STRING - World Politics for Individuals





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Wolfgang Behr
The "Anti-*itler"




Politik der Geistigen Freiheit I

Politisches Programm

von Wolfgang Behr


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Diese Abhandlung stellt eine umfassende Programmatik des weltpolitischen Projektes STRING dar.


Inhalt







          "Nicht für eine bessere Welt - für eine Welt!"




Einleitung


Man müßte Shakespearesche Sprachgewalt in Anspruch nehmen, um das Unglück, das Leiden und die Verstoßung all der Menschen angemessen zu schildern, die in der heutigen Welt salopp gesagt auf der Schattenseite des Lebens ihr Dasein fristen müssen. Die Menschen, die eher auf der Sonnenseite leben, haben zudem nur begrenzte Aufnahmefähigkeit und Aufnahmebereitschaft für diese niederdrückenden Realitäten.
Je mehr aber die Welt als globalisierter Zusammenhang verstanden wird, je mehr sie zusammenwächst, desto mehr sind diese entsetzlichen Verhältnisse als Widerspruch innerhalb des Voranschreitens der modernen Kultur oder Zivilisation selbst zu verstehen - und das nicht nur deshalb, weil sie oft von den ablaufenden Prozessen und Handlungen befördert, ja sogar hervorgerufen werden. Die Moderne, insofern sie etwas Großes erreichen will, wird ihren Ansprüchen nicht gerecht. Anstatt den Menschen dauerhaft Hilfe zur Selbsthilfe zu geben - einen Ausweg aus der "selbstverschuldeten Unmündigkeit"-, erzeugt sie neben ihren gewaltigen Leistungen in Technologie, Architektur oder Wirtschaft immer wieder erschreckende Monstrositäten und Ambivalenzen. Nicht daß sämtliche Unbill des Lebens vermeidbar wären, aber der Gedanke scheint unabweisbar, daß die Neuzeit als Strauss ungeheurer Möglichkeiten noch nicht wirklich bei den Menschen angekommen ist!

In welchen Worten würde Dante Alighieri die Umbrüche und Verwerfungen einer Welt beschreiben, in welchen Bildern die Ausbrüche von Feindschaft, von Gewalt bis hin zu Krieg und ABC-Inferno beschwören, welche sich in der Folge von globalen Naturkatastrophen ergeben könnten? Nehmen wir als Beispiel das gemessen an erdgeschichtlichen Dimensionen schlagartige Umschlagen des Klimas in eine neue Eiszeit - ein wissenschaftlich erst jüngst entdeckter, immer wiederkehrender Vorgang in der Erdgeschichte. Und wie würde Dante die prometheische Gewalt der Menschheit schildern, diese globalen Naturveränderungen durch die gigantische künstliche Erwärmung der Erdatmosphäre selbst herbeiführen zu können? Vielleicht finden wir die Gemeinsamkeit, dies zu verhindern. Vielleicht wird es uns auch gelingen, Naturkatastrophen zu bewältigen, wenn sie denn - mit oder ohne menschliche Einwirkung - passiert sind. Doch noch sitzt die Moderne nicht im Sattel, noch ist die Politik nicht in der Neuzeit angekommen. Die Neuzeit ist ihrem Charakter als Zeitalter der Vernunft in vielen Bereichen schon gerecht geworden ist, aber sicher noch nicht genügend in der Politik! Denn wir können mitnichten behaupten, solche Krisen zu bestehen, ohne wesentliches von dem preisgeben zu müssen, was die moderne Welt oder die modernen Gesellschaften kennzeichnet. Nicht mal von einer fundamentalen Krise des Weltfinanz- oder Weltwirtschaftsystems können wir das mit gutem Gewissen behaupten.

Zweifelsohne wird das menschliche Aktivitätspotential immer größer. Daher ist es längst nicht mehr gerechtfertigt, all diese tatsächlichen oder möglichen Geschehnisse nur noch als schicksalhaft oder als naturgegeben zu begreifen. Vielmehr stellt sich die Frage, ob nicht die moderne Welt noch zutiefst in Mechanismen und Denkhaltungen verwoben ist, die ihr gewaltiges Potential mißleiten und in einem Maß kontraproduktiv werden lassen, die jeder positiven Beschreibung Hohn spricht. Wenn das so ist, dann müssen gerade die aktiven Teilhaber an der modernen Welt - das sind zumeist Menschen auf der Sonnenseite des Lebens - die Notwendigkeit einer fundamentalen Überschreitung ihrer bisherigen Denk- und Handlungsdispositionen erkennen lernen. Und der Gedanke drängt sich auf, daß gemessen an dieser notwendigen Überschreitung selbst die privilegiertesten Menschen mit den Verstoßensten auf einer Stufe stehen, mißt sich Modernität in dieser Perspektive doch nicht mehr am Wohlstand, nicht einmal an den Fähigkeiten des Einzelnen. Mißt sie sich doch vielmehr daran, ob die bestehenden politischen Institutionen, in die die Bürger selbst der entwickeltsten Staaten eingebunden sind, der modernen Welt insgesamt gerecht werden. Denn trotz der immensen Unterschiede zwischen einem modernen liberalen Rechtsstaat und einer in Clankämpfe zerfallenden Gesellschaft - gemessen an der Notwendigkeit, der entstehenden Weltgesellschaft eine neue politische Gestaltung oder Ordnung zu geben, sind beide in einer entscheidenden Hinsicht gleichweit von der Lösung entfernt - nämlich darin, daß für beide diese Lösung nicht in Sicht ist. Weder der nationale Rechtsstaat, noch die Clangesellschaft sind ein praktikables Modell einer politischen Weltordnung! Es sieht sogar so aus, als ob vorerst beide darin ihren Platz finden müssten.

Die Bewältigung dieses Problems, welche ich in diesem politischen Programm und in diesem Pamphlet vorschlagen möchte und die ich als Projekt konkret in die Praxis umsetzen will, ist von der Überzeugung einer notwendigen Überschreitung der herrschenden politischen Gegebenheiten gekennzeichnet. Rational fassbar wird dies Erfordernis in dem fehlende Außen einer Weltgemeinschaft, was sie von jeder bekannten Gesellschaft der Geschichte unterscheidet. Vor allem aber wird die Unausweichlichkeit eines politischen Quantensprungs in der offensichtlichen Unmöglichkeit deutlich, ein globales Gewaltmonopol, an dessen Beginn ja ein nicht vorstellbarer (geschweige denn wünschbarer) globaler Unterwerfungsakt stehen müßte, und damit ein weltweit einheitliches Rechtssystem zu errichten. Zwar behalten die bestehenden, rechtstaatlich kontrollierten Gewaltmonopole so ihre wesentliche Bedeutung. Zudem gibt es immer wieder Bemühungen im Rahmen der UNO, internationale Institutionen zu etablieren, z.B. einen internationalen Strafgerichtshof für die allerschlimmsten Vergehen wie Völkermord etc.. Das alles führt aber noch lange nicht zu einer substantiellen politischen Weltordnung.
Im globalen Maßstab geht es deshalb darum, eine völlig neue Form menschlicher Gesellschaftlichkeit zu schaffen. Sie kann nicht mehr mit dem Fokus auf das Kollektiv oder auf das System als eine wie immer geartete Einheit arbeiten, sondern sie muß ihre Ordnung und ihren Zusammenhalt frei, auf der Grundlage des zivilen, politisch und d.h. machtbezogen auf eigenen Füßen stehenden Individuums finden. Denn nach meinem Dafürhalten können wir die Aufgaben der Zukunft nur bewältigen, wenn wir das gesamte menschliche Dasein auf das Maß, d.h. die selbstbestimmte Existenzfähigkeit des einzelnen Menschen und zwar des Schwächsten(!) abstellen. Wohlgemerkt, diese Abwendung vom Kollektivitäts- oder Einheitsprinzip ist zuerst und vor allem ein geistiger Entschluß, vergleichbar mit dem Zerschlagen des gordischen Knotens! Verbunden damit ist die fortschreitende Ablösung eines eher allgemein gehaltenen Demokratieverständnisses von der oligarchischen Erbschaft, die in verschiedene Formen alle heutigen, auch die demokratisch-rechtsstaatlichen Gesellschaften von ihren Vorgängern mitbekommen haben. In dem die Neuzeit oft tragisch kennzeichnenden Konflikt zwischen Individuum und Kollektiv wird die Priorität für eine Seite, das Individuum, festgelegt. Dadurch soll nicht zuletzt die Gefahr der künstlichen, ideologischen Kollektivismen (Absolutismen) endgültig überwunden werden, die vor allem in unserem Jahrhundert weit über 100 Millionen Tote gefordert haben (und womöglich immer noch mehr fordern werden) und die man vielleicht als ein letztes Aufbäumen eines Urprinzips menschlichen aber auch schon vormenschlichen Lebens begreifen kann - nennen wir es "unvordenkliche Gemeinschaftlichkeit".

Das kollektive Element menschlichen Lebens kann selbstverständlich nie wirklich verbannt werden. Weder die geistig-seelischen Gruppenzugehörigkeiten, mögen sie auf Verwandtschaft, auf Traditionen oder auf beiden beruhen, noch das praktische Gemeinschaftsleben im Nahbereich sollen hier irgendwie in Frage gestellt werden. Was jedoch definitiv ausgeschlossen werden muß, ist die absolute, ev. metaphysisch aufgeladene Gemeinschaft, sei sie klein oder groß, als unmittelbare Basis oligarchischer gewaltbeherrschter Strukturen. D.h., die Verfassung jeglicher konkreten politischen Struktur soll nur noch durch das Mittel strikt moderner, sachlich begrenzter, transparenter und in ihren Funktionen auf das Individuum ausgerichteter Institutionen geschehen und in die zukünftige Weltgesellschaft eingebettet werden. In Ansätzen geschieht das schon in den bestehenden rechtsstaatlichen, demokratischen Gesellschaften, wenn auch der große Bereich der materiellen Existenz in diesem Sinne noch unbewältigt ist.
Diese Revolution - man muß sie so bezeichnen - kann aus logischen Gründen nur von Individuen, von einzelnen Menschen begonnen und durchgeführt werden - unabhängig von jeglichen Funktionen oder Positionen in Oligarchien und Eliten (auch in modernen Eliten!). Als politischer Innovation ist es ihr Ziel, eine neue Art Weltordnung möglich zu machen, die eben nicht mehr auf traditioneller - oligarchischer, kollektiver - Machtpolitik beruht. Denn der (mangelnde) geistige Zuschnitt kollektiver Macht erweist sich immer mehr als den Bedingungen unserer Epoche nicht gewachsen. Das ist mittlerweile in hohem Maße akzeptiert, denn es herrscht ein großer Schrecken vor umfassenden Planungen im Bereich der Politik, weshalb alle Hoffnungen auf dem zwar chaotischen, aber der Theorie nach sich selbst regulierenden System eines freien Marktes liegen. Dieser Schrecken vor der Politik ist ein verständlicher Reflex auf all die gescheiterten und schrecklichen Versuche in unserem Jahrhundert, die Politik ganzheitlich zu planen und entsprechend auszuführen. (In diesen Erfahrungen liegt sicher auch ein wichtiger Grund, warum in Europa statt einer politischen Union nur der Euro zustandekommt.)
Diese an sich richtige Haltung hat jedoch eine groteske Seite, denn niemals zuvor in der Geschichte gab es eine Zeit, in der sowohl die Notwendigkeiten, als auch die Möglichkeiten, Politik im großen Rahmen zu planen größer waren als gerade heute. Allein, es fehlt das richtige Paradigma, in dessen Rahmen solche Planungen stattfinden und Sinn machen können. Es kommt also auf uns an. Nur wir als Einzelne können für uns Einzelne die moderne Weltzivilisation in vollem Umfange politisch gestalten! Nur auf der Grundlage einer konsequenten und unwiederruflichen Dezentralisierung oder Atomisierung der politischen Macht (damit sind nicht die kollektiven Aufgaben gemeint!) verliert der große politische Wurf seinen Horror.
Selbstverständlich wird eine diesbezügliche Entwicklung wieder ein kollektiver Prozeß, aber eben ganz nach Maßgabe des einzelnen Menschen.

Ein solcher Vorschlag für eine neue tragende und machtvolle Rolle des einzelnen Menschen in der Politik ist nicht leicht aufzufassen. Weil er konsequent in die Zukunft gedacht ist, erfordert er eine große geistige Offenheit, wenn man will, persönlichen Mut anstatt der Anwendung allzunaheliegender Gedanken- und Interpretationsmuster, die oft Fatalismus mit Realismus verwechseln.
Ich will das Gesagte zum Abschluß noch in eine Art Bild kleiden. Wenn sich Modernität nicht so sehr in den neuesten technischen oder wissenschaftlichen Errungenschaften und auch nicht in den angesagtesten Produkten und Lebensstilen manifestiert (dies alles gab es in anderen Formen auch schon im Mittelalter, im Altertum und sogar in der sog. Prähistorie), wenn sie sich vielmehr zuerst in innovativer politischer Institutionalität manifestiert, dann muß das, was der wehrhafte liberale und demokratische Rechtsstaat für die nordamerikanischen, die europäischen und viele weitere Gesellschaften in den letzten zweihundert Jahren gewesen ist - Vision und Beginn einer neuen Epoche -, für eine Menschheitskultur, wenn sie sich denn globalisiert, erst noch geschaffen werden - und zwar wiederum neu geschaffen werden, denn das ist der Preis der Moderne, bzw. des menschlichen Lebens überhaupt.



Das Politische Programm:


I. Von der Sprache zu einer neuen politischen Institution

Geistige Freiheit ist ein Phänomen, das der Sprache geschuldet ist, ihrer Nichtfestgelegtheit und Offenheit zwischen zwei Ebenen, den Sprachbestandteilen (z.B. Zeichen, Wörter) einerseits und den Bedeutungen andererseits. Denn dadurch sind immer wieder neue Zusammenhänge, neue Bezüge zur sog. Realität möglich, entsteht immer wieder neuer Sinn. Das gilt für die einfachen Begriffe des Alltags sicher nur in beschränktem Maße. Unübersehbar wird die Offenheit der Sprache im theoretischen Gebrauch, aber auch wenn die einzelnen Menschen die für sie wesentlichen Elemente und Gegebenheiten ihres Lebens in persönliche Worte zu fassen versuchen. Geistige Freiheit ist eine kreative Fähigkeit und zugleich eine Aufgabe, die jedem sprachbegabten Wesen, also jedem Menschen zukommt. Sie ist wegen der letztlich unbegrenzbaren Komplexität der Sprache an den einzelnen Menschen gebunden. Nur als Individuum kann der Mensch die Verantwortung für Sinn und Kohärenz seines Sprechens und Bezeichnens übernehmen, was auch immer sich darin spiegelt oder zum Ausdruck kommt. Heute geht es jedoch darum, noch einen Schritt weiterzugehen und das unhintergehbare "Aufsitzen" menschlichen Weltbezugs auf jedem einzelnen menschlichen "Geist", m.a.W. die potentielle sechs, sieben, ... Milliarden-fache Polyzentrik der Weltgesellschaft wahrzunehmen und in eine neue politische Praxis umzusetzen. Denn der Stand der "Vergeistigung" der Weltzivilisation ist soweit fortgeschritten, daß sie sich anders nicht mehr bändigen, nicht mehr "erden" läßt.
Individuelle geistige Freiheit kann aber nur dann von gesellschaftlicher und für alle Menschen zugänglicher Existenz und Relevanz werden, wenn sie entsprechend politisch-institutionell gefasst ist. Daher soll die politische Ordnung der zukünftigen Weltgesellschaft auf der neu zu begründenden Institution des politisch selbständigen Individuums aufbauen. Politik wird dabei umfassend als machtvolle Aneignung, Entwicklung und Gestaltung der Möglichkeiten aber auch der Gebundenheiten eines zu verantwortenden Bereichs verstanden, und zwar im Innenverhältnisse und in den Außenbeziehungen. Im Falle des einzelnen Menschen geht es dabei um sein eigenes Leben und um sein Verhältnis zu den Mitmenschen und zur Welt, in der er lebt.

II. Gesellschaftlicher Paradigmenwechsel als Bedingung der geistigen Freiheit

Um ein solch ehrgeiziges kulturell-politisches Niveau an Zivilität, Selbständigkeit und Freiheit weltweit zu ermöglichen, wird ein Paradigmenwechsel von dem Prinzip der Kollektivität zum Prinzip der Individualität als der Grundlage des politisch-gesellschaftlichen Lebens unausweichlich. Ein solcher Paradigmenwechsel kann nur ein freier, geistiger (d.h. individueller) Akt sein. Er wird in dem Maße Realität, indem einzelne Menschen, immer mehr einzelne Menschen ihr Leben in seinem Sinne gestalten können - sei es, weil es ihnen entspricht, sei es, weil sie es in weitgehendem Maße schon jetzt tun, aber auch weil dieses neue Paradigma eines der wesentlichen Elemente des modernen Lebens, den Status des "citoyen", auf eine verallgemeinerbare Grundlage stellt!
Die Sprachbegabung des einzelnen Menschen und sein darauf beruhendes kreatives Potential wird als die Ausgangsbasis des politischen Lebens gesetzt - nicht mehr die Macht irgendwelcher natürlicher Ressourcen (wozu auch der Zugriff auf innermenschliche Gegebenheiten, wie z.B. die Angst, gehören). Die Künstlichkeit bzw. Gemachtheit dieser politischen Innovation ist die notwendige Entsprechung zu eben dem avancierten Stand der Weltzivilisation, der diesen Schritt zugleich ermöglicht und verlangt. Jede Person ist demnach aufgefordert, sich das Bewußtsein und die Fähigkeit der geistigen Freiheit als die adäquate Aneignung ihrer Sprachbegabung zu erwerben. Die Weltgesellschaft wiederum hat die Aufgabe, sich so zu transformieren, daß die einzelnen Personen bei der Bewältigung dieses Weges unterstützt werden. Die Institution des politisch selbständigen Individuums ist das erste und wesentlichste Mittel, um dies zu bewerkstelligen.

III. Ein Weltereignis als einzige Institution der politisch geeinten Menschheit

Das Startsignal zu dem zugleich globalen wie individuellen Entwicklungsschritt soll eine zweite völlig neu zu schaffende politische Institution sein - ein aus dem Stehgreif zu organisierendes Weltereignis, dem die Funktion zukommt, die einzige ausdrückliche politische Kollektivinstitution der Gemeinschaft aller Menschen (nicht aller Staaten!) zu sein. Die zeitliche Befristetheit dieser Institution ist von entscheidender Bedeutung, denn es geht dabei um die Entstehung der nichtbürokratischen und aufgeklärten politischen Einheit der Menschheit, die nach dem Ende des Ereignisses in den Köpfen der Menschen weiterleben soll - als gesellschaftsverändernder, bleibender Eindruck. Unmittelbar anschließend an das Ereignis kann dieser einmalige geschichtliche Vorgang in einem großen Weltfest gefeiert werden.
Das globale politische Ereignis hat die besondere Autorität, die ihm aus der Stiftung einer Gemeinschaft der Menschheit zukommt. Durch diese Autorität soll es die Institution individueller Selbständigkeit als politisch vorrangige Entität, als die neue, auf dem einzelnen Menschen basierende politische Weltordnung symbolisieren und im allgemeinen durchsetzen. (Im Konkreten kann dies nur jeder einzelne Mensch für sich selbst verwirklichen.) Individuelle und Menschheitsinstitution, die zusammen die zwei Seiten einer Medaille bilden, sollen Höhepunkt und Abschluß der Entwicklung neuzeitlicher Institutionalität sein.
Dazu wird aber keine schriftliche Verfassung formuliert. Denn diese Weltordnung beruht gerade nicht mehr primär auf kollektivem Zwang, auch nicht dem des Rechts. Das bedeutet selbstverständlich nicht, daß das Individuum über dem Gesetz steht. Das ist auch nicht nötig, denn wenn Gesetze (und Institutionen) nicht mehr im Dienste des kollektiven Paradigmas stehen, dann kommt ihre moderne Funktion der rechtsstaatlichen, d.h. sanktionsbewehrten Garantie und Gestaltungshilfe zwischenmenschlicher (besser zwischenindividueller) Freiheitsspielräume erst voll zur Geltung. Wichtig ist, daß sich diese Rechtsstaatlichkeit überall lokal durchsetzt. Dann kann man das Ausmaß ihrer formalen Globalisierung einer entspannten Entwicklung überlassen. Die neue Weltordnung erfüllt also sowohl das Bedürfnis nach dem konkreten Ausdruck einer einheitlichen Weltkultur, als sie auch die Partikularität und Unabhängigkeit lokaler Traditionen, Institutionen und Identitäten unterstützt - bis hin zum einzelnen Menschen. Auf ihn setzt sie allerdings all ihren Nachdruck!
Nur, wenn der globale formal-kulturelle Vereinheitlichungsdruck (sei es in Form strikter Gesetze und Sanktionsgewalten mit weltweitem Anspruch, sei es in Form von politischen oder auch wirtschaftlichen Hegemonien) abnimmt und seine großen sachlichen Mängel aus der Sicht einer demokratischen Entwicklung offenlegt, nur dann können die Menschen aufhören, ihre gewachsenen materiellen und ideellen (religiösen) Zusammengehörigkeiten in starke, metaphysisch aufgeladene politische Kollektivformen - das was hier als das Paradigma der Kollektivität par excellence verstanden wird - zu gießen und so im Selbstwiderspruch ihres Befreiungskampfes neue Minderheiten, neue Ungerechtigkeiten und neue (oft terroristische) Gewalt zu produzieren.

IV. Relativierung aller existierenden gesellschaftlichen Kollektive

Beide, der Paradigmenwechsel und das Doppel aus individueller und Menschheits-Institution haben die Aufgabe, die derzeit existierenden Kollektive zu entmachten (was keineswegs zerstören bedeutet!!), seien es Staaten, Nationen oder Clans, seien es Kirchen, Parteien, Konzerne, Systeme, Märkte oder die verschiedenen Formen von Organisationen - legale, verbrecherische, zivile, militärische, private, öffentliche etc..
Denn die Kollektive (Systeme) sind wegen ihrer wachsenden unkontrollierten Selbstbezogenheit und Eigendynamik, wegen der unaufhaltsamen Zunahme ihrer Verfügung über technologische und informativ-organisatorische Kompetenz, sowie über finanzielle Mittel zu latenten oder manifesten Gefahren für die Weltgemeinschaft und für den demokratischen Gedanken geworden. Im Gegensatz dazu ist es gerade die "Schwäche" des einzelnen Menschen, sozusagen seine natürlichen Grenzen, welche das "rechte Maß" abgeben soll, um unsere gewaltigen zivilisatorischen Kapazitäten zu bändigen und gefahrlos einsetzbar zu machen. Der einzelne Mensch als Maßstab soll die nicht mehr aufzuhebende, sich ständig steigernde Künstlichkeit und Machbarkeit der modernen Welt wieder "berechenbar" werden lassen.
Denn das menschliche Individuum ist der logische Endpunkt der Entwicklung des neuzeitlichen Subjektivismus und Individualismus. Eine Politik der Geistige Freiheit zielt also auf die Individualisierung der Macht. Sie beruht auf der strukturellen Abschaffung jeder Art kollektiver Gewalt als Mittel kollektiver Macht!
Sicherlich ist diese Entmachtung der Kollektive nicht von deren Vertretern und hauptsächlichen Nutznießern zu erwarten. Aber die große Mehrheit der Menschen wird die Entmachtung ohne Zweifel mitbewirken und mittragen, wenn sie in Form einer fortschreitenden und substantiellen Etablierung der Eigenständigkeit und Unabhängigkeit des einzelnen Menschen stattfindet. Kollektive Macht ist allerdings nicht im Hoppla-Hopp Verfahren und kaum in direkter Konfrontation zu überwinden, sondern in einem langsamen Entwicklungsprozeß auf verschiedenen Ebenen, der schon längst begonnen hat. Eine Ausnahme bilden besonders gewaltsame und menschenverachtende Regime, die zu stürzen ein nicht zu unterdrückendes Bedürfnis bleibt. Wesentlich ist aber, daß die modernen westlichen Menschen sich in dem hier aufgezeigten, auch für sie herausfordernden individuellen Sinn weiterentwickeln, bevor er mit dem Finger auf andere Gesellschaften zeigen und dabei doch Geschäfte mit ihnen machen.

V. Moderne Institutionen als wesentliche Ergänzungen der politischen Selbständigkeit des Individuums

Die Regeln und Entwicklungen der modernen Zivilisation bleiben essentiell, insofern sie das Individuum betreffen, für das Individuum geschaffen worden sind und nicht zuletzt die Individuen auch voreinander schützen (manche Menschen gehören definitiv ins Gefängnis, Illusionen helfen da nichts). Aus diesem großen Komplex seien hier nur Justiz, Infrastruktur oder Hilfskräfte für Katastrophenfälle herausgegriffen. All diese Elemente der Gesellschaft sollen von transparenten, streng kontrollierten und in Möglichkeit wie Größe ganz auf ihre jeweiligen Aufgaben begrenzten Institutionen versehen werden. Diese Institutionen sind gedacht als Abklärungen, Weiterentwicklungen und gegebenenfalls Streichungen all jener Institutionen, die im Rahmen der demokratischen Rechtsstaaten, aber z.T. auch in nichtwestlichen Gesellschaften oder auf internationalem Niveau bereits existieren (man könnte von einer Radikalisierung des Konzepts der Gewaltenteilung sprechen).
Auch die wirtschaftlichen Unternehmen, die Finanzsysteme und der Markt - wenn man will, der "Kapitalismus", der ja einer der wesentlichen Motoren der Moderne ist - werden als Institutionen im Dienste der Individuen verstanden, bzw. sollen sich in solche verwandeln, wenn erst ihre immer noch herrschende Wildwest- und Goldgräberphase vorbei ist. Dieses Ziel weiß sich in wesentlichen Punkten eins mit den Neoliberalismus oder Deregulierung genannten Bemühungen um eine effizientere und von sachfremden Einflüssen befreite Wirtschaft. Aber diese Bemühungen ergeben erst dann ein sinnvolles Ganzes, wenn parallel dazu eine fortschreitende partielle Unabhängigkeit der Individuen von der kapitalistischen Geldwirtschaft erreicht werden kann. Denn den Individuen ist weder die totale Abhängigkeit von einem deregulierten Arbeitsmarkt angemessen, noch das völlige demotivierende Angewiesensein auf die Wohlfahrt der Gesellschaft. Um diese partielle Autarkie zu erreichen, soll das "high-tech self-providing" genannten Konzept einer modernen lokalen Subsistenz (s. Punkt VII) in den Mittelpunkt des Interesses gerückt werden. (Selbstverständlich ist dieses Konzept nur mit Hilfe der enormen Leistungsfähigkeit moderner Technologie und Wirtschaft realisierbar.) Mit der Subsistenz entstehen im Rahmen der gesamten Ermächtigung des Individuums zudem wichtige Kontrollmöglichkeiten gegenüber der Wirtschaft als moderner Institution.
Bedeutend ist weiterhin, den gesamten Wissenschafts- und Forschungsbetrieb als moderne Institution zu begreifen. Die Vertreter aller moderner Institutionen sind als professionelle Dienstleister verstehen, d.h., ihre Tätigkeit folgt keinem kollektiven Selbstzweck, sondern wird dem Nutzen der einzelnen Menschen untergeordnet. Selbst die Grundlagenforschung muß sich der Debatte stellen, wofür die immer knappen Mittel sinnvollerweise eingesetzt werden sollen.

VI. Renaissance der Initiation in moderner (individueller) Hinsicht

Es bleibt eine große Aufgabe der modernen Zivilisation, bzw. derjenigen Personen, die sich dafür verantwortlich fühlen, b.z.w. es zu ihrem Beruf gemacht haben, die einzelnen Menschen auf verschiedenen Ebenen dabei zu unterstützen, sich zu entwickeln, eine Beruf zu erlernen und mündige Bürger zu werden. Das geschieht in der Erziehung und in den Bildungsinstitutionen. Darüber hinaus wird aber für eine Politik der Geistigen Freiheit ein neu zu etablierender Maßstab des Erwachsenseins notwendig, der jeden unmittelbar persönlich betrifft. Dabei geht es dann nicht mehr um die Hilfe für andere, sondern allenfalls noch um die paradigmatische Wirkung der eigenen Bewältigung oder Erfüllung dieses Maßstabs.
Ein solcher Maßstab ist durch die Möglichkeiten der bewußten, individuellen Selbsterfahrung und durch die Verarbeitung der Prägungs- und Entwicklungsstufen jedes einzelnen Menschen definiert, allem voran aber durch eine Renaissance der Initiation, und zwar in einer modernen Form, die nicht mehr ritualisiert, sondern formal frei ist. Gleich welchen Geschlechts oder welcher Herkunft, jede Person wird ihren eigenen initiatorischen Weg suchen müssen. Diese moderne Initiation beruht im wesentlichen auf der aktiven Annahme der eigenen Sterblichkeit (der Bedingung unserer Lebendigkeit!), was die Voraussetzung für den im voraus nicht begreifbaren und nie ungefährlichen Versuch ist, sich aus der jeweils eigenen Kindheit und aus der eigenen Gemeinschaft herauszubewegen und ein neues Ganzes, eine einzigartige erwachsene Persönlichkeit zu werden. Für dieses Trennungsgeschehen von der Gesellschaft (Kollektivität) muß sich der Mensch seinen inneren Abgründen und Unwägbarkeiten aussetzen - getragen von dem Glauben, diese Initiation zu bestehen, was aber trotzdem eine tödliche Gefahr des Absturzes beinhalten kann. Diese Dimension des Risikos ist unabdingbar für die Substantialität des Vorgangs und kann als Wiedererarbeitung des Schicksalsbegriffs für die moderne Disposition, für den modernen Menschen verstanden werden. Die Erfahrung des eigenen freien Geistes ist Motor, Leitfaden und Abschluß dieses Abenteuers.

VII. Entflechtung der Lebensumstände, Subsistenz

Entscheidend für die politische Selbständigkeit der Individuen wird desweiteren eine fortschreitende Entflechtung und Lokalisierung der konkreten Lebensumstände auf neuestem technologischen Niveau sein. D.h., durch im Rahmen moderner Forschung und Technologie schon zustandegebrachter, bzw. noch zu entwickelnder Mittel, die durch die Tatkraft und Effizienz moderner Wirtschaft für immer mehr Menschen erschwinglich sind, soll eine auf das Individuum zugeschnittene lokale Subsistenz und Autarkie der basalen materiellen, aber auch kulturellen Lebensgrundlagen möglich werden (auch "high tech - self providing" genannt). Produktionsmittel sollen dabei so klein und bedienbar werden, wie es heute noch Produkte sind. Die neuen Mittel der Subsistenz sollen gerade durch ihre Allgemeinheit den ganzen Reiz avancierter Technik und Lebenskultur ausstrahlen und dadurch ohne weiteres sowohl Produzenten als auch Konsumenten finden. Die Steigerung der lokalen Unabhängigkeit der Menschen wird auch die Fehlerfreundlichkeit und Flexibilität in den Abläufen der Wirtschaft erhöhen. Deren "Atmen" zwischen Wachstum und Rezession, zwischen Boom und Pleite verliert an Schrecken, wenn die Abwärtsbewegung nicht sofort für viele Menschen bedeutet, ihre Existenz zu verlieren. Das Auf unf Ab kann dann als Ausdruck der Lebendigkeit und des Lernens begriffen werden.
Das Erreichen dieses Ziels kann man sich gut vorstellen als synchronisiert mit dem unvermeidlichen schrittweisen Umbau des menschlichen Materialumsatzes in ein nachhaltiges Kreislaufsystem, der mit aller zur Verfügung stehenden wissenschaftlich-technologischen Innovativität zu bewerkstelligen ist. (Man muß sich die Innovationsgeschichte der letzten ein-, zweihundert Jahre in die Zukunft extrapoliert vorstellen.) Durch einen solchen Umbau kann auch der globale Kampf um Rohstoffe und Ressourcen - immer noch Ursache für Kriege - langsam an Bedeutung verlieren. Die politische Procedere dieses Vorhabens besteht darin, daß zuerst die potentesten Gesellschaften und hier wieder die potentesten Mitglieder dieser Gesellschaften ohne substantiellen Verlust an den Möglichkeiten guten, intelligenten Lebens die neuen Mittel entwickeln, die auch den Notwendigkeiten nachhaltiger und ökoeffizienter Existenz genügen und damit jenes dauerhafte Niveau an Wohlstand kreieren, das auf der Basis größtmöglicher individueller Selbstverantwortung der einzelnen Menschen sachlich und global verallgemeinerbar ist.
Da unsere hochentwickelte, arbeitsteilige Zivilisation aber nicht in jeder Hinsicht individualisiert werden kann (man denke z.B. an die medizinische Versorgung, an das Bedürfnis nach Besonderheit oder eben an die Herstellung der Mittel für die lokale Subsistenz), bleibt es immer ein wichtiges zivilisatorisches Ziel, daß jeder Mensch auch Möglichkeiten hat, Geld zu verdienen bzw. solidarische Unterstützung zu erhalten.

VIII. Die Mittel zur Überwindung der Kollektivmächte und der politischen Gewaltverhältnisse

Der in Institution, Initiation und Subsistenz gipfelnde persönliche Entwicklungsprozeß stellt die Politik der Geistigen Freiheit auf die Basis eines gestärkten Selbstbewußtsein des einzelnen Menschen und einer individuell-menschlichen, des je eigenen Schicksals eingedenken Vernunft. Das ist keine Beschränkung der geistigen Freiheit, sondern eröffnet überhaupt erst die Chance ihrer durchgängigen schöpferischen Existenz auf der gesellschaftlichen und vor allem auf der zwischenmenschlichen Ebene. Die daraus resultierende politisch-vernünftige Kompetenz der Menschen ist Voraussetzung der nicht mehr gewaltsamen (kulturellen) Revolution gegen die traditionellen Kollektivmächte und Kollektivstrukturen. Diese Kompetenz beinhaltet die Emanzipation von den kollektiven Manipulationsmechanismen, die ja nicht willkürlich sind, sondern auf dem untrennbaren Konglomerat der natürlichen und kulturell konstitutierten Eigenschaften der Individuen beruhen.
Das allgemeine Selbstverständnis der Stärke und Unabhängigkeit des einzelnen Menschen - seine Zivilcourage - ist die Garantie, die ein neues Abgleiten in kollektive Gewaltverhältnisse verhindert. Die gesellschaftliche Transparenz soll erhöht und Klüngelwirtschaft soll effektiv bekämpfbar werden. Und wenn diese selbstbewußten Menschen als Konsumenten Wert darauf legen, dann werden auch die Produktion und die Produkte der Industrie und die Verfahren des Handels grundlegend an Auswüchsen und an problematischen Nebenwirkungen verlieren, sowie an Umweltverträglichkeit gewinnen.

IX. Individualisierung der Macht

Nicht alle Mängel, nicht alle Ungerechtigkeiten lassen sich aufheben, z.B. der sich dem Ideal gesellschaftlicher Gleichheit zäh wiedersetzende Besitz an Grund, Boden oder Wohnraum. Eine Individualisierung der Macht setzt deshalb zusätzlich zur Entflechtung der Lebensverhältnisse voraus, daß sowohl die Besitz- und Territorialbedürfnisse der Menschen als auch die damit verbundenen Abgrenzungs- und Sicherheitsbedürfnisse nicht auf Dauer alleine in den zur Zeit vorherrschenden Formen gelöst werden. Die Veränderungen dieser Formen können selbstverständlich nicht mit Veränderungen auf der materiellen Ebene, etwa mit Enteignung von Besitz oder mit wahlloser Abschaffung von Mauern und Grenzen geschehen. Das Entscheidende ist die Entstehung sowohl der individuellen als auch der (welt-)gesellschaftliche Autonomie - beides unmittelbar verbundene und primär geistig-seelische Prozesse, die sich erst in zweiter Linie materiell und hier in der Schaffung neuer anstatt in der Änderung alter Gegebenheiten auswirken sollen! Jede wirkliche Veränderung, die nicht nur Unfreiheit verschieben will, kann nur aus der wachsenden Freiheit des einzelnen Menschen heraus, bzw. in sie hinein erfolgen. D.h., sie kann nur Ergebnis eines kreativen Aktes sein. Der Übergang vom Primat des Materiellen (des Anfassbaren) zum Primat des Geistigen (der Gestaltung des Anfassbaren, der Politik der Geistigen Freiheit), in dem wir schon längst mittendrin sind (Stichwort Informationsgesellschaft), ist das wesentliche Element des Übergangs der Macht von ihren kollektiven Ausprägungen zu individuellen.

X. Der politische Mensch als endgültige Konkretion des Abstraktums Mensch

Die Politik der Geistigen Freiheit lebt entscheidend davon, daß die einzelnen Menschen ihr Schicksal in höherem oder anderem Maße als bisher in die eigenen Hände nehmen. Man kann dies - alles bisher beschriebene zusammenfassend - als die Etablierung eines politischen Menschseins und damit überhaupt als Premiere des Menschen an sich auf der Bühne der (Welt-)Politik definieren, eine Bühne, auf der bis heute immer nur Gruppen, bzw. deren politische Repräsentanten standen und stehen. Diesen politischen Menschen, nennen wir ihn die endgültige konkrete Lebendigwerdung des Abstraktums Mensch, gibt es wegen des nach wie vor nicht überwundenen Primats der Kollektivität selbst in den entwickeltsten Gesellschaften noch nicht. Es kann ihn aus rein logischen Gründen auch nur im Maßstab der gesamten Menschheit geben.

XI. Zeitperspektive: Zwei bis drei Generationen!

Mit dem politischen Menschsein ernst zu machen, diese Erfordernis richtet sich gerade und zuerst an die Fähigsten unter uns. Da die Entwicklung individueller Selbstbestimmung von Kindheit an ein langwieriger Prozeß ist, und bis auf weiteres bei vielen Menschen noch die Einstellungen, die Gelegenheiten und die Mittel dazu fehlen, wird man realistischerweise die Abfolge von ein, zwei oder drei Generationen ansetzen müssen, bis eine große Mehrheit der Menschen diesen Schritt zum politischen Menschsein, zur individuellen politischen Selbständigkeit vollziehen kann.

XII. Schwieriger Differenzierungsprozess zwischen bestehenden Gesetzen und neuer Selbständigkeit des Individuums

Die einzelnen Personen können im Anschluß an das Weltereignis beginnen, den Anspruch und die Praxis der institutionell verankerten, machtpolitischen Autonomie des Individuums für sich selbst zu verwirklichen - ausgehend von ihrer derzeitigen Lebenssituation. Sie haben in dem Auftrag, sich politisch auf eigene Beine zu stellen, das Recht, alles Bestehende in Frage zu stellen. Dabei geht es aber nicht um einfaches Ausklinken aus existierenden Regelungen, es sei denn, sie sind offensichtlich ungerecht. Die konkrete Ausübung dieses Rechts erwerben sich die Menschen, indem sie neue individuelle, aber allgemein kompatible Wege für ihre Anliegen finden. Dieser schwierige Differenzierungsprozeß zwischen Geltung der bestehenden Gesetze, zwischen z.B. der Pflicht zur Steuerzahlungen und einer neuen politischen Eigenständigkeit sollte in fairem Umgang und in demokratischem Geist geschehen. Die Vertreter der Institutionen haben dabei ausdrücklich nur die Funktion des Dienstleisters, allerdings mit allem Ernst in der Sache (man denke an ein unabhängiges Gericht). Die dezentrale Weltöffentlichkeit des Internet kann für den Erfahrungsaustausch und zur Herausbildung von Maßstäben für solche innovative politischen Entwicklungen eine wichtige Rolle spielen.

XIII. Krieg, Militär und Gewalt

Die Prinzipien von Autorität, von Hierarchie und von sozialer Differenz behalten ihre beschränkte sachbezogene Bedeutung in gesellschaftlichen Subsystemen, in den Institutionen, überhaupt in allen überschaubaren Gruppen und Verhältnissen. Sie bleiben unabdingbar bei der Erziehung der Kinder oder bei der Bewältigung konkreter schwieriger Aufgaben. Aber für die Ordnung und Stratifikation der Weltgesellschaft sind sie untauglich, mangelt es ihnen doch entscheidend an allgemeiner Praktikabilität für eine Gesellschaft von sechs oder mehr Milliarden Menschen.
Noch ist das Denken der Menschen zu sehr besetzt von Krieg, Militär und Gewalt - zweifelsohne sowohl zutiefst menschlich-kulturelle Dispositionen, als auch Ursprung der strikten Hierarchien, dem wichtigsten militärischen "Werkzeug". Die Menschen sind sich dabei aber offensichtlich zu wenig bewußt, daß diese Kategorien des gesellschaftlichen Denkens, Fühlens und Handelns heute so überholt sind, wie es hohe Burgmauern zum Ende des Mittelalters gewesen sind. Sie, diese Kategorien, werden daher nur solange noch ihre vergehende Bedeutung behalten, bis auch der letzte ihre Antiquiertheit begriffen hat! (Eine Antiquiertheit, die nicht nur aus der fast grenzenlosen Gewalt sog. ABC-Waffen resultiert, sondern aus der Waffentechnologie insgesamt in Verbindung mit der hohen Intergriertheit und der daraus folgenden Verletzbarkeit moderner Gesellschaften.) Ein solches Klugwerden und der daraus folgende Abbau der Mittel kollektiver Gewaltanwendung kann nur ein quasi weltganzheitlicher zivilisatorischer Prozeß sein. Das ergibt sich nicht zuletzt aus dem Umstand, daß Militärs überall auf der Welt eher gleich, d.h. strikt hierarchisch, denn unterschiedlich sind, je nachdem, ob ihre Staaten rechtsstaatlich sind oder nicht. Zweifelsohne wird es wegen der Schwierigkeiten dieses Prozesses noch längere Zeit die traditionelle Macht- oder Sicherheitspolitik geben und die Vereinigten Staaten von Amerika haben als stärkste Militärmacht der Welt und als eine der stabilsten Demokratien trotz aller Kritikwürdigkeit von einzelnen ihrer Handlungen bis auf weiteres die große Aufgabe, der Garant der Freiheit der Welt zu sein. Die Politik der Geistigen Freiheit muß, selbst wenn sie mit dem Paukenschlag eines Weltereignisses beginnt, erst langsam das Vertrauen der Menschen gewinnen, um ihren Charakter als eine Zeitenwende weltweit im Konkreten durchsetzen zu können.

XIV. Moderne Formen der Kollektivität

Die Menschen haben immer als soziale Wesen gelebt und sie werden auch in Zukunft auf den Kontakt zu ihren Mitmenschen so angewiesen bleiben, wie die Fische auf das Wasser, in dem sie schwimmen. Nun haben sich im Laufe der Neuzeit Formen kollektiven Lebens entwickelt, die einerseits dem menschlichen Gruppenverhalten mit all den weißen und schwarzen Emotionen, den Feindschaften und Freundschaften, Kampf und Versöhnung, der Motivationskraft, der Geborgenheit etc. Raum geben und die trotzdem mit der zivilen Gesellschaftlichkeit, die ja schon in hohem Maße auf dem Prinzip oder Paradigma der individuellen Selbständigkeit beruht, kompatibel sind. In erster Linie handelt es sich dabei um die Kultur des Sportes, um die kapitalistische Wirtschaft und um die Gestaltung des politischen Lebens durch Parteien. Dadurch gibt es die Möglichkeit, Vereine, Unternehmen bzw. Parteien zu gründen und in kämpferische Konkurrenz zu anderen Vereinen, Unternehmen bzw. Parteien zu treten - im Rahmen der von den jeweiligen Staaten (und deren Gewaltmonopol) garantierten zivilen Ordnungen.
Weiterhin könnte man auch die ganz andere Aufgaben erfüllende Kleinfamilie zu diesen zivilen Neuschöpfungen rechnen. Generell ist zu sagen, daß es eine Frage der kulturellen Schöpfungskraft ist, die Eigenschaften und Bedürfnisse der Menschen in einer auf dem Paradigma der Individualität beruhenden Gesellschaft zur Geltung zu bringen. Diese kulturelle Schöpfungskraft wird auch in Zukunft noch gefragt bleiben.
Solange allerdings der Paradigmenwechsel zum Individuum nicht definitiv vollzogen ist, können auch diese neuen Formen menschlicher Koexistenz immer wieder kollektiv mißbraucht werden. Und oft ist es ein opferreicher Weg voller Rückschläge, bis die Dämonen der kollektiven Gewalt, des Neides und Hasses auf "die anderen", bis die Dämonen des Krieges gebändigt sind. (Man denke nur an die lange, äußerst schwierige und schlußendlich noch im Übermaß bösartige Geschichte, die durchlaufen werden mußte, bis erst vor einer guten Generation mein Volk, die Deutschen, Rechtsstaat, Demokratie und Zivilgesellschaft endgültig verwirklichen konnten.)

XV. Würde und Selbstachtung des Menschen

Die Würde und Selbstachtung des Menschen hängt nicht in erster Linie von seinem Wohlstand ab, obwohl der eine nicht unwichtige Rolle spielt (Was kann ich mir leisten?!). Gerade in den Gesellschaften, in denen die Individualisierung am fortgeschrittensten ist, schärft sich immer mehr der Blick dafür, daß fast alle Gewalt- oder Mißbrauchstaten an Kindern - es geschehen derer leider viel mehr, als man für möglich hält - ihren Ursprung in persönlichen Unterdrückungs-, Gewalt- und Demütigungserlebnissen der Täter haben, die sie meist selbst in ihrer Kindheit erleiden mußten. Dabei stellt sich auch heraus, daß die Täter buchstäblich aus allen Bevölkerungsschichten kommen. Und wo ist das Selbstwertgefühl, die Selbstachtung, beides ja ein Spiegel der Achtung durch die anderen, mehr preisgegeben, als beim sexuellen Mißbrauch von Kindern? Obwohl die Täter das meist nicht wahrhaben wollen. Die Bedeutung dessen, was Kindern mitgegeben wird, kann für die Bildung der Persönlichkeit gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Politisch gesehen stellt man fest, daß gerade Menschen in prekären seelischen und/oder sozialen Verhältnissen zur Hebung ihres Selbstwertgefühls oft auf die "Droge" eines ideologisch-mythisch aufgeladenen und besonders virulenten Neokollektivismus (meist als Nationalismus oder Fundamentalismus) zurückgreifen, der sie in Hass und Gewaltbereitschaft gegenüber sog. Fremde bzw. Andersdenkende versetzt oder in kriegerische Auseinandersetzungen mit ihren Nachbarn bringt. Die Bemühungen um Hebung des zivilen Lebensstandards werden so erschwert oder zunichte gemacht. Und die Leute werden allzuleicht zum Spielball verkommener Oligarchien. Den vielleicht dümmste Fehler macht man daher, wenn man den Armen und Unterpriviligierten überall auf der Erde wie implizit auch immer die Würde abspricht und das Selbstwertgefühl streitig macht - eine Haltung, die selbst ein deutliches Zeichen mangelnder eigener Souveränität ist. In diesem Sinne sind die überall grassierenden Überlegenheitsdünkel und die extremen Abgenzungsbedürfnisse als verfehlte Antworten auf die Notwendigkeiten der modernen Welt und der Individualisierung zu kritisieren. Der Individualismus der sog. westlichen Welt ist noch zu äußerlich, zu materialistisch und damit zu kollektivistisch gestaltet. Es gibt daher keinen Grund, sich über religiöse oder ideologisierte Menschen zu erheben, was sicherlich nicht bedeutet, wiederum deren Allgemeinheitsanspruch oder deren Gewaltbereitschaft zu akzeptieren. Wir haben keine Alternative dazu, den einzelnen Menschen, seine "Schwäche", aber auch seine geistige Freiheit und Selbständigkeit als Maß, als befreienden Maßstab und als den Gipfel von Würde und Selbstwert plausibel zu machen. Es gibt nichts wertvolleres, was man Kindern mitgeben kann, als den Wert ihres Menschseins. Dies zu verdeutlichen ist vielleicht die vornehmste Aufgabe einer Politik der Geistigen Freiheit.

XVI. Selbstgefährdung unserer Zivilisation

Es gibt sehr ernstzunehmende Stimmen, die unseren Weg in die Zukunft nicht so klar und machbar sehen, wie es hier dargestellt wird. Diese Stimmen weisen darauf hin, daß die schon bestehenden Schäden des Ökosystems der Erde und die womöglich noch geschehenden in Verbindung mit einer weiteren Verdoppelung der Menschheit die kommenden fünfzig Jahre zu einer äußerst schwierigen oder sogar katastrophalen Epoche machen können. Nur wenn die Menschen einen neuen gemeinsamen Geist des Kämpfens gegen diese Unbill der nicht mehr wie gewohnt funktionierenden Natur entwickeln, nur wenn sie an die Leidensfähigkeit anschließen, die die Menschen allein in unserem Jahrhundert zwei Weltkriege und unzählige weitere Kriege durchmachen ließ, nur dann ist der Menschheit eine realistische Chance einzuräumen, die Zukunft zu gewinnen.
Wer wollte diese Szenarien, die z.T. hohen wissenschaftlichen Sachverstand auf ihrer Seite haben, ausschließen? Und wir sollten tatsächlich davon ausgehen, daß die Menschen wenigstens im Ernstfall ungeheuere Kräfte mobilisieren können, auch und gerade um anderen zu helfen, um für andere zu kämpfen. Allerdings ist der hier skizzierte Paradigmenwechsel zum Individuum als Basis des menschlichen Lebens auf der Erde auch dafür von entscheidender Bedeutung. Denn die heutigen Gefahren sind kaum mehr derart, daß ein Kollektiv das andere bedroht oder angreift und dieses sich heroisch dagegen wehren muß. Auch im Falle von Naturkatastrophen bleibt die Abschreckung intakt und ein Krieg um verbliebene Ressourcen, bei dem beide Seiten auf aktuellem waffentechnischen Niveau sind, würde auch dann dem Angreifer mehr schaden als nutzen. Die heutigen Gefahren entstehen vielmehr eher indirekt, als Nebenwirkung der intensiven und oft egoistischen Anwendung unserer ungeheueren Möglichkeiten. Man denke an das Abholzen riesiger Flächen mittels riesiger Maschinen, was eine Einbahnstraße ist, denn diese Flächen bleiben dann schutzlos der Bodenerosion preisgegeben.
Skrupellosigkeit und Ignoranz gab es immer, das moralische Kostüm der Menschen hat sich durch die Jahrtausende wohl kaum wesentlich verändert, bei allen sittlichen Unterschieden der Gesellschaften (dem besten Beweis dafür, daß Freiheit ein sehr altes Phänomen ist). Wenn diese negativen menschlichen Eigenschaften in heutiger Zeit solch destruktive Wirkungen entfalten, dann liegt das nur in zweiter Linie an den beteiligten Menschen, in erster Linie liegt es an den gigantischen Möglichkeiten dieser Zeit und ist daher letztlich nur als allgemeines Problem zu erfassen und zu bekämpfen. Das Bewußtsein, in einer Welt von selbständigen Individuen zu leben, kann uns den entscheidenden Anhaltspunkt geben, einander in schwierigen Situationen beizustehen, wie und wo auch immer sie stattfinden. Aber es muß zuerst und vor allem dazu führen, die Kollektivstrukturen grundlegend aufzubrechen, die den individualistischen Mißbrauch unserer zivilisatorischen Möglichkeiten durch egozentrische Eliten und Oligarchien immer noch so leicht machen.

XVII. Ökologische Vernunft

Der ökologische Gedanke des Schutzes der Umwelt und des sorgsamen Umgangs mit den Ressourcen ist Ausdruck purer Vernunft und damit höchst modern. Daß er in den Zeiten des Kalten Krieges verunglimpft und geradezu zerrieben wurde, entstammt der unausweichlich paranoiden Geisteshaltung klassischer Kombattanten um die kollektive Macht - ein weiteres Beispiel der Verfangenheit zeitgenössischer Politik in vormoderne Strukturen. Ökologisches Denken hat die ganzheitliche, auf Hege, Pflege und Einklang mit der Natur ausgerichtete menschliche Tradition zum Vorbild, wie sie von der auf Subsistenz angewiesenen Bauernschaft über die Jahrtausende praktiziert worden ist. Diese ruhige bescheidene Haltung ist das ganze Gegenteil der alle Hindernisse ausschaltenden, auf den Sieg fixierten Prinzipien des Kampfes oder des Krieges. Leider ist das "kriegerische" Denken heute im Kampf um Umsätze und Marktanteile - ein Kampf, von dem tatsächlich oft die Existenzen von zigtausenden von Menschen abhängt - schon lange in das Gebiet der Wirtschaft gewandert und verhindert so immer noch den Siegeszug ökologischer Vernunft. Trotzdem hat niemand anderes als das Kapital das Potential und den Freiraum, um konsequent neue, umfassende ökologische Verfahren und Technologien entstehen zu lassen. Weder die Staaten, die allesamt viel zu sehr um ihren Bestand kämpfen und in den Fängen einer Unzahl von Lobbys sind, noch einzelne Menschen können dies effektiv tun.
Heute produziertes radioaktives Material wird noch in Zeiten eine Gefahr darstellen, die soweit weg sind wie das Aussterben der Neandertaler. Die fossilen Energieträger werden, unabhängig davon, was sie noch für ökologische Schäden anrichten, in relativ naher Zukunft zu Ende gehen. Allein diese beiden Beispiele zeigen, daß es genügend Gründe gibt, mit allem Nachdruck Alternativen zu erstellen. Diese Gründe mögen nicht der kurzfristigen Profitabilität entsprechen. Aber wo bleibt die Souveränität des Kapitals, wo bleibt die aus seiner Potenz erwachsende geistige Kraft und Offenheit?
Letztenendes wird es so kommen, daß Investitionen in ökologische Innovationen glanzvolle wirtschaftliche Erfolgsstorys werden, denn wir sind schlechterdings auf sie angewiesen. Die Frage ist höchstens, wieviel geht vorher noch "den Bach runter", bis sie wirklich greifen. Das kann wie gesagt noch sehr viel werden.

XVIII. Globalisierung und politische Weltordnung

Die politische Weltordnung basierte vielleicht nur zwischen den beiden Weltkriegen, zur Zeit des Völkerbundes, auf dem Nebeneinander vieler Nationalstaaten. Seit 1939, spätestens jedoch seit 1945, seit Beginn des "Kalten Krieges" ist das nicht mehr der Fall. Heute, nach dem Ende der bipolaren und "Reichs"-artigen Weltordnung der Sowjetisch-amerikanischen Ära leben wir in einem Interregnum, das sicher nicht mehr durch eine Renaissance der Nationalstaaten als Globalordnung zu überwinden ist.
Die ideologisierte Bedeutung der wirtschaftlichen "marktradikalen" Globalisierung ist aus dieser Sicht Ergebnis des herrschenden Mangels an einer politischen Weltordnung, die von dem Prinzip des freien Marktes jedoch mitnichten geboten werden kann. Wieso auch, Wirtschaft ist eben nicht Politik!
Daß in dem Machtkampf um eine neue Weltordnung die unbestreitbaren Notwendigkeiten und Vorteile, ja die Aufbruchsstimmung von freiem Welthandel, globalem Wettbewerb, Korruptionsbekämpfung etc. als Machtmittel sachfremd instrumentalisiert werden, ist nicht nur wirtschaftlich auf Dauer kontraproduktiv, weil zu eindimensional auf kurzfristige Kostenreduzierung ausgerichtet. (Als Inversion des Sozialismus, als Utopie, die alles Heil wieder einem einzigen Prinzip - dem freien Markt - aufbürdet, ist der ideologische Neoliberalismus zudem leicht als ein Überbleibsel des Kalten Krieges zu identifizieren.) Vor allem wird durch die wirtschaftliche Globalisierung mit ihren trotz Laissez-faire und Leistungsprinzip systemisch-kollektivistischen Gesamtabläufen nocheinmal ein geschichtlicher Prozeß auf dem Rücken der großen Mehrheit der einzelnen Menschen auf der ganzen Welt ausgetragen, die kaum Einflußmöglichkeiten haben und sich gegen negative Auswirkungen und Wendungen nicht wehren können.
Wie schon angeführt, müssen auch die globalisierte Wirtschaft und Finanzwelt effiziente Dienstleistungsinstitutionen im Dienste der Individuen werden, anstatt Machtinstrumente in den Händen bestimmter Eliten zu sein. Auch wenn die Wirtschaft boomt, ist das keine Rechtfertigung für letztlich prämoderne oligarchische Strukturen! Man denke nur an den schwierigen Kampf, Weltkonzerne dazu zu bewegen, Sozialstandards einzuhalten, die sich deutlich von moderner "Sklaverei" abgrenzen.
Zum jetzigen Zeitpunkt kann kein Einzelner gegen den einmal begonnenen Wettlauf um Profitabilität verstoßen, ohne unterzugehen. Aber die Individuen, wir alle, können die Wirtschaft aus den ideologischen Korsetts gleich welcher Couleur befreien und ihre Kraft wieder in ein größeres Ganzes einbetten - mit Hilfe des Weltereignisses und der Bereitschaft jeder einzelnen Person, die Institution der individuellen politischen Selbständigkeit mit allem, was dazu gehört, zu begründen. Denn beides zusammen ist die Inauguration und Realisierung einer neuen politischen(!) Weltordnung.

XIX. Der Krampf der Geschichte

Alle großen (und kleinen) Kulturen der heutigen Welt, sei es die islamische Gemeinschaft, sei es die hinduistische oder die konfuzianische Tradition, sei es der sogenannte Westen, um nur diese vier zu nennen (wo es deren tausende gibt), sind menschheitsgeschichtlich gesehen sehr jung. Sie alle sind Ausprägungen jener "Mega"-Gesellschaftlichkeit, die seit Beginn der Seßhaftigkeit vor ca. 10 000 Jahren, vor allem aber seit Erfindung der Städte, des Geldes, der Schrift u.v.m. entstanden sind.
Alle - auch oder gerade der Westen und die moderne Welt - bringen ihren Mitgliedern ein Höchstmaß an Anpassung bei, um die weitgehende Homogenität und das gemeinsame Funktionieren von Millionen von Menschen zu erreichen. Alle neigen sie zur Hegemonie über andere Kulturen. Ohne irgendeiner Relativierung oder Verharmlosung Vorschub zu leisten, ohne insbesondere den Freiheitsbegriff abzuqualifizieren - was ja grotesk wäre in einem politischen Programm unter dem Banner der Geistigen Freiheit -, ist daher zu sagen, daß die Unterschiede zwischen den westlichen, demokratisch-rechtstaatlichen und liberalen Großgesellschaften und den anderen Kulturen immer noch in wesentlichen Punkten als nur graduell zu betrachten sind. Immer noch gilt weltweit das Paradigma der Kollektivität, auch wenn überall viele einzelne Menschen sich schon von ihm verabschiedet haben.
Die Politik der Geistigen Freiheit, so viel sie der westlichen ideellen und politischen Tradition verdankt, nimmt vor allem jene nicht seßhaften Jäger- und Sammlergesellschaften zum Vorbild, die zu Beginn der sog. jungsteinzeitlichen Revolution schon eine sehr viel längere Geschichte hinter sich hatten, als alles, was danach entstanden ist, bis heute erlangt hat. Durch wissenschaftliche Forschungen, vor allem aber durch das Kennenlernen der letzten verbliebenen ursprünglichen Nomadengesellschaften wissen wir, daß diese Menschen anarchisch, egalitär und "eher locker" zusammenlebten - ein zwischenmenschliches Niveau, dessen Offenheit und "Unschärfe" ein wesentliches Moment des Freiraums für eine unprätentiöse, selbstverständliche Individualität ist. Auch wenn es Gegenbeispiele geben mag (z.B. räuberische Nomaden), sind es diese menschlichen Gesellschaftssituationen, Ausdruck eben einer jahrzehntausende alten Zivilisation, die unseren "Mega"-Gesellschaften in einigen heute zukunftsweisenden Punkten voraus sind. Geistige Freiheit, der Paradigmenwechsel zum Individuum, die moderne Institution und lokale high-tech Subsistenz sind die Mittel, die uns helfen sollen, diese Situationen in für uns angemessener Weise wieder zu finden - alles, um den "Krampf" der doch so eingebildeten Geschichte endlich loszuwerden!


Zwischenstück


Immer noch ist Macht und Politik auch in demokratischen Rechtsstaaten unspezifisch (unkontrolliert) an Eliten und Oligarchien gebunden - also an ein vormodernes Prinzip. Die modernen Organisationswissenschaften gehen davon aus, daß Kollektive, bzw. deren Protagonisten im wesentlichen (etwas euphemistisch als geläuterte Intuitionen bezeichnete) irrationale Entscheidungen fällen. In diesem Sinne wurde in der Einleitung festgestellt, daß die Politik noch nicht in der Neuzeit, dem Zeitalter der Vernunft und der Individualität angekommen ist. Das bedeutet zugleich, daß die Neuzeit auch nicht wirklich bei den normalen Menschen angekommen ist - dies sowohl nicht in Form der gewaltigen Möglichkeiten der heutigen und der zukünftigen Zivilisation, die auf den Einzelnen (weltweit) erst noch ausgerichtet werden müssen, als auch nicht als herausfordernder Maßstab für die politische Selbstbestimmtheit des einzelnen Menschen, dem es erst noch gerecht zu werden gilt.
Ich will die grundlegende These einer Politik der Geistigen Freiheit nochmal in Worte fassen. Die bedeutendste und äußerst drängende Problematik der heutigen Welt ist nicht so sehr die mangelnde Modernität der vielen mehr oder weniger stark von Traditionen geprägten Gesellschaften, Gruppen oder Personen überall auf der Erde. Das größte Problem ist vielmehr die mangelnde Ausentwickeltheit der Moderne oder der Neuzeit selbst, gemäß ihren eigenen Prinzipien. Die gegenwärtige moderne Zivilisation hat noch nicht Hand und Fuß, sie ist noch eine unausgegorene und oberflächliche Mischung aus alt und neu. Deshalb ist sie auch ein zwiespältiges, unbefriedigendes Angebot an die traditionellen Kulturen und Menschen (unabhängig davon, daß diese vom Glanz des modernen Konsumismus angezogen und korrumpiert werden). Und sie stellt sich auf diese Weise immer wieder selbst ein Bein.
Man kann und soll sicher nicht davon ausgehen, daß ein politisch selbständiges Individuum die Mittel des Verstandes und der Vernunft in seinem Bereich "reiner" oder gar effektiver anwendete, als die heutigen Heroen der kollektiven "geläuterten Intuition" dies in ihren Bereichen erreichen können. (Das eigentliche Feld der modernen Rationalität ist die Institution!) Aber die Unwägbarkeiten des politischen Procedere sind zu groß, sein Brückenschlagen zwischen den Abgründen und Widersprüchen, zwischen der materiellen und der geistigen Existenz des Menschen ist zu prekär, um das herrschende Konglomerat aus Potenzen der Moderne und Kollektivitäts- bzw. Machtformen der vormodernen Welt dauerhaft bändigen zu können.
Eine solche Not erfordert radikalere Konsequenzen, als die Neuzeit bisher zu verwirklichen imstande war. Die Gewaltorgien der französischen Revolution oder Stalins waren eben keineswegs radikal, sondern traditionelle "Machtmittel", die doch nur wieder in die alte Welt zurückführten. Unüberbietbar radikal und von kaum zu überschätzender geschichtlicher Tragweite ist der gesellschaftliche Paradigmenwechsel von der Kollektivität zur Individualität als einem neuen Basisprinzip menschlichen Zusammenlebens! Dadurch werden die Abgründe im Menschen nicht aufgehoben, aber ihre politische Hegung - die Macht - wird individualisiert und nicht mehr in Form von kollektiven Gewaltexzessen inszeniert. Ihn gilt es zu durchzusetzen.

Das diesem politischen Programm folgende politische Pamphlet "Politik der geistigen Freiheit II" setzt die Bemühung fort, diese politische Innovation als Weg zur Bewältigung unseres nach wie vor gefährlichen Zwischenzustands (Interregnums) zu präsentieren.



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