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Wolfgang Behr
The "Anti-*itler"




Der notwendige Schritt ins Reich der Freiheit


                                                                                 für Peter Steiner



Sehr geehrten Damen und Herren,

Bisweilen kann man auch heute noch kleine Sternstunden erleben. So geschah es mir, als ich eines morgens die Zeitung aufschlug und im Feuilleton folgenden Artikel las: (ich zitiere ausschnittsweise)

"Blaue Augen für alle!

Die Gentechnik, als ästhetisches Problem betrachtet

Die Vergangenheit bestimmt die Gegenwart -
...
Es gibt ein Erbe, das man nicht ausschlagen kann, und für die Zukunft wird es aus den Vorstellungen bestehen, die wir heute von ihr haben, aus dem Arsenal der Moden, aus denen sich eine künftige Postmoderne bedienen wird, und natürlich aus den Technologien, zu deren Weiterentwicklung die Wissenschaft verdammt ist.

Die Möglichkeit, sich von seinem Erbe zu befreien, zumindest von seinem biologischen, bedeutet daher einen Moment nie dagewesener Freiheit, dessen Faszination man sich kaum entziehen kann, auch wenn einem die christliche Ethik eingeimpft worden ist. Als Horrorvision wird die gentechnische Manipulation von Embryonen nicht mehr lange taugen: Es wird noch eine Weile dauern, bis pränatale Korrekturen serienreif sind; bis dahin aber wird die Eugenik in ihrer demokratischen Form ihren Schrecken verlieren, weil sich moralische Fürsorge für das Kind mit volkswirtschaftlichen Bedürfnissen paart. Wer sich weigert, Gott zu spielen, wird dann als schlechter Vater gelten, und von der Natur, gegen die man dabei frevelt, wird sowieso nicht mehr viel übrig sein.

Was man viel schwieriger zum Schweigen bringen kann, ist die absurde Idee, dass der Mensch durch die neuen Technologien des Selbstentwurfs an Souveränität, Autonomie oder sogar an Freiheit gewinnt. Zum einen bestimmt ja der 8-zellige Embryo seine Haarfarbe nicht unbedingt selbst. Zum anderen werden auch die noch soviel Freiheit verheißenden Möglichkeiten des biologischen Bodybuildings vermutlich nicht nur ethischen und juristischen, sondern vor allem diskursiven Regeln unterliegen. "

Etwas weiter unten steigert der Autor Ironie und Polemik:

"Es genügt schon, Waltraut zu heissen, man muss nicht auch noch so aussehen. Es kann ein Alptraum sein, so herumzulaufen, wie es sich die Eltern wünschen, und damit dieser wahr wird, muss man nicht einmal genmanipuliert sein. Eine Latzhose reicht aus."

Der Artikel endet dann folgendermaßen:

"Die Seele ist das Gefängnis des Körpers, und solange er daraus nicht entlassen wird, bestimmen Systeme das Schicksal der Menschen, die keine biologischen sind. Wer weiß: vielleicht kann man ja auch das Gen für die Freiheit irgendwann finden, wenn man die DNS-Sequenz gefunden hat, die für Anpassung und Autoritätshörigkeit, für Konformismus und Karrieredenken verantwortlich ist. Bis es soweit ist, muss man sich wohl mit der Erklärung abfinden, dass dafür Faktoren verantwortlich sind, die nicht in vitro verändert werden können. " (Zitat Ende) (Autor: Harald Staun, Quelle: SZ vom 17. Februar 2001)


"Die Seele ist das Gefängnis des Körpers"? Das war doch immer umgekehrt. Haben sich die Menschen früher geirrt? Kann es sein, dass die gesellschaftlichen Systeme, die diskursiven Regeln der trendsetter und spin doctors, die Meinungen der anderen, der Zwang zur Anpassung - denn das meint der Autor mit der Seele -, dass das alles schlimmer ist als der christliche Aufenthalt im irdischen Jammertal?

Auf Kosten aller Waltrauts und Lederhosenfans läßt Harald Staun keinen Zweifel an seinem tiefen Unmut, an seiner Wut über den naiven Glauben vielzuvieler Menschen, daß Freiheit und Selbstbestimmung allein durch die Anwendung wissenschaftlicher, technischer und ökonomischer Mitteln zu erreichen seien, anstatt zu verstehen, dass Selbstbestimmung als Kategorie des Geistes nur durch eigenständigen Gebrauch der "diskursiven Regeln" erlern- und erreichbar ist. Die Anwendung der Mittel, welcher auch immer, ist immer erst der zweite Schritt.

Auf bayerisch würde ich sagen: "Der red si leicht. " Denn warum funktionieren diese "diskursiven Regeln" der Gesellschaft und dominieren die Seelen der Menschen? Warum haben die meisten Menschen bewußt oder unbewußt ständig die Frage im Hinterkopf: "Was denken die anderen über mich? " Es gibt diesen selbstverständlichen, alltäglichen sozialen Kontrolldruck, weil wir sonst nicht zusammenleben können und das heißt, weil wir sonst nicht leben können. Denn wir sind definitiv Gruppenwesen. Das fängt schon beim Machen und Großziehen des Nachwuchses an.

Der Inhalt der jeweilen trends ist dabei nicht beliebig, aber sekundär. Wichtig ist, dass es Regeln und Muster gibt, die die Menschen miteinander kompatibel macht - ich weiss, das klingt schrecklich. Aber der Vorgang ist oft schrecklich - schrecklich äusserlich und simplifizierend. Darüber lästert Harald Staun. Und trotzdem scheinen diese oft beinahe unsichtbaren Regeln notwendig zu sein. Sie beginnen mit dem Problem: "Was ziehe ich wo an? " und gehen weiter zu: "Wie verhalte ich mich, um den Job zu bekommen oder ihn nicht zu verlieren, wie, um einen Kunden zu gewinnen oder Stütze zu kriegen? ". Und sie enden bei der ewig neuen Frage: "Was tue ich, um Freunde oder einen Lebenspartner zu finden und zu behalten? "

Die Neuzeit gilt als das Zeitalter der Individualität. Aber angesichts der Komplexität des Lebens und der Häufigkeit des Scheiterns menschlichen Handelns, angesichts der Unsicherheiten und Ängste, angesichts der konditionierten Massengesellschaften und ihrer Exzesse stellt sich ernsthaft die Frage, gibt es die Individualität tatsächlich schon? Oder gibt es nicht vielmehr soziale Muster, die Individualität nur vorgaukeln? Die Skeptiker sagen: Die Abwesenheit des Zwangs einer Diktatur oder eines Klerus spendet keineswegs schon wirkliche Individualität. Wir haben heute die Zwangsmuster der Gesellschaft ganz protestantisch als Über-Ich und Unbewußtes internalisiert und glauben nur, wir wären frei?

Zweifelsohne kann ein positiver Begriff von Individualität als Maß des menschlichen Lebens nicht bedeuten, dass eine Gesellschaft als Nebeneinander von Einzelgängern und Aussenseitern entsteht. Irgendwie geht es um eine Art Quadratur des Kreises, wenn die Menschen sowohl in einer unübersehbar komplexen Verschränktheit untereinander leben müssen und leben wollen und trotzdem auch veritable und das heisst freie Individuen sein wollen oder sein sollen.

Ich gehe davon aus, dass der heutige Zustand unserer Weltzivilisation einen Schritt zur Klärung dieser Verhältnisse verlangt, ja dass dieser Schritt, den ich nicht scheue, eine Revolution zu nennen, geradezu zu einer conditio sine qua non unserer Weiterexistenz geworden ist. Dafür will ich in diesem Vortrag Argumente vorstellen.
Weiter will ich versuchen, einen lebendigen pragmatischen Begriff tatsächlicher Individualität oder Freiheit zu entwerfen. Dazu muss allerdings einschränkend gesagt werden, dass ein solcher Begriff immer unvollständig sein wird, da Freiheit und Individualität nur dann etwas Ganzes oder etwas Reales sein können, wenn man sie lebt. Sie werden deshalb nie vollständig in einem sprachlichen Diskurs auftauchen können.


Punkt 1: Schicksal

Man sagt dem neuzeitlichen Menschen gerne nach, dass er Schwierigkeiten mit der Schicksalhaftigkeit des Lebens hat. Das klassische Indiz dafür ist, dass er den Tod verdrängt wie niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit. Vor wenigen Jahrhunderten wußten viele Menschen, wann sie sterben werden und luden die ganze Verwandtschaft an ihr Sterbebett. Philipp Aries beschreibt das eindrucksvoll in seiner „Geschichte des Todes". Und noch zu Beginn des letzten Jahrhunderts wurden in vielen Familien die Verstorbenen mehrere Tage zu Hause aufgebahrt, damit die Angehörigen Abschied nehmen konnten.
Heute wollen die Menschen mit dem Tod und den Toten so wenig wie möglich zu tun haben. Auch dadurch gewinnt die Intensivmedizin und das Krankenhaus ihre fragwürdige Entscheidungsmacht über Tod und Lebensverlängerung.

Wenn es das Schicksal in einem vormodernen Sinn tatsächlich nicht mehr geben sollte, dann stellt sich die Frage, ob es das Schicksal überhaupt noch gibt und wenn, wo seine Grenzen sind. Jeder, der einmal in der Schule war oder der seine Kinder dorthin schicken darf/muss, weiss, wie fatal sich ein unfähiger oder unmotivierter Lehrer auswirken kann oder ein Lehrer, der gerade uns nicht mochte oder unser Kind nicht mag. Nun wird es immer auch solche Lehrer geben. Schicksal?!

Auf der Ebene des gesunden Menschenverstands fällt es nicht schwer, zuzugeben, dass ein enormer Anteil dessen, was eines jeden Leben ausmacht, schicksalhaft ist. Ist man allerdings Mitglied einer modernen Nation, dann kann das viel schwerer werden. So berichtet der bekannte Literaturwissenschaftler und bekennende Neu-Amerikaner Hans-Ulrich Gumbrecht, dass man in Amerika niemals von " to have cancer" spricht, sondern nur von "to fight cancer". Das ist die Sprachregelung. Nur mit dem Verb to fight wird cancer verbunden.

Die Philosophin Hannah Arendt führt diesen Zeitgeist in ihrem Buch "Vita aktiva" auf jenen doppelten Verlust an Sicherheit zurück, der auf die Entdeckungen Galileis zurückgeht. Indem Galilei nur mit Hilfe eines Fernglases zeigen kann, dass die Erde nicht der Mittelpunkt der Welt ist, erschüttert er die metaphysische Wahrheit der Bibel und zur gleichen Zeit die Verlässlichkeit der natürlichen menschlichen Sinne. Auf diese neue Situation hat Descartes reagiert, indem er als einzige Sicherheit, die für uns Menschen zukünftig noch zugänglich ist, nur noch den absoluten Zweifel an allem und jedem (selbst Gott!) annehmen konnte. Nach Hannah Arendt führte dies dazu, dass sich der moderne Mensch in seinem Weltbild oder seiner Weltanschauung auf nichts anderes mehr stützen kann, als auf das, was er selbst herstellt, seien es Dinge oder sei es Wissen. Etwas selbst Hergestelltes ist aber nunmal das Gegenteil dessen, was man als Schicksal bezeichnet.

Heute ahnen oder wissen wir, dass uns dieser neuzeitliche Aktionismus zwar ein großes Stück weitergebracht hat, aber dass er beginnt, die Welt mit einer unübersehbaren Zahl von neuen Dingen und neuen Verfahren zu überschwemmen, von denen wir nicht mehr wissen, ob wir schon vor ihnen Angst haben müssen oder uns noch über sie freuen können. Es stellt sich zunehmend die Frage, ob die Idee gelingender Freiheit mit diesen Fortschritten, die längst eine Art neues Schicksal geworden sind, dem sich viele ausgeliefert fühlen, noch in Einklang zu bringen ist. Muss Freiheit, wenn sie real sein soll, nicht auf einem wiedergewonnenen Begriff des Schicksals aufruhen, mit dem sie versöhnt ist?

Hans Blumenbergs berichtet in seinem Buch "Die Legitimität der Neuzeit", dass der Katholizismus sich lange gegen die Tendenz der Neuzeit gewehrt hat, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern, weil das sozusagen eine weitere Sünde gegen Gott wäre. Denn der miserable Zustand der Welt ist doch gerade die Strafe Gottes für die unaufhebbare Sündhaftigkeit des Menschen.

In einem Fernsehbericht über Indien sagte ein an Lepra erkrankter Mann, der von einer Missionsstation der Franziskanerinnen medizinisch versorgt wurde, dass die Schwestern zwar sehr nett seien und er sich freue, dass sie hier sind. Aber ob er nun behandelt wird oder geheilt oder nichts von beidem, ist ihm gleichgültig. Denn in Wirklichkeit geht es nur darum, anständig zu leben, um im nächsten Leben auf einer höheren Stufe wiedergeboren zu werden, um irgendwann aus diesem ewigen Kreislauf des Geboren Werdens und Sterbens ins Nirwana erlöst zu werden.

Mittlerweile gibt es wieder genügend Bewegungen, die an solche Wurzeln oder Haltungen zur Welt anknüpfen und die aus der Beschleunigung, der Unbescheidenheit und dem Machbarkeitswahn der sich globalisierenden Weltzivilisation herausführen wollen, in Richtung auf so eine Art ganzheitlicher Vernunft hin. Und wir Europäer schauen derzeit allzugerne auf das naive halbstarke Amerika herab, das noch ungebrochen an die Kraft zur umfassenden Gestaltung des eigenen Lebens womöglich durch präventive Militär-Schläge glaubt.

Doch stellen sich dabei einige Fragen. Sind diese neuerlichen retardierenden Momente nicht vor allem kleine Fluchten, hilflose Eskapismen und können wir damit schon die Macht der Gesellschaft und der Sachzwänge über die einzelnen Menschen läutern und in eine Kultur der Freiheit überführen? Glauben die Leute wirklich, mit etwas "grüner Bewegtheit" und hilflosem Anti-Amerikanismus die Dynamik jenes Amalgams aus Überlebenskampf, Techno-Kapitalismus und Manipulation der Masse aushebeln zu können, das die Erde im Griff hat? Und was passiert, wenn der Massenwohlstand tatsächlich einmal einbricht?

Auf den ersten Blick haben die modernen Menschen von heute das alte Schicksal, den Fatalismus gebannt. Aber es ist noch nicht ausgemacht, ob die Mächte dieses Schicksals nicht wieder zurückschlagen können.


Punkt 2: Niveau der Zivilisation, Macht und Freiheit als Verzicht

Wir leben immer noch unter dem Damoklesschwert der Atombombe, genauer gesagt der ABC-Waffen. Daran ändert nichts, das der Kalte Krieg zuende gegangen ist. Das Wissen über diese Dinge ist in der Welt und wird ständig weiterentwickelt, theoretisch wie praktisch. Es ist absehbar, dass immer mehr Staaten im Besitz der „Bombe" sein werden. Man muss befürchten, dass neue Kalte Kriege im Kleinen, wie jüngst zwischen Indien und Pakistan entstehen und dass irgendwann wieder eine Atomwaffe eingesetzt wird.
Das wäre noch nicht mal die größte Katastrophe. Denn dann wäre die Welt wieder in höchstem Maße aufgerüttelt und würde das Problem so wahrnehmen, wie es ist - als vollkommen ungelöst. Vielleicht kommt es nicht soweit. Die Menschheit hat eine Frist von wenigen Jahrzehnten, solange, wie die militärische Dominanz der Vereinigten Staaten erhalten bleibt, um dieses Problem in den Griff zu bekommen. Nach dieser Geschichtsphase, so sie nicht genutzt worden ist, könnten wieder Kämpfe um die Vorherrschaft auf der Welt ausbrechen und diesmal auf dem modernsten technischen Niveau. Ob und wie wir das überleben können, das sind Fragen, die erst gar nicht aktuell werden dürfen. Denn dann ist es bereits zu spät.

Also was tun?

Bis auf weiteres kann sicher nicht ausgeschlossen werden, dass die Atombombe zwischen lokalen Rivalen oder in einem terroristischen Akt zur Anwendung kommt. Die Möglichkeit eines neuen Weltkrieges jedoch gar nicht mehr entstehen zu lassen, das läßt sich, denke ich, durch eine neue politische Kultur erreichen. Seit Jahrtausenden erleben wir die Existenz großer politischer Machtgebilde, die zweifelsohne oft den zeitgenössischen Gipfel der Zivilisation darstellten. Aber immer wieder ist es zwischen diesen Kollektiven zu militärischen Auseinandersetzungen gekommen. Die Bedingungen und Dynamiken der geschichtlichen Geschehnisse sind unendlich komplex und von einer rationalen planenden Vernunft niemals wirklich steuerbar gewesen. Eine der primären allgemeinen Motivationen solcher Auseinandersetzungen war der geschichtliche Trieb, die bekannte bewohnte Welt, die Ökumene mit einer einheitlichen politischen Ordnung zu versehen, um sie zu beherrschen und um keine Überraschungen zu erleben. Die Paradigmen dieser politischen Ordnung sind das römische Reich und das chinesische Reich der Mitte, die beide vor etwa 2000 Jahren ihre größte Ausdehnung hatten.

Heute nun wird dieser geschichtliche Trieb, der lange Zeit ein unwiderstehlicher Ansporn zu nahezu jeder Form von Höchstleistungen war, durch die seit der Neuzeit ständig in Menge und Qualität sich akkumulierende Geisteskultur geradezu aus den Angeln gehoben. Schließlich läßt sich mit den modernsten Waffensystemen nicht mehr ausfechten, wer denn nun das Recht bekommt oder sich erkämpft, die Welt mit seiner Hegemonie zu beglücken. Glücklicherweise fand das Wirken des letzten, der diesen Kampf noch in vollem Ernst und mit für uns immer noch kaum vorstellbarer Grausamkeit wie Blindheit versucht hat, das Wirken von Adolf Hitler, gerade noch vor dem Zustandekommen der Atombombe statt.

Nüchtern betrachtet wird das traditionelle Machtgebaren der Kollektive durch eine indirekte Herrschaft des Geistes in Form der jedes menschliche Maß sprengenden Waffentechnologien, Produkten des Gebrauchs des Geistes, an sein Ende gebracht.

In der Welt der Körper wird unser Geist immer nur indirekt, vermittelt durch uns Menschen, wirken können. Dieses Prinzip der Indirektheit kann nicht aufgehoben werden. Es geht also darum, welche Form der politischen Machtausübung dem heutigen Niveau geistiger Fähigkeiten angemessen ist, wenn es die traditionelle geschichtliche Form der Kriege zwischen kollektiven Mächte nicht mehr sein kann.

Nochmals, der Grund dafür, dass die Geschichte sozusagen einen Sprung machen muss, liegt darin, dass das bisherige Verfahren politischer Machtausübung zu wenig selbstbestimmt ist und zu wenig kalkulierbar. Ausgerechnet im zivilisierten Europa des 20. Jahrhunderts sind die größten Kriege, Monstrositäten und Gewaltexzesse der ganzen Geschichte passiert - quantitativ und qualitativ.
Mittlerweile sind die Zerstörungspotentiale so immens, dass die Menschheit ein neues „20. Jahrhundert" vermutlich nicht mehr überleben würde. Die fortgeschrittenen geistigen Fähigkeiten erfordern eine neue Basis der Macht und der politischen Ordnung, die nicht mehr derart unkalkulierbar ist, wie das bisher der Fall war.

Das heisst aber nichts geringeres, als die Begründung einer Kultur der Macht, die zugleich die Verwirklichung des "Reichs der Freiheit" ist. Denn nur im Stand der Freiheit, wenn man in der Lage ist, Dinge nicht nur zu tun, sondern auch zu lassen, kann die nötige politische Kontrolle über das derzeitige und zukünftige Niveau unserer menschlichen Zivilisation entstehen.

Die klassische Unterscheidung zwischen der Freiheit von etwas und der Freiheit für etwas ist nur die eine Dimension dieses Begriffs oder Tatbestands. Die andere Dimension der Freiheit besteht darin, etwas entweder tun zu können, wenn man es will und es möglich ist - darin sind Mensch und Tier gleich -, oder es eben nicht zu tun, obwohl man es will und kann. Diese Art der Freiheit, etwas auch lassen zu können, ist zugleich Kennzeichnung des Menschen und die wichtigste Form der Freiheit für ihn. Denn sie ist das eigentliche ins Werk setzen der Potenz des Geistes, entscheidender als alle spezifischen - sagen wir IQ-relevanten geistigen Fähigkeiten. Nur der Geist kann mir Gründe und Motivationen liefern, etwas nicht zu tun, obwohl meine Seele und/oder mein Körper es wollen und können. Und genau um diese Fähigkeit geht es bei der Herausforderung, vor der wir stehen. Es geht um die freiwillige Aufgabe von Macht und ihre Übergabe an eine andere Form der Macht.

Dieser Prozess wird allerdings dadurch enorm erschwert, dass die Abrüstung einer bestehenden Machtinstanz von einer anderen konkurrierenden Machtinstanz, die insgeheim nicht abrüstet, unterlaufen und ausgenutzt werden kann. Der Schritt auf einen neues zivilisatorisches Macht-Niveau, das sich nicht durch waffentechnische Überlegenheit, sondern durch die angemessene Freiheitskultur definiert, muss also von einem unüberbietbaren öffentlichen Bewußtsein und von allgemeiner Akzeptanz begleitet sein. Und noch wichtiger ist es, dass eine neue Instanz der Macht sofort präsent ist und die Zügel übernimmt, so dass kein Machtvakuum entsteht.


Punkt 3: Institution

Die Institution ist die Einrichtung im menschlichen Leben, die dauerhafte Verbindungen unseres geistigen Denkens und Lebens mit unserem Handeln und unseren konkreten unmittelbaren Lebensumständen herstellt und garantiert. Das machtpolitische Geschehen in der Geschichte fand immer im Rahmen von Institutionen statt. Selbst die sogenannten Barbaren, die das römischen Reich oder das chinesische Reich heimsuchten, waren Stämme mit entsprechenden institutionellen Strukturen.

Die Geistes-Institutionen der modernen Wissenschaft und Technik, wie sie sich in den letzten fünfhundert Jahren herausbildeten, haben in der oben beschriebenen indirekten Art die klassischen Institutionen kollektiver Machtausübung, das Gewaltmonopol des Stärksten, in eine Sackgasse manövriert. Wenn deshalb eine neue Machtinstitution notwendig geworden ist, dann liegt es nahe, sie eher aus einer Art Verwandtschaft zu diesen Institutionen des Geistes heraus zu entwickeln, als aus der überholten Tradition der kollektiven Machtpolitik.

Das Problem besteht dann jedoch darin, dass die Vertreter der Institutionen des Geistes, die Wissenschaftler, die Theoretiker oder die Berater in ihrer eigentlichen Funktion nie unmittelbare Macht innehatten. Sie waren und sind immer nur Lieferanten von Konzepten oder Mitteln zur Machtausübung. Die Machtausübung geschieht in einem anderen menschlichen Aggregatszustand, weil der handelnde Mensch sich im Moment des Handelns nicht selbst beobachten und reflektieren kann, quasi "blind" auf dem theoretischen Auge ist. Ich diskutiere dieses Problem also nicht personal. Durchaus kann ein Theoretiker an die Macht kommen, wie es z.B. bei Lenin der Fall war.

Im Ausüben traditioneller kollektiver Macht ist der Geist sekundär, sagen wir Sekundant. Da der kollektive Bereich bisher in seiner Geschichtsdynamik über jedes vorstellbare Maß hinaus chaotisch und hyperkomplex ist, kann der kollektive Machtpolitiker sich nur in diesen Strudel stürzen und jenes berühmte "muddling through", auf deutsch "durchwurschteln" praktizieren. Dafür ist zwar geistige Flexibilität in höchstem Maße gefordert. Diese bezieht sich aber nur auf die Fähigkeit zum Brechen geistiger Vorgaben in zynischer, macchiavellistischer Art und Weise. Reziprok dazu war auf Seiten der Untertanen ideologische Zwangsborniertheit gefordert.

Da der Geist seit seiner praktischen Umsetzung in Atomwaffen als Geist in der Welt der kollektiven Macht faktisch dominant geworden ist, sich als Zweck nachgerade aufzwingt, gilt es jetzt, eine neue machtpolitische Institution aus der Taufe zu heben. Sie muss der Dominanz des Geistes, zu der es in der Geschichte keinen Präzedenzfall von vergleichbarer Universalität gibt, adäquat sein. Nur so kann die Gefahr grundsätzlich gebannt werden, dass im Zuge des üblichen politischen "muddling through" aus altbekannten "vegetativen", besser gesagt "limbischen" Reflexen mit Hilfe der modernen Waffensysteme in einem totalen Krieg ein letztes geschichtliches Inferno inszeniert wird.

In dieser neuen Institution der Geistesmacht, bzw. für die Träger dieser Institution sollen die freie Entwicklung geistiger Konzepte und deren Umsetzung sehr wohl von den jeweiligen menschlichen und zwischenmenschlichen Umständen durcheinandergebracht werden können. Das gebietet schon das Realitätsprinzip. Der Geist soll jedoch nicht mehr durch die Unwägbarkeiten und irrationalen Motivlagen der traditionellen, bzw. jeglicher kollektiver Machtpolitiken bestimmt werden können, da die Macht in dieser kollektiven Form abgeschafft wird.

Der Schritt aus der einen Welt, der kollektiven, die nach wie vor besteht und die Erde in ihrem Bann hält, zur anderen Welt, die ich "Reich der Freiheit" nenne, erscheint im Blick auf die heißen und kalten Krisenszenarios der Welt noch utopisch. Andererseits gibt es eine absolute Mehrheit der Menschen auf der Erde, die sehr wohl in der Lage sind, ihr Leben individuell und eigenständig zu leben, wenn sie die Bedingungen dafür vorfinden. Man sollte nicht vergessen, dass wir derzeit schon durch das enorme Bevölkerungswachstum auf Grund des medizinischen und agrartechnischen Fortschritts in einer Zeit extremen Stresses leben. Gemessen daran herrscht sehr viel Ruhe auf der Erde, wenn auch noch oft verbunden mit viel Zwang.

Da die Lösung des hier aufgeworfenen Problems künstlich gemacht, d.h. erfunden und bewußt vollzogen werden muss, denn es geht um einen primär geistigen Akt, scheint sie nicht so weit weg zu sein. Denn das können wir ja im Prinzip und tun es auch täglich in vielen kleinen Entscheidungen und Ausführungen. Die wirkliche Hürde besteht vielmehr darin, dieses Vorgehen mit der heute ihm eigenen Bedeutung nicht nur zu versehen, denn die hat es schon - die Atombombe existiert -, sondern in der Welt der Menschen bekannt und wertmäßig gültig oder mächtig zu machen. Die Machtkollektive und ihre Vertreter müssen ihrer Unfähigkeit überführt werden, das bestehende kulturelle oder zivilisatorische Niveau zu meistern. Die Nebelschwaden, mit denen sie ihre tatsächlichen partikularen Interessenslagen verschleiern, müssen weggeblasen werden, damit sie in ihrer Unfähigkeit, der Verantwortung für das Ganze gerecht zu werden, bloßgestellt werden können.

Wenn dieses Bewußtsein allgemein geweckt werden kann, dann ist der Schritt für die absolute Mehrheit der Menschheit, für all die einzelnen Personen auf der Erde, die ihr Leben zu bewältigen versuchen, keineswegs fernliegend, selbst die richtigen Schlüsse aus möglichen Chancen unserer so potenten Zivilisation und den schicksalhaften Begrenzungen ihres je eigenen Lebens zu ziehen und die adäquaten Schritte anzugehen. Ihre aufgeklärte individuelle Selbstermächtigung bedeutet das Abnehmen der Kollektivmacht und ist die Keimzelle einer neuen alternativen Institution der Macht.
Was sie dafür brauchen, ist allerdings ein gewachsenes, besser ein institutionelles Vertrauen, dass ihnen ihre Freiheit garantiert bleibt.


Punkt 4: Klassische Freiheitstheorien

Einen totalen Weltkrieg mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln könnte man durchaus als einen Freiheitsakt begreifen - in dem Sinne, indem man auch von Freitod spricht. Wer, wenn nicht die heutige Menschheit hätte sonst im Reich der Natur je die Mittel dazu gehabt. Es gibt eine lange Tradition solch anthropofugalen Denkens, das es als Segen betrachtet, zu sterben oder Menschen oder gar die Menschheit zu missbrauchen und zu töten, weil nichts Menschliches etwas wert ist, weil jeder positive Wert nur lächerlicher Betrug ist. Die klassischen Vertreter dieser Tradition sind die antiken Gnostiker mit ihrer Lehre, im Abschied von der Materie, d.h. im Abschied von der Erde wieder zu Gott Zugang zu finden, der uns ursprünglich als reine Geisteswesen geschaffen hat. Nach dieser Theorie wurde die Erde und die Körper der Menschen mit allem ihrem Schmutz und Verfall, mit all ihrer Verderbtheit aus Rache von einem von Gott abgefallenen Engel geschaffen, der Demiurg genannt wurde.

Von dem gnostischen Urmythos gelöste Beispiele geistig-elitärer Abgehobenheit, die in grausamem menschenfeindlichem Denken und Handeln resultieren, finden sich viele in der Geschichte. Das geistige Bewußtsein kann so extremistisch und abseitig sein, dass es in eine destruktive oder böse Haltungen umschlägt. Dazu muss es noch nicht mal unterdrückt werden oder keinen adäquaten Ausdruck finden können.

Aus diesem Befund läßt sich schließen, dass sich die geistige Freiheit zwar nie wird einsperren lassen. Wenn es aber wenigstens eine Chance geben soll, die heutige Dominanz des Geistes zu zähmen, dann nur, indem die dem Geist inhärente unendliche Freiheit einen praktischen und d.h. politischen Austrag in der Welt und in der Gesellschaft findet.

Eine alte Weisheit besagt, dass, wenn in einer Gesellschaft eine bestimmtes Maß an Komplexität aller Gegebenheiten überschritten wird, die Mitglieder dieser Gesellschaft nicht mehr durch einen mehr oder weniger simplen äußeren, streng sanktionierten Moralkodex reglementiert werden können, sondern lernen müssen, sich abgesehen von der Beachtung eines Grundregelbestand in kreativer Art und Weise selbst zu reglementieren. Das galt schon im alten Athen. Die fortschreitende Geisteskultur und Aufklärung, die sich auch als florierende Ökonomie zum Ausdruck brachte, nahm dem maßstabsetzenden Glauben an die olympischen Götter seine Kraft. Sokrates setzte an dessen Stelle seine innere Stimme, seinen Daimon.

Diese aufkommende Notwendigkeit einer individuellen Ethik gilt erst recht in der Neuzeit, in der Immanuel Kant, dabei weit über den Protestantismus hinausgehend, versucht hat, mit seinem kategorischen Imperativ eine Art individualisierten Ersatz für die dogmatisierten, äußerlichen Verhaltensregeln zu formulieren, wodurch das Zusammenleben innerhalb einer freien Gesellschaft ermöglicht werden soll.

Kant sah aber schon selbst, dass es den Menschen an der Liebe zu einem rationalen Gesetz fehlen könnte. So faszinierend diese Idee ist, dass das eigenen Handeln von eigenen Maximen geleitet sein soll, die jedoch verallgemeinerbar sein müssen, so sehr ist es formal noch vom Geist der zwingenden Vorschriften geprägt.

Die Menschen können sicherlich lernen, sich allgemein akzeptabel zu verhalten. Schließlich tun sie das die meiste Zeit. Kein Staat könnte existieren, wenn ständig alle Bürger alle Gesetze übertreten würden. Spätestens dann tritt Chaos und Krieg ein. Die Verfahren der Sanktionierung von Vergehen müssen immer absolut marginal sein, gemessen am täglichen Gesamtgeschehen in einer Gesellschaft, so wie etwa die Autos ständig aneinander vorbeifahren und nur in den allerseltensten Fällen zusammenkrachen.

Damit eine Gesellschaft innerlich frei wird und von ihren Komplexitäten und von den Freiräumen der Individuen nicht zerstört wird, bedarf es einer positiv erlebten Freiheitskultur für jeden einzelnen Bürger und Menschen, die das Kantsche Postulat bei weitem übersteigt.

Der Republikanismus, die Demokratie, eine freie Wirtschaft sind wichtige Bausteine eines solchen "Reichs der Freiheit". Aber gegenüber den Machtmechanismen der Gesellschaft ist der einzelne Mensch oft sehr hilflos. Auch in einem Rechtstaat ist ein Prozess gegen den Staat, gegen einen Konzern oder eine mächtige Organisation für den einzelnen Bürger schwer zu gewinnen. Auch in einer freien Wirtschaft kann Tüchtigkeit zu Armut führen.

Daher ist es unverzichtbar, die Stellung des Einzelnen gesellschaftlich so stark werden zu lassen, dass er die Sicherheit und die verlässliche praktische Erfahrung gewinnen kann, frei, wenn auch mit Rücksicht auf seine Mitbürger sein Leben gestalten zu können. Nur wenn der Status der einzelnen Person mittels einer klar definierten Institution und ihrer konkreten Realisierung im menschlichen Leben als frei und selbstbestimmt gegenüber allen anderen Institutionen und Mächten der Gesellschaft und Welt festgelegt ist, kann die Begeisterung und die Befähigung für die vernünftige Selbstgesetzgebung entstehen, die Kant als notwendig erachtet hat. Denn die vernünftige Selbstgesetzgebung ist das unabdingliche Instrument, um die Freiheit der Einzelnen untereinander kompatibel zu machen.


Punkt 5: Schwäche

All die unvorstellbaren Möglichkeiten der modernen Zivilisation, die eben auch gigantische Zerstörungsmittel hervorbringen, sind in den Händen großer kollektiver Machtagglomerationen gleichsam zu überdimensionierten, kampf- und gebrauchsuntauglichen und daher unkalkulierbar gefährlichen Werkzeugen geworden. Es geht dabei nicht nur um Technik, sondern auch um moderne Organisationsfähigkeit und um ökonomische Potenz. Ist nicht das III. Reich ein entsetzliches Beispiel für einen organisatorisch perfektionierten Missbrauch kollektiver Macht, dem der Einzelne als Einzelner nichts oder fast nichts (Elsers Attentatsversuch!) entgegenzusetzen hatte?

Wir brauchen den kleinen einzelnen "schwachen" Menschen als universelles Maß des gesellschaftlichen und politischen Lebens, um die Kraft dieser Zivilisation zu bändigen. Die selbstbestimmte Lebensführung der einzelnen Person, autorisiert und realisiert in einer allgemein anerkannten Individual-Institution, ist der einzig denkbare Rahmen, in dem sich die modernen Potentiale ungebremst austoben dürfen, ja geradezu gebraucht werden, um die adäquate Lebensbasis einer solch individualisierten Welt herzustellen?

Ich postuliere das hier als Zukunftsmusik. Ich will darauf hinaus, dass nicht mehr Staaten oder die Kapitalinteressen von Konzernen die Agenda bestimmen, sondern die Idee einer freien Weltgesellschaft, deren Protagonisten die einzelnen freien Menschen sind.

Entgegen dem Zeitgeist richte ich diesen Aufruf zur Schwäche nicht an die Arbeitslosen oder die von Arbeitslosigkeit bedrohten kleinen Arbeitnehmer, sondern gerade an die, die ihr Schärflein im Trockenen haben und sich zu den Starken zählen. Denn dieser Personenkreis nutzt die Ikonen der Kollektivität, seien es die Konzerne und ihre Marken, seien es die Nationalstaaten, die großen Organisationen oder sei es der soziale Nimbus besonderer Herkunft, Leistung oder des Berufs, um ihre Position im Gesellschaftsleben sozial und materiell zu etablieren. Damit ist heute ein großer Teil der Bevölkerung angesprochen, der nicht realisiert oder sich weigert, zu realisieren, inwieweit er im Widerspruch zum eigenen Selbstbild seine Individualität und Autonomie preisgibt, wenn er den eigenen Gesellschaftsstatus unter Ausnutzung und Verfestigung dominanter Kollektivstrukturen herstellt. Denn dadurch wird die Schichtung der Gesellschaft kollektivistisch in unten und oben zementiert und dieser Personenkreise versagt als die Eliten, die er noch darstellt, vor den Anforderungen der Weltlage.

Sollen der Staat oder die Unternehmen der Wirtschaft die Arbeit schaffen, die den Menschen den Lebenunterhalt ermöglicht? Das ist ein falscher Ansatz, das Pferd von hinten aufgezäumt, sozusagen. Es geht darum, eine auf den Menschen in seiner sozialen "Kleinheit" ausgerichtete, auf der Achtung des Individuums beruhende Zivilisation zu schaffen, um den Kollektivpopanzen, z.B. "Amerika" oder "BMW", ihre aufgeblasene Mytho-Bedeutung zu nehmen und ihren Nimbus auf ihre sachlichen Funktionen zurückzustutzen. Dann lassen sich auch die sozialen, die konkret-materiellen und die mythisch-phantasmagorischen Bedingungen etablieren, die dem Erwerb des Lebensunterhalts für jeden "kleinen" Menschen tatsächliche Priorität unter allen materiellen Belangen einräumt. Dann macht es auch Sinn, die Abhängigkeit von bürokratischer Umverteilung zurückzuführen.

In Wirklichkeit ist die Stärke schwach und die Schwäche wird stark. In den heutigen integrierten Großstrukturen der Weltwirtschaft steckt ein gewaltiges Gefahrenpotential. Es resultiert aus der psychischen Labilität des Kapitalismus, unaufhebbarer Preis seiner inhärenten Zukunftsorientiertheit. Man denke nur an den Börsencrash, den eine schmutzige Bombe auslösen würde, die in London von Terroristen gezündet wird, - trotz allen Leids und Chaos global gesehen ein lokales Ereignis.
Die durch logistische und materielle Entflechtungen entstehenden Einheiten wären ja nur quantitaiv klein und schwach. Globalität ist etwas geistiges. Finanz- und Warenströme sind nur der vorläufige Ersatz dafür. Technologisch gibt es schon ein unübersehbares Angebot an Mitteln für eine fortschreitende lokale Autonomie für die, die es sich leisten können. Sie sollten es sich leisten, anstatt ihr Kapital in Objekten des Sozialprestige anzulegen, welches eine definitiv kollektivistische Kategorie ist. Jene Ökonomie, deren primären Triebkräfte weniger Reichtum, Geltung und Macht sind, sondern dass sie Mittel zum Zweck der Freiheit ist, wird erst modern sein.

Der sog. Kapitalismus stellt ein nahezu unendlich flexibles System dar. Die in ihrer Vereinzeltheit scheinbar schwache Bevölkerungsmehrheit außerhalb der Lobbys hat nur immer noch nicht begriffen, dass sie es ist, die ihn bewußt und intelligent nach ihren Bedürfnissen steuern muss.


Punkt 6: Universalität

Mit einer Institution der individuellen politischen Selbstbestimmung kann ein zivilisatorisches Maß oder eine politische Instanz eingeführt werden, die das Konzept der selbstbestimmten emanzipierten Gesellschaft über die letztlich willkürlichen Grenzen der Nationalstaaten hinweg universalisiert. Erst dadurch wird eine Entität von der Fiktion in die Wirklichkeit übergeführt, die wir schon lange ganz selbstverständlich nutzen, so als ob sie real wäre, obwohl sie in Wirklichkeit noch Fiktion ist oder global gesehen höchstens als Postulat und als Arbeitshypothese wirklich ist. Ich spreche vom Begriff des Menschen. Denn den Menschen gibt es noch nicht außerhalb der Köpfe und sicher auch des Handelns des liberalen Teils der Weltbevölkerung. Der Mensch kann erst existieren, wenn er eine universelle politische Realität überall auf der Erde, überall dort, wo Menschen wohnen, geworden ist. Und genau dies ist nur möglich, wenn es eine verfasste, eine politisch institutionalisierte Form der Individualität gibt, denn den Menschen als Menschen kann es in der allgemeinen intersubjektiven Realität nur als jemanden geben, dem die Individualität politisch über seiner partikularen Gruppenzugehörigkeit steht und der von den anderen Menschen als solcher anerkannt wird und vice versa. Das hat nichts mit Egoismus zu tun!

Ist diese Bedingung nicht erfüllt, dann ist eine fragliche Person eben nicht Mensch, sondern Malaie oder Buddhist oder sonst was, nur nicht Mensch. Die Zuschreibung "Mensch", die wir in unserem Kulturkreis meist gewohnt sind, anderen und uns selbst zu gewähren, ist weltweit noch keinesfalls Standard. Das bedeutet, dass der eigentlich entscheidende Akt der Geschichte noch vor uns liegt. Anders gesagt, es wird Zeit, das die sog. liberale Weltanschauung endlich ernst macht mit ihrer Weltsicht. Und das kann sie nur, indem sie aus ihrer eigenen Perspektive Nägel mit Köpfen macht und beginnt, in einem politisch machtvollen und kreativen Akt die Kollektivität wenigstens in den Gesellschaft auf die Plätze zu verweisen, in denen sie herrscht. Wo sollte sie denn sonst damit beginnen?


Punkt 7: Seele

Eine bestimmte Tradition der Geisteswissenschaft, die auf den Schweizer Psychiater Ludwig Binswanger zurückgeht, trennt den Körper und die Seele einerseits vom Geist andererseits. Der Geist existiert in den Gedanken und Geschichten, die sich eine Person mit Hilfe der Sprache über ihr Leben macht. Der Geist kann über die Welt und das ganze Universum ausschweifen und sich in entfernteste Objekte hineinversetzen, sich entäußern oder sie, die Objekte, theoretisch erfassen, ja gleichsam erschaffen. Die irrationale Zahl e gibt es zwar objektiv, aber sie musste doch erfunden werden. Deswegen hat sie ja auch einen Eigennamen nach ihrem Erfinder Leonhard Euler.
Körper und Seele dagegen sind unmittelbare Empfindungen, die an mich und den Ort gebunden sind, an dem ich stehe. Allerdings kann sich die Seele ebenfalls entäußern und zwar in andere Lebewesen und vor allem in Kollektive hinein, in die Gruppenseele. Eine besonders extreme Form der seelischen Entäußerung findet in Sekten statt und als solche kann man auch die deutsche Nation während des III. Reiches sehen.

In der liberal-kapitalistischen Kultur wird die Tendenz der Menschen, ihre individuelle Seele an Gruppen preiszugeben, genutzt, sei es, um sie durch Erzeugung von Gruppentrends zum Einkaufen zu bewegen, sei es, um ihre Arbeitskraft für das "return of investment" in den corporate identity-Schlachtschiffen unserer Zeit zu mobilisieren. Das geschieht prima facie gesehen alles freiwillig. Allein, es fehlt meist die wirkliche Alternative.

Vielleicht sind es die Ängste vor Wohlstandsverlust, vor sozialer Bodenlosigkeit oder vor Einsamkeit, vielleicht ist es die Chance, innerer Spannungen und Abgründe auf Sündenböcke zu projizieren und dadurch zu stillen, welche die Menschen dazu verführen, sich besonderen Gruppenzwängen ein- und unterzuordnen.

Es genügt nicht, abstrakt von Institution zu reden, von der einzelnen Person, die eine Institution der individuellen politischen Selbständigkeit für sich proklamieren und ausfüllen soll. Natürlich basiert der tragende Gedankengang dieses Vortrags auf der Überlegung, dass die moderne Zivilisation nicht nachhaltig bestandsfähig ist, wenn wir nicht lernen, in unserem Zusammenleben das Primat des Kollektiven über das Individuelle zu brechen. Daher behaupte ich, dass der nächste und vielleicht wichtigste Schritt der Aufklärung die praktische Beleuchtung, Entmystifizierung und Relativierung aller sozialen Seelen-Mechanismen sein muß und zwar auf einer für den großen Durchschnitt der Menschen nachvollziehbaren und umsetzbaren Art und Weise - kein Programm für bestimmte Eliten mehr!

Dieses Projekt wird aber womöglich scheitern, wenn es nicht vor allem als positive neue Lebensform sich präsentiert. Das kann es dadurch tun, dass es die Menschen bei ihrer Ehre packt. Das Leben kann mitunter extrem sein. Damit meine ich nicht die materiellen Zustände, die Hunger, Durst, Krieg und soziale Missstände mit sich bringen. Denn diese Gegebenheiten halte ich heute für im Prinzip für vermeidbar oder lösbar. Ich meine zum Beispiel den Fall, dass eine Mutter ihr Kind zu Grabe tragen muss oder dass kleinen Kindern die Eltern sterben. Ich meine die Unausweichlichkeit von Tod und Verfall des Körpers. Auch der Entwicklungsweg eines Menschen vom Kind zum Erwachsenen, auf dem er sich seinen Platz in der Welt erkämpfen muß, kann schlimmste Seelenqualen beinhalten.

Eine Kultur der auch politisch manifestierten individuellen Verantwortung kann nur darauf aufbauen, dass die erwachsenen Personen die seelische Kraft gewonnen haben, zwischen dem Schicksal, das jeder in ganz einzigartiger Form auf sich nehmen muß, und den Dingen zu unterscheiden, die man frei verändern kann, für die man kämpfen kann. Nur aus der Gesamtheit beider erwächst der Stolz auf das eigene Leben.

Für diesen Lernprozess gibt es keine allgemeinen Vorgaben. Jeder Mensch muss die Grenze zwischen Freiheit und Schicksal selbst herausfinden und dafür braucht er die Freiheit des Geistes und die Freiheit der Seele. Dieser Prozess kann sehr schmerzhaft sein und die Grenze steht auch nie fest, sondern bewegt sich das ganze Leben hindurch. Irgendwann kann ein kleiner Säugling, der um sein Leben kämpft, das gesamte Schicksal für eine kräftige erwachsene Person bedeuten.

In der Dynamik, im aktiven Umgang mit den Passiva und Aktiva des eigenen Lebens wird die Trennung zwischen Körper, Seele und Geist wieder aufgehoben. Man könnte diese Lebenshaltung bildhaft damit vergleichen, dass man beim Skifahren oder beim Inline-Skaten nur dann gut zurechtkommt, wenn man den eigenen Schwerpunkt vor sich, vor dem eigenen Körper hat. Gerät er hinter einen, dann verliert man die Kontrolle über die eigenen Bewegungen und stürzt. Im Leben stürzt man dann nicht unbedingt, aber man wird unkontrollierbar abhängig von sozialen Strukturen oder von anderen Personen. Man verliert die Selbstbestimmung.

Die fatale Märchenwelt der heutigen Zeit, welche dazu tendiert, die Neigung der menschlichen Seele zu Unselbständigkeit und Abhängigkeit auszunutzen, sind die falschen Versprechungen der Wissenschaft und Technik. Deren Ergebnisse und Verfahren können das Leben da und dort erleichtern und dessen Möglichkeiten vergrößern. Was Wissenschaft und Technik ganz bestimmt nicht können, ist das Schicksal aufheben. Für ein kinderloses Ehepaar mag die Erfüllung des Kinderwunsches geradezu überdimensionale Bedeutung erhalten. Aber ein Schicksal ist beides, kinderlos bleiben oder ein Kind bekommen. Um das eine Schicksal statt dem anderen zu erleben, muss man auch darauf achten, von wem man sich auf welche Art und Weise abhängig macht. Manchmal ist der Verzicht das beste Mittel, um die eigene Freiheit und Selbständigkeit zu bewahren. Gerade die Mentalität, alles haben zu wollen, ist nicht freiheitsbefördernd. Frei ist man, wenn man sich seine Grenzen selbst setzt, anstatt sie von anderen Personen oder vom Schicksal sich aufzwingen zu lassen. Das geht soweit, auch das Sterben oder den Tod als integralen Bestandteil des Lebens zu begreifen und ihn nicht abzulehnen, wenn er denn kommt.

In früheren Epochen mag eine einzelne Erfindung wie der Pflug oder der Steigbügel das Überleben oder den Sieg bedeutet haben. Heute sind wir von einem derart dicht gesponnen Netz von zivilisatorischen Errungenschaften umgeben, dass wir lernen müssen, unsere innere ureigene immaterielle Welt kennenzulernen und mit Wert zu versehen, um zu wissen, was wann wichtig für unser Leben ist.

Das berühmte "Sich um sich selbst kümmern" oder "sich um die eigene Seele sorgen" des Sokrates ist ein kreativer und paradigmatischer Weg für jeden Menschen und seine Seele, wenn er versucht, im Rahmen des eigenen Schicksals auf der aktiven Seite zu bleiben, indem er das tut, was zu tun ist und das auf sich nimmt, was ihm geschieht. Selbstredend gehört dazu auch die Fähigkeit und Bereitschaft, sich Hilfe zu holen, wenn man sie braucht und Hilfe zu spenden, wenn sie gebraucht wird.

Dass für eine solche Kultur der Selbstsorge oder Selbstseelsorge eine Welt vonnöten ist, in der die Vergötzung der Kollektive und ihre Feindschaften untereinander der Vergangenheit angehören, erscheint leicht nachvollziehbar zu sein. Denn solange man sich oder die eigene Gruppe in einem absoluten Kampf mit den bösen "Anderen" befindlich sieht, kann der Einzelne zwar Kanonenfutter werden, aber sich kaum umfassend und angemessen um sich selbst und seine Seele kümmern. Stattdessen können im Kampf der Seele Verletzungen zugefügt werden, die im Gegensatz zu denen des Körpers über Generationen hinweg nicht heilen und sogar den Selbstmord durch Vernichtung der Gegner mit Atombomben zu rechtfertigen scheinen. Vergangenheit und Gegenwart haben genügend Beispiele, dass Menschen sich durch Feindschaft in praktisch jeden Hass, in jede Abartigkeit hineinzusteigern in der Lage sind.

Es darf in der Gesellschaft keinen höheren Wert geben, als die einzelne Person und ihre individuelle Seele. Diese Person kann sehr wohl einen höheren Wert für ihr eigenes Leben proklamieren - Gott, die Kunst, selbstaufopfernde Hilfe für andere. Aber dieser höhere Wert darf sich nicht in einem konkreten exklusiven Kollektiv manifestieren oder von einem solchen exklusiv verwaltet werden.


Punkt 8: Der kategorisch-politische Imperativ

Wollte man den kategorischen Imperativ und die politischen Visionen Immanuel Kants aus heutiger Sicht reformulieren, dann könnte das etwa so lauten:

Da erstens die Menschheit den Stand der Natur in sozialer Hinsicht vielleicht schon mit Beginn der Sesshaftigkeit, spätestens jedoch mit den ersten großen Reichen der Antike, die alle wesentlich von dem Transport von Sprache als Schrift auf Papier abhängig waren, definitiv verlassen hat, wird eine Weltgemeinschaft der Menschheit im guten Sinne nicht durch die verwandtschaftliche Gruppe hergestellt werden können, sondern nur vermittels der Sprache.

Da zweitens jene eigentlich unausweichliche Weltgemeinschaft ihre Identität nicht mehr von einer territorialen Gegebenheit, nicht mehr durch die materielle Abgrenzung von einer anderen Gesellschaft oder Gemeinschaft wird gewinnen können, ist sie wiederum wesentlich von der Sprache abhängig, da nur in der Sprache die Bildung einer losgelösten, für sich stehenden Identität möglich ist. Nur die Sprache vermittelt die Möglichkeit, Individualität und d.h. genau genommen Einzigartigkeit auszubilden.

Drittens ist ein solcher Prozess nicht als ein kollektiver Prozess denkbar, da sich alle menschlichen Kollektive primär in der sichtbaren, materiellen, intersubjektiven Welt definieren müssen. Andernfalls wären sie für andere nicht wahrnehmbar. Dadurch sind sie nicht in der Lage, jene Identität in der Sprache zu finden. Für Kollektive als Kollektive ist die Sprache oder Schrift immer nur Mittel zum Zweck ihrer Entstehung und Bestandssicherung, insbesondere auch gegenüber anderen Kollektiven. Das gilt noch für den esoterischsten Orden. Die Weltgemeinschaft der Menschheit hingegen muß und kann von außen nicht sichtbar sein, weil es gar kein Außen gibt.

Viertens folgt daraus, dass das sich als Möglichkeit abzeichnende Transkollektiv einer Weltgemeinschaft der Menschheit nur von eigenständigen erwachsenen Persönlichkeiten getragen bzw. vor sich selbst repräsentiert werden kann. Für diese Persönlichkeiten stellt die Sprache als ausgebildete und positiv in ihr Leben integrierte Sprachfähigkeit und Sprachverwendung einen und zwar den entscheidenden Kern ihres Lebens dar. Sie definieren und erkennen sich vor aller Gruppenzugehörigkeit durch die Sprache als individuelle Menschen. Dadurch können sie das Interesse und den Willen entdecken, die jede bekannte Kollektivform überschreitende Kollektivform einer Weltgemeinschaft aller Menschen politisch zustande zu bringen.

In diesem Sinne kann man fünftens davon sprechen, dass das Zeitalter der Worte vorbei ist, jenes Zeitalter, indem die Menschen in ihrem Lebensvollzug im Rahmen von verfassten Kollektiven essentiell innerhalb konkreter Formulierungen existierten wie es z.B. Gesetze oder Gruppenideologien sind. Jetzt kommt es darauf an, in das Zeitalter der Sprecher einzutreten, in welchem die Sprachverwendung und die geistige Lebendigkeit der Individuen als solche, d.h. als Institution unabhängig von konkreten Formulierungen die unhintergehbare conditio humana geworden ist, der Kraftkern, der sowohl die Ordnung, als auch die Offenheit der Weltgemeinschaft aller Menschen stiften kann. Dies bedeutet nicht, dass die Menschen in ihrem Zusammenleben vor Ort sich nicht nach wie vor auf verfasste (rechtliche, demokratische, republikanische, ...) Kollektivformen stützen und auf diese angewiesen sind. Sie werden sich auf diese stützen, weil es praktisch und weil es notwendig ist und nicht weil sie ausserhalb der Kollektive gar nicht existent sind.

Im selben Moment, in dem ich diese Sätze spreche, will ich sie schon wieder überschreiten in meinem Sprechen oder meinen Sprechakten. Denn ich will kein neues Gesetz, keine neue Theorie aufstellen, sondern hier nur jene allgemein verantwortliche Sprachverwendung vorstellen, auf der ich meine persönliche Individualität gründe - ohne übrigens deshalb meine verschiedenen Gruppenzugehörigkeiten aufzugeben oder zu nivellieren.
Jedenfalls implizieren diese Formulierungen die volle Übernahme der politischen Verantwortung und der politischen Macht durch die erwachsenen individuellen Persönlichkeiten überall auf der Erde. All die Bundeskanzler, Präsidenten, Parteichefs, Konzernchefs, Päpste, etc. enthalten uns die Macht nicht vor. Wir nehmen sie uns nur noch nicht. Wir schulden der Moderne oder der Geschichte eine letzte Revolution, die uns politisch allgemein machen soll.


Punkt 9: Sprache und Virtualität

Als die Fugger und ihre venezianischen Handelspartner im Austausch für gegenseitige Wartenlieferungen jeweils den Preis in Gold über die Alpen transportieren ließen, mussten beide immer wieder den Verlust des Goldes durch Raub beklagen. Da kamen sie auf die Idee, statt Gold nur Wertbescheinigungen hin und her zu senden. Der Wert hatte sich virtualisiert. Später, mit Begründung der ersten Börsen, bestand der Wert nur noch in Zahlen auf Papier, die die Waren, die irgendwoanders lagerten, repräsentierten. Der Handel fand ohne die Waren statt. Ein derartiges System erfordert einen hohen ethos, ein Höchstmaß an gewachsenem gegenseitigem Vertrauen. Daraus ergibt sich geradezu zwangsläufig eine Vielzahl an Vertrauensbrüchen und Vertrauenskrisen, die sich meist in Hyperinflation, totalem Geldwertverfall oder in geplatzten Spekulationsblasen äußern.

Die Virtualität der Wirtschaftswelt, die sicher ein entscheidender Motor für die Entstehung der überreichen modernen Zivilisation war, ist heute derart komplex und unübersichtlich geworden, dass wir nicht mehr wissen, ob wir weltweit in einer riesigen Finanzspekulationsblase leben, die irgendwann platzen wird oder ob alles noch solide ist. Hochmögende Fachleute finden sich auf beiden Seiten dieser doch sehr existentiellen Beurteilungsdichotomie. Diejenigen, die die negative Version für realistisch halten, schweigen allerdings in der Öffentlichkeit, um keine self-fulfilling prophecies zu produzieren oder die Geschäfte ihres jeweiligen Brötchengebers zu gefährden.

Galileo entdeckte, dass man die Natur mathematisch, d.h. theoretisch exakt beschreiben kann. Ergänzend forderte er, dass man messen soll, was man messen kann. Boyle institutionalisierte die Kriterien des wissenschaftlichen Experiments. Daraus wurde neben Papiergeld und Börse das zweite große Standbein der neuzeitlichen Virtualität, welches auch "neuzeitlicher Konstruktivismus" genannt wird. Dieser schickt sich immer wieder mal an, das Leben selbst nachmachen zu wollen und damit den Unterschied Kunst/Natur aufzuheben. Womöglich gelingt es ihm irgendwann.

Beide Verfahren zusammen, das ökonomische und das wissenschaftlich-technische, bringen insbesondere in den letzten einhundert Jahren eine exponentiall wachsende Zahl von Künstlichkeiten oder Virtualitäten in die Menschenwelt. Da wir aber Gewohnheitstiere sind, anverwandeln wir uns diese zwar und sie werden "natürlich".

Trotz dieser Überschwemmung mit manifesten Künstlichkeiten kann ich mich nach wie vor nicht gegen die Plausibilität eines Gedankens wehren, der mir während meiner Lektüre des kanadischen Medienphilosophen Marshall McLuhan in den Sinn kam. Die eigentliche Begegnung mit der Virtualität geschah für uns Menschen in jener undatierbaren Zeit, als wir begannen, zu sprechen. Die Künstlichkeit der Sprache ist nicht mehr zu steigern, nicht einmal, wenn es gelänge, ein sich selbst fortpflanzendes Wesen künstlich zu erzeugen.

Die Künstlichkeit der Sprache beruht auf der Arbitrarität oder Willkürlichkeit der Zeichenform und auf der Negativität ihres Bedeutungstragens. A funktioniert als a, weil es nicht b, c, d, ... ist, das Wort Milch funktioniert als ein Begriff, weil es wie "Milch" und nicht wie "Brot" klingt etc..

Seit dieser Zeit haben die Menschen die Möglichkeit, ihre unmittelbare Lebenssituation in einer zweiten Sphäre oder Welt zu spiegeln oder zu reflektieren. Dieses Phänomen fängt schon bei unseren natürlichen Verwandten und ihren rudimentären Sprachsystemen an. Bekanntlich haben verschiedene Schimpansenhorden durchaus verschiedene Kulturmerkmale ausgebildet. Aber spätestens seit es Schrift und Geld gibt und die Sprachvirtualität sich als eigene Sphäre mit quasi materieller Stabilität von den Menschen lösen kann, ist das menschliche Schicksal endgültig von zwei Welten bestimmt, die nicht direkt miteinander vermittelbar sind, die unmittelbare Welt des Körpers und der Seele und die mittelbare Welt der durch die Sprache ermöglichten aktiven Teilhabe am Geist. Diese Situation erzeugt einen neuen Freiheitsgrad, weil man zwischen den Welten hin- und herwechseln kann und einem Zwang in der einen Welt ein Stück weit in die andere ausweichen kann.

Aus dieser Position ergibt sich, dass die gesteigerte Künstlichkeit der heutigen Zivilisation nicht eine an sich neue Situation ist, sondern durch die vermehrte Anwendung der Sprache und der Zeichensysteme zustande kommt. Daraus ergibt sich der naheliegende Schluss, dass die fortschreitende Verkünstlichung des menschlichen Lebens einen genaueren Blick auf jene Urform der Virtualität oder Künstlichkeit, also auf die Sprache erfordert. Die Sprache steht faktisch jedem Individuum zur Verfügung, das nicht aus bestimmten Gründen gehindert wurde, sprechen zu lernen. Die Sprache definiert uns über alle Unterschiede der Herkunft als Gemeinschaft - mehr als es die biologische Formel tut, dass wir zu einer Art gehören, weil alle Menschen auf der Erde miteinander fortpflanzungsfähig sind. Denn nur durch die Sprache ist überhaupt jene Kultur entstanden, die es erlaubte, festzustellen, dass es soetwas wie biologische Arten gibt.

Aus diesem Grunde steht die heutige moderne Zivilisation nach wie vor auf höchstens einem Bein. Denn die Definition des modernen Menschenbildes, wonach alle Menschen prinzipiell gleich sind, ruht faktisch bis dato nur auf der wissenschaftlich-theoretischen Weltsicht und auf der biblischen Gottesebenbildlichkeit eines als geschaffen vorgestellten Menschen. Politisch ist das sog. allgemeine Menschenrecht nicht universell, weil es von partikluaren machtbewehrten Kollektiven garantiert werden muss, faktisch jedoch nicht von allen Kollektiven für alle Menschen garantiert wird. Desweiteren sind selbst die modernsten Kollektive von ihren Eliten abhängig und bleiben so auch intern politisch hinter dem allgemeinen Menschenbild zurück.

Um der tatsächliche Bedeutung der Sprache in unserem Leben Rechnung zu tragen, wird es keinen anderen Weg geben, als die Sprecher und d.h. alle Menschen in den Gesellschaften, bzw. in der Weltgesellschaft mit einer der Sprache angemessenen Geltung und Position zu versehen. Das wiederum kann nicht von außen, quasi von einem Gott geschehen, sondern das müssen wir Menschen uns selbst angedeihen lassen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir verstehen, dass der sog. Fortschritt durch die moderne Zivilisation nicht dazu da ist, diesem oder jenem Kollektiv - ich nenne als Beispiel "Europa", "China" oder "Microsoft" - seine besondere Rolle in der Weltgesellschaft zu bestätigen oder zu erwerben. Dieser Fortschritt kann von uns nur dadurch dauerhaft in unser Leben integriert werden, wenn er dazu dient, die Position eines jeden Sprechers auf der Erde so zu bestärken und materiell zur Selbstbestimmung zu befähigen, dass durch ihn, den Sprecher die Sprache in ihr Recht eingesetzt werden kann. Das wiederum geschieht dadurch, dass die Sprachfähigkeit aller Menschen die Basis einer auch politisch realen Gemeinschaft der Menscheit wird.

Soweit ist unsere moderne Zivilisation trotz all ihrer beeindruckenden, ja unglaublichen Leistungen definitiv noch nicht! Noch läuft die Virtualität neben uns her und droht uns zu entwurzeln oder zu vernichten.


Punkt 10: Revolution und Emanzipation

Kann es sein, dass es unser Schicksal ist, wieder eine Revolution zu veranstalten? Jener von mir hier als notwendig vorgestellte Paradigmenwechsel des menschlichen Zusammenlebens vom Primat der Kollektivität hin zum Primat der Individualität ist trotz der unendlich vielen Beispiele selbstbestimmten Lebens in der Neuzeit scheinbar immer noch außer Reichweite. Dieser Eindruck wird nicht zuletzt durch die Krise der sog. repräsentativen Demokratien verstärkt. Bei einer Mehrheit von Bürgern herrscht das Gefühl vor, eh keinerlei Einfluß zu haben - was in dem bonmot schön zum Ausdruck gebracht wird: Wenn ich bei der Wahl meine Stimme abgegeben habe, dann habe ich keine mehr!

Gelingende Individualität und Freiheitskultur als Maßstab des menschlichen Zusammenlebens liegt, wie ich glaube, trotzdem schon ganz nahe vor uns, auch wenn ein revolutionärer Sprung nötig ist, um dieses Ufer zu erreichen. Niemals in der Geschichte gab es soviel persönliche Selbstbestimmung, wie in den westlichen Demokratien in den letzten Jahrzehnten. Diese hat allerdings immer einen privatistischen touch. Der entscheidende Part der Freiheit, die persönliche Verantwortung, kommt innerhalb der rational konzipierten Bürokratie und Ökonomie des liberal-demokratischen Systems eben wegen dessen systemischen oder rational-kollektivistischen Ansatzes zu kurz. Das kann die geschichtsdynamische nationale Komponente nicht mehr ausgleichen, auch nicht mehr in Amerika. Eine solche Systemherrschaft kann man nur mittels eines Sprunges verlassen - eines Sprunges in eine neue revolutionäre politische Verantwortung, wie ich sie in diesem Vortrag dem Individuum anzutragen versuche.

Es wäre ein Widerspruch, wenn man erwarten würde, dass diese Revolution oder dieser Sprung ein kollektives Geschehen sein sollte. Vielmehr wird jeder einzelne Mensch diesen Sprung für sich bewältigen müssen. Andernfalls würde es sein Person wieder nicht direkt und ganz persönlich betreffen und fordern. Eine Gesellschaft kann nur frei sein, insofern ihre Mitglieder, jeder einzelne für sich und aus sich heraus, frei sind und das Ganze mittragen und diese Verantwortung nicht nur irgendwelchen Eliten überlassen.

Das, was als kollektives Äquivalent dieser individuellen Revolution stattfinden kann, ist höchstens die Herstellung eines allgemeinen weltöffentlichen Bewußtseins über die angesichts unseres Zivilisationsstandes kollektive Unausweichlichkeit oder Schicksalhaftigkeit des individuellen Schrittes in die Freiheit. Das mag dann durchaus wie schon gesagt, eine machtpolitische Voraussetzung dafür sein, dass über kurz oder lang eine große Mehrheit diesen Sprung aus der Angst und Fremdbestimmtheit heraus bewältigen und dem Zusammenleben so ein ganz neues Gepräge geben.

Aber der revolutionäre Akt selbst wird bei jedem anders verlaufen. Der eine springt nur einmal, der andere öfters. Der Weg zur individuellen Persönlichkeit ist ähnlich wie der Ablauf einer natürlichen Geburt nicht vorhersehbar. Was daraus resultieren soll, läßt sich nur abstrakt oder höchstens bildhaft formulieren. Karl Immermann hatte mit seiner Neubearbeitung des "Münchhausen"-Stoffes auch eine Parodie auf den sog. Deutschen Idealismus eines Fichte, Hegel oder Schelling schreiben wollen. Aber die Geschichte des sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehenden Helden ist so wirklichkeitsfern nicht. Es ist vielleicht das beste Bild für den hier angedachten revolutionären Akt.

Ich zitiere Nils Werber aus dem taz-Artikel "Mit dem Text gegen den Text" zum Tode von Jacques Derrida vom 11.10.2004:
"Derridas Lektüren lesen vielmehr jeden Text mit ihm und gegen ihn, Freud mit Freud, Rousseau mit Rousseau, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung mit der Unabhängigkeitserklärung. Dies setzt einen Widerstreit des Textes im Text voraus, die Möglichkeit mehrerer, alternativer Lektüren, die man freilegen und gegeneinander ausspielen kann. Wie können die Repräsentanten eines Staates, den es gar nicht gibt, eben diesen Staat im Namen einer Souveränität für unabhängig erklären, die aus dem Akt dieser Souveränitätserklärung erst hervorgehen soll? Der Text verkündet nicht nur die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten, sondern erklärt auch, was Unabhängigkeit meint." Diese und die französische Souveränitätserklärung gingen der Zeit kurz voraus, in der der deutsche Idealismus aufblühte.

Ich wage deshalb, wieder von einer Revolution zu sprechen, weil es um die Freiheit geht. Aber im Gegensatz zu den bisherigen neuzeitlichen europäischen Revolutionen - die amerikanische war da mangels Vorherrschaft etwas glücklicher -, in denen eine wenn auch dekadente Kollektivmacht vom Thron gestoßen wurde und durch einen andere Kollektivmacht ersetzt wurde, geht es hier und heute um einen grundsätzlicheren Schritt. Kollektivstrukturen sollen, so sie demokratisch und vernünftig sind, erhalten bleiben. Aber die Kollektivmacht an sich soll ganz vergehen, indem sich das, was man Macht nennt, transformiert und künftig alleine bei den einzelnen erwachsenen Persönlichkeiten ansiedelt. Das ist die wahre Revolution und nicht nur der Austausch einer Herrschaft durch eine andere.

Der Weg dahin, und da kommt Münchhausen wieder ins Spiel, ist formal gar nicht anders vorstellbar denn als Selbstermächtigung. Emanzipation läßt sich von den lateinischen Vokabeln ex, manus und capere herleiten, aus der Hand nehmen. Sich selbst am eigenen Schopfe aus der Hand des Patriarchats, aus der Hand der Herrschaft nehmen - so gesehen bekommt die Parodie des deutschen Idealismus (Immermanns Münchhausen) einen realen Zug. Denn der Akt kann nur aus einem selbst erwachsen, nachdem man die Kraft dazu von seiner Herkunft und seinen Mitmenschen mitbekommen hat.

Emanzipation heisst dann jedoch auch, dass diejenigen, die auf der Welt außerhalb der zivil kontrollierten Polizei- und Militärkräfte der Demokratien über Gewaltmittel verfügen, diese geschlossen aufgeben, weil sie sich nur so selbst befreien können. Denn die Gewaltmittel des einen etablieren sofort einen Konkurrenzkampf mit anderen Kontrahenten um die Kollektivmacht und halsen jedem Verantwortung für jene Schwächeren auf, die allzuoft als leidende Pfänder solcher Kämpfe herhalten müssen. Beides bedeutet zwanghaftes Eingebundensein in Kollektivität oder die Unmöglichkeit zur Individualität. (Man darf hier gerne an die Herr-Knecht-Dialektik von Hegel als Inspirationsquelle denken.) Emanzipation bedeutet im Fall der Machthaber also, sich aus der Hand der Herrschaftsverpflichtung herauszunehmen.

Es ist Schicksal, Schicksal zweiter Ordnung sozusagen, in der Geschichte und im eigenen Leben an einen Punkt zu kommen, an dem ich mich aus der Hand des Schicksals herausnehmen muss. Das kann aber nur gelingen, wenn ich der Freiheit als eines Schicksals eingedenk bin, das uns geschenkt wurde. Emanzipation kann nur glücken, wenn sie individuell und allgemein als dieses geschenkte Schicksal angenommen wird.

Die Koinzidenz der modernsten zivilisatorischen Mittel und der altmodischen, man kann auch sagen, geschichtlichen Imperative der Macht führen genau diesen Moment herbei, an dem es zu einer allgemeinen Freiheitskultur keine Alternative mehr gibt. Vor diesem Schicksal, oder etwas plakativer, vor dem Imperativ der Atombombe - Laß es nicht soweit kommen! - sind alle Menschen gleich, einschließlich der alten Adeligen und der neuen Warlords, einschließlich der globalen Eliten, der postmodernen Künstlern sowie der verbliebenen Jäger und Sammler, ja selbst einschließlich der Selbstmordattentäter. Denn ohne die materialistische westliche Zivilisation kann es auch keine Würde mehr geben, die man glaubt, gegen diese zu verteidigen, indem man sich und andere aus purer spiritueller Motivation in die Luft jagt.


Es lebe die Revolution!


Vielen Dank


Wolfgang Behr



Oktober 2004





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