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Wolfgang Behr
The "Anti-*itler"




Hitlers Universalismus und Celans Antwort darauf

von Wolfgang Behr



30.01.2006
22.06.2007/22.02.2008 (Präzisierungen nach einem Gespräch mit Rüdiger Safranski)
2009-2015 (nicht gekennzeichnete) verständnisfördernde Überarbeitungen



"... dem - nicht des Leidens der Opfer, sondern der fortgeschrittenen Kultur der Täter wegen - singulären Menschheitsverbrechen des Holocaust ..."
Micha Brumlik, jüd.-dt. Autor und Erziehungswissenschaftler, in einem FR-Artikel vom 21.02.2008




... Die von ihm und seinen Helfern zugerichtete, allzeit mordbereite deutsche Nation war für Hitler nur ein Mittel zum Zweck (daher nach erkanntem Scheitern der "Nero-Befehl") / Er wollte - nach dem Endsieg - die Welt ordnen, von seiner Welthauptstadt Germania aus / Nach atavistischen Prinzipien aus der vorrevolutionären Welt / Verbunden mit technologischer und ideologischer Moderne / Und mit dem drive neuzeitlicher Revolutionen / Sehr, sehr viele im damaligen Deutschland waren mit auf diesem trip / Und manche andere / So schrieb jemand, dass es 1940 in jedem Dorf, in jeder Stadt auf der Welt die Pro-Hitleristen und die Anti-Hitleristen gab /
Was durch diesen Mörderwahn in Frage gestellt worden ist? / Jede Art von dominanter Kollektivität, in der die Gemeinschaft mehr gilt, als der Einzelne! / Das mag Überlebensprinzip durch Jahrhunderttausende gewesen sein / Heute ist das Primat der Kollektivität, jeder Kollektivität(!), der Weg in den Selbstmord des homo sapiens ...






Paul Celan

Paul Celans Eltern kamen während des II. Weltkriegs in einem Lager ums Leben, der Vater starb an Typhus, die Mutter wurde erschossen. Er war sein ganzes Leben mit der Vorstellung traumatisiert, seine Eltern im Stich gelassen zu haben.
Celan stammte aus einer deutschsprachigen jüdischen Familie. Seine Herkunft aus dem Judentum wurde ihm so zum grausamen Schicksal wie unzähligen anderen während des "Dritten Reichs".
Die deutsche Sprache nahm er nach dem Krieg ausdrücklich als seine Sprache an, indem er ein herausragender deutschsprachiger Dichter wurde. So befand sich der unfassbare Abgrund mitten in seiner Person, der auf Grund der industriellen Massenmorde an den Juden in den Vernichtungslagern zwischen den Juden und den Deutschen klafft.
Celan hat wohl versucht, in seiner Dichtung diesen persönlichen Seelenzustand - nicht zuletzt politisch - zu bewältigen. Er wollte mit seinen Gedichten eine deutsche Sprache erschaffen, die sich aller faschistischen Ausdrucksmöglichkeiten entäussert hat.





1. Der Historiker Arnulf Baring erklärte in einem Spiegel-Interview im Oktober 2005: "Wir sind in Gefahr, den Holocaust absolut zu setzen. Joschka Fischer hat oft gesagt, dass der Kern unseres Selbstverständnisses Auschwitz sein muss. Ich finde, das geht nicht. Nichts wird dieses Land von der Erinnerung an den Holocaust befreien. Aber ein solches Verbrechen kann nicht Kern der Identität sein. Das überlebt ein Volk nicht. Wenn es, wie Adorno gesagt hat, barbarisch ist, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben, dann darf es nach Auschwitz auch kein Deutschland geben, schon gar kein selbstbewusstes. Aber wenn es nicht selbstbewusst ist, wenn es nicht von sich verlangt, Positives für Europa zu bewirken - und natürlich für sich selbst -, dann wird es versacken."

Ich gebe Baring Recht: " ... ein solches Verbrechen kann nicht Kern der Identität sein." Aber wir werden unsere nationale deutsche Identität, die wir uns von Hitler während des III. Reiches haben usurpieren lassen, in einem emanzipatorischen zukunftsgewandten Sinne nur wiedergewinnen können, wenn wir einen Weg finden, der Shoah als Ereignis einen unhintergehbaren prägenden Einfluß auf unsere nationale Geschichte und ihre neuerliche Identitätsbildung zu geben. Dieser Weg kann darin bestehen, die richtigen Schlüsse aus der Tatsache der Herrschaft Hitlers sowie aus den unter seiner Führung begangenen Verbrechen zu ziehen und dann die richtigen Handlungen zu vollbringen.

Hitler hat nicht partikularistisch um seines partikularen Vorteils willen gehandelt. Sein Partikularismus war universell angelegt. Er hat eine geschichtsprägende Macht in seiner Zeit gerade auch dadurch erlangt, dass er im Gegensatz zu fast allen deutschen und anderen Zeitgenossen konsequent welthistorisch dachte - wenn auch im Rahmen seines Weltbilds, seiner Vorurteile und seines persönlichen egomanischen Missionwahns.
Zwar waren seine Werte absolut rückwärtsgewandt, geht man von einer fortschreitenden Zivilisationsentwicklung auf eine frei und friedlich geeinte Menschheit hin aus. Denn er ging von der absoluten und universellen Herrschaft des Rechts des Stärkeren durch alle Bereiche der menschlichen sozialen Existenz aus. Aber das bedeutet nicht, dass er sich nicht einem Primat von universellem Charakter unterordnete.
Das von ihm angenommene allgemeingültige "Dschungelprinzip" erfordert nach seiner Vorstellung den nie aufhörenden Kampf um Vorherrschaft. Diesen Kampf wollte er im Zeitalter der sich "globalisierenden" Welt gewinnen, indem er sein ihm untergebenes und ergebenes Volk zu der in jeder Hinsicht stärksten Kraft auf der Welt machte, die alle anderen Menschen und Völker auf Dauer unterwerfen und versklaven wird. Gerade durch die Erziehung "seines" Volkes zur absoluten uneingeschränkten Menschenverachtung wollte Hitler die unbesiegbare "Rasse" der Zukunft schmieden. Das schloss nicht zuletzt die Selbstverachtung und Selbstverdrängung alles menschlich Verletzlichen und Schwachen in der je eigenen Person mit ein, also das, was ein jeder von uns als Kind verkörpert, in mancher Hinsicht als Erwachsener immer behält, mag er es zugeben oder nicht, und als kranker oder alter Mensch wieder ganz offen mit sich trägt.

Dieser dogmatische Rigorismus der Härte rührt nicht zuletzt daher, dass Hitler machtpolitisch ausschließlich reaktionär, d.h. in den Kategorien des Mittelalters dachte, als es nicht zuletzt darum ging, dass große Potentaten große weltumspannende Territorialreiche mit militärischen Mitteln eroberten, beherrschten und immer wieder verteidigen mussten. Diese Weltsicht wurde durch den Sozialdarwinismus modern gestaltet.

Auch wenn der Antisemitismus eine lange Tradition in verschiedenen Ausgestaltungen hatte, ist es kein Zufall, dass die Juden für Hitler und seine Weltanschauung zum Feindesphantasma schlechthin gerieten, anlässlich dessen sein im übrigen stupender Machtrealismus in eine ungeheuerliche, krankhafte und realitätsferne Paranoia umschlug. Denn das Judentum steht seit der Antike dafür, einem von seinem Gott aufgegebenen Weg hin zu einer friedlich und frei geeinten Menschheit zu folgen. Das konnten die Juden nach dem Verlust ihrer territorialen Verankerung (70 n.u.Z.) über die Jahrtausende bis zum Beginn der Neuzeit nur indirekt tun, indem sie ihre immer wieder unmilitärisch erworbene kommunale Selbständigkeit bewahrten und mit rein zivilen (oft finanziellen) Mitteln verteidigten, und, indem sie im Geiste und in strenger Befolgung der ihnen von ihrem Gott geoffenbarten Gesetze, Regeln und deren ständiger unabschließbarer Auslegung in der Bewältigung der je aktuellen Situationen lebten.
Dadurch standen sie paradigmatisch für eine Existenz, die weder im materiellen noch im seelischen Sinne auf die direkte Usurpation oder Beherrschung anderer Menschen oder Völker angewiesen sein konnte. Sie lebten eine Schwäche, eine "Stärke der Schwäche", die sich trotz feindlicher Mitmenschen gegenüber der allgemeinen Gewaltkultur durch eine Art geistespraktische Autarkie zu erhalten wußte und waren damit die absoluten Aussenseiter mitten in Europa. Das Judentum in seiner rabbinischen Gestalt und Geschichte ist nicht zufällig zur selben Zeit entstanden wie der jesuanisch-frühchristliche Feindesliebe-Pazifismus. Das Judentum verkörperte somit ganz unmittelbar und höchst existentiell den absoluten Gegenentwurf zum pseudodarwinistisch verbrämten partikularistischen "Dschungel-Universalismus" A. Hitlers und seiner radikalen Machtelite. In ihm zählte nur die rein äußerlich verstandene Härte und Gnadenlosigkeit der gewaltsamen Durchsetzung im Dienste eines absolut gesetzten Ziels.


Exkurs: Dass Hitler soviel Erfolg mit dieser Ideologie und Gesellschaftspraxis hatte, die selbstverständlich nicht auf seinem Mist gewachsen waren, lag am "Geist der Zeit". Alle diejenigen, die gegen die Werte und die Ergebnisse der französischen Revolution kämpften, und zurück zu einer kompromisslosen patriarchalischen Obrigkeitsgesellschaft wollten, versuchten mit Hilfe dieser Ideologie, die Zeit zurückzudrehen.
Was den Rassismus betrifft, so gibt es die Theorie (s. Schwanitz, "Das Shylock-Syndrom"), dass der Adelige Gobineau ihn erfand, um die in der bürgerlichen Gesellschaft verlorengegangene Sonderstellung des adeligen "blauen Blutes" auf einer neuen Ebene, aber mit derselben Fundamentalität wiederzugewinnen, indem er der "weissen Rasse" eine entsprechende, schicksalsgewollte Sonderstellung vor allen anderen "Rassen" zusprach. Dadurch konnte es zu diesem fatalen Bündnis aus alten reaktionären Eliten und verarmten, nationalistisch aufgehetzten "weissen" Massen auf der Basis des Antisemitismus kommen, das erstmals in der Dreyfus-Affäre in Frankreich sichtbar wurde. Diese Geschehnisse brachten nach jener Theorie Theodor Herzl dazu, 1896 den ersten Zionisten-Kongress in Basel einzuberufen. Er hatte erkannt, dass für die Juden das Pflaster in Europa "zu heiss" wurde.
Wie verquer Geschichte oft verläuft, sieht man an den tapferen deutschen, ja deutsch-nationalen Juden, die mit dem Ritterkreuz des Ersten Weltkriegs auf der Brust zur Zeit des Zweiten in die Gaskammern geschickt wurden.




2. Die besondere und immer noch unübersteigbar scheindende Schwierigkeit einer Wiedergewinnung der nationalen deutschen Identität und Geschichte liegt in der unfassbaren Menschenverachtung, die in der geplanten und zum Teil durchgeführten industriellen Ermordung der Juden durch die vor allem deutschen Täter zum Ausdruck kam und zur Wirklichkeit wurde.
An ihr zerschellen die neunationalen Aufbruchsworte Barings und anderer und sie läßt immer wieder nur hilfloses bedrücktes Schweigen im Raum stehen. Viele Deutsche reagieren darauf, indem sie das Nationale aus ihrem Leben ausgrenzen und in rationalistischer Verkürzung nur vom Staat sprechen. Auch der liberale, auf der Verfügung über Geld und Technik beruhende Individualismus hat auf Grund eben desselben immanenten unpersönlichen Rationalismus nicht die seelische Kraft, die eine patriotische Bindung an das eigenen Land besitzt. Er produziert Individualismus, stiftet aber keine Individualität! Uns Deutschen fehlt nach wie vor der positive entspannte, unmittelbare Zugang zur eigenen nationalen Seele, zur eigenen Geschichte, was es uns immer wieder schwer macht, zu uns selbst zu finden, gesellschaftlich wie individuell.

Ein Weg gibt es vielleicht doch, um trotz der kompromisslosen Aufnahme dieses erdrückenden Erbes des dritten Reiches in die eigene Tradition, sprich in die eigene kollektive wie individuelle Seele zu einer nationalen deutschen Identität zurückzufinden, besser, eine solche auf kraftvolle aktuelle Weise in ihrem besten Sinne wieder erstehen zu lassen. Dieser Weg liegt weder im Sinne Arnulf Barings, noch gegen ihn. Er befindet sich quasi neben seiner Sicht:
Wenn man sich anschickt, das alte Verbot für die Juden, nach Jerusalem zurückzukehren, bevor der Messias gekommen ist, säkular und unter Einbeziehung obiger Reflexionen zu ihrer geschichtlichen Rolle - in der das Politische und das Religiöse kaum zu trennen sind - zu deuten, dann könnte es folgendes besagen: Die Juden dürfen erst dann wieder als eine "normale" und d.h. territoriale Gemeinschaft, als eine Nation in ihrem eigenen Land leben, wenn das Ziel einer friedlich und in gegenseitiger Freiheit geeinten Menschheit, also einer großen Menschheits-Gemeinschaft über alle Gruppen- oder Nationalstrukturen, über alle egoistischen Partikularismen und Hassbeziehungen hinaus bzw. trotz dieser zur Realität geworden ist. Denn die Juden wurden und werden gerade deshalb von ihrem Gott zur Diaspora verdammt, so diese säkulare und zugleich orthodoxe Deutung, um die Antithese zwischen den egoistischen Gruppenidentitäten und der Tatsache einer bereits in der antiken Welt sich anbahnenden Gemeinschaft der gesamten Menschheit bewußt und lebbar zu machen. Genauer gesagt, sie sollen die Unumgänglichkeit der Überwindung dieser Antithese unmittelbar mit ihrer ganzen Existenz eines verstreuten und überall für sich bleiben müssenden Volkes, d.h. mit allem, was sie waren und sind, also existentiell verkörpern. (Das macht die Juden übrigens keineswegs zu besseren Menschen, sondern nur zu von Gott Auserwählten, die trotz aller menschlichen Schwächen eine besonders schweren Last der allgemeinen Verantwortung zu tragen haben. Deshalb haben durch die ganze Geschichte hindurch immer wieder viele aus jüdischen Gemeinden stammende Menschen diese freiwillig verlassen und sich z.B. christlich taufen lassen oder sind Moslems geworden, bzw. haben sich in der Neuzeit ganz von der Religion abgewandt.)

Anders gesagt: Erst, wenn die egoistischen Gruppenidentitäten, von welchen elitären Ausgrenzungs- und Abwertungsideologien gegenüber anderen Menschen oder Gruppen sie auch immer getragen werden, nicht mehr die geschichtstragenden Rollen spielen, erst dann eigentlich dürf(t)en die Juden ihr Leben in der Diaspora aufgeben und nach Jerusalem heimkehren. Denn der Beginn einer solchen neuen Ära ist im Mythos vom "Kommen des Messias" symbolisiert.
Tatsächlich haben die Juden keinen Auftrag von irgendjemand erhalten, sondern sie haben sich durch ihre geistig-politische Kompetenz selbst für diese Aufgabe prädestiniert. Zu dieser Kompetenz gehört zweifellos der Mythos vom "sinaitischen Bund mit Gott" und die strenge Befolgung der Lebensregeln der schriftlichen und mündlichen Tora und folgender Schriften.
Ihre außergewöhnliche geistige Kultur ließ die Juden das Exil in Babylon ohne Identitätsverlust überstehen, was für so ein kleines militärisch unbedeutendes Volk im Altertum eine einzigartige Leistung war.

Krass im Gegensatz dazu Hitler: Er wollte das traditionelle, seit der Entstehung größerer Gesellschaften wirksame Geschichtsprinzip der absoluten Gnadenlosigkeit elitärer gewaltbasierter Herrschafts-Macht in Form einer eschatologischen "tausendjährigen" Vorherrschaft seines ihm untergebenen Kollektivs, der sog. "germanischen Rasse" und ihrer deutschen Nation, aktualisieren, modernisieren sowie temporal und territorial universalisieren. Im Zuge dessen hat er versucht, den von ihm als metaphysisch universell definierten größten Feind des deutschen Volkes, die Juden, physisch zu vernichten.

Da nun die Deutschen durch diese geschichtsmächtige, sprich im Sinne der antisemitischen Ziele entsetzlich erfolgreiche Politik des dritten Reiches wenn auch indirekt dafür gesorgt haben, dass es nach dem II. WK tatsächlich zur (zwar von den Zionisten lange angestrebten, aber nie gelungenen) Gründung des Staates Israel gekommen ist, haben sie in der eschatologischen Geschichte des Judentums das Überspringen eines entscheidenden Ereignisses bewirkt - die gerade angesprochene "Ankunft des Messias".
Und jetzt, wo dieses territoriale jüdische Gemeinwesen in Palästina trotz aller Gewalt, aller Spannungen und politischen Unlösbarkeiten und im orthodoxen Sinne des Judentums zu früh, nichtsdestotrotz tatsächlich existiert, kann und darf niemand diesen Schritt rückgängig machen - dieses Ereignis der Geschichte, das ohne die Shoah vielleicht nie zustande gekommen wäre. Mit welcher Begründung nach heutigen, dem einzelnen Menschen verpflichteten Maßstäben - und andere zählen sicher nicht - wollte man das denn bitte tun? Dass auch für die Rechte der Palästinenser zu arbeiten ist, ist selbstverständlich. Aber ohne viel good will auf beiden Seiten läßt sich keine Friede in Palästina finden. Denn was immer die Verantwortlichkeit der Deutschen für die Shoah heute erreichen kann, sie kann es nur indirekt, auf der Grundlage der praktizierten Friedfertigkeit und Selbstbestimmung der Individuen und Völker erreichen. Friedfertigkeit schließt keinesfalls aus, dass man heroisch sein Leben für eine gute oder gar große Sache aufs Spiel setzt. Friedfertigkeit meint allerdings, dass man dies nicht im Kampf zwischen Menschenkollektiven wie Stämmen, Religionen, Volksgruppen, Staaten, Organisationen, ... tut - weil sich die Atom- und H-Bomben immer weiter verbreiten werden und wir eine neue postbellizistische [nachkriegerische] Menschheitskultur brauchen, um damit umzugehen - ja diese Waffen irgendwann wieder abzuschaffen!


Die neue deutsche Aufgabe: Gemäß der hier vorgestellten Projektion der eschatologisch-religiösen Sphäre in die aufgeklärte politische Praxis der Neuzeit weitergedacht: Was sonst als die Aufgabe, die das von Gott auserwählte jüdische Volk sich auf den Rücken laden mußte, auf die eigenen Schultern zu laden und erfolgreich zu Ende zu bringen, könnte es sein, das eine nationale deutsche Identität wieder mit einer positiven Kraft und Bedeutung versieht. Genauer gesagt, nur in der Einlösung dieser Mission kann eine nationale deutsche Identität nach der Shoa überhaupt wieder erstehen - eine Identität, welche Hitler und die vielen ihm willig folgenden Deutschen so unbeschreibbar desavouiert, ja zerstört haben. Indem wir Deutsche die zwar als "göttlich" überlieferte, aber praktisch verstandene Aufgabe der Juden erfüllen, können wir die Taten Hitlers und seiner deutschen Helfer wenigstens parieren - wo wir sie doch niemals verzeihbar oder gar ungeschehen machen können. Dabei ist klar, dass dieses hier evozierte "Deutschland" nicht mehr abgrenzend und kollektivistisch ist, sondern durch das Beispiel der individuellen Personen jeden Menschen auf der Erde animieren will, eine die eigene Personen verändernde Verantwortung für die Greuel der Geschichte und der Gegenwart, sowie für ihre Beendigung zu übernehmen - eine Verantwortung für die Zukunft der Menschheit im Zeichen der Wasserstoffbombe.


Exkurs: Ich gehe davon aus, dass mit den Formeln und Erzählungen über "Götter" und über eine "göttliche Sphäre" dasjenige in Worte gefasst wird, was die Fähigkeiten und den Horizont der Menschen zu einem gegebenen geschichtlichen Augenblick definitiv übersteigt. So gesehen ist das "Göttliche" die Vision des "Menschlichen". Die Übernatürlichkeit der Fähigkeiten, die einem Gott oder einer Göttin zugesprochen werden, sind das Bild oder das Maß für die reale Ferne dieser Vision, den Menschen einer bestimmten Epoche betreffenden. Diesen Gedanken will ich in keiner Weise ästhetisch oder poetisch verstanden wissen, sondern politisch und praktisch-gesellschaftlich. Wenn die Idee des Fortschritts der menschlichen Zivilisation oder die Eschatologie Sinn machen soll, dann nur als Arbeit auf das politische Zu-sich-selbst-Finden der gesamten Menschheit hin. Heute hat ein "zu Potte kommen" dieser Arbeit längst den Status einer ganz konkreten politischen Notwendigkeit erlangt.



3. Die verschiedenen Personen auf der Erde und ihre jeweiligen Gruppen und Gesellschaften entziehen sich in ihrer Unterschiedlichkeit und jeweiligen Einzigartigkeit der allgemeinen Darstellbarkeit. Daraus folgt umgekehrt, dass jede sich allgemein gebende Darstellung zwangsläufig immer eine Usurpation anderer beinhaltet - Wer hat etwas zu sagen?! Wer hat das Definitionsmonopol?!

Der einzige Maßstab, der all diese Personen und ihre Gruppen auf der Erde einen kann, ist die persönlich-individuelle Gottesebenbildlichkeit eines jeden einzelnen Menschen, die nur aus der Glaubens-Tatsache erstehen kann, dass Gott uns alle nach seinem Ebenbild geschaffen hat, wie es der Mythos der Genesis, des ersten Teils der Thora (dem heiligen Buch des Judentums, später Teil der christlichen Bibel) besagt. Der unsichtbare undarstellbare, aber persönliche Gott ist sozusagen der "Archimedische Punkt", durch den allein so etwas wie eine Menscheit oder eine Welt denkbar wird. Freie Menschen als Mitglieder einer freien Menschheit in einer wirklich freien Welt, d.h., einer Welt, die diese Zuschreibung verdient, kann es nur geben, wenn der Geist der einzelnen Menschen so freigegeben wird, wie Gottes Geist. Es geht dabei nicht um Wissen oder um Geistesgröße, sondern nur um die gesellschaftliche Akzeptanz der geistigen Freiheit und die lebenspraktische Ausrichtung der Erziehung auf die geistige Freiheit aller Menschen.
Alle Versuche bis dato, große Gesellschaft oder Gemeinschaft in der Menschheit entstehen zu lassen, haben die Menschen mit mehr oder weniger Gewalt unter ein exoterisches (= allgemein öffentlich darstellbares) Regime gezwungen und auf diese Weise die Menschen derart gleich gemacht, dass diese sich auf Grund der äußerlichen Gleichheit als zu einer Gesellschaft oder Gemeinschaft gehörig fühlen konnten oder deren Mitglieder waren.

Klassische Beispiele dieser Versuche findet man im Vorgehen bei der Entstehung der Nationalstaaten und bei vielen anderen immer wieder gewaltsamen Gesellschaftsgenesen in der ganzen Geschichte. Aber im Angesicht der Gesamtheit der heute lebenden Art homo sapiens sapiens kann dieses Verfahren nicht mehr gelingen, weil niemand die dafür notwendige Macht zugesprochen bekommen wird oder sie sich erwerben kann, ohne einen selbstmörderischen Krieg anzuzetteln, der letztlich nur scheitern kann. Daher sind wir auf das jüdische Gottesmodell angewiesen, von dem der deutsche Philosoph Immanuel Kant sagte: "Mit dem jüdischen Gottesbegriff begann die Aufklärung". Nur über die Gleichursprünglichkeit als Schöpfungs- und Freiheitswesen, nur über das Scharnier unser aller Gottesebenbildlichkeit können wir jenseits oder diesseits aller verfassten Gesellschaftlichkeit unsere weltpolitische Einheit auf konkrete und d.h. institutionelle Weise finden und etablieren.

Tatsächlich können wir diese globale Gemeinschaft faktisch gar nicht mehr verhindern. Aber sie kann auch maximal schlecht, gewaltorientiert und selbstzerstörerisch - mit einem Wort, unmenschlich werden und dadurch gleich wieder zerfallen. Die ganze Zivilisation kann heute leichter als jemals zerstört werden. Das Potential dazu ist vorhanden.
Dieses Potential entsteht durch unser unglaubliches technisches Zivilisationsniveau, in Kombination mit jenem Anteil der menschlichen Freiheit, der in den Mythen der Vertreibung aus dem Paradies und des Mordes Kains an Abel diagnostiziert wird und den man das "Bösen" nannte. Nur in einem politischen Rahmen, der nicht anders denn als friedlich und frei zu bezeichnen ist, kann die Freiheit, insofern sie die Disposition oder Möglichkeit zur haltlosen willkürlichen Gewalt und Unterdrückung beinhaltet, eingehegt werden. Die Gottesebenbildlichkeit von uns allen stellt sich als unsere beste Möglichkeit, als das beste Paradigma in einem offenen Universum an Möglichkeiten dar, welches die Freiheit aller meint und nicht die Freiheit der einen auf Kosten der anderen.

Dass wir hinter die Vision der Emanzipation als Basis der Vereinigung der Menschheit nicht mehr zurück können und somit die praktischen Bedingungen dafür herstellen müssen, ist bewußten Menschen schon seit einigen Jahrhunderten klar. Nur gab und gibt es auf dem Weg dahin immer wieder unüberwindlich scheinende Widerstände und Rückschläge. Denn ohne die basale Freiheit der Aktion, des Handelns in der Welt, die den Menschen als zwischen Tierischem und Göttlichem oszillierende Zwitterwesen nunmal mitgegeben worden ist, läßt sich das menschliche Leben nicht führen. Sie ist Mittel des Überlebens genauso wie Quelle des Glücks und der Befriedigung.

Dass nun die Freiheit der einen Menschen sogar soweit gehen muß, z.B. in der Shoah andere Menschen in dieser immer unfasslich bleibenden Art und Weise zu ermorden, das wird ein Menetekel - ein mit dem Namen der deutschen Nation verbundenes Menetekel - bleiben, dessen Fatalität wir nie ganz ermessen werden können. Die ganze(!) Freiheit des homo sapiens sapiens in eine Form zu überführen, die diesen Extremismus so grundlegend wie nur irgendmöglich ausschließt, ist die einzig adäquate Reaktion darauf. Sicherlich wird es nie absolute Sicherheit geben vor solchen Taten. Wir sind und bleiben freie Kulturwesen.
Genauso sicher wird es nie einen Sinn geben, in den diese Geschehnisse und alle andere Geschehnisse dieser Art, wie z.B. die Ermordung der Tutsis in Ruanda oder im kleinen Rahmen Fälle von kleinen Kindern, die von den eigenen Eltern Hunger oder anderen Qualen ausgeliefert werden, eingebettet sein können.

Dass die Freiheit auch die absoluteste und böseste Sinnlosigkeit beinhaltet und Wirklichkeit werden läßt, dass der Mensch nicht nur des Menschen Wolf sein kann, sondern dessen perfidester Folterer, Missbraucher und Mörder, das ist eine der am schwersten zu bewältigenden Tatsachen unserer Existenz. Und keiner von uns kann sich absolut sicher sein, auf welcher Seite von gut und böse er steht oder dereinst zu stehen kommt. Schlimmer noch, es gibt oft gar nicht die eindeutig richtige Seite. Denn zu oft haben Menschen, die glaubten, auf der richtigen, auf der guten Seite zu stehen, größte Greueltaten verursacht oder gar vollbracht. Unter der Ägide des eigenen Egoismus oder der eigenen Rechtgläubigkeit kann jeder zum verblendeten Täter werden. Die einzige Strategie, mit der dunkeln Seite der menschlichen Freiheit umzugehen, besteht darin, die Macht der Menschen übereinander oder untereinander zu begrenzen und zu minimieren, indem man diese Macht verwandelt und zerstückelt.

Da ein zentrales Prinzip der Kollektivität - was alle anderen tun, kann nicht falsch sein - entscheidender Treibriemen der massenmörderischen Aktivitäten ist, insofern die große Mehrheit der Massen-Mörder in der Regel keine Mörder aus egoistischen Motiven und Antrieben heraus sind und vor wie nach diesen Mordaktivitäten in der Regel keine anderen Menschen umbringen, kann der kulturelle Filter, der solche Mordaktivitäten künftig so effektiv wie irgendmöglich ausschließen soll, nur in der grundsätzlichen Entmachtung und Entzauberung der Kollektivität als solcher bestehen. Kein Kollektiv darf wichtiger sein und mehr allgemeine Macht besitzen als die einzelne Person als einzelne Person. Kollektive Strukturen sowohl im materiellen als auch im seelischen Sinn sind auf die Funktionen für die Personen zu reduzieren, die sie geschaffen haben oder betreiben. Kollektive Strukturen bleiben auch den nicht zu ihrem Kreis gehörigen Personen insoweit verpflichtet, insofern sie diesen nicht schaden dürfen. Insbesondere muss die auf der angeblichen "Normalität" der Gewaltanwendung beruhende Kollektivherrschaft in sog. Friedenszeiten überwunden werden, da sie immer den Keim zur großen Kollektivgewalt, zum Krieg und zur Entfesselung des "Bösen" enthält.

Die letzte moderne, noch vor uns liegende Umwälzung darf nicht mehr nur die Herrschaft stürzen, um eine andere Kollektivautorität (z.B. den "Volkssouverän") an seine Stelle zu setzen. Sie muss vielmehr die Kollektivität als Gesellschaftsordnung und Machtprinzip, und d.h., die totalitäre Macht eines Menschen über einen anderen überhaupt "stürzen". Es gilt, das Machteliteprinzip zu überwinden und die Machtverantwortung auf die Schultern aller erwachsenen Personen zu verteilen. Diese individuelle Macht ist aber nur als innovative zu verstehen. Sie wird sich als Macht ganz neu erschaffen müssen als eine für sich stehende Haltung individueller Personen, die weder über andere herrschen müssen, noch sich von anderen beherrschen lassen müssen. Wenn diese Haltung der gesellschaftliche Normalfall geworden ist, dann wird es nicht so leicht zu ungeregelten Problemen oder zu ausufernder Gewalt führen, wenn Personen in gesellschaftlichen Zusammenhängen Sachautorität ausüben oder ihr unterstehen.


Exkurs: Das klingt so, als würde hier für die Abschaffung der Polizei oder des Rechtsstaates votiert werden. Mitnichten! Alle geschichtlichen, oft durch revolutionäre Brüche gewachsenen politischen Strukturen, die in einer demokratischer Republik eingemündet sind, sind keine klassischen kollektiven Machtstrukturen mehr. Aber die heutige Welt befindet sich in einem Übergangsstadium. Sie ist immer noch im Zustand der Knappheit existentieller Güter (die durch die klimatischen Veränderungen noch knapper werden könnten). Die Sphäre der Ökonomie besitzt daher unkontrollierbare Macht. Zusätzlich wird die Entwicklung der kollektiven Entmächtigung durch die niedagewesenen Anzahl der Menschen auf der Erde erschwert. Deshalb ist es nicht trivial und selbstverständlich, dass sich die demokratischen Republiken durch Selbstkontrollen und Gewaltenteilungen verbessern und dass sie sich überall durchsetzen.
Um dieser Entwicklung einen neuen Schub zu geben, will ich erreichen, dass die Gesellschaft und Macht nicht mehr von der kollektiven, sondern von der individuellen Seite her organisiert wird. Das hat nichts mit Anarchismus oder Abschaffung des Rechtsstaates zu tun, aber sehr viel mit einer "ganzheitlichen" Verantwortung des Einzelnen für eine freie Welt - eine Verantwortung, die über den demokratisch nationalen Rechtsstaat hinaus institutionalisiert werden muss, um wirksam zu sein!




4. Auch wenn sich das nach Utopie oder nach Zukunftsmusik anhört, so ist es doch genau die Vision, die unsere hyperdynamische Zivilisation benötigt, um ihre Kräfte und Potentiale in eine Richtung zu lenken, die nicht mehr in die ebenso utopisch anmutenden, aber ganz realen Geschichtskatastrophen führt wie der II. WK, die Shoa, Hiroshima, Gulag ..., die jede für sich absolut unerträglich sind. Die Frage ist nicht, ob eine neue Kultur der kollektiven Machtlosigkeit möglich oder unmöglich ist, sondern, was denn die Alternative zu einem solchen alle Menschen einschließenden "Reich der Freiheit" sein sollte?! Die Geschichte mit ihren Mechanismen und Vorkommnissen liegt doch offen vor unseren Augen ausgebreitet. Und wir kennen ebenso die Möglichkeiten unserer zeitgenössischen Zivilisation, die es zu früheren geschichtlichen Zeiten noch nicht gab. Die Atom- und H-bombe und sonst nichts haben uns in eine Art "Posthistoire" - wenn es denn so etwas gibt - katapultiert! Jedes Volk wird doch lieber einen Atomkrieg beginnen, wenn es dazu in der Lage ist, als sich von einem anderen Volk vernichten zu lassen. Der Weg zurück in die Zeiten, als der Krieg noch "Der Vater aller Dinge" war, ist nicht mehr existent, denn das Wissen um moderne Waffensysteme kann man nicht mehr aus der Welt schaffen. Und diese Waffensysteme machen Kriege von geschichtlicher, die ganze Menschheit betreffender Dimension unführbar bzw. zu absoluten Zivilisationsbrüchen.

Die allgemeine politische Bedeutung der einzelnen Person muss eine Institution werden, die den Grundstein einer neuen Dimension menschlichen Zusammenlebens bildet. Jeder Gewaltakt gegen eine oder mehrere Personen, der nicht nur(!) verbrecherisch, was heisst um des ganz persönlichen Vorteils willen, sondern aus kollektivem Machtkalkül geschieht (was bei jeder Form organisierter Kriminalität sicher längst der Fall ist), verhindert die neue weltordnungspolitische Rolle der einzelnen selbständigen Person und beläßt die Welt in ihrem historischen Zustand, an dessem Ende irgendwann der Weltatomkrieg steht!
Diese den historischen Zustand überwindende Dimension der politischen Selbständigkeit des Individuums ist in der globalen Koexistenz der Art homo sapiens sapiens vorgegeben, welche jeden Rahmen und jede Form bisheriger politischer, gesellschaftlicher oder wie immer sonst gearteter (z.B. tribaler) Kollektivität sprengt, sprich nur über den einzelnen Vertreter dieser Art erreichbar und gestaltbar ist.
Auch wenn die dunkle Seite der Freiheit - das Böse - bei den Individuen nie aus der Welt verschwinden wird, so kann sie durch eine Institution der "politischen Selbständigkeit des Individuums" doch so gut irgendmöglich in der politischen oder kollektiven Welt verringert, gebändigt werden. Eine Institution individueller politischer Selbständigkeit überführt das menschliche Zusammenleben vom Primat der Kollektivität in ein Primat der Individualität.



5. Diese Kultur der entkollektivierten Gesellschaftlichkeit zunächst modellhaft in unserer deutschen Nation, aber selbstverständlich dann auch (oder zuerst - warum nicht!) in anderen Nationen Europas (z.B. in Skandinavien!!), Amerikas, Afrikas, Asiens und in Australien zu entwickeln, wäre ein erster großer Schritt zur Übernahme der geschichtlichen Verantwortung für eine freie friedliche Welt, die als vorrangige Verantwortung vor (ihrem) Gott ursprünglich das Judentum der Diaspora alleine tragen mußte. Diese Verantwortung ist wegen der Shoah in dem hier vorgestellten Sinne zuallererst auf uns Deutsche übergegangen, was aber nicht bedeutet, dass sie nicht jede Nation und jeden Menschen ebenso direkt betrifft. Wir Deutsche zuerst und nicht mehr die Israelis unterstehen den Vorgaben, den Pflichten der heiligen Tradition des Judentums bezüglich der Erfüllung der Aufgaben vor einer Rückkehr nach Jerusalem. Wir Deutsche und alle Menschen auf der Erde(!) müssen den Weltzustand herstellen, der die Existenz des Staates Israel, d.h. die (ideelle) Rückkehr der Juden nach Jerusalem nach 2000 Jahren Diaspora auch und gerade nach den Vorgaben der heiligen Tradition des Judentums rechtfertigt. Hier ist das einzige Feld zu finden, auf dem wir Deutsche als Verantwortungsgemeinschaft, zu der jeder dazugehören kann, der will - ich sagte es - wieder einen nationalen Enthusiamus oder Idealismus entwickeln können, dürfen und sollen.

Wenn es eine Lösung des Palästina-Konfliktes geben könnte, dann doch nur, wenn die einzelnen Menschen vor Ort mehr gelten, als die Kollektividentitäten, die immer wieder von gewaltbereiten Menschen auf allen Seiten des Konflikts usurpiert und missbraucht werden.




Die eigentlich uneinlösbare Erfordernis, die Ereignisse der Shoa in Worte zu fassen, erzeugt bei mir jedesmal größtes Unbehagen. Aber als jemand, der von seinen Vorfahren ganz unmittelbar auf die nationale deutsche Geschichte verpflichtet worden ist, muss ich die Shoa zu einem Zentrum meiner eigenen persönlichen Geschichte zu machen. Indem ich als Individuum(!) die Institution der politischen Individualität in die Welt setze, glaube ich meiner geschichtlichen Verantwortung in einem pragmatischen Geiste gerecht zu werden. Ich glaube an den Ethos der persönlichen Selbstbestimmung, an das "Sich-um-sich-selbst-Kümmern" des Sokrates - gerade auch im Sinne einer sozialen Existenz mit und für andere(n) Menschen, so dass die eigene Selbstbestimmung die der anderen nicht ausschließt, wenn möglich sogar befördert. Ein Schuh wird aber erst daraus, wenn meine Mitbürger, meine deutschen Mitbürger und letztlich irgendwann alle Menschen sich diesem Weg anschließen. Schließlich haben wir den Kannibalismus auch irgendwann aufgegeben.

All das wird aber nichts daran ändern, dass man der Shoa letztlich nie gerecht werden kann! Man kann unschuldigen Opfern prinzipiell nicht gerecht werden.



Zum Universalismus des Paul Celan:

Auf seinem so entsetzlich schwierigen wie unausweichlichen und doch von ihm aktiv angenommenen Weg zur politisch-kulturellen Einzelperson in und zwischen der jüdischen und der deutschen Nation/Identität - dabei eine neuerliche, zwangsläufig absolut individuelle Brücke über den Abgrund nach der Shoah zwischen Judentum und Deutschtum schlagend - die Nation als ersten Maßstab der Geschichte und des politischen Schicksals durch die radikalisierte Position des einzelnen, politisch gesamtverantwortlichen Bürgers dadurch ablösend.
Das Medium der Sprache und Schrift als das konstitutive Urmedium des Judentums jetzt als die eigene deutsche Sprache trotz der von Deutschen ins Werk gesetzten Shoah, in der seine jüdischen Eltern zu Tode kamen, zu nehmen und prominent individuell, als Jude, als Deutschsprachiger, als Dichter, sich zwischen alle kollektiven, nationalen, moralischen Stühle setzend, auszufüllen - eine Mission, die vielleicht die individuelle Lebenskraft überstieg?
Er tat einen großen Schritt in Richtung politisch-universeller Individualität. Er schuf als prominente Einzelperson historisch nachvollziehbar eine Verbindung der jüdischen und der deutschen Identität unmittelbar nach der Shoah, jene deutsche massenmordende Aggression, die ihn durch die Ermordung seiner Eltern so direkt betraf wie nur irgendmöglich, wenn er denn nicht selbst dabei hätte umkommen sollen. Sein Brückenschlag war von der Unvermeidlichkeit des Schicksals angestoßen. Aber das ist nicht der entscheidende Punkt. Solch ein Schicksal haben viele geteilt. Entscheidend ist, dass er das Schicksal an der für ihn und für die Menschheit elementarsten Stelle, in der Sprache, angenommen hat und dort Außergewöhnliches geleistet hat!


Aus einem Vortrag von Jean Bollack über Celan:


(Paul Celan ist einer der bedeutendsten deutschen Dichter der Nachkriegszeit. Er hat jüdische Vorfahren und wurde 1920 als Paul Antschel in Cernovitz in der heutigen Ukraine geboren. Seine Eltern wurden in einem rumänischen Lager des mit Deutschland verbündeten Antonescu-Regimes ermordet, b.z.w. der Vater starb dort an Typhus. Celan nahm sich 1970 durch einen Sturz in die Seine selbst das Leben.
Jean Bollack wurde 1923 in Straßburg geboren und entstammt einer traditionellen jüdischen Familie. Er entkam der Shoa im Schweizer Exil. Er ist klassischer Philologe und Literaturwissenschaftler. Er gehörte seit den späten vierziger Jahren zum Freundeskreis Paul Celans und begleitete ihn zusammen mit seiner Frau durch alle Auf und Abs dessen von einer psychischen Erkrankung gezeichneten Lebens. Heute ist er einer der führenden Celan-Forscher.)



Zitate aus dem 2003 in München gehaltenen Vortrag "Paul Celan unter judaisierten Deutschen" von Jean Bollack



... schreims ma a e-mail an behr(klammeraffe)adstring.org, na schick i Eana des wos do foit !! ...



Rhetorische Fragen:

1. Kann ich nicht allein mit dieser auf der Sprache oder Sprachfähigkeit beruhenden, die ganze menschliche Existenz umfassenden Individualisierung den Tatbestand der Shoa wenigstens parieren - eine Individualisierung, die jedem Menschen aufgegeben ist, um von ihm verwirklicht zu werden - die der ganzen Menschheit aufgegeben ist, um von ihr verwirklicht zu werden, indem sie die erzieherischen, gesellschaftlichen, politischen und materiellen Bedingungen, Verfahren und Einstellungen herstellt, sich aneignet, die dem einzelnen Menschen diese Individualität ermöglicht (nicht gegen das, sondern mit dem Zusammenleben untereinander)?
2. Ist nicht die individuelle jüdische Geistigkeit oder Intellektualität Celans - ist damit nicht der biblische Gott, die selbständige geistige Person par excellence, nicht nur Paradigma der Aufklärung (Kant), sondern auch Paradigma für eine moderne politische Institutionalität der Individualität (STRING)?
(Das Judentum war als politische Autonomie der vormodernen Diasporagemeinde immer eine sehr politische Angelegenheit - politisch schon fast in einem modernen Sinn. Selbst der Nationalismus, eine leider oft und grausam missbrauchte politische Religiosität, ist ebenfalls aus dem emanzipatorischen Traditionsbestand des Judentums heraus entstanden - Mythos des Auszugs der Juden aus Ägypten, aus der Sklaverei in die Freiheit und Konstitution einer Nation auf dem Marsch durch Sinai, dann im "Gelobten Land" als Freiheits- und Gründungsmythen der protestantischen Puritaner und Pilgrim Fathers!! Im Messianismus kommt das Judentum zur einzelnen Person, wobei nicht ein irrealer "Märchen-Messianismus" (nach dem Motto: Einer führt uns zurück nach Jerusalem/rettet die Welt - z.B. Sabbatai Zwi) gemeint ist, sondern derjenige von Lévinas, welcher eine Verantwortlichkeit für die ganze Welt proklamiert und bedeutet, die jedem Menschen qua Menschsein aufgegeben ist!)
3. Für Deutsche, für alle: Ist nicht die ebenso absolut eigene Nachfolge als je konkret sich vereinzelnde Personen - ist nicht diese Art einer Nachfolge Paul Celans im Sinne eines das Jüdische Celans mit dem Deutschen (Chinesischen, Malawischen, Amerikanischen, Ägyptischen...) Verbindenden - in uns als Individuen auf immer je einzigartige Weise Verbindenden, dadurch überhaupt erst zu einem einzigartigen Individuum werdend, ist nicht für uns Nachkriegs-Deutsche und letztliche für alle Menschen auf der Erde dies die einzige Möglichkeit, nicht einer gar nicht existenten "persönlichen Schuld" zu entkommen, aber die Stigmatisierung zu überschreiten, die unsere Nation als Hauptakteur des Massenmords an Juden, Sinti und Roma, Freimaurern, Homosexuellen, Behinderten,... trägt, und so unsere Nation zurück in die Gemeinschaft der Völker zu führen?
(Warum für alle Menschen ein notwendiger Weg?
Weil jeder auf der Erde nach der menschheitlichen Tradition - homo sapiens sapiens als eine genozidale Art - nach Jared Diamond - immer in Gefahr ist, Mittäter bei einem Massenmord zu werden, solange sich nicht alle Menschen auf die beschriebene paradigmatische, bis zur letzten machtpolitischen Konsequenz individualisiert, besser vereinzelt haben!)








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