Gefahren und Problemen einer sich entwickelnden Weltgesellschaft Herr zu werden, müssen wir nicht so sehr Bestehendes abschaffen. Das ist höchstens der zweite Schritt, der viel Zeit und Besonnenheit benötigt. Vielmehr müssen wir etwas Neues schaffen.

27. Um unsere Zukunft zu gestalten, sind wir auf Gedeih und Verderb auf die Sprache angewiesen, darauf, daß wir ihr eine Proirität in unserem Leben einräumen, die sich in der individuellen Freiheit des Geistes ausdrückt. Diese ist dann ein Mittel, das uneingeschränkt jedem von uns zukommen soll! Nur auf diese Basis läßt sich die künftige menschliche Existenz und Koexistenz gründen.
Freiheit des Geistes als politische Form, also in Verbindung mit größtmöglicher Unabhängigkeit von kollektiver Macht, heißt ja nicht ungezügelte Freiheit des Begehrens, des Wollens und des Handelns. Vielmehr ist dieser Zustand so außergewöhnlich nicht. Bekanntlich werden in den meisten existierenden Gesellschaften die gesellschaftlichen Regeln freiwillig eingehalten und die Übertretungen einschließlich der zugehörigen Sanktionen sind bei weitem die Ausnahme. Je mehr Freiheit die Menschen haben, desto mehr halten sie sich bei entsprechender Vorbereitung (Erziehung) und Gewöhnung freiwillig an die für diese Freiheit konstitutiven Grenzen. Dieses Verhalten ist in zivilen Gesellschaften eine Erfahrungstatsache - unter der Voraussetzung eines zumindest einfachen Wohlstandes!
Sicherlich kann man jedem bestehenden menschlich-gesellschaftlichen Zustand so etwas wie ein kulturelles Niveau zusprechen, von dem die Individuen und/oder die Gesellschaft jederzeit wieder herabfallen können, z.B. in einen Zustand von Gewalt aller gegen alle (der "Wilde Westen"). Daher bleibt das Gewaltmonopol von Polizei und Jurisprudenz ein wichtiges Element auch einer individualisierten Weltkultur. Selbst das Militär verliert erst nach einer nachvollziehbaren Abschaffung der existierenden Waffenpotentiale seine Rolle und Daseinsberechtigung. Erst, wenn die individuelle Emanzipation und Friedfertigkeit sich bis zu einer von den Kollektiven ungefährdeten individuellen Verfügung über Raum und Subsistenz durchgesetzt hat, müssen sich die Menschen nicht mehr unter die Fittiche ihrer jeweiligen bewehrten Kollektive begeben. Es geht dabei immer zuerst um eine immaterielle geistige Entwicklung, die sich anschließend auch auf die materiellen Lebensgestaltung auswirken kann und soll. Es ist an der Zeit, daß die Menschen lernen, solche immateriellen Entwicklung als das Substantielle zu begreifen und zu vollziehen, das es auch bisher schon gewesen ist. Daß wir bis heute derart auf das Materielle und Sichtbare fixiert sind, liegt neben der Armut, in der viele Generationen von Menschen leben mußten, auch an unserer politischen Unmündigkeit, an unserer mangelnden geistigen Freiheit.

28. In einer modernen zivilen Gesellschaft werden sich Verbrechen von Individuen quantitativ im Bereich der Zahl von Verkehrsunfällen im Vergleich zu fahrenden Autos halten und nicht mehr den Horror rechtfertigen, den die Menschen traditionell voreinander haben - unter der Vorausetzung, daß der großen Mehrheit der Menschen ein relativ befriedigender Zugang zu selbsterworbener materieller, kultureller und lokaler Unabhängigkeit sowie zu einer normalen Persönlichkeitsbildung möglich ist.
Allerdings muß sich gerade in den existierenden zivilen Gesellschaften angesichts des erschreckend häufigen Mißbrauchs von Kindern, angesichts der versteckten Gewalt gegen Schwache und des Psychoterrors in äußerlich harmlosen Formen noch vieles ändern. Das Heranwachsen von Kindern bleibt in diesem Sinne auch in individualisierten Gesellschaften immer ein offenes und gefährdetes Projekt, um das gekämpft werden muß. Eine auf der Freiheit des Geistes aufbauende Reform menschlichen Lebens wird deshalb keine bessere Welt erschaffen, nur eine weniger gefährliche, mit mehr individuellen Chancen.

29. Der Mensch ist kein zoon politikon! Er ist ein zoon phonetikon oder ein zoon logon. Und als solches ist er eigentlich nichts definiertes, sondern einer, der sich wegen der unausweichlichen Offenheit der Sprache selbst definieren kann und muß. Kann er das nicht, dann aus äußeren und inneren Gründen, d.h. insofern er daran gehindert wird und insofern er es in seiner Kindheit nicht lernen konnte. Die Selbstdefinition mittels der Sprache ist der Akt des Erwachsenwerdens. Das Kind entsteht, wächst heran und soll die Voraussetzungen dafür lernen, selbst erwachsen zu werden - wobei das Vorbildsein der Erwachsenen das wichtigste, nicht zu ersetzende (wenn auch nicht einzige) Mittel dieser Erziehung ist. Während es in der Natur neben der Fähigkeit der materiellen Selbstversorgung die Geschlechtsreife ist, die das Erwachsensein bestimmt, ist es in einer Sprachkultur die eigenständige Sprachnutzung zur selbstbestimmten Gestaltung des Lebens. Insofern kann man den Übergang zum Erwachsensein als Initiation, d.h. als moderne Initiation begreifen. Das Noch-Kind wird durch einen "zweiten Tod" auf sich selbst geworfen und löst sich dadurch endgültig aus dem natürlichen Sozialverband (Familie, Sippe oder deren künstliche, kulturell-ideologische Nachbildungen) seines Heranwachsens heraus. Der Nun-Erwachsene hat sich in einem unvordenklichen Sprung auf sich selbst als geistiges und frei zu bildendes Individuum gestellt. Erst jetzt nimmt er an der universellen Gemeinschaft der sprachbegabten Menschen teil (wofür er natürlich keine Fremdsprachenkenntnis haben muß!).
Als solche freien Individuen müssen die Menschen, müssen wir Menschen die Weltgesellschaft aufbauen und entwickeln. Die Bewältigung der materiellen und kulturellen Lebensnotwendigkeiten, bzw. die Form, in der diese zu geschehen hat, ist in unserer hochpotenten Zivilisation kein wirkliches Argument mehr gegen diese Politik der geistigen Freiheit.
Erst jetzt, als geistiges freies Individuum kehrt der Mensch wieder in seine angestammte Gemeinschaft zurück und trägt sie mit. Sie ist ein wichtiger Bereich seines persönlichen Lebens. Damit ist er aber kein abhängiges Mitglied einer Gruppe, die sich von anderen Gruppen abgrenzt, sich vor diesen schützen muß oder gar Krieg gegen sie führt.

30. In einem langen Übergangsprozeß schon seit mehreren tausend Jahren, seit zuerst die Seßhaftigkeit und später vor allem die Schrift zur Entstehung von gesellschaftlichen Gebilden geführt hat, die größer sind als die Verwandtschaftsgruppen, in denen die Menschen als Nomaden die vielen Jahrhunderttausende vorher gelebt haben, spielt die Sprache eine zentrale Rolle im menschlichen Leben. Denn ab einer bestimmten Größe sind Kollektive nur noch sprachgesteuert möglich, während ihre Mitglieder keine nachvollziehbare verwandtschaftliche Bindung mehr haben und untereinander nicht mal persönlich bekannt sein müssen. Dieses Beruhen auf der Sprache, die sich z.B. an der mythisch aufgeladen Bedeutung des Kollektivnamens und der Gründungsgeschichten, vor allem aber an der Bedeutung von Gesetzen festmacht, bedeuteten allerdings noch keinen Primat der Sprache bzw. der Schrift. Noch hatten die lokalen Symbole und Rituale, die Ressourcen und die Machtmittel direkter Gewalt den Vorrang, noch galt die zuletzt immer künstlicher (ideologischer) aufrechterhaltene Unvordenklichkeit der Gruppenzugehörigkeit (wie es auch noch einmal die Nationalpolitik der seit dem II. WK entstandene Staaten in hohem Maße zeigt).

31. Der Paradigmenwechsel vom Kollektiv zum Individuum meint nichts geringeres, als daß die Übergangsperiode menschlicher Existenz auf der Erde, die mit der Seßhaftigkeit begann und deren wesentliches Kennzeichen der Aufbau immer größerer Kollektive war, jetzt an ihr Ende kommt. Sowohl die modernen Revolutionen als auch die Entstehung der Verfassungen und Demokratien unserer Zeit sind Indizien dafür, wenngleich sie ihr Ziel noch nicht erreicht haben, d.i. das Primat des geistigen Lebens über die materiellen Bindungen menschlicher Existenz. Denn dieses Primat ist die notwendige Grundlage, auf der eine große Gesellschaft, und das kann heute nur noch die Weltgesellschaft sein, aufgebaut werden kann. All die politischen Formen der Übergangsperiode hingen noch am Boden des unmittelbar Materiellen fest. Aber die Ordnung der Weltgesellschaft kann nicht mehr auf materiellen Gegebenheiten basieren, da diese zwangsläufig partikular sind. Der Paradigmenwechsel bahnt sich schon längst an, z.B. in der entscheidenden Rolle des Abstraktums Geld für die zeitgenössischen Gesellschaften. Aber er muß noch eine ausdrückliche, maßgebliche geschichtliche Gestalt finden. Dies soll durch die Verwirklichung einer Doppelinstitution geschehen, die ein politisches Weltereignis und die neue Institution des politisch selbständigen Menschen umfasst. Beide bedingen einander und sollen sich ergänzen. In dieser Institutionellen Gestalt findet die politische Entwicklung der Neuzeit oder der Moderne ihren Abschluß. Durch sie sollen sich die modernen politischen Errungenschaften der Demokratie, des Rechtsstaats und der Zivilgesellschaft endgültig und weltweit durchsetzen.
Das "Megakollektiv" der Gemeinschaft aller Menschen auf der Erde ist sozusagen Ausdruck des Umschlagens materiell fixierter Kollektivität in einen neuen Zustand individueller, geistiger, nicht verfasster Kollektivität.
Die materiellen Bindungen menschlicher Existenz werden durch ein solches Primat des geistigen Lebens nicht aufgehoben - wir bleiben immer natürliche, ortsgebundene Lebewesen mit einem Hang zum Kleingruppenleben -, sondern sie werden in ihrer Gestalt und Bedeutung verändert. Indem das Individuum zukünftig über seine materielle lokale Subsistenz auf der Basis seiner geistigen Freiheit selbst bestimmen kann - vorausgesetzt, wir haben es mit Hilfe des zivilisatorischen Fortschritts geschafft, unsere Welt global so einzurichten -, verliert das materiell-konkrete weder seine Notwendigkeit noch seine Schicksalhaftigkeit. Diese Momente des Lebens werden nur nicht mehr auf Gedeih und Verderb einem verfassten, letztlich auf dem Recht des Stärkeren basierenden Kollektiv übertragen, was zu früheren Zeiten unabdingbar und überlebensnotwendig war und ist, jetzt aber mehr und mehr obsolet und für das Überleben der eigenen Art kontraproduktiv wird.

32. Erst auf der Ebene der gesamten Menschheit (die ja kein gesellschaftliches Außen mehr hat) wird die Notwendigkeit einer definitiv künstlichen und insbesondere auf dem Primat der Sprache basierenden, politischen Gestaltung des Kollektivs, d.h. einer innovativen Form von Institution schon von Beginn an unabweisbar. Es gibt für dieses Kollektiv bis jetzt keine institutionelle Fassung, weder durch die UNO, noch durch internationale Konferenzen, die letztlich alle staatliche Institutionen sind. Diese institutionelle Gestalt kann auf keine politische Tradition bauen (siehe das Scheitern des Weltstaatkonzeptes oder der "Reichs"-artigen Hegemonien der Epoche des Kalten Krieges), nicht zuletzt deshalb, weil sich das Kollektiv Menschheit nicht mehr als territoriales Gebilde darstellen läßt. Das neoliberale Konzept des Marktes als unbewußtes, sich selbst zu überlassendes globales Regelungskonzept ist zwar ganz pfiffig, aber wohl Ergebnis all der gescheiterten Versuche, eine politische Weltordnung zu entwickeln und letztlich also ein Zeichen der Resignation. Vor allem aber es greift entscheidend zu kurz, weil es parasitär von den rechtlichen Rahmen abhängt, welchen die Staaten machtpolitisch garantieren und daher gar keine originäre politische Gestaltung darstellt.
Das natürliche Prinzip des Rechts des Stärkeren, welches zusammen mit der biologischen Funktion (dem Geschlecht) die Hierarchien und Differenzierungen menschlicher Urhorden wesentlich prägte und das bis heute immer wieder als vorrangige Basis gesellschaftlicher Macht benutzt wird, kann diese neue institutionelle politische Gestalt ebenfalls nicht hervorbringen (So gesehen ist die Entwicklung des Rechts als Schutzes des Schwachen vor dem Starken immer schon ein über die herrschenden Zustände hinaus auf die Allgemeinheit der Menschheit, auf die ganze Art und damit auf den einzelnen Menschen an sich gerichtetes Prinzip gewesen.)
Auf der untersten gesellschaftlichen Ebene, in den für uns so wichtigen, wärmenden und stützenden kleinen Gruppen unseres alltäglichen Lebens wird es wohl immer eine nicht völlig auflösbare Spannung zwischen Individualität und unmittelbarer Sozialität geben. Gewalt und Zwang sind nicht aus dem menschlichen Leben zu bannen (man denke nur an die Sexualität). Aber auch hier kann die geistig freie Individualität als Maßstab der Entwicklung zur erwachsenen Persönlichkeit immer wieder wichtige Abklärungen der Verhältnisse bewirken.

33. Daß das Kollektiv Weltgemeinschaft die institutionelle Form eines zeitlich begrenzten Weltereignisses annehmen soll, liegt in der Notwendigkeit begründet, die geistige Unabhängigkeit und Freiheit des Menschen nicht nur zu garantieren, sondern geradezu zu etablieren, obwohl dies, wenn es funktionieren soll, auch ein kollektiver Mechanismus sein muß. Das definitiv künstliche, neu geschaffene menschliche Kollektiv darf die geistige Selbstbestimmung der Individuen nicht durch eine neue Bürokratie beschränken, die unabdingbar wäre, wollte es dauerhaft existieren. Sofern allgemeine Regeln nötig sind, sollen sie in dem schon bestehenden Patchwork an Institutionen, sowie deren moderner Fortentwicklung, Beschränkung und - wo nötig - Ergänzung verankert bleiben, wobei der Maßstab dieser Fortentwicklung immer die größtmögliche Freiheit und Selbständigkeit der Individuen sein muß.
Die Weltgemeinschaft wird als politisch eigenständige, aber nicht verfasste Entität auf Dauer nur existieren können und nicht nur eine nominelle Pseudoexistenz - wie heute - führen, wenn alle Menschen einen Ausgang aus dem letztlich "natürlichen" Machtzugriff ihrer jetzigen Gesellschaftszugehörigkeiten finden und beginnen, die Institution der individuellen politischen Selbständigkeit zu verkörpern. Diese individuelle Institution wird das allgemeine Prinzip, die "basisdemokratische" Struktur der Weltgemeinschaft. Dies bedeutet nicht, daß alle traditionellen Kollektive gänzlich aufhören müssen zu existieren. Sie sollen jedoch so weit möglich auf ihre die Individuen unterstützenden Funktionen reduziert werden, zu der allerdings auch die Funktion der Polizei und Justiz zum Schutze einzelner Individuen vor anderen gemäß den lokalen Gesetzen gehört. Je selbständiger die einzelnen Menschen überall auf der Welt leben können, desto mehr werden diese lokalen Gesetze konvergieren.

34. Wie gesagt, es geht um einen Paradigmenwechsel, nicht um eine alles umstürzende Revolution. Aber diese Neuerung erscheint dennoch gewaltig!
Gewaltig jedoch ist die Menschheit! Man versuche sich mal einen irgendwie realistischen, umfassenden Zeitschnitt - z.B. jetzt, in diesem Moment - durch die ganze Welt, durch die ganzen Aktivitäten der Menschen vorzustellen. Ungefähr sechs Milliarden Menschen, Tendenz noch steigend, was sie gerade tun, denken, fühlen, erleben, erleiden etc. - ein Vorstellungsversuch, der jeden Geist, jede Darstellung sprengt.
Besonders in moralischer Hinsicht ist kein Maßstab vorstellbar, der diesem "Gebilde" gerecht werden könnte. Und es sind die Abscheulichkeit, die am meisten herausfordern bei dem Gedanken an die Menschheit - Abscheulichkeiten gegenüber sich selbst, seinen Artgenossen oder seiner Umwelt, zu denen der sprach- und phantasiebegabte homo sapiens sapiens (im Gegensatz zu den Tieren, die er bisweilen "Bestien" nennt) fähig ist und sie ständig wieder vollbringt. Und wie oft vollbringt er solche Taten im Namen des Höchsten, woran zu glauben er fähig ist! Scheinbar schützt auch der Grad an Zivilisiertheit nicht davor, Täter der schlimmsten Kategorie zu werden (was augenscheinlich wird, wenn man an die Exzesse der sich die Spitze der Zivilisation dünkenden Europäer in der Geschichte denkt - gerade auch in der Kolonialgeschichte.) Zugleich findet sich in unsere Welt in unzähligen Zeugnissen größte Menschlichkeit und kaum fassbare künstlerische Grandiosität. Nicht zuletzt heute in dem globalen Zusammenhang der gesamten Menschheit könnten die positiven Momente einmalige, ja geradezu göttliche Höhen finden.
Diesen Widerspruch, diese extremen Gegensätze auszuhalten, ohne eine Seite zu verdrängen oder zu relativieren, ist äußerst schwer. Doch es führt kein Weg daran vorbei, will man sich dem Phänomen Mensch oder Menschheit stellen!

35. Wenn sich schon keine umfassende Vorstellung von dem menschlichen Weltganzen machen läßt, um wie viel weniger läßt sich dieses Jetzt der Welt dann verändern oder politisch gestalten. Verrückter Gedanke, Größenwahnsinn - und doch gewinnt er eine Art Notwendigkeit, denn es gibt schon einzelne beschränkte Formen eines konkret gewordenen, konkret gemachten Weltzusammenhangs, z.B. als ereignishafte kommunikative Verbindung zwischen den Menschen im globalen Maßstab bei einer Fußball-WM oder bei den bevorstehenden Feiern zum Jahr 2000. Sicherlich nehmen nicht alle Menschen an solchen Ereignissen teil, sicherlich wird dabei die Menschheit nicht politisch repräsentiert. Aber in geschichtlicher Dimension betrachtet können wir dem Zusammenhang der Menschheit nicht mehr entgehen.
Es ist nach allen bisherigen Erfahrung der Versuch ausgeschlossen, diesem Zusammenhang mit existierenden politisch-gesellschaftlichen Mitteln und Institutionen gerecht zu werden. Die Mitteln der Repräsentation überhaupt, die ein Ganzes von Gesellschaft durch einige wenige Personen (Oligarchie) oder durch einen ("l´État c´est moi") darstellen oder verkörpern, sind dieser Aufgabe nicht mehr gewachsen.
Jede Alternative zur repräsentativen Gesellschaft kann jedoch nur auf dem Individuum beruhen, und d.h. sie wird eine Art Anarchie sein, eine politische Form, die auf keiner der Gesellschaft vorstehenden Manifestation eines überindividuellen Allgemeinen mehr beruht! Das Weltereignis, die innovative "basisdemokratische" Institution der Gemeinschaft der Menschheit, soll das postrepräsentative Symbol dieser "Anarchie" werden.

36. Anarchie hat einen schlechten Ruf, da man sie als den plötzlichen Wegfall aller gesellschaftlichen Sanktionsmaßnahmen gegen Regelverstöße begreift. Und nicht erst die Geschichte der Neuzeit mit ihren Revolutionen hat jedoch gezeigt, daß die Notwendigkeit von Regeln zwischen den Menschen gerade auch für deren Freiheit unhintergehbar ist. Der mehr oder weniger offensichtliche Sinn moderner Demokratie, ja der modernen Welt insgesamt, die immer schon global gedacht war, besteht jedoch darin, daß diese Regeln und die sie garantierenden Institutionen für die Individuen und deren selbstbestimmter Lebensgestaltung da sind und nicht umgekehrt die Individuen für ein ideologisch als substanziell aufgefasstes, gar metaphysisch verbrämtes Gesellschaftsganzes (Nachfahre der fernen menschlichen Urhorden). Man könnte also Demokratie schon als eine funktionierende Form der "Anarchie" begreifen, da sie keine Herrschaft im klassischen Sinne mehr kennt. In der geschichtlichen Entwicklung ist dieses Gesellschaftsprinzip zuerst als eine Ansammlung von Schutzrechten vor dem Übergriffen absoluter Macht entwickelt worden. Nur langsam, mit vielen Rückschlägen, hat es sich eigenständige, moderne Formen entwickelt. Aber bis heute ist die Entwicklung noch nicht abgeschlossen, denn solange es auf der Erde noch kollektivistische Regimes welcher Art und Form auch immer gibt, ist das freie Individuum wegen seiner konstitutiven Schwäche bedroht und gefährdet.

37. Macht ist tendenziell paranoisch, weil sie sich ständig gefährdet sieht. Macht als alleine herrschendes Prinzip muß daher immer versuchen, die größte zu werden. Auch heute benutzen gesellschaftliche Mächte gerne substantialistische oder metaphysische Kollektivbegriffe, deren Tradition noch viele Menschen anhängen, wenn es um die Gestaltung und machtmäßige (hegemoniale) Erfüllung politischer Räume geht. Global gesehen geschieht dies aktuell mit den Mitteln wirtschaftlicher Macht, den Markenmythen oder den durch "corportate identity" zusammengescheißten "Bataillonen". Denn wirtschaftliche Kollektive können (nach den Deregulierungen der letzten Jahre) unmittelbar global handeln, sowie manche (oft verbrecherische) Organisationen und die Kirchen das schon länger tun, während die an Territorium, Staatsvolk etc. gebundenen Staaten auf die mühsame Abstimmung mit ihren Partnern im Rahmen internationaler Institutionen angewiesen. Diese Entwicklung trägt dazu bei, daß die an den Rechtsstaat gebundene demokratische Form relativiert wird - ohne daß irgendein Ersatz für sie im globalen Maßstab in Aussicht wäre.
Anarchie auf der Basis geistiger Freiheit will nicht die Effektivität und Rationalität moderner Wirtschaftsverfahren und -entwicklungen begrenzen. Sie will aber sehr wohl durch den schrittweisen Aufbau umfassender individueller Autonomie auch die tendenziell unkontrollierte Macht großer und kleiner Konzerne, Organisationen und anderer gesellschaftlicher Entitäten überwinden. Die hierfür nötige Differenzierungsleistung zwischen sachlich notwendigen Gegebenheiten der menschlichen Koexistenz und den Kollektivmächten, die nur um der Macht willen existent sind - also die Frage, bis zu welchem Grad die Macht und Eigenständigkeit gesellschaftlicher Teilsysteme für die Individuen noch sinnvoll und tragbar ist -, wird in konstruktivem Streit von institutionellem Sachverstand und der Perspektive umfassender Emanzipation nur gemeinsam zu erbringen sein. Da die individuelle Autonomie gerade auch den Bereich des materiellen Lebens umfassen muß (durch lokale Subsistenz, die durch Motivation des zivilisatorischen Fortschritts auf der Basis des "high-tech self-providing" genannten Konzeptes entstehen soll), ist die gebotene Entmachtung, Versachlichung und Einbindung der Wirtschaft möglich.

38. Dem auch die Demokratie bedrohenden Moloch des organisierten Verbrechens zu begegnen ist sicher schwierig. Denn organisiertes Verbrechen beruht mehr als alle andere gesellschaftliche Macht auf der Angst, der Unselbständigkeit, der Erpressbarkeit und schlechten materiellen Ausstattung, d.h. der Korrumpierbarkeit der Menschen. Dennoch, auch das organisierte Verbrechen benutzt Gewalt nur zum Aufbau und zur Verteidigung seiner Macht. Wie jede Herrschaft lebt es von der Ordnung und den Regeln, die es geschaffen und durchgesetzt hat. Organisiertes Verbrechen ist nichts dämonisches, sondern ein Paradebeispiel von kollektiver Macht im archaischen, absolutistischen Stil, wie er vor der Moderne und dem staatlichen Gewaltmonopol Stand der Dinge war.
Wenn dieses Modell gesellschaftlicher Macht (deren klassischer Vorläufer die Mafia in Sizilien war, eine Bewegung gegen den modernen Staat) trotzdem vor und nach dem Krieg einen beachtlichen Aufschwung erlebt, dann liegt das daran, daß der territorial begrenzte Staat, auch wenn er flächendeckend verteilt ist, den globalen Raum mit seinem Gewaltmonopol machtpolitisch nicht stringent genug ausfüllen kann. Er kann zudem noch nicht die ganze Breite des menschlichen Lebens abdecken, weil er als rationale Schöpfung der Aufklärung, als Teil der Moderne z.B. gegenüber dem Schicksalsbegriff Defizite aufweist. Im restriktiven Umgang mit Suchtmitteln erweist er sich im höchsten Maße als Herrschaftsinstrument gegenüber dem Individuum und untergräbt zugleich seine Macht, denn nichts hat organisiertes Verbrechen so auf den Weg gebracht, wie die Prohibition des Alkohols in den USA.
Um also das Gewaltmonopol, jene Institution der Freiheits- und Unversehrtheitsgarantie für alle Bürger, auch global durchzusetzen, muß der Staat als rationale Rechtsinstitution durch die Macht des Individuums ergänzt werden. Die Macht der Individuen beruht selbstredend nicht auf der Aufrüstung aller mit Waffen - direkte Gewalt ist die Ebene des staatlichen Gewaltmonopols. Sie beruht auf der Politik der geistigen Freiheit, die als umfassende, der Selbstbestimmung und dem Schicksal (Tod) gegenüber offene Vernunft den Menschen aufgegeben ist.

39. Ein positiver, realistischer Begriff von Anarchie bedeutet bei Beibehaltung der Form und Entwicklung (Reform) moderner, demokratischer Institutionen einschließlich der modernen Wirtschaft den Übergang des Machtprinzips vom Kollektiv zu den einzelnen Menschen. Das setzt sowohl eine umfassende zivilisationsgestützte Abrüstung und Befriedung der Welt voraus, als auch den hier beschriebenen Komplex individueller Selbständigkeit.
Warum diese "Anarchie" mitnichten unrealistisch ist, liegt daran, daß der Gebrauch von Macht und Gewalt im kollektiven Rahmen nicht im luftleeren Raum stattfindet, sondern ein Kulturphänomen mit genau bestimmbaren und fast immer bewußt gesteuerten Traditionen und Bedingungen ist. Das gilt auch für das organisierte Verbrechen. Aus diesem Grund sind gesellschaftliche Macht und zwischenmenschliche Gewalt (und übrigens auch die Formen räumlicher Abgrenzung) durchaus kultureller Disposition zugänglich und genau dies ist heute unsere zentrale Aufgabe - eine Aufgabe, deren Erfüllung jedoch wenigstens zwei oder drei Generationsfolgen in Anspruch nehmen wird, da nur die entsprechende Prägung der Kinder die gesellschaftliche Welt so allgemein und grundlegend verändern kann.

40. Die Institutionen der modernen demokratischen Staaten sind zweifelsohne noch von dem traditionellen kollektiven Machtdiskurs, d.h. dem elitären oder oligarchischen Repräsentationsprinzip geprägt und müssen sich unter einer sich etablierenden "Anarchie" noch auf ihren jeweiligen, rational bestimmten beschränken lernen. Das gilt vor allem für den Staat selbst als Dach der Institutionen. Allerdings wird sich der Staat nur aus seiner heutigen kollektiven Machtfülle, die mit zahlreichen Verantwortlichkeiten verbunden ist, verabschieden können, um sich ganz den Zwecken der Individuen zu unterstellen, wenn sich die Menschen grundlegend und über das heute selbst in den entwickelsten Gesellschaften gegebene Maß hinaus emanzipieren. Der neuzeitliche Subjektivierungs- oder Individualisierungsprozeß scheint momentan bei den kollektiven Subjekten steckengeblieben zu sein. Denn viele Institutionen und Kollektive, seien es Staaten, Wirtschaftsunternehmen, Organisationen oder Parteien, seien es Kirchen oder Religionsgemeinschaften, gebärden sich wie selbstsüchtige, unerwachsene Personen, bei denen sich alles um sie selbst drehen muß und die immer die einzigen sind, die recht haben. Da die Kollektive aber noch zuviel oder sogar immer mehr Macht haben, gefährden sie mit ihrer Egozentrik die (welt-)öffentlichen Güter, wo sie doch eigentlich (welt-)öffentliche Verantwortung übernehmen sollten. Sogar der Rechtsstaat, eigentlich der zentrale zeitgenössische Vertreter allgemeiner und öffentlicher Verantwortung, läßt sich unter den von den globalisierten Finanzmärkten aufoktroyierten Zwängen eines Standortwettbewerbs zum partikularen, egoistischen Subjekt degradieren, anstatt mit allem Nachdruck darauf zu dringen, das die Finanz- und Wirtschaftswelt sich zu modernen, verlässlich funktionierenden und den Zwecken der einzelnen Menschen untergeordneten Institutionen entwickeln. (Es gibt aber wichtige Bemühungen in diese Richtung.)
Die subjektivistischen Kollektive verhindern die Möglichkeit einer allgemeinen kulturell-politischen Niveauhebung, die heute nurmehr global und nur im Maßstab des Individuums geschehen kann, weil keines der einzelnen Kollektive, keine bekannte Kollektivform überhaupt - auch der Staat nicht mehr - die Macht und die Kompetenz hätte, die Welt mit ihrer Hegemonie zu überziehen und ihr eine dauerhafte friedliche und freie Ordnung zu garantieren? Die heutigen Mächte können sich allenfalls noch gegenseitig in Schach halten. Man kann durchaus sagen, daß die Kollektive mittlerweile in der Rolle der Bremser menschheitlicher zivilisatorischer Entwicklungen sind und daß sie ihr Handeln leider oft mit rückwärtsgewandter Angstmache und Sachzwanglogik rechtfertigen.

41. Es ist nichts gegen die funktionale Differenzierung und Freiheit der arbeitsteiligen, gesellschaftlichen Aktivitäten durch die Vielzahl der Institutionen und gerade auch der wirtschaftlichen Organisationen zu sagen. Sie haben sich, nach rein sachlichen Kriterien ausgerichtet und befeuert durch Konkurrenz, immer wieder durch die ganze moderne Geschichte hindurch als hervorragende Motoren für Kreativität, Effektivität und Leistungsstärke erwiesen. Aber es ist dringend geboten, daß sich die eigentlichen Individuen, die einzelnen Menschen von diesen heutzutage bisweilen geradezu zu neuen Pseudogöttern emporstilisierten Entitäten emanzipieren und diese in ihrer Bedeutung auf ein Normalmaß zurückbringen. Das soll nicht zuletzt durch ein innovatives Niveau des Erwachsenseins geschehen, das auf freier Geistigkeit und auf einer modernen Form der Initiation zu diesem Erwachsensein, d.h. auf einem aktiven, lebendigen Einbezug des "Nichts" oder der Leere des Todes in das konkrete Leben und in die persönliche Entwicklungsgeschichte gründet. Am besten läßt sich dies als eine individuelle Souveränität vorstellen, wie sie in früheren Zeiten vielleicht ein König hatte. Sie wächst den Menschen aus einer bewußten, unmittelbaren Begegnung mit dem eigenen Tod und mit dem damit verbundenen Verlust der Angst vor ihm zu. Das alltägliche Gewahrsein der eigenen Lebendigkeit, unabhängig von dem was man tut und läßt, die sich in scharfem Gegensatz zum Tod, damit aber auch in substantieller Beziehung zu ihm befindet, soll eine menschliche Grunderfahrung werden, die jegliche Gruppenzugehörigkeit, aber auch alles Tätigsein relativiert. Ganz sicher ist die damit verbundene Haltung etwas, das dem Menschen von Kindheit an vermittelt werden muß. Der Erwachsene, der in Angst und Untertanengeist sozialisiert ist, wird diese Souveränität nur sehr schwer einnehmen können - weswegen er kein bißchen weniger wert ist als irgendjemand sonst!
Dieses souveräne, initiatorische Erwachsendasein ist den korporierten oder organisierten Scheinsubjekten, welche nach den Staaten wohl die letzten Vertreter einer selbständigen kollektiven Macht sein werden, mangels der natürlichen Bindung an Leben und Tod konstitutiv verwehrt. Ihre Entmachtung und ihre Reduzierung zu zahmen Dienstleistungsveranstaltungen - für die Mitarbeiter, für Kunden, für Aktionäre, für die Weltgesellschaft der Individuen - muß indirekt, d.h. durch die Politik der geistigen Freiheit geschehen, die den lebendigen Menschen eine neue Autorität und ein hohes Maß an Unabhängigkeit vermitteln will.

42. Mit der initiatorischen Stufe des Erwachsenseins ist eine individuelle Emanzipation von der Herrschaft des modernen Sachwissens verbunden, indem das Primat menschlicher Kultur für das unmittelbar lebendige und schicksalshafte Existieren der einzelnen Menschen erobert wird. Das menschliche Leben besteht immer auf Aufstieg und Verfall. Aber damit sich dieser Prozeß von der modernen Rationalität emanzipieren kann, muß er in einem individuellen Akt angenommen werden - nicht als Ausgeliefertheit an die Natur, sondern als Teilhabe an einer im Geist bestimmten, "göttlichen" Lebendigkeit, die fixierten rationalen Strukturen niemals eignet (höchstens deren Erfindern). Krankheit, Verfall und Tod sind nicht der Preis für diese Lebendigkeit, sondern deren konstitutive Bestandteile, d.h. sie sind die Kehrseite von Geburt, Strahlung und Aufstieg, ohne die letztere nicht möglich wären! Wenn man sich nur an das Negative klammert und sei es in krampfhaften Versuchen, ihnen zu entgehen, dann kommt man nie dazu, das Positive zu erleben und zu gestalten.
Dieses Positive kann man sich nicht von anderen geben lassen, sondern man muß es sich selbst erwerben. Eine wichtige Voraussetzung des gewaltigen Entwicklungsschrittes einer Überschreitung moderner Rationalität unter Beibehaltung von deren Vorzügen ist daher die entgültige Etablierung der zivilen Gesellschaft, genauer Weltgesellschaft, die jedem Menschen die adäquaten Entwicklungschancen gibt. Damit dieser Zustand, der auch einen sinnvollen Wohlstand für die Menschen bedeutet und für dessen Verwirklichung viel Sachwissen verlangt, möglich wird, gilt es, die souveräne geistige Haltung aller einzelnen Menschen anzustreben. Denn der Mensch ist schon längst Kulturwesen und kann sich nur zurechtfinden, wenn er sich geistige Ziele setzt. Allerdings ist es eine der bedeutendsten Lehren des Zeitalters der Aufklärung, die materiellen Bedingungen und Auswirkungen als von dem Geistigen untrennbar erkannt zu haben. Sei zu mißachten läßt jedes geistige Ziel verfehlen.
Freie Geistigkeit gibt es nur gebunden an den konkreten Menschen, im Rahmen seiner einzigartigen lebendigen Existenz. Das diesbezügliche Wissen ist dem Maße nach allgemein, der Sache nach uneinholbar individuell. Sachwissen ist dagegen strukturell kollektivistisch, wenn man will auf einer niederen Stufe existent, denn es beruht immer auf dem Prinzip des kleinsten gemeinsamen Nenners. Es steht nicht in Frage, daß wir immer wieder auf Sachwissen, auf den wissenschaftlichen Fortschritt bauen. Aber wenn wir nicht schnell lernen, das für uns Wichtigste nach autonomen persönlichen Maßstäben zu entwickeln, bleiben wir Spielbälle in den Händen kollektivistisch denkender und handelnder Machteliten.

43. Heute hat sich das Sachwissen (die sog. Information) zu der kollektiven Machtressource schlechthin entwickelt. Da Macht nur durch Ordnung dauerhaft sein kann (durch Gewalt wird nur erobert, verteidigt oder diszipliniert), ist Wissen schon immer ein entscheidender Machtfaktor gewesen (Spitzelwesen!). Aber heute ist der Wissenzuwachs der Hauptgrund einer rasant zunehmenden Veränderung und Künstlichkeit der gesamten modernen Zivilisation. Emanzipation des Individuums von diesem Wissen bedeutet jedoch mitnichten, daß alles Wissen gleich verteilt und allen zugänglich gemacht werden soll. Das ist illusorisch, was will man mit all den hochspezialisierten Details und Verfahren schon anfangen? Vielmehr geht es zuerst darum, daß jeder die Informationen erhält, bzw. sich besorgen kann, die für ihn wesentlich sind. Zweitens sollen die Menschen nicht mehr der Gefahren ausgesetzt werden, die durch neues Wissen oder neue wissenschaftliche oder technologische Verfahren über ihre Köpfe hinweg entstehen können. (Was im Rahmen waffentechnologischer Forschungen an Gefahrenpotentiale entsteht, deren mögliche Folgen jede Vorstellungskraft sprengt, soll hier nur ergänznd angesprochen werden, denn im Prinzip ist die Gefahr großer Weltkriege unter Einsatz aller zur Verfügung stehender Waffen gebannt. Die Waffen selbst, ihre weitere Erforschung - ein Selbstläufer! - und ihre mögliche Anwendung durch Terroristen oder einzelne Staaten sind allerdings noch immer ein großes Problem.)
Das Ziel einer Bändigung des modernen Wissensfortschritts bedeutet nicht zuletzt eine schrittweise zu erreichende Unabhängigkeit der aktuellen Wirtschaft und ihrer Prosperität von den allerneuesten Forschungsergebnissen, so daß neues Wissen, neue Technologien in aller Ruhe erforscht und geprüft werden können, außerhalb des zur paranoiden Zwangssituation gesteigerten Konkurrenzkampfes ums wirtschaftliche Überleben, bzw. um den maximalen Profit. Dabei ist der Fortschritt längst zu einer mythischen Ikone verkommen, die zumeist auch noch auf Blendung beruht. Es wird höchste Zeit, daß die Wissenschaftler, die Techniker und die Experten keine Pseudopriester oder Wohlstandsretter mehr sind, sondern schlicht Dienstleister. Selbst, wenn dies nicht vollkommen erreichbar ist, man denke z.B. an den Arzt und seinen besonderen Nimbus, so bedeutet eine individuelle Emanzipation vom Wissen, daß die einzelnen Menschen doch genügend aufgeklärt und angstfrei werden, um sich über den Status jeweiligen Wissens, also auch ihrer Abhängigkeiten von Wissen im klaren zu sein und damit umgehen zu können, bzw. die nötige Aufklärung von den Spezialisten verlangen zu können.



Teil2


Wolfgang Behr


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