STRING - World Politics for Individuals





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Wolfgang Behr
The "Anti-*itler"




Am Anfang war die Großmutter


Entstehung und Erschaffung des Projektes
"STRING - Weltpolitik für Individuen"

(Vortragsentwurf - Juli 2004, kleine Korrekturen und Ergänzungen 2010)




Sehr geehrte Damen und Herren,


Sie sehen hier jemanden zu Ihnen sprechen, der in seinem Leben nicht nur immer wieder vor das Rätsel gestellt wird, wie er das, was er in der Welt machen soll oder will, verwirklichen kann. Sie sehen darüber hinaus jemand, der, alleine, wie er ist, von der ihm aufgegebenen Mission in hohem Maße überfordert wird.

Ich befinde mich nach wie vor im Stande jenes Frosches, der in die bodenlose Tiefe eines Milchtopfes gefallen war und nun strampeln muss in der Hoffnung, dass sich ein Butterklumpen absetzt, mit dessen Hilfe er aus dem Topf hüpfen kann.

Ich habe meinen "Butterklumpen" noch nicht erstrampelt und versuche dies bisweilen durch etwas zu kompensieren, was man auf bayerisch "G'scheit daherreden" nennt. Mehr kann ich Ihnen - abgesehen von persönlichen Ergänzungen - auch hier nicht bieten.


I. Am Anfang war die Großmutter

so wollte ich ein Kapitel eines Buches titulieren, dessen Konzept dem Eichborn-Verlag dann doch zu unkalkulierbar war, als dass er sich darauf hätte einlassen wollen.
Warum diese Anspielung auf das Neue Testament? Weil ich - auch hier vor Ihnen - so etwas wie das Evangelium Nummer 13015700211 (dreizehn Milliarden fünfzehn Millionen siebenhunderttausend zweihundert elf) verkünden will. Die Ziffern 130157 steht für meinen Geburtsdatum, 002 für die Geburtszehnminuten und die 11 für den ersten Buchstaben meines Geburts-Nachnamens, wohingegen die zweistellige Milliardenzahl die Gesamtheit der je auf der Erde in Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft lebenden Menschen bezifferbar machen soll. (Ich denke, mehr als 99 Milliarden waren und werden es nicht.)

Aber das ist noch keine wirkliche Antwort. Warum metaphorisiere ich Christliches? Weil ich auf neurotische, d.h., man kann es nicht anders sagen, auf gewaltsame Art und Weise direkt mit der großen Geschichte verknüpft worden bin. Und weil die Kräfte, die diese Verbindung gestiftet haben, für mich im mindesten so schicksalhaft wirken, wie die Offenbarung Gottes die Gläubigen der Vorsehung überantwortet.

Nur darum maße ich mir an, eine Weltpolitik zu entwerfen und ihr einen Eigennamen zu geben. Um die Alternativlosigkeit dieser Anmaßung plausibel zu machen, kann ich nicht umhin, Ihnen zunächst ein paar Einblicke in meine familiäre Herkunft zuzumuten. Denn dort vollzieht sich die Schicksalhaftigkeit bis heute.

Der Anfang der Geschichte liegt in einem Alter, in dem ich gerade begann, aufnahmefähig zu werden, in dem ich aber noch nicht die geringsten Maßstäbe zur Beurteilung der Welt der Erwachsenen besaß. Ich gehe also zurück zu einem etwa Fünfjährigen - und zur Großmutter.
Ich beschränke mich auf das Wesentliche:

1. Sie ging zwischen 1909 und 1913 unter Kaiser Franz Josef von Österreich/Ungarn in Eger zur Grundschule.
2. Sie hatte einmal in den vierziger Jahren eine wortlose Begegnung mit dem Führer in allernächster Nähe. Hitler war zu einem Gang durch Dresden angekündigt, der Stadt, in der meine Großmutter während des Krieges wohnte, um der Bevölkerung Gelegenheit geben, ihm zuzujubeln. Meine Großmutter ging auf die Straße. Plötzlich hieß es, er komme doch nicht. Attentatsgerüchte würden ihn davon abhalten. Wiederum plötzlich, wie aus heiterem Himmel, stand er vor ihr, nur zwei Meter entfernt, fast mit den Händen zu greifen. Das erzählte sie mir, als sie schon in den Achtzigern war. Ich konnte nicht herausfinden, ob es Phantasie oder Realität war. Ich halte beides für möglich. In jedem Fall erweckte die Art ihrer Erzählung in mir die Assoziation an die Epiphanie eines griechischen Gottes.
3. Sie war als Egerer Bürgerin deutschnational und betrachtete Hitler zweifellos als den Erlöser von den Tschechen. Sie ging ohne Widerspruch in der neuerlichen, auftrumpfenden Größe und Stärke Deutschlands auf. Der pseudorevolutionäre Duktus und der Kult der Härte des dritten Reiches entsprachen ihr voll und ganz.
4. Als Dresden bombardiert war, versuchte mein Großvater im Keller die Tür zum Nachbarkeller vom Schutt freizuräumen, damit ein altes Ehepaar, dessen eigenes Haus schon lichterloh brannte, herüber und ins rettende Freie käme. Als meine Großmutter sah, dass der Zustand des eigenen Hauses kein Verweilen mehr erlaubte, zog sie meinen Großvater weg und mit nach oben - so erzählte sie mir. Mein Großvater wäre in seiner Hilfsbereitschaft womöglich umgekommen.
5. Entscheidend für mich wurde ihre äusserst herrische bestimmende Art. Sie duldete keinen Widerspruch und erzog meinen Vater mit größter Strenge. Er konnte sich als Erwachsener ihrem Einfluß nur teilweise, nur durch Egozentrik entziehen - auch, weil beide, Mutter und Sohn, eine starke psychisch-ideologische Verbindung hatten. Sie gab ihren Sohn dem Führer und dem Vaterland als Soldaten. Er hat sein Leben dafür riskiert, im Wissen, dass seine Mutter bedingungslos hinter ihm stand. (Mit 18 Jahren wurde er 1943 eingezogen und war an mehreren Fronten, bevor er verletzt ins Lazarett kam.) Durch ihre starke Position in seinem Leben kam es, dass er ihren rücksichtslos ausübten Einfluß auf seine neugegründete Familie, meine Ursprungsfamilie, nicht verhindern konnte.
6. Im Laufe meiner allerersten Lebensjahre muss eine Übertragung von meiner Großmutter auf mich stattgefunden haben. Das war, denke ich, im Prinzip ein ganz normaler familiär-neurotischer Vorgang. Aber in diesem Fall brachte er eine riesige Last an Geschichte mit sich - die Übertragung der messianischen Erwartungen an Hitler, die 1945 so absolut, so abgrundtief zerbrochen waren, dass meine Großmutter dies nicht verarbeiten konnte und es wohl auch gar nicht wollte. Die seelisch unermessliche Diskrepanz zwischen der Hype des Dritten Reiches und der Extremheit des Scheiterns, der Monstrosität der Wirklichkeit läßt es kaum wundersam erscheinen, warum meine Großmutter wie so viele Deutsche aus dieser Generation dieses Geschehen nie wirklich an sich herangelassen haben, geschweige denn verinnerlicht, "verarbeitet" haben. Daraus wiederum resultierte die ungeheure Kraft, mit der ihre hochgepuschten und unverdauten messianischen Erwartungen mich trafen, einen sicher eher mehr als weniger sensiblen kleinen Jungen.

Ich nahm diese Last unbewußt auf und sie brach wie ein Alienbaby aus mir heraus, als ich 22 Jahre alt war (1979) und sie brachte mich fast zu Tode. Ich bastelte mir aus Angst, von dieser Last erdrückt zu werden und jegliche Fähigkeit zur Selbstbestimmung verloren zu haben, eine Art elektrischen Stuhl mit Zeitschaltuhr. Dann nahm ich Barbiturate ein, nur um im allerletzten Augenblick, als ich schon dabei war, das Bewußtsein zu verlieren, den Stecker wieder aus der Steckdose zu ziehen. (Die Gründe für meine ausgeprägte Suizidalität, für die darin liegende Absolutheit, können auch in einem neurotischen Übertrag der unbewältigten freiheitskämpferischen "Alles oder Nichts"-Mentalität seitens Teilen der deutschen Bevölkerung in den letzten Kriegsjahren liegen.)

Dieser Ablauf, in den Freitod gehen zu wollen und dies in einem Reflex im allerletzen Moment zu unterbrechen, ist für mich von größter Bedeutung. Es ist für mich der unwiderlegbare Beweis, dass ich auf die Seite des Lebens gehöre. So geschah es, dass ich zwar seither in unzähligen depressiven Zuständen, die die Aussichtslosigkeit meines Lebens zum Thema hatten, aber dadurch zugleich jeweils von großer kreativer Potenz waren, immer wieder in die Nähe des Todes, des Freitodes gehen musste, ohne aber je in wirkliche Gefahr zu geraten, mir etwas anzutun. So psychisch belastend dieser Vorgang immer wieder ist, er beinhaltet einen kompromisslosen Freiheitsspielraum, auf den ich nolens volens angewiesen bin. Aber er macht mich auch zu einem Aussenseiter.

Was also ist meine Berufung, die mir von meiner Großmutter aufgegeben worden ist? Es ist die Aufgabe, die Rolle Hitlers als dem herausragenden geschichtlichen und politischen Protangonisten schlechthin zu übernehmen und diesmal in einer gelingenden Art und Weise zum Austrag zu bringen. Immer wieder denke ich dabei daran, dass Hitler im Leben meiner Großmutter nur die zweite Ausfertigung, eine Reprise war. Das Original war Kaiser Franz Josef I. Es geht bei dieser Übertragung demnach nicht um den real existierenden, besser existiert habenden Hitler, sondern um die Hitler-Projektion meiner Großmutter.

Mitsamt diesem ihren Hitler-Bild trug sie aber die Akzeptanz der ganzen absoluten und grausamen Macht des vorneuzeitlichen Herrschers mit sich, die ebenfalls im III. Reich - man muss sagen modernistisch - verwirklicht wurde und für die heute paradigmatisch der Name Auschwitz steht, der industriell produzierte Mord unvorstellbar vieler Menschen. Und als sie zu der Auffassung kam, dass ich ihren Maßstäben nicht genügen würde, dass ich überhaupt keinen Maßstäben genügen würde - wie hätte ich auch irgendwelchen Maßstäben genügen können -, da traf mich, immer noch ein Kind von 10, 12 Jahren, ihre Verdammung. Dies war um so härter, da sie bei meinem Vater größten Einfluß hatte. Und so, wie ihre messianische Erwartung jedes Maß nach oben durchbrach, so war ihre Verdammung nach unten offen. All dies war ihr sicher nicht wirklich bewußt. Aber sie verkörperte es mit dem Maße an Realität, mit dem Hitler als die reaktionäre Wiederkehr eines vorneuzeitlichen Herrschers tatsächlich in Deutschland 12 Jahre an der Macht war. Und deshalb wirkte es.

Ich trage daher die Haltung eines absoluten Souveräns der Geschichte genauso in mir, wie die Ausgestoßenheit eines Gebannten. Entsprechend habe ich seit vielen Jahren immer wieder das Gefühl, dass mein Leben nicht lebbar ist, dass es für mich in dieser Welt keinen Platz gibt.

Vielleicht fragen Sie sich, woher ich das alles weiß. Zum einen sind diese Selbstbeschreibungen oder besser Selbstverständigungen einem mühsamen Differenzierungsprozess - was sind meine persönlichen Eigenschaften, was habe ich von meine Vorfahren übernommen - zu verdanken. Zum anderen habe ich mir durch vielfache Lektüre die für mich entscheidenden Begriffe und Anregungen geholt.

Zwischen meinem 22. und 26. Lebensjahr hasste ich meine Eltern und meine Großmutter mit größter Inbrunst. Es war eine lieblose Atmosphäre in meinem Elternhaus, die auch meine wenig gewappnete Mutter kaum ausgleichen konnte, es war die absolute Dominanz meines Vaters beim Tischgespräch - er duldete keinen Widerspruch zu seinen Thesen, ohne zumindest empört aufzustehen und zu gehen -, die mir Frieden und emotionale Geborgenheit kaum möglich machten. Außerhalb der Tischgespräche stand mein Vater für den Generationenstreit nie zur Verfügung. Schon die ganzen Jahre zuvor hat er mich grundlegend rationalisiert und politisiert, wenn auch immer auf dem Boden der FDGO. Der oberflächliche, nicht praktizierte Katholizismus einer CV-Studentenverbindung, F.J.Strauss und die CSU machten das möglich. Solche Gegebenheiten waren entscheidend, dass ich auch durch meine Familie keinen Ausweg fand aus der Übertragung der messianischen Erwartung durch meine Großmutter.

Irgendwann musste ich mir das zähneknirschend eingestehen. Wenn ich also aus meinem Leben noch irgendetwas machen wollte, dann musste ich diese Sache zu meiner Sache machen und sie nach meinen Konditionen verwirklichen. Dazu gehört auch, meinem Vater sowohl das Verständnis, als auch die Anerkennung dafür zu entlocken oder abzuringen. Genauer gesagt, ich muss bei ihm die intellektuelle Distanzierung erreichen, die es ihm ermöglicht, zu verstehen, dass ich zwar mit ganz eigenen Mitteln - mit Mitteln, die er kaum bereit ist, freiwillig ernst zu nehmen - etwas verwirkliche, dass dieses "Etwas" aber letztlich auch seinen Maßstäben Rechnung trägt. Denn das zentrale Thema seines politischen Denkens ist die Selbstbehauptung, wenn die für ihn auch geradezu unbewußt reflexhaft mit der deutschen Nation verknüpft ist, was für mich wiederum in der von ihm implizierten Form (die des "Dritten Reiches") unannehmbar ist. Aber den Anspruch auf Selbstbehauptung an sich kann ich ihm, kann man niemanden absprechen.

Der entscheidende Grund jedoch, warum ich von seiner Anerkennung abhängig bin, ist die Unmöglichkeit, diese Anerkennung von meiner Welt, der Nachkriegsgesellschaft zu bekommen. Denn diese hat sich ja zurecht nach 1945 von den Inspirationen des deutschen Nationalismus abgewandt und sowohl Hitler als auch einen starken nationalen Kollektivismus mit absolutem Tabu belegt.

Das Vorhaben, von meinem Vater Anerkennung zu bekommen, ist von allergrößtem Schwierigkeitsgrad. Mein Vater hat sich immer kompromisslos geweigert, der persönlich-subjektiven Lebensphäre irgendeine Bedeutung zuzuerkennen. Mir erschien das als die entnazifizierte Form der Maxime: "Du bist nichts, dein Volk ist alles ". Zugleich ist er in einer argumentativ unerreichbaren ideologischen Tiefendimension gegen die Nachkriegswelt eingestellt. Er trug das pseudomittelalterliche Weltbild des "Dritten Reiches", wie es ihm in seiner Jugend vermittelt wurde und auch von meiner Großmutter verkörpert wurde, intuitiv mit und versuchte es vor allem in Form von Härte gegen sich selbst wie gegen seine Nächsten und in Form von Vorurteilen an mich weiterzugeben. Als Kind hat man eine primär subjektive Beziehung zu seinen Eltern. Wenn die Eltern dem Kind aber nur objektivistisch entgegentreten, wie das mein Vater getan hat, dann wird das Kind auf diese objektivistische Sphäre hin subjektiv konditioniert. Dementsprechend war mir ein individuelles Leben im Sinne des "pursuit of happiness" verwehrt. Ich musste und muss mein Glück auf einer objektivistischen Ebene suchen. Selbstverständlich konnte und kann ich das nicht in dem nationalistischen Rahmen tun, den mein Vater verkörperte und genauso selbstverständlich hat mich das von meiner eigenen Generation entfremdet.

Immerhin gab und gibt es eine Gemeinsamkeit zwischen meinem Vater und mir. Zu meinem großen Glück - sonst wäre wirklich alles aus gewesen - hat er mir den Weg zur Philosophie gewiesen. Er ist ein Rationalist und Enzyklopädist der alten Schule, er war Arzt, Alpinist und Weltreisender. All diese Einflüße haben mich geprägt. In der Philosophie selbst ist er nie über die Lektüre von Wilhelm Windelbands "Geschichte der Philosophie" und des Werkes von Teilhard de Chardin hinausgekommen ist. Der Jesuitismus, das lebenslange Studieren war sein, wenn man so will, philosophisches Ideal.

So begann ich als 17-jähriger mit meiner philosophischen Lektüre. Ich las Heidegger oder Fichte mit denselben Gefühlen der Aufgeregtheit - und entsprechend wenig Verständnis - mit denen andere Altersgenossen ihre ersten Liebesabenteuer erlebten.


Bevor ich zum Schluß dieses ersten familiären Teils komme, der auch "Genealogie" genannt werden kann und zu den geschichtlich-politischen Analysen und Vorschlägen des zweiten Teils namens "Geltung" übergehe, noch drei Anmerkungen.

Die erste bezieht sich auf mein Verhältnis zu meiner Großmutter und meinem Vater heute. Meine Großmutter starb 1994 im Alter von 93. Sie war wirklich keine einfache Person und sie hat speziell meiner Mutter, aber auch meinem Vater, also uns allen das Leben durch ihre dominate Zwanghaftigkeit sehr schwer gemacht. Ich habe sie in ihren letzten Jahren oft besucht, habe mir viel von ihr erzählen lassen. Das konnte sie sehr gut und etwas anderes als zuhören war bei ihr auch nicht möglich. Im Laufe der Zeit habe ich meine Frieden mit ihr gemacht.
Meinem Vater bin ich sehr dankbar dafür, dass er sich während der letzten 25 Jahre über alle Streits und Spannungen hinweg als sehr geduldig und gutmütig gezeigt hat. Er hat mich nie fallen lassen, obwohl ich sicher auch für ihn eine große Herausforderung war. Zudem waren die Auseinandersetzungen mit ihm für mich insofern von großer Bedeutung, als er mir in der Zeit der gesellschaftlichen Einsamkeit ein unermüdlicher und unersetzlicher Sparringspartner war. Dabei hat er immer die Rolle des advocatus diaboli übernommen.
Mein Vater ist trotz aller ideologischen Fragwürdigkeiten eine in hohem Maße eigenständige und integre Persönlichkeit. Mittlerweile haben wir uns menschlich sehr weit angenähert, wenngleich ich immer noch nicht von wirklichem Frieden sprechen möchte. Tag für Tag baue ich immer weiter an der Brücke zwischen mir und meinem Vater, die ich irgendwann hoffe betreten zu können.

Die zweite Anmerkung ist eine mentalitätsgeschichtliche Standortbeschreibung: Jenes katholisch-bayerisch-böhmische Milieu, dem ich entstamme, war in der Generation meiner Väter etwa auf dem Stand der großen Enzyklopädisten des achtzehnten Jahrhunderts angekommen. Das Ding meiner Generation ist es nach diesem Schema - können Sie es erraten? -, eine Revolution zu machen.

Die dritte Anmerkung bezieht sich auf mein Verhältnis zur Philosophie: Jene Faszination für die Philosophie, die ich als Schüler empfand, war vermutlich nichts aussergewöhnliches. Nicht, dass es jeder so empfindet. Aber es gibt genug junge Menschen, die eine brennende philosophische Phase durchmachen. Ich gehe jedenfalls nicht davon aus, dass ich deswegen das Zeug zum Philosophieprofessor habe. Nach Abitur und Bundeswehr wusste ich nicht genau, was ich tun sollte und folgte einem praktischen Vorschlag. Ich begann ein Studium der Brauerei- und Getränketechnologie in Weihenstephan. Zwar war mir schon während eines Praktikums zuvor klar geworden, dass ich kein Ingenieur werden will, aber die Propädeutik, die mich zu Mathematik, Physik, Chemie, Botanik, Mikrobiologie, Werkstoffkunde, Technische Mechanik, sowie zu diversen Praktikas führte, empfand ich als sehr spannend und als auf meinem neusprachlichen Gymnasium zu kurz gekommen. Später würde man weitersehen. In diesem Jahr wohnte ich in einer kleinen Stube auf dem Freisinger Domberg und verhielt mich wohl tatsächlich so, wie ein Jesuitenzögling. Ich studierte, ging zur Uni, ging wieder zurück und studierte weiter mit größtem Eifer und Wissensdrang.

Als ich dann aber nach etwa einem Jahr des Studierens meine fundamentale Persönlichkeitskrise, die Geburt des "Alienbabys", erleben musste, die mich aus jeder normalen Karriere, ja etwa ein Jahr lang aus jeder Normalität überhaupt hinauskatapultierte, war die Philosophie selbst wieder da und sie wurde mein Rettungsanker. Nur mit dieser Perspektive eines offenen Horizonts, den nur die unendlichen Welten des Geistes bieten, konnte ich mir wieder ein Leben und eine Zukunft zurückerobern. Denn meine gesamte gegenwärtige Existenz war in neurotischen Zwangsideen und messianischen Visionen verstrickt und versunken.

Daher sind alle Gedanken und Positionen des nun folgenden zweiten Teils "Geltung" aus der Dynamik heraus zu begreifen, dass mir die philosophische Haltung, die schonungslose Offenheit und Freiheit des Geistes in einer sehr kritischen Lebensphase der einzige Ausweg war - nicht zuletzt auch in Verbindung mit der sokratischen Devise des "Sich um sich selbst Kümmerns". Denn das musste ich wirklich tun, inmitten der seelischen Stürme, die ich all die zurückliegenden Jahre durchfahren habe - mich um mich selbst kümmern.


II. Geltung

(1) Die Aufgabe Hitlers, des missglückten Weltherrschers - welch ein Glück (dass er missglückt ist), welch ein Blutzoll -, diese Aufgabe zu meiner eigenen zu machen, wie schon gesagt, nach meinen Konditionen, denn anders könnte ich es ja gar nicht, das war und ist mir auf die Schultern gelegt und erdrückt mich nahezu.

Auf welche realen, Stabilität gewährenden Gegebenheiten konnte ich mich damals, 1980, stützen, als ich langsam aus dem Psychochaos wieder zu mir selbst fand, um dem Druck dieser Un-Aufgabe zu widerstehen?

Auf der persönlichen Ebene gab es eine Eigenschaft, die mir selbst immer eher unerklärlich schien und mit Glück, eventuelle mit den positiven Aspekten einer relativ strengen Erziehung zu tun hatte. Ich wirkte selbst dann äußerlich fast strahlend, zumindest souverän und positiv, wenn die größten manisch-depressiven Stürme in mir tobten oder ich in der größten Gram über meine Lebenskatastrophe, über mein Versäumen eines eigenen Lebens befangen war.
Diese Haltung, die ich produzierte, führte zwar bisweilen zu von mir als ungerecht empfundenen Beurteilungen nach dem Motto: "So schlimm können Deine Probleme schon nicht sein!" Aber ohne solche Stärke hätte ich alle die Tauchgänge in die seelischen Tiefen und Einsamkeiten wohl nicht bewältigt.

Auf die Philosophie konnte ich mich zunächst nur sehr beschränkt stützen, weil ich sie ja nicht als Kompetenz zur Verfügung hatte, schon gar nicht als gesellschaftlich anerkannte Kompetenz, sondern nur als Weg oder als ethos.

So war und ist es bestürzender Weise in hohem Maße das geschichtliche Faktum, dass Hitler gelebt hat und dass er in der Zeit und in dem politischen Gemeinwesen, in dem meine unmittelbaren Vorfahren gelebt haben, die Macht innehatte, auf das ich mich stützen musste und muss. Ich weiss, es klingt hart, wenn ich verkünde, darauf aufbauen zu müssen. Aber am härtesten war und ist das für mich selbst. Ich muss sozusagen versuchen, in der geschichtlichen Existenz Hitlers etwas Positives zu finden, trotz seines psychotischen Hasses, trotz der kaum fassbaren und abartigen Verbrechen, die unter seiner Macht und Verantwortung begangen wurden. In dieser Hinsicht nützt mir die Einschränkung nichts, dass der Hitler in mir durch die Projektion meiner Großmutter vermittelt ist, weil in der zeitgenössischen Weltgesellschaft nur das zeitgenössische Hitler-Bild zählt.

Jetzt komme ich zu einem entscheidenden Punkt - dieses Vortrags - aber vor allem der Sache, von der dieser Vortrag handelt:

Denn erschwerdend kommt hinzu, dass ich mich damit in einer Art doppelten Falle befand. In der Gesellschaft um mich herum wurde ich durch den Umstand, dass ich mich direkt von Hitler und damit auch von einer strengen Auffassung des Nationalkollektivs Deutschland ableiten muss, zu einem Paria, zu einem Unvermittelbaren.
Bei meiner eigenen Familie wiederum, der ich diese Misere zumindest in einem engeren Sinne zu verdanken hatte, bin ich aus einem anderen Grund ebenso verfemt. Beide Generationen vor mir fühlten sich noch wie diffus auch immer dem Nationalkollektiv des "Dritten Reichs" verpflichtet. Aber das war letztlich eine oberflächliche Beziehung. Tatsächlich lebten und leben sie ein bürgerlich-individualistisches Nachkriegsdasein, innerhalb dessen diese Beziehung zum "Dritten Reich" längst auf den Status einer persönlichen Spinnerei abgesunken ist. Über die neurotischen Übertragungsmechanismen und über ihre eigenen Mangel an einer politisch-geschichtlich Aufarbeitung der nationalen Vergangenheit, die zu dieser Übertragung auf mich geführt haben, hatten sie, wie erwähnt, nicht das geringste Bewußtsein.

Dass ich also noch ganz direkt der deutschen Hitlernation verpflichtet bin, wohlgemerkt verpflichtet, nicht innerlich gläubig, das war ihnen nicht nachvollziehbar. Und ich war nicht nur nicht gläbig war, sondern habe mich gegenüber der Nazizeit und ihren geschichtsklitternden Einstellung zu dieser ihrer eigenen Vergangenheit absolut kritisch und abwertend geässert.
Weil ich aber zur geschichtlich falschen Zeit durch meine (kindliche) Loyalität auf einer psychisch existentiellen Ebene direkt in der kollektivistischen Hitlerära leben muss, fehlt mir jede Anpassungsmöglichkeit an meine Epoche. Das zwingt mir einen absolut und radikal eigenen Lebensweg auf. Durch diese persönliche Eigenständigkeit wiederum kam es zu der grotesken Überschneidung, dass ich meiner Familie in ihrer ideologischen Befangenheit quasi als das absolute Antibeispiel zu ihrer kollektivistischen Pseudoideologie, nämlich als schlimmster Auswuchs des westlichen Nachkriegsindividualismus erschien, mit dem, so dachten sie, das deutsche Volk kaputt gemacht weren soll. Da ich aus ihrer Sicht anscheindend aus purer Sturheit oder Verblendung auf meinem Weg bestand und durch mein Wagnis, offen Kritik am "Dritten Reich" zu üben, wurde ich für meine verständnislose Familie zu jemand, der in seiner Dummheit der Feindespropaganda aufsitzt, ja ich wurde geradezu zum Feind.

Sie merken, ich schwanke hier zwischen Vergangenheitsform und Gegenwartsform. Das liegt auch daran, dass die Dinge im Fluß sind und ich mittlerweile bei meinen Eltern in kleinen Schritten ein gewisses Bewußtsein für meine Lebensproblematik, für unsere Familiegeschichte und für die Nationalgeschichte erzeugen kann.

Durch diese Falle zwischen den Epochen der deutschen Nationalgeschichte wurde ich zu einer beispiellosen Ausgrenzung aus jeglicher mir vorgegebenen Gesellschaft gezwungen. Ich bin in mich eingesperrt. Ich kann nirgends hin. Ich kann in keinen Raum, in kein Reich fliehen. Ich muss vielmehr selbst den Raum für meine persönliche Freiheit erst schaffen. Dieses Raum darf aber nicht nur für mich existieren. Meine strikte Individualisierung ist sowohl durch familiär-persönliche, als auch durch geschichtlich-gesellschaftliche Geschehnisse erzeugt worden. Deshalb enthält sie, so muss ich glauben, das Potential für eine allgemeine, über mein persönliches Schicksal hinausgehende Bedeutung. Ich finde meine eigene Freiheit nur, wenn mir der Durchbruch in ein allgemeines, in ein im wahrsten Sinn des Wortes politisches "Reich der Freiheit" gelingt, das allen Menschen zugänglich ist! Dieses Faktum meines Lebens ist nach wie vor geeignet, in mir das Gefühl der Auswegslosigkeit zu erzeugen.

Ich kann mich weder in den bürgerlich-liberalen Individualismus des Berufstätigen im Kapitalismus eingliedern. Noch kann ich mich auf den bürgerlich-rechtsstaatlichen Individualismus des Wählers oder einer Partei stützten. Beide Individualismen sind direkt einem Kollektivsystem untergeordnet, dem jeweiligen partikularen Nationalstaat oder dem demokratisch unkontrollierten Markt. Dadurch reichen sie beide nicht an den radikalen historisch-existentiellen Individualismus heran, zu dem ich mich gezwungen sehe und den ich selbst wählen muss. Reziprok dazu fehlt beiden Individualismen Aufgeklärtheit im zweiten Fall (des Marktes) und Universalität im ersten (des Nationalstaats). Beides ist nur durch einen echten politischen Individualismus - ich greife vor - möglich.

Dieser Tatbestand läßt sich durch die Analyse eines substantiellen Selbstwiderspruchs sowohl des Markt-Kapitalismus als auch des Nationalstaats bestätigen. Obwohl sie die tragenden Säulen der modernen Zivilisation sind und daher nominell auf dem allgemeinen Menschenbild beruhen, sind sie essentiell auf den Status von Eliten angewiesen. Die modernen Eliten können und wollen bis heute dem Volk nicht über den Weg trauen, wenn es um die zentrale Kategorie der modernen Weltanschauung geht, dem richtigen Gebrauch der Vernunft. Zwar handelt es sich bei diesem Elitestatus um einen modernen Status, der kein Geburtsrecht mehr ist oder durch pure Gewaltanwendung erworben wird. Nach seiner Definiton beruht dieser Status auf einer Leistung in der modernen Gesellschaft. Trotzdem beinhaltet er häufig vormoderne, auf Dauer angelegte und mit besonderen Privilegien versehene Elemente. Schließlich gibt es bei allen revolutionären Umbrüchen in der Geschichte der letzten Jahrhunderte viele Kontinuitäten, z.B. Verwaltung und Militär, Familie und Sippe, Reichtum und Armut, Karriere und Glück, Technik, Wissenschaft und Kulturschaffen, ... Die Liste läßt sich fortsetzen.

Daraus folgt, dass die Moderne erst dann politisch zu sich selbst kommen wird, wenn jede einzelne Person direkt die moderne Gesellschaft trägt, und zwar sowohl de facto, als auch de jure. Erst dann kann sich das allgemeine Menschenbild politisch realisieren und die heutigen modernen Eliten zu dem machen, was sie auch sein sollen, zu reinen Funktionseliten.

Es geht für mich darum, aus dieser durch das Zusammenspiel meiner Kollektiv- und meiner Individualgeschichte erzwungenen Vereinzelung eine grundlegende neue politische Individualisierung herauszuarbeiten und diese mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln mit einer paradigmatischen Relevanz zu versehen. Nur so kann ich die beiden zentralen politischen Vorgaben, die ich erhalten habe und die für mich unhintergehbar sind, in für mich akzeptabler Weise umsetzen und mir dadurch einen eigenen Stand in der Welt erarbeiten - als da sind die Hitler-Projektion meiner Großmutter und die freie demokratisch-rechtsstaatliche liberale Kultur meiner Generation.

Und tatsächlich beginnt auf diese Weise plötzlich sogar die unsägliche Hitler-Projektion Sinn zu machen. War es nicht Hitlers ausdrückliches Ziel und somit Bestandteil der Projektion meiner Großmutter, der(!) Protagonist schlechthin der gesamten Weltgeschichte zu werden, die bedeutendste Persönlichkeit aller Zeiten, der Begründer einer Religion, die das Christentum ersetzt und an Geltung übertrifft?

Auf mich gewendet hieße das: Ist nicht diese Position eines noch nie dagewesenen weltgeschichtlichen Protagonisten in der zeitgenössischen Weltgesellschaft gerade eben stark und mächtig genug, um den großen, übermächtig erscheinenden Machtagglomerationen wie Nationalstaaten, Kirchen, Konzernen oder Gesellschaften Paroli bieten zu können oder sie sogar als Dienende in die zweite Reihe hinter die einzelnen Menschen, die politischen Individuen im oben genannten Sinn zu verweisen? Und muss nicht eine Einzelperson, ausgestattet mit dem dafür notwendigen Nimbus, vorangehen, quasi als "primus inter pares", um dem Status der einzelnen menschlichen Persönlichkeit als der, nach der hier angedachten Definition, politischen Zentralinstanz der modernen Zivilisation das notwendige Gewicht zu verleihen?

Schon aus rein logischen Gründen ist es unausweichlich, dass eine Gesellschaft, die auf dem Primat der individuellen Selbstbestimmung der Menschen beruhen soll, von einer Einzelperson qua Einzelperson auf diesen Weg gebracht wird, d.h., von einer Person, die zwar für diese ihre spezifische Funktion den Status eines entscheidenden Protagonisten der Weltgeschichte benötigt und erhält, die aber machtpolitisch und gesellschaftlich gesehen dabei Einzelperson bleibt - als Begründer der Funktion der modernen individuellen politischen Persönlichkeit?


(2) Nun war es kein weiter Gedankenweg mehr, um von diesem eher abstrakten Zugang auch zu einer qualitativen Begründung für meine Konzeption des Umgangs mit der mir aufgegebenen Hitler-Projektion zu finden. Versetzen Sie sich zurück zum Anfang der achtziger Jahre. Die "glückliche" Zeit des Kalten Krieges war noch ohne Ende. Man fühlte sich zugleich sicher und doch in einer Weise bedroht, wie das in der Menschheitsgeschichte ohne Präzendenzfall ist.

Das Wissen um die Atomspaltung, um die H-Bombe, um die B- und C-Waffen ist ja nicht mehr aus der Welt zu schaffen und bleibt so eine ewige, mal mehr, mal weniger virulente Bedrohung. Weder die Politiker, noch die Fachleute, die sie beraten, waren und sind bis heute in der Lage, adäquat mit dieser Problematik umgehen zu können. Liegt dieser Unfähigkeit eine logische Ursache zugrunde?

Zunächst ist jeder Politiker Vertreter seiner Klientel, die ihn "auf's Schild gehoben hat" und die seine Machtbasis bildet. Die Berater sind den Politikern funktional zugeordnet und mangels eigener Macht nicht in der Lage, selbst politisch zu handeln. Desweiteren ist kein Politiker bis heute in der Lage, die ganze Welt oder Menschheit zu seiner Machtbasis zu machen, sprich, die Welt zu beherrschen und dadurch allgemeinen Frieden herstellen zu können. Davor stünden offensichtlich Kriege, die unserer Zivilisation den Garaus machen würden. Diese geschichtliche Form der Machtausübung, Kriege zwischen zivilisatorisch führenden Kollektiven, ist auf dem heutigen Stand der Technik ausgeschlossen. Denn die führenden Machtpolitiker der heutigen Welt halten Machtmittel in der Hand, die aus der unvergleichlich avancierten Anwendung der geistigen Errungenschaften dieser Zivilisation hervorgegangen sind. Diese Mittel haben eine Dimension der Zerstörungskraft angenommen, die sie als Mittel der traditionellen kollektiven Machtpolitik ungeeignet werden lassen.

Der Widerspruch zwischen kollektiver Macht und den Machtmitteln ist ein universelles Problem geworden, das mit den Möglichkeiten der traditionellen, partikular-kollektiven Machtpolitik nicht zu lösen ist. Man kann noch einen Schritt weiter gehen und behaupten, dass dieses Problem im Rahmen einer identitären Politik überhaupt nicht in den Blick genommen werden kann. Identitär ist eine Politik, die auf der Abgrenzung von Subkollektiven der Menschheit gegenüber anderen Subkollektiven dieser Menschheit zum Zwecke der Identitätsbildung beruht.

Was wir hier erleben, ist eine ganz unmetaphysische, entzauberte Dominanz des Geistes über das Leben. Der Geist zwingt dem Leben seinen universellen Charakter auf, schlicht indem er bestimmte praktische Anwendungen geistiger Errungenschaften, insbesondere im Bereich der Waffen- und Erzwingungstechnologien ermöglicht hat, die jedes menschliche Maß überschreiten. Denn die Vertreter der geschichtlichen Kollektivmechanismen können gar nicht anders, als sich jeweils dieser neuesten Neuerungen zu bedienen oder sie zumindest zur Verfügung zu haben. Der Gegner darf sie dabei nie übertrumpfen, sonst könnte er sie erpressen. Im Zuge dessen geraten die Machtpolitiker wegen der Artung dieser Mittel in eine Widerspruch zu ihren eigenen Zielen, welche in der konkreten Machtausübung und -vergrößerung besteht und letztlich in der Ordnung des eigenen Herrschaftsbereichs. Anders formuliert, die zivilisatorische Potenz des Menschen ist durch die Anwendung der geistigen Errungenschaften so gewaltig geworden, dass sie für die Macht und die Politik von Kollektiven schlicht zu groß, zu unhandlich, dass sie für diese schlicht kontraproduktiv geworden ist.
Daraus folgt, dass das geschichtliche Ordnungsprocedere nach Maßgabe der jeweils stärksten Mächte nicht mehr funktioniert. Entsprechend ist die Funktion der heutigen Machtpolitiker auf die Eindämmung von Gefahren geschrumpft, die sich aus den existierenden Waffensystemen (und sonstigen zivilisatorischen Errungenschaften) für die ganze Menschheit ergeben.

Eine Politik des Geistes hat so gesehen die Aufgabe, die vorliegende indirekte, zwanghafte Dominanz des Geistes in eine freie, lebendige, ja schöne Form überzuführen. Der Weg dahin kann über eine zivilisatorische Reduktion nach dem Motto: "Weniger ist mehr" führen. Wir, die Mitglieder der modernen Zivilisation, müssen lernen, uns zurückzunehmen. Denn in der Dimension des einzelnen Menschen kann sich unser zivilisatorisches Potential vielleicht sehr fruchtbar entfalten, während es in der Dimension der Kollektive selbstmörderisch wird. Dieses Problem betrifft letztlich auch die wirtschaftlichen Kollektive. Fatale Überpotenz in der Hand der Großen, könnte die Wissenschaft, Technik und Ökonomie jedoch zum Segen werden, wenn sie auf das Maß der individuellen Selbstbestimmung zurückgenommen wird und dort kreativ und angemessen umgesetzt wird. Gibt es eine Alternative, als das zu erproben?

Jeder, der Macht hat, hält normalerweise mit allen Mitteln daran fest. Daher ist eine Instanz nötig, die obwohl sie schwach ist, weil sie sich nicht von einer bestehenden kollektiven Form der Macht oder des Einflusses herleitet, trotzdem in der heute bestehenden Weltgesellschaft in die Lage kommt, einen solchen Kurswechsel hin auf substantielle Entmächtigung, auf zivilisatorische Sublimierung einzuleiten. In der augenblicklichen Situation sehe ich diese Instanz nicht. Sie muss erst noch geschaffen werden.


(3) Mit dieser Überlegung konnte ich mir ein klares politisches Ziel für meinen radikalen politischen Individualismus angeben. Es geht darum, die traditionellen und modernen Kollektivmächte zu entmachten, indem das Konzept des nationalen Rechtstaats durch eine neue universale Institution ergänzt, besser grundgelegt wird, die strikt von den Interessen oder von dem Maß der einzelnen menschlichen Persönlichkeit ausgeht und die dadurch alle kollektiven Geschehnisse unmittelbar an den Rahmen eines umfassend definierten, was bedeutet, allgemein verantwortlichen Individualinteresses rückbindet. Gelingt dies, dann kann die Gefahr gebannt werden, dass eine ins irrationale, egoistische abgleitende Machtausübung durch kollektiv gebündelte Kräfte, wie sie in der Geschichte gang und gäbe war und ist, mit Hilfe modernster Waffentechnologien ein niedagewesenes Inferno anzetteln.

Nicht, dass der Schritt zu einer solchen Revolution selbstverständlich wäre. Diese Konzeption ist zunächst sehr abstrakt. Aber angesichts der gegebenen Problemlage, des vorhandenen Problembewußtseins und der zeitgenössischen kommunikativen Potentiale erschien und erscheint mir dieses Ziel vernünftig und realistisch, notwendig ist es sowieso und ich glaube auch so hinreichend, wie etwas im menschlichen Leben sein kann. Alle denkbaren Alternativen, die auf schon bestehende Institutionen setzen, sind auf lange Frist mindestens genauso wenn nicht noch schwieriger und unrealistischer.


(4) Diese und ähnliche Gedanken wälzte ich in der Einsamkeit meiner gesellschaftlichen Enklave. Als etwa im Jahr 1983 die Bundeswehr mich zur Alarmreserve einberufen wollte - den normalen Wehrdienst hatte ich schon abgeleistet -, schien es mir zwangsläufig, diese Situation zu nutzen, um meine theoretischen Überlegungen wenigstens ein Stück weit praktisch werden zu lassen. Ich beschloss, den Kriegsdienst ausdrücklich aus politischen Gewissengründen zu verweigern. Im Zeitalter der ABC-Waffen kann Krieg kein Mittel mehr sein, um Konflikte zwischen Staaten zu regeln - so meine Argumentation. Und insbesondere war die Zeit der gegeneinander kämpfenden Territorialstaaten spätestens seit 1945 vorbei und der Konflikt zwischen den beiden Blöcken des Kalten Krieges, der ja ebenfalls die National-Staaten entmachtete, ließ sich per Definition nicht durch einen heissen Krieg lösen, zumindest nicht in irgendeinem geschichtlich oder zivilisatorisch nachvollziehbaren Sinn. Dafür wollte ich mit meiner Wehrdienstverweigerung ein politisches Zeichen setzen, wozu ich mich nicht zuletzt als Staatsbürger, d.h., als Mitglied des Souveräns der Bundesrepublik Deutschland verpflichtet fühlte.

Natürlich wurde ich mit dieser Argumentation sofort abgelehnt, denn bekanntlich akzeptierten die Prüfungskommissionen nur persönliche Gewissengründe als Rechtfertigung für eine Kriegsdienstverweigerung. So hatte es der Staat, der die Möglichkeit der Verweigerung eingeräumt hat, bestimmt.

Ich konnte diese Ablehnung aber aus der gerade angesprochenen Verantwortung als citoyen heraus nicht akzeptieren und erst recht nicht aus meinem neu definierten politischen Auftrag. Daher entschloss ich mich zu einem von außen gesehen erstaunlichen Schritt, der mir aber absolut folgerichtig erschien. Ich erklärte mich als Individuum für politisch souverän. Durch diesen Akt beanspruchte ich einen Status, der dem des Staatswesens Bundesrepublik Deutschland entsprach. Ich begründete diesen Akt wie gerade dargelegt als wegen der Sicherheitslage notwendigen Schritt, der mir zudem von der westdeutschen Verfassung (wegen ihrer Vorläufigkeit) zugestanden wird und der keineswegs willkürlicher und freier ist, als es die ersten republikanischen Verfassungsbeschlüsse aus Sicht der alteuropäischen Machthaber waren.

Ich trug dieses Konzept einer individuellen politischen Souveränitätserklärung in jener Zeit dem bekannten Philosophieprofessor Dieter Henrich, immerhin einer der hervorragendsten Kenner der Philosophie Hegels, Kants und des Deutschen Idealismus vor. Er billigte mir in jedem Fall Originalität zu und machte sich Gedanken, wie er mir helfen könnte. Die Bundeswehr hat mich nach einem skurrilen Briefwechsel und vielen Ängsten vor Feldjägern meinerseits zwei Jahre später per Ferndiagnose für untauglich erklärt.


(5) Diese Geschichte war für mich eine wichtige Nagelprobe. Denn ich konnte meine Ziele trotz aller Philosophie immer nur durch praktisch-politisches Handeln verwirklicht sehen. Deswegen war auch ein Universitätsstudium nie mein Ziel.

Etwa 1989 ergab sich aus einem bestimmten Vorkommnis in meinem Leben die unbedingte Motivation, geradezu die Notwendigkeit, sozusagen alles auf eine Karte zu setzen und einen Durchbruch zu erreichen. Sie müssen sich immer meine Situation vor Augen halten. Ich wurde als kleines Kind mit einer messianischen Erwartung aufgeladen, ich wurde als Heranwachsender auf Rationalität und auf Politik hin konditioniert, ich hatte keinen guten Zugang zu meiner eigenen Generation. Mit einem Wort, ich war eingesperrt. Der Weg nach draussen, das musste ich immer wieder schmerzhaft erfahren, führte nur über den Austrag der mir aufgegebenen Berufung.

Das bestimmte Vorkommnis oder der Anlass war denn auch eine der vielen vergeblichen Fälle, in denen ich hoffte, aus diesem Eingesperrtsein auf andere und vor allem auf schnellere und angenehmere Art und Weise herauszukommen und die sich dann wieder wie so oft als Utopie herausstellte. Diesmal hatte ich wohl besondere Hoffnung gehegt und ihr Scheitern brachte mich in die Disposition, in meinem Leben und das heisst im Sinne meiner Berufung einen entscheidenden Fortschritt erzielen zu müssen.

Nun erwarten Sie vielleicht etwas ganz besonderes. Äußerlich geschah aber nicht viel. Ich setzte mich an den Schreibtisch und versuchte mit den einzigen Mitteln, die ich hatte, mit meinem wachen Geist und mit einem Schreibgerät diesen Durchbruch zu erzielen. Ich schrieb drauflos, einen Tag, 2 Tage , 10 Tage oder 12, nicht sehr lange. Ohne groß zu lenken, entstand eine Kapitelüberschrift nach der anderen und wurde ausgefüllt, bis ich zum 3. Hauptpunkt kam, der die Überschrift "Liebe" bekam. Da stockte der Schreibfluß. Und bald war klar, es würde nicht mehr weitergehen.

Das Ziel war gewesen, mich "am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen", mir eine geistige Substanz zu erarbeiten, die es mir erlaubt, meiner politisch-messianischen Aufgabe gerecht zu werden. Und diese Aufgabe bestand darin, als einzelner Mensch nicht etwa die Welt zu retten - das wäre sozusagen die Lieschen-Müller-Variante eines Messias. Stattdessen wollte ich die Basis legen, die uns normale Menschen, die über keinerlei spezifische Macht in dieser Weltgesellschaft verfügen, in die Lage versetzt, jenes Problem der zivilisatorischen Überkapazität zu lösen, das uns aus jedem traditionellen Geschichtsverlauf hinauskatapultiert hatte. Denn die aktuellen Inhaber welcher kollektiven Macht auch immer werden es nicht lösen können, weil sie sich gegenseitig ständig belauern, bedrohen und sich so zwingen, die jeweils stärksten verfügbaren Mittel zu besitzen, bis zum Exzess. Sie geraten auf eine schiefe Bahn, weil es keinen handhabbaren Weg mehr gibt, den Stärksten zu ermitteln.

Nochmal, das Ziel meines einsamen Durchbruchsversuchs war gewesen, einen neuen politischen Boden zu erfinden, zu erschaffen, auf der Basis individueller Selbstbestimmung, d.h., nicht auf einer gesellschaftlichen Ebene. Was aber hat es dann zu bedeuten, dass ich zu der Kapitelüberschrift "Liebe" kam, und was, dass ich stockte und der Schreibfluß genau dort abbrach? Die Analyse war eindeutig, Selbstbestimmung hin oder her, ich konnte mein Ziel alleine nicht erreichen.

(Der Inhalt des damals enstandenen Textes ist nichts anderes in kurzer Form, was ich hier viel umfassender und reflektierter ausführe.)


(6) Dem Text, den ich in jenen Tagen geschrieben hatte, gab ich den Namen-Begriff STRING. Dieses Wort hatte ich einem Aufsatz über "Kosmische Strings" als Selbstorganisationsstrukturen der Energie kurz nach dem Urknall entnommen, der in der Zeitschrift "Scientific American" veröffentlich worden ist. Die Namenskomponente von STRING benennt mein in diesem Vortrag skizziertes politisches Projekt. Die Begriffskomponente von STRING bedeutet die besondere einzigartige Potenz unseres Geistes, neue Begriffe zu kreieren und ist so selbstbezüglich auf die eigene Entstehung bezogen.


(7) Aus der Erfahrung heraus, alleine nicht mehr weiterzukommen, stand ich vor der Aufgabe, meine ablehnende Haltung gegen jegliche Kollektivität einer Revision zu unterziehen. Auch wenn der Hauptaugenmerk der STRING-Konzeption auf einer neuen individuellen Instanz liegt, konnte ich dieses Ziel nicht ohne die anderen Menschen verwirklichen. Eigentlich versteht sich das von selbst. Der individuelle Ansatz musste also um eine kollektive Komponente ergänzen werden. Aber diese kollektive Komponente durfte auf keinen Fall zu einer neuen Form kollektiver oder elitärer Macht führen. Mir kam nur eine einzige konkrete, realisierbare Form in den Sinn, die dieses Kriterium erfüllen kann, das politische Ereignis.
Die Ergänzung der Individual-Institution soll ein neu zu organisierendes politisches Weltereignis sein, das keine dauerhaften bürokratischen Strukturen hinterläßt und das - wenn schon, denn schon - trotzdem die Gemeinschaft der Menschheit zu ihrer konkreten geschichtlichen und politischen Existenz, zu ihrer institutionellen Existenz bringt.

Ein solches Ereignis würde geschichtlich, gesellschaftlich und politisch sowohl der Form nach, als auch dem Inhalt nach alles bisher Dagewesenen übersteigen. Es würde alle realen und alle imaginativen Kategorien überschreiten. Man kann versuchen, es sich vorzustellen. Wirklich vorstellen kann man es sich nicht. Denn es müßte die Geschichte heilen in dem Sinne, dass Gewalt als Mittel zum (politischen) Zwecke ausgeschlossen wird. Es wäre tatsächlich so etwas wie das "Ende der Geschichte", der Kulminationspunkt, in dem die gewaltigen Anstrengungen in den letzten etwa vier-, fünftausend Jahre, eine einheitliche Kultur aller Menschen erst zu imaginieren und dann zu schaffen, zu einem erzählbaren und universell lebbaren Abschluß kämen.

Abstrakter formuliert würde damit ein Problem zu einem Abschluß gebracht, das mit dem Beginn der Sesshaftigkeit, also der definierten Territorialität gestellt war. Denn was auch immer durch diesen großen zivilisatorischen Entwicklungsfortschritt möglich wurde, im Positiven wie im Negativen, die feste Verbindung menschlichen Lebens mit einem Territorium stellt auch eine Eingrenzung der Freiheit dar. Diese kann erst wieder gelöst werden, wenn die Menschheit durch die konkrete und gemeinsame Ausfüllung der Ökumene, der Gesamtheit der bewohnten Erde, diese territoriale Kategorie transzendieren wird. Erst dann könnte man sagen, dass sie die ganze Erde besiedelt hat. Vorl&aum;ufig weiss man noch nicht, ob sie den Versuch, die ganze Erde zu besiedeln, überleben wird.

Nach dem Ende der einen, großen Geschichte könnten sich die Menschen voll und ganz ihren jeweils eigenen Geschichten widmen, vorausgesetzt, sie haben gelernt, dass sie nicht allein auf der Welt sind - vorausgesetzt, sie haben die moralischen, ethischen und die praktischen Haltungen und Mittel dazu entwickelt, ihr Leben in gegenseitiger Achtung zu führen.


(8) Es ergibt sich also folgende neue Definition des Namen-Begriffs STRING:
STRING ist eine Art Doppelinstitution, entsprechend den beiden Seiten einer Medaille. Die eine Seite ist die "Institution der politischen Selbständigkeit des Individuums". Diese Institution soll jede erwachsene Person selbst beanspruchen und einnehmen, sobald sie sich dazu in der Lage sieht. Letztenendes sollen alle lebenden erwachsenen Personen diese Institution bekleiden. Alle Menschen, die aus welchen Gründen auch immer diese Institution nicht übernehmen können, z.B. weil sie noch Kinder sind oder krank sind, sollen als zukünftige oder mögliche Träger dieser Institution behandelt und geachtet werden. Das bedeutet, auch wenn die Institution immer nur von einzelnen Personen verkörpert wird, die jeder irgendwann sterben werden, ist sie die Seite der Medaille, die von Generation zu Generation die zeitliche Kontinuität der Doppelinstitution STRING trägt.

Die andere Seite der Medaille ist STRING als politisches Weltereignis, die Institution, die die politische Gemeinschaft der ganzen Menschheit erschafft und verkörpert. Kraft dieser Kollektiv-Funktion hat das Ereignis STRING die Aufgabe, die "Institution der politischen Selbstständigkeit des Individuums" zu inaugurieren und mit allgemeiner und unhintergehbarer Autorität zu versehen. Damit ist aber, ich sage es nocheinmal, keine Automatik für die einzelnen Personen verknüpft. Die "Institution der politischen Selbstständigkeit des Individuums" ist kein Geburtsrecht, sondern muss in einem bewußten Entscheidungsakt, ich nenne ihn moderne Initiation, von jeder erwachsenen Person selbst übernommen werden. Initiation sage ich deshalb, weil sich der Mensch durch diesen Akt am eigenen Schopf als individuelle Person aus dem Meer des Lebens zieht. Modern nenne ich es, weil sich die einzelne Person im Zuge dessen als universelles Sprach- und Geisteswesen erkennt und definiert. Das kann sie nur, indem sie die partikularen und materiellen Bedingungen ihrer Entstehung für einen entscheidenden Moment ins Allgemeinmenschliche überschreitet!

Die Kollektiv-Institution STRING ist wie gesagt zeitlich strikt begrenzt. Zwar wird eine verfasste Organisation von Nöten sein, um das Weltereignis Realität werden zu lassen. Diese Organisation wird aber mit dem Ende des Ereignisses wieder aufgelöst und alle daran beteiligten Menschen werden sich neue Ziele für ihre Tätigkeit suchen müssen. Das, was von STRING dauerhaft bleibt, wird allein von den einzelnen Personen als einzelne Personen weitergetragen.


(9) Um einem Missverständnis von vorneherein zu begegnen, ich rede hier keineswegs einer anarchistischen Gesellschaftsordnung das Wort. Es soll meines Wissens eine sokratische Erkenntnis sein, dass ab einem bestimmten Grad an Komplexität die Menschen einer Gesellschaft oder Zivilisation nicht mehr durch Aussensteuerung beherrscht werden können, sondern sich selbst, sozusagen durch Innensteuerung, beherrschen lernen müssen. Dieses Konzept steckt ja auch in der Kantischen Moralphilosophie, d.h. in dem Gedanken, dass Freiheit nur als das Befolgen von sich selbst gesetzten vernünftigen, d.h. verallgemeinerbaren Regeln existieren kann. Es handelt sich bei STRING, das diesen Erkenntnis oder Weisheit verpflichtet ist, sozusagen um das Projekt einer "monarchistischen" Gesellschaftsordnung aller einzelnen erwachsenen Personen und der von ihnen betriebenen rechtsstaatlichen nationalen Demokratien, freien Wirtschaften sowie entsprechender internationaler Institutionen und Vereinbarungen.

Jede Person, die die "Institution der politischen Selbstständigkeit des Individuums" einnimmt, ist zwar in nie dagewesener Weise frei. Aber damit ist auch eine große Verantwortung für das Ganze verbunden, der sie in ihrem persönlichem Verhalten gerecht werden muss. Mancher mag diese hohe Form der Freiheit immer noch als utopisch bezeichnen. Ich erachte sie als unausweichlich für die nicht mehr mit einem "Gottesauge" zu überblickende und d.h. nicht mehr regierbare Dynamik unserer Zivilisation. Ganz sicher ist mit dieser neuen Individual-Institution keinerlei dogmatische Aussage oder faktische Vorfestlegung über das Zusammenleben der freien individuellen Persönlichkeiten getroffen. Dafür gilt es vielmehr auf die gewachsenen gesellschaftlichen Zusammenhänge zurückzugreifen und insbesondere auf die Verfahren der sog. freien Gesellschaften und deren emanzipatorische Fortentwicklung.

Sicherlich verweist meine STRING-Konzeption den Staat in die zweite Reihe. Das tut sie aber nur insofern, als sie das Leben der einzelnen Person nicht mehr dem Leben des Kollektivs unterordnet. Vielmehr werden der kollektive Zustand, und nichts anderes bedeutet der Begriff Staat, als wichtiger Teil des Lebens der einzelnen Personen begriffen. Für ihn tragen diese Personen allerdings die Verantwortung.
Auf eine griffige Formel gebracht lautet das Motto: STRING ist der Paradigmenwechsel im menschlichen Zusammenleben vom Primat des Kollektivs zum Primat des Individuums. Nichtsdestotrotz bleibt es ein Zusammenleben!
Nur wenn das Zusammenleben der Menschen gut organisiert ist und funktioniert, kann der einzelne Mensch ein individuelles, selbstbestimmtes Leben führen!


(10) Im Procedere der heutigen republikanischen Staaten ist manches noch unaufgeklärt, ganz zu schweigen von der gesamten Welt. Insbesondere ist die Wirtschaft noch großteils in einem vordemokratischen Zustand, weil sie die Menschen ständig durch Ausnutzen des puren Überlebenstriebs manipulieren kann. Viele Güter bleiben immer knapp.
Gerade die Menschen, die nicht in Ländern des sog. Westens leben, nehmen diesen Westen (und Japan und China) oft nur durch die sich rabiat und extrem eigeninteressensgeleitet gebärdenden Großkonzerne wahr. Insofern hat die institutionelle Innovation STRING sowohl im Westen wie in anderen Gesellschaften der Welt genügend Geschichtsraum vor sich, um den unabweislichen Auftrag zur selbstbestimmten Lebensführung aller Menschen zu befördern.

Die revolutionäre Methode, den König umzubringen, um sich selbst an seine Stelle zu setzen, hat definitiv ausgedient, von wenigen Ausnahmen auf der Welt abgesehen. Sie ist zu sehr vom Konzept der "Freiheit von", anstatt der "Freiheit für" geleitet. Ich denke bezüglich der zahlreichen strittigen Fälle und unausweichlichen künftigen Machtproben zwischen Interessen, Positionen und Argumenten an lange Reihen von paradigmatischen Fälle, in denen sich künftig einzelne selbstständige individuelle Persönlichkeiten in zivilen Formen mit bürokratischen oder anderen Mächte auseinandersetzen. Dadurch können die Maßstäbe geschaffen werden für eine Abgrenzung zwischen der individuellen Autonomie und den Erfordernissen dauerhaft gelingenden sozialen Zusammenlebens. Solche paradigmatischen Fälle könnten auch im Internet dokumentiert werden.


(11) Selbstverständlich wird die heutige Welt von gigantischen materiellen Problemen geschüttelt. Die Weltökonomie, die kapitalistische Ökonomie ist keinesfalls schon ein Selbstläufer. Meine Erwartung ist, dass durch ein neues subjektiv/objektives Maß des menschlichen Lebens, wie ich es mit meinem Vorschlag für die Doppelinstitution STRING einbringen will, auch ein Maßstab dafür entsteht, wie die ungeheuren Potentiale unserer modernen Zivilisation Schritt für Schritt in konkrete Mittel zur Selbsthilfe und zur lokalen Solidarität umgesetzt werden können.

Werden heute nicht vielzuviele Mittel und Kräfte dafür verschwendet, durch einen bestimmten Lebensstil einen bestimmten Platz in einer Gruppe oder Gesellschaft einzunehmen, um zu denjenigen zu gehören, die ihr Schäflein im Trockenen haben? Mangelt es nicht gerade bei den Bessergestellten an wirklicher Individualität, die unter anderem auch darin besteht, der elementaren menschlichen Einsamkeit gerade nicht zu entfliehen, wenn sie einen trifft? Versagen nicht die Eliten heute auf breiter Front durch die falsche Fiktion, ihr insulärer Hochwohlstand wäre das Ziel der menschlichen Existenz.

Es genügt mitnichten, viel Geld zu verdienen und dieses Geld für was auch immer wieder auszugeben. Wenn manche glauben, wir könnten wieder in eine Art Adelsgesellschaft zurück, in der sehr wenige Personen gigantische Vorteile geniesen, nur diesmal aufgrund der Fähigkeit, viel Geld zu verdienen als dem entscheidenden Unterscheidungs- oder Auswahlkriterium, dann fehlt ihnen jedes Verständnis für die Zusammenhänge einer modernen Gesellschaft.

Um es noch etwas aktueller zu wenden, wie kann man von Menschen, die schon in der Vergangenheit mit knappen Mitteln rechnen mussten, große Anpassungsleistungen erwarten? Keine Frage, der deutsche oder französische oder amerikanische Staat ist so wie heute auf Dauer nicht zu finanzieren. Aber die eigentliche Anpassungsleistung ist nicht ein Leben in Armut für die Mehrheit, das gab es immer schon. Es ist sozusagen das genaue Gegenteil von moderner Innovation, es ist nichts als purer primitiver Zwang.
Es gibt eine Krise des Kapitalismus genauso, wie es eine Krise der Demokratie gibt. Die Anpassung unserer Lebensverhältnisse an den Stand unserer Zivilisation kann nur dann stattfinden, wenn die Erzeugung materieller und geistiger Verfahren zur umfassenden lokalen selbständigen Lebensgestaltung auf breitester Front mit einer absoluten politischen und ideologischen Priorität versehen wird.

Anpassung muss durch geistige Offenheit und Kreativität im Kopf und durch zwischenmenschliche Kollegialität stattfinden und nicht durch neue Einübung in archaische Armut. Emanzipation kann es nur innerhalb genügend prosperierender Lebenszusammenhänge oder Gesellschaften geben. Gerade deshalb geht es darum, dass der Kapitalismus runderneuert wird. Er muss vor den marktfeindlichen Monopolbildungen genauso wie vor den Glücksspielen der Finanzindustrie geschützt werden, die ihn ansonsten strangulieren.

Das ist längst eine globale Aufgabe und kann daher nicht mehr durch bürokratische Regulierungen alleine geschehen. Der entscheidende Faktor wird die Selbstaufklärung der großen Menge der Bürger über ihre wirklichen Interessen sein, die keineswegs immer mit den Interessen von heutigen Eliten übereinstimmen. Ich behaupte, dass eine nachhaltige Globalisierung des breite Bevölkerungsschichten erreichenden Wohlstands, wie ihn das 20. Jahrhundert in einigen Ländern kennengelernt hat, nur auf der Basis der von mir angestrebten individuellen und universellen Institution möglich wird. Der institutionale Bestand der Nationalstaaten alleine genügt dafür nicht.


(12) Die notwendigen Schritte in diese Richtung werden aber nur gelingen, wenn die Seuche der Gewaltanwendung so gut wie irgendmöglich gebändigt wird. Diese schwierige Aufgabe zwingt die militärisch stärksten Mächte, aber auch die Ordnungs-Institutionen der Nationalstaaten zu einer ganz entscheidenden Zurückhaltung. Sie müssen ihre Stärke zwar ständig überlegen halten, sie demonstrieren und wenn nötig mit großer Intelligenz auch einsetzen. Aber sie dürfen ihre Gewaltmittel niemals zum Erreichen ihrer eigenen politischen Ziel anzuwenden. Gerade die stärksten Mächte dürfen selbst nur mit zivilen Mitteln operieren, wenn es um ihre ureigenen Interessen geht. Denn nur dadurch können sie die idelle Kraft ihrer eigenen Zivilität, bzw. die Kraft der Zivilität überhaupt befördern und durchsetzen. Diese kluge Zurückhaltung ist die einzige Methode, um die Bereitschaft, Gewalt als politisches Mittel oder zur persönlichen Interessensdurchsetzung zu gebrauchen, Schritt für Schritt auszutrocknen. Zivilität hat gar keine andere Kraft oder Macht, als eine idelle oder geistige. Angesichts unseres vom praktisch gewordenen Geist dominierten Zivilisationsstandes ist der Glaube an eine Zivilität, die sich durchsetzt, kein Idealismus mehr, sondern schlichte pragmatische Überlebensnotwendigkeit.


(13) Der Algorithmus (=Handlungsvorschrift zur Lšsung eines Problems oder einer bestimmten Art von Problemen in endlich vielen Schritten), den ich Ihnen hier anzubieten habe, ist die Erkenntnis, dass wir durch unsere durch die Sprache und vermehrt durch die Schrift ermöglichte aktive Teilhabe am Geist dazu verdammt sind, unser Leben zu planen. Wir sind in die Zeit geworfen und haben so den Blick in die Zukunft erhalten. Und wir besitzen die Abstraktionsfähigkeit, über das, was uns unmittelbar umgibt, hinauszuschauen. Beiden Fähigkeiten entkommen wir nicht.

Dieser Tatsache können wir nur gerecht werden, wenn wir auf die offenste mögliche Geistigkeit zurückgreifen, die es gibt. Eine solche Art der Geistigkeit wird sicher nicht von Kollektivstrukturen produziert, da diese für ihren Bestand immer feste und sanktionierte Sprach-Formeln etablieren müssen. Die gesuchte Art der Geistigkeit darf sich auch nicht asketisch oder arrogant gegen das eigene oder fremde Leben abgrenzen, das sie mitbestimmen soll. Sie ist nicht auf Theorien aus, nicht einmal auf einzelne große Denkerpersönlichkeiten. Diese Offenheit findet im geistigen Agieren als persönlicher Gesten statt und im gegenseitigen Ernstnehmen dieser Gesten, auch wenn ihr gegenseitiger Austausch bisweilen zu keinem Konsens führt.

Es geht darum, den Geist als das primäre Schicksal des Menschen zu begreifen. Denn wenn wir das versäumen, dann werden wir indirekt von der gnadenlosen Ignoranz des Geistes gegenüber unserer Kreatürlichkeit (Körperlichkeit, Materialität) getötet. Um diese Bedrohung plastisch vor Augen zu fühen, genügt es, sich nur die Menge an Plutonium vorzustellen, die unserer Zivilisation bereits durch die giganische Anreicherung als "Treibstoff" für Kernkraftwerke und Atombomben quasi aus dem Nichts hervorgebracht hat und wie unendlich tödlich diese Menge Stoffes ist. Gelangt er in den Körper, genügen ein paar Mikrogramm, um Krebs entstehen zu lassen.

Dargeboten wird uns der von mir vertretene unprätentiöse Existentialismus des Geistes dieseits aller Ideologisierungen von einem paradigmatischen Philosophendasein wie dem des Sokrates. Dargeboten wird er uns aber auch von dem spezifischen Leben jüdischer Diaspora-Gemeinden in der Antike und im Mittelalter. Dieses gebändigte Maß eines Vorrangs für das Schicksal der Geistigkeit und Freiheit war immer schon jenseits der Macht und der Gewalt und immer schon über Hegel hinaus. Es zu etablieren kann nicht die Sache von Spezialisten im Rahmen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung sein.

Ich stehe deshalb hier auch nicht als Philosoph vor Ihnen. Der individuelle geistige Weg ist ein Maß für alle und ich bin nicht mehr, als derjenige, dem hier das Wort gegeben wurde und der dies genutzt hat, um von STRING, meinem individuellen Weg, zu erzählen. In dieser meiner performance, mit dieser Geste will ich die "Institution der politischen Selbständigkeit des Individuums" verkörpern.
Um an dieser Stelle ganz genau zu sein, meine Rede ist keine geistige Geste und keine menschliche Geste, sie ist meine(!) Geste, der ich hier vor Ihnen stehe. Im Sprachuniversum verweist dieses Wort "meine" auf den Namen "Wolfgang Behr" und auf den Namen/Begriff "STRING".


(14) Bevor ich zum Ende komme, noch zwei kurze Anmerkungen zur Anthropologie. Wenn ich dem glauben darf, was ich gelesen habe, dann ist der ganze Neokortex, die Großhirnrinde evolutionsgeschichtlich nur ein Zusatzorgan. Menschen, deren Amygdala bei einem Unfall verletzt worden ist, haben oft noch ihre gesamten geistigen Fähigkeiten zur Verfügung. Amygdala ist ein auf deutsch Mandelkern genannter, für unser Leben entscheidender Teil des limbischen Systems oder Stammhirns. Trotzdem können diese Menschen keinerlei eigenen Entscheidungen mehr treffen. Sie erkennen nicht einmal, ob ihnen jemand feindselig oder freundschaftlich begegnet. Mit einem Wort, sie sind ihrer politischen Instanz beraubt und daher nicht mehr selbständig lebensfähig.
Daraus ziehen ich den Schluß, dass wir Menschen lernen müssen, all die Errungenschaften unseres Geistes als sekundäre Ausdrucksformen unseres Lebens zu sehen. Dazu zählt das Gesetz, der Staat oder ein Weltreich genauso wie sämtliche technischen Produkte oder Kunstwerke. Erst wenn der Geist als persönliches Schicksal eines jeden Menschen begriffen und entsprechend behandelt wird, kann seine Integration in unser Leben gelingen.

Daran schließt sich die zweite Anmerkung direkt an. Der Rechtsphilosoph Uwe Wesel beschreibt in seinem Buch "Die Geschichte des Rechts", unter welchen gesellschaftlichen Umständen unsere Vorfahren als Jäger und Sammler existiert haben. Wenn sie keine extremen Lebensbedingungen hatten, dann haben sie bisweilen in anarchischen und egalitären Kleingruppen gelebt. Bis in die Neuzeit noch fand man diese Sozialform z.B. bei den Pygmäen im Ituri. Auch wenn wir uns gerne beeindrucken lassen von den hochorganisierten Megagesellschaften der Geschichte und ihren immensen Leistungen, so behaupte ich trotzdem, dass jene Kleingruppen die höchste Form gelingenden menschlichen Zusammenlebens darstellen. Sie sind eindeutig und grundlegend keine Tiergesellschaften mehr. Das Menschsein hat bei ihnen zu sich selbst gefunden - durch das Palaver, d.h. durch die menschliche Eigenschaft schlechthin, die Sprache. Mit Beginn der Sesshaftigkeit wurden zwar bis zum heutigen Tage gewaltige zivilisatorische Fortschritte möglich. Aber im Zusammenleben fand auch ein bedeutender Rückschritt statt, der von der Schwierigkeit, das Zusammenleben großer Menschengruppen, die sich nicht gegenseitig kennen oder miteinander verwandt sind, zu organisieren. Das Problem, das bis heute das entscheidende Menschheitsproblem ist, ist die zwischenmenschliche Gewalt. Kaum haben die Menschen der Natur ihre Überlebensmittel abgerungen, brechen sie Kriege und Zerstörungen vom Zaum. Innerhalb der sesshaften Gesellschaften feierte die auf biologisch-materiell unüberschreitbaren Unterschieden zwischen ihren Mitgliedern beruhende Tiergesellschaft (Modell Pavianhorde) als Ordnungsprinzip wieder Urstände.
Ich wage die Behauptung, dass sich ein soziales Leben der Menschen ohne dominante Gewalt, Zerstörungen und kriegerische Auseinandersetzungen nur mit der Überwindung der Maßstäbe der Tiergesellschaft als Ordnungsprinzip verwirklichen läßt. Das Modell dafür ist die anarchisch-egalitäre Palavergesellschaft der Jäger und Sammler, die die Tradition der akephalen ("kopflosen") Gesellschaften begründet hat.


III. Zu guter letzt

Mein Werdegang ist bis in die jüngste Zeit von stärksten psychischen Stürmen belastet und von der regelmäßig wiederkehrenden Anwandlung, in den Freitod zu gehen, weil ich keine Chance für die Verwirklichung meiner Arbeit sehe. Ich sehe mich oft vereinsamt. Von innere Ruhe oder Gleichmaß war ich immer wieder weit entfernt. Ich fasste das aber nicht nur negativ auf, sondern verstand es auch als Auseinandersetzung mit substantiellen und ungelösten Problemen. Ein Stück weit hat mich das Schicksal in Gestalt meiner Großmutter (und meines Vaters) zurückversetzt in den Krieg, als viele Menschen auf Leben und Tod um, so ihr Empfinden, die Freiheit der deutschen Nation gekämpft haben. Glücklicherweise verfügte ich über bleibende und wechselnde menschliche Kontakte und über die "philosophische Kunst der Selbsterwärmung" (Dieser Ausdruck stammt aus einem NZZ-Artikel von Rüdiger Safranski). Dadurch konnte ich mir immer wieder Ruhepausen verschaffen. Nur einen Ausweg konnte ich nicht finden. So bleibt bis heute das Schaffen einer Synthese aus dem liberalen, zivilen Leben der Nachkriegszeit und dem absoluten Freiheitskampf die unausweichliche Aufgabe.

Erst seit wenigen Jahren stellt sich bisweilen das Gefühl ein, der Belastung dieser Aufgabe epochalen messianischen Ausmaßes gewachsen zu sein. Ich muss sie ja ausdrücklich als durchschnittlicher Mensch oder besser als einer von sechs Milliarden durchführen. Nur dann kann ich Universalität nicht in einer rational-abstrakten Dimension, sondern in einer konkret-persönlichen Dimension erreichen, um ein Paradigma der Institutionalisierung des beliebigen einzelnen souveränen Menschen abzugeben.

Noch bin ich am Strampeln in dem Milchtopf, in den mich das Schicksal hat fallen lassen. Aber ich spüre bisweilen schon Verdickungen und Schlieren in der Milch. Auch der Vortrag, den ich bei Ihnen hier halten durfte, ist ein wirksamer Schlag zur Trennung von Butter und Magermilch, auf dass ich bald festen Boden unter die Füsse bekomme.


Vielen Dank



Wolfgang Behr





STRINGklein