STRING - World Politics for Individuals





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Wolfgang Behr
The "Anti-*itler"




Erster Internet-Brief zur Philosophie, Wirtschaft und Politik

von Wolfgang Behr

(1995)



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Der "Erste Internet-Brief zur Philosophie, Wirtschaft und Politik" vermittelt einige der zentralen Ideen von STRING, das ein innovatives politisches Projekt ist. Es will einen neuen Diskurs über die Zukunft der Menschheit erzeugen, der auf dem fundamentalen Wechsel des ältesten politischen Paradigmas, der Kollektivität, hin zur Individualität beruht.


I. Politik

Traditionelle Nationalstaaten, die in globalem Maßstab zu handeln versuchen, treffen sehr oft auf Barrieren, d.h. andere Staaten, die ebenfalls durch ein definiertes Territorium, eine begrenzte Anzahl von Leuten, begrenzte Ressourcen u.s.w. beschränkt sind.
Wenn die Globalisierung der menschlichen Zivilisation in ihr endgültiges Stadium getreten ist, dann kommen diejenigen Aktivitäten oder Strukturen (bzw. ihre Protagonisten) zu politischer Macht, welche auf den am meisten abstrahierten und kulturell ungebundenen Prinzipien basieren und die daher in allen Gesellschaften gleichermaßen funktionieren (man denke an die Produktion und den Gebrauch eines Autos). Deshalb ist die Mathematik die heimliche Weltsprache unserer Epoche geworden. Die Mathematik und ihr schneller Sklave, der Computer, gestalten den Fortschritt fast aller Wissenschaften und Technologien. Und sie sind ebenso entscheidende Instrumente der Wirtschaft und ihrer globaliserten Märkte. Computer und Mathematik geben der aktuellen Form des Kapitalismus - welche die dynamische Integration von Wirtschaft, Wissenschaft und Technologie ist - ihren schlagenden Effekt und ihre atemberaubende Beschleunigung. In keinem anderen Bereich kann man als Newcomer heutzutage mehr und schneller Macht gewinnen als mit wirtschaftlichem Erfolg.

Zweifelsohne sollten wir damit zufrieden sein, daß ein mehr oder weniger neutraler, systemischer Prozeß dabei ist, die menschliche Weltgesellschaft zu organisieren und nicht ideologische Konzepte fundamentalistischer oder gar faschistischer Strickart, verbunden mit militärischer Macht. Aber die Frage taucht auf, ob unsere Weltgesellschaft nach einem langen Weg der Demokratisierung in den Händen einer der letzten demokratisch unkontrollierten Mächte enden soll, nämlich der Wirtschaft, besonders in ihrer globalen finanziellen Dimension. Dieser Weg der Demokratisierung startete im antiken Griechenland und Rom, wurde später in England durch die "Habeas corpus"-Akte und die "Bill of Rights" fortgesetzt, dann durch die amerikanische und die französische Verfassung (1787, 1791) und ging bis zu den modernen Wohlfahrtsstaaten, welche die Mehrheit der Bevölkerung eines Landes in ihrem persönlichen Leben relativ unabhängig gemacht haben.

Darüberhinaus gibt es in der ökonomischen Globalisierung selbst einen inhärenten Widerspruch. Wenn es für die kapitalistischen Aktivitäten und die finanziellen Transaktionen (die mehr und mehr Glückspielcharakter annehmen) keine Grenzen gibt, dann wird der ständige Wechsel der Marktbedingungen die sicheren Lebensbedingungen vieler Menschen zerstören. Abgesehen von allen sozialen und humanistischen Aspekten dieser Entwicklung entsteht dann die Gefahr, daß die Massenmärkte zusammenbrechen. Aber ohne Massenmärkte wird die Basis der Ökonomie (der weltweite Umsatz) stark verkleinert sein.
Die Voraussage einer 20:80 Gesellschaft, in der 20% höchst produktive Leute den Rest notdürftig ernähren, erinnert mich fatal an die Planwirtschaft alten sozialistischen Stils. Am Ende bleibt nur eine große transnationale Weltfirma übrig, die alles vom Jumbojet bis zum Toilettenpapier, von Medikamenten bis zu Balletschuhen herstellt - und nur wenige haben genug Geld, um diese Produkte zu kaufen. Das ist wirklich das Gegenteil einer lebendigen Gesellschaft und Wirtschaft!! (Von den totalitären Tendenzen eines solchen unpolitischen Weltsystems gar nicht zu reden.)

Im Grunde genommen liegt hier das Problem der Gemeingüter vor, die nicht nur gute Luft, gutes Wasser und guten Boden, das Klima, die Regenwälder oder den Fischbestand in den Weltmeeren einschließen sollten, sondern auch die Existenz gut funktionierender, hoch entwickelter, kulturell ausdifferenzierter und friedlicher Gesellschaften. Die Weltgesellschaft beginnt gerade - trotz aller Spaltungen und Konflikte - solch ein Gut darzustellen, das auf intelligente Weise gepflegt werden sollte.
Tragischerweise wird das aktuelle wirtschaftlichen Management von einer militärischen Mentalität beeinflußt, die extrem selbstbezogen ist und nur den Werten des Eroberns folgt. Diese Entwicklung mag ihre Wurzeln im Kalten Krieg haben oder in dem strikt rationalistischen Charakter des modernen Kapitalismus. Wie dem auch sei, die Wirtschaft als die führende globale Macht unserer Tage scheint tatsächlich nicht klug genug für die komplexe Aufgabe zu sein, unserer Weltgesellschaft eine angemessene politische Ordnung zu geben.

Es ist sehr wichtig zu verstehen, daß die neue Macht der globalisierten Märkte und ihrer "global player" nicht so greifbar ist, wie es traditionelle Mächte gewesen sind. Diese neue Macht braucht z.B. den traditionellen Staat - wer sonst kann das Eigentum garantieren? Weiterhin ist sie in hohem Maße von der Tatsache abhängig, daß der "Rest der Menschheit" ruhig bleibt und weiterhin mitspielt. Wir können sie sogar als "abwesende" Macht bezeichnen, weil sie keine politische, d.h. allgemeine Verantwortung für die Gesellschaften übernimmt.

Der "Markt" als Hauptprinzip der Weltordnung meint nicht viel mehr als wieder die Dominanz der Stärksten, diesmal in unserer post-militärischen Welt. Und wieder können wir den gerade erwähnten Widerspruch sehen: Moderne wirtschaftliche Akteure sind höchst individuell, sei es als Produzenten, sei es als Konsumenten. Wenn jedoch die Wirtschaft nicht mehr von der Politik begleitet wird, sondern die Politik ersetzen soll, dann kann sie nicht gemäß ihrer modernen Funktion agieren. Sie wird ideologisch in Form des Liberalismus (der der Gegenspieler des Sozialismus war und damit ein Relikt des Kalten Krieges ist!) und zerstört Individualität (d.h. frei wählbare Möglichkeiten des Handelns), anstatt sie zu schaffen. Historisch gesehen ist die Überbedeutung der Wirtschaft das Resultat des großen Mangels an einer Perspektive, wohin sich die Welt politisch entwickeln sollte. Die traditionellen Machtzentren sind paralysiert oder in Verteidigungspositionen gezwungen, weil normales politisches Handeln nach historischen Zügen und Mustern keinen Sinn mehr macht (eine Situation, die schon während des Kalten Krieges zu existieren begann). Der Raum für Initiativen verläßt mehr und mehr die materielle Sphäre der Macht, welche auf Territorien, Resourcen und militärischer Macht beruht. Und der Kapitalismus ist der Kandidat mit den größten Vorteilen in der neuen "Cyberspace-Arena" des "Global village", denn er bietet die beste Mixtur zwischen konkreten und abstrakten Elementen. Aber das große Problem des Kapitalismus ist seine Tendenz, den Kontakt zum individuellen Leben zu verlieren, welches im wesentlichen langsame, lokale und nicht-rationale Aspekte hat.

Wir brauchen einen neuen globalen, politischen Horizont für unsere nächsten Schritte - unabhängig von der wirtschaftlichen Globalisierung (und in Zusammenarbeit mit ihr!). Diese Perspektive könnte in der Entwicklung einer friedlichen Weltgemeinschaft der Menschheit gefunden werden, deren Möglichkeit nach langen Dekaden des Kämpfens und Leidens in unseren Tagen aufzuscheinen beginnt. Diese Gemeinschaft wird spürbar, wenn Menschen anderen Menschen ihr Mitleid zeigen und ihnen helfen, die am gegeüberliegenden Ende der Welt wohnen. Der Glaube an die Größe der Menschheit will nicht die Augen verschließen vor dem Haß zwischen Armen und Reichen oder vor den unaussprechlichen Greuel, welche Menschen an Mitgliedern ihrer eigenen Art begehen - er will nicht die Augen verschließen vor den unzähligen Frontlinien im Groß en und im Kleinen, überall auf der Welt. Dieser Glaube will eine bestimmte positive Chancen unserer Weltgesellschaft betonen.
Deshalb sollten wir ein großes politisches Weltereignis erschaffen, einen singulären historischen Moment, der gefolgt wird von einem phantastischen Festival. Beide können nicht spektakulär genug sein, um die weltweite menschliche Gemeinschaft zu ihrer leuchtenden Existenz zu führen. Dieses Ereignis soll die (zeitlich begrenzte) Institution der ganzen Menschheit sein, der kulturelle Höhepunkt und die Apotheose aller Menschen auf der Erde. Wir haben die Mittel, um eine solch große Aufgabe zu meistern und ein derart wunderbares Projekt zu realisieren. Viele traditionelle Institutionen und Aktivitäten unserer Gesellschaften z.B. internationale Organisationen mögen uns dabei helfen. Aber letztendlich können nur wir selbst, jeder von uns und alle zusammen dieses große politische Ereignis realisieren. Durch unsere Individualität sind wir frei und unabhängig genug, um eine lebendige Gemeinschaft aller Menschen zu erzeugen. Keine Elite kann uns dabei repräsentieren oder ersetzen!

In diesem Szenario bekommt die materielle Sicherheit der Menschen einen neuen Sinn und wird wieder ein wichtiges Ziel. Für dessen Erreichen müssen wir unsere besten Fähigkeiten und all unsere Energien einsetzen. Nur mit materieller Unabhängigkeit als Basis politischer Freiheit, zumindest mit einem konkreten Ausblick darauf, kann jeder von uns seine neue politische Rolle in einer großen neuen Weltgemeinschaft spielen.
Die Situation zuvieler Menschen auf der Welt ist immer noch weit davon entfernt, akzeptabel zu sein. Man nenne es Mangel an Erziehung, an Bildung, an Arbeit und Geld, man nenne es Abwesenheit von Initiative oder Chancen - die Erfahrungen unserer Nachkriegsepoche (seit 1945) haben gezeigt, daß direkte Hilfe - so unersetzbar sie ist und bleibt - die Situation der Armen nicht wirklich verändert. Individuelle Menschen, die sich selbst dazu ermächtigen, unabhängig zu werden, benötigen eine neues Augenmerk auf die Erziehung, auf die sozialen Bildung und auf die Bedeutung des Erwachsenseins. Und sie brauchen eine neue Art der Verteilung - nicht der Wohlfahrt, sondern des innovativen Fortschritts.


II. Philosophie

Die "Schwäche" des Individuums, das nicht länger von der Macht der großen historischen Kollektive unterstützt wird, mag der Standard sein, durch welchen die Menschheit in der Zukunft überleben kann. Im Effekt könnte dieser Standard vergleichbar sein mit den prähistorischen kleinen Gruppen, dem "Standard", in dem die Menschen hunderttausende von Jahren überlebten bis zur Erfindung der Seßhaftigkeit.
Der "schwache", einzelne Mensch sollte mit der besten persönlichen Ausrüstung, mit nachhaltigen Mitteln zum Überleben selbst unter harten Bedingungen und mit strikt funktionalisierter institutioneller Hilfe ausgestattet sein. Natürlich kann er in die Kultur und in die Gemeinschaft der Menschen eingebettet bleiben, die mit ihm zusammen leben. (Man nehme ein bißchen Science Fiction, um sich all das vorzustellen.)
Um diese individuelle "Schwäche" zu finden, müssen wir auf eines unserer ältesten Werkzeuge zurückgreifen, die Sprache. Die unbegrenzte Variabilität der Sprache ist wie ein leeres Blatt Papier, auf welches jeder Mensch seinen "eigenen Text schreiben" kann. Dadurch kann er sich als einzigartiger Geist und als unabhängige, selbstbewußte Persönlichkeit etablieren. Die Leute müssen diesen Prozeß der Individualisierung durch Sprache lernen, welcher als eine neue moderne Art Initiation verstanden werden sollte. Initiation kann individuelle "Schwäche" in persönliche Stärke verwandeln.

Die Sprache, das wichtigste Werkzeug des abstrakten Denkens, hat den homo sapiens sapiens ermöglicht, und hat ihm die Mittel gegeben, seine heutige Erscheinung zu erschaffen. Und seit ungefähr dreitausend Jahren hat ihm das Schreiben der Sprache die Möglichkeit eröffnet, bürokratische Riesengesellschaften mit Millionen (mittlerweile Milliarden) von Menschen zu unterhalten.
In unserer Zeit, wenn die Gemeinschaft der Menschheit eine zwar unbestreitbare, aber noch unfertige Realität ist, kann uns die Sprache wieder helfen. Ihre individuelle Dimension ist die Basis dafür, um die auf Gesetzen beruhenden Gesellschaften zu überschreiten, die die Menschheit unterteilen und die offensichtlich nicht in der Lage sind, eine dauerhafte Ordnung in die globale politische Situation zu bringen. Jede dieser Gesellschaften, sei es ein Staat, eine transnationale Firma, eine Kirche oder eine andere Organisation ist von ihrer Paranoia und ihrem Egoismus gekennzeichnet. Nach den Erfahrungen dieses Jahrhunderts (120 Millionen Ermordeter in den KZ's, Gulag's und anderen Massenmorden, vielleicht dieselbe Zahl Getöteter und Ermordeter in den zahlreichen Kriegen) kann die Dominanz der Kollektivität nicht mehr für den zivilisatorischen Fortschritt stehen, weil sie ein hohes Risiko der Zerstörung und der Apokalypse mit einschließt. Kollektive können tatsächlich Milliarden von Menschen in den Abgrund stürzen.
Deshalb brauchen wir einen revolutionären Wechsel des ältesten politischen Paradigmas, b.z.w. der ältesten politischen Priorität, d.h. des Kollektivs hin zum Individuum, zur vorrangigen Bedeutung jeder einzelnen Person. Sicherlich werden wir in Zukunft nicht auf den Gebrauch kollektiver Institutionen verzichten (und Steuern für sie zahlen), die z.B. die Infrastruktur betreiben, die eine wirksame, aber sorgfältig kontrollierte Polizeiarbeit, eine rationale Rechtssprechung aufrecht erhalten oder eine Währung zur Verfügung stellen. Aber wir sollten die Institutionen so weit wie möglich flexibilisieren und dezentralisieren. Und wir sollten den Menschen - d.h. uns - jenes höchste Maß an Unabhängigkeit von diesen streng definierten Systemen geben, das dennoch ihr sinnvolles Arbeiten garantiert.

Der innovative Fortschritt der Wissenschaft, der Wirtschaft und der Technologie kann uns die geeigneten Mittel für individuelle und lokale Subsistenz (HighTech-Selfproviding) zur Verfügung stellen, wenn dieser politische Priorität eingeräumt wird. Das wird vielleicht nicht zu 100% geschehen, aber auf lange Sicht gibt es keinen Zweifel an der Möglichkeit solcher dezentralisierter Lebensformen - überall auf der Welt. Dadurch sollte die Arbeit gegen Bezahlung Schritt für Schritt ihren Charakter puren Zwanges verlieren, während sie eine Frage der Ethik, der Professionalität und der Diversifizierung von Leben und Arbeit bleibt.
Diese konkrete Unabhängigkeit der Menschen könnte zusätzlich der wichtigste Schritt zur Demokratisierung der Wirtschaft sein. Eine Firma, in der Leute - die nicht arbeiten müssen - freiwillig arbeiten, diese Firma hat "eine Wahl gewonnen".

Unser gegenwärtiges Problem ist ein konkreter politischer Wille auf globaler Ebene, der solche Vorhaben durchsetzen kann. Der kurzsichtige Kampf großer Firmen um Hegemonie kann uns nicht helfen. Was wir brauchen, ist die richtige Vision für unsere Zukunft. Wir leben in der "Mitte der Zeiten", weil wir in diesen Dekaden einen ziemlich exakten Rückblick auf unsere Ursprünge und die Ursprünge der Welt gewonnen haben. Dieser Rückblick sollte uns eine große Idee menschlichen Lebens geben, und sollte uns zeigen, mit welchen Prinzipien wir unsere Welt in Zukunft managen können. Ein philosophischer Zugang zum menschlichen Leben und zur Politik bringt jede einzelne Person als ein geistiges und sich selbst bestimmendes Individuum in den Brennpunkt geschichtlichen Interesses. Damit entzieht er jenen großen Monstern wie Staaten, Kirchen, Organisationen oder übergroßen Firmen, aber auch den alten Traditionen ihre Autorität. Er entspricht auch der schwachen Position, die wir als verletzliche Art auf diesem wunderbaren "Raumschiff" Erde haben. In den Händen der Philosophie mit ihrer reflektierenden und zurückhaltenden Art könnte HighTech wirklich unsere materiellen Probleme lösen. Während heutzutage unter dem Joch von engstirnigen und selbstsüchtigen Kollektiven die Technologie mißbraucht wird und schon dabei ist, die Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen zu zerstören. Unsere Zivilisation hat genügend Potential, um den Existenzkampf um jeden Preis (auf Leben und Tod) zu beenden, welcher für alle kontraproduktiv geworden ist. Plötzlich wird aus der philosophischen "Schwäche" die Stärke des Geistes!

Der Paradigmenwechsel von der Kollektivität zur Individualität kann nicht überbewertet werden und die sog. demokratischen Gesellschaften haben schon große Schritte in diese Richtung getan. Aber aus drei Gründen ist es noch nicht genug, um eine zeitgemäße Weltordnung zu gestalten. Erstens haben ihre Staatsbürokratien und ihre kollektive Macht immer noch faktische Priorität vor dem einzelnen Bürger, was sie mit allen anderen politischen Systemen verbindet. Zweitens konnten alle Staaten zusammen nicht den Aufstieg von nicht kontrollierten, mehr oder weniger gefährlichen transnationalen Mächten verhindern, seien es riesige Firmen oder Investmentfonds, seien es kriminelle Organisationen. Und drittens konnten die demokratischen Gesellschaften jenes Niveau noch nicht erreichen, auf dem wenigstens alle ihre eigenen Staatsbürger genügend Möglichkeiten haben, um sich selbst zu erhalten.

Ich bin überzeugt, daß die starke politische Form von Individualität, wie ich sie hier angedeutet habe, der einzige Weg ist, der Weltgesellschaft eine akzeptable Ordnung zu geben, weil sie niemanden eine Hegemonie aufzwingt. Dem Individuum zur Macht zu verhelfen ist eine Frage der weltweiten Abstimmung für die Individualität durch das Weltereignis, das ich oben beschrieben habe. Und es ist eine Frage des friedlichen Fortgangs einer modernen Entwicklung der Welt. Aber letztlich muß jede Person, jede Frau und jeder Mann selbst diesen individuellen Status beanspruchen und mit Leben füllen.

Mit dem Konzept des Individuums und seiner aktuellen Bedeutung wende ich mich nicht an Nationen, religiöse oder kulturelle Gemeinschaften, Firmen oder andere kollektive Entitäten. Ich wende mich an andere Individuen, wende mich an Sie als Individuum - nicht als Repräsentant eines Kollektivs! Meine Absicht ist die Begründung einer revolutionär neuen Lebensform, welche mit dem Weltereignis, der Existenz politisch unabhängiger Individuen und der modernen Initiation beginnt, den drei Seiten derselben neuen Weltverfassung. Ich nenne diese Verfassung STRING. Mit Lewis Mumford können wir unser gegenwärtiges Weltsystem eine "Megamaschine" nennen. Vielleicht ist diese "hardware"- Periode unvermeidlich, aber jetzt müssen wir die Integration der Menschheit dematerialisieren.

Die Leute, die in den Gesellschaften überall auf der Welt Macht und Verantwortung haben, werden durch STRING mitnichten entlastet. Genau das Gegenteil ist der Fall, denn die Situation der Welt ist derart sensibel und gefährlich - in manchen Ländern scheint sie sogar verzweifelt und hoffnungslos - daß wir jede Kraft brauchen, um unsere außergewöhnliche, globale Zivilisation in eine stabile, freie und lebendige Gemeinschaft zu verwandeln. STRING ersetzt keine einzige Anstrengung um Verbesserungen und Fortschritt, sondern will sie auf einem sehr grundsätzlichen Niveau ergänzen. STRING hat keine Garantie auf Erfolg! Wir können keine ideallen Ziele erreichen, keine perfekten Welten (diese sind ohne Leben!). Wir sind von langsamen Veränderungen abhängig - große Umbrüche beinhalten das unkalkulierbare Risiko von Katastrophen. Es ist höchste Zeit, bei unseren globalen Aktivitäten eine längerfristige Perspektive zu finden - und gerade dabei gibt es keine ernsthafte Alternative zur politischen und wirtschaftlichen (materiellen) Ermächtigung des Individuums. Die Politik muß endlich zur Kultur aufschließen. Für wen haben Beethoven, Frank Zappa oder Shin-ichi Matsushita ihre Musik geschrieben? Für Nationalstaaten? Für Privatpersonen? Nein, aber für Individuen, wie es die Komponisten selbst sind oder gewesen sind - und manchmal für die ganze Menschheit!




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