STRING - World Politics for Individuals





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Wolfgang Behr
The "Anti-*itler"




Menschheit, Tod und Initiation

Ein politisch-philosophisches Manifest

von Wolfgang Behr


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Inhalt

1. Heute
2. Dichotomie
3. Unvorstellbarkeit
4. Name
5. Fortschritt
6. Tod
7. Initiation
8. STRING




Die Menschheit, das klingt sehr geläufig. Tatsächlich ist es aber ein Thema, das selten konkret bedacht wird. Das gilt erst recht, wenn die Menschheit politisch betrachtet werden soll. Meist liegt sie dann nur im Blickwinkel von Aussenseitern, die für den Schutz irgendeines Gemeingutes (z.B. der Regenwälder) kämpfen. Oder sie taucht indirekt in der Vision vom deregulierten Weltmarkt auf und geht im Kampf der Lobbys unter.
Daß die Menschheit sehr wohl ein politisches Subjekt sein kann und dabei ihren eigenen Imperativ entwickelt, davon soll dieses Manifest handeln. Der Titel STRING als vorläufiger Name und als Begriff der Menschheit spielt dabei eine zentrale Rolle.





Today Heute (1)

Wir sind als Teilnehmer an dem weltumspannenden Nachrichtennetz einem ständigen Wechselbad der Gefühle ausgesetzt, deren kräftigste Farben Ärger und vor allem Wut sind, Wut der Ohnmacht und Hilflosigkeit. Zu oft beherrschen Dummheit und Ignoranz, rücksichtsloses Macht- und Gewinnstreben, sowie unsägliche Gewalttaten trotz ihrer Banalität die Verhältnisse.
Manche Leute fahren an die Orte der offensichtlichsten humanen Disaster - Tibet, Sudan, Bosnien, Ruanda/Burundi, Tschetschenien, ... (eine Liste, deren schnelles Veralten die relativierende Fragwürdigkeit unserer Medienwelt aufzeigt) und versuchen zu helfen, aber die grosse Mehrzahl steht abseits und erlebt jenes Schauergefühl, gemischt aus Schrecken und Erleichterung, welches der antike Autor Lukrez dem Betrachter eines Schiffsuntergangs zuschreibt, der selbst am sicheren Ufer steht.
Widerstehen wir dem Zwang, alles positiv sehen zu müssen, den unsere Politiker verbreiten, widerstehen wir auch der Versuchung, die Politiker für alle Gefahren verantwortlich zu machen, dann werden wir uns emanzipieren. Der Preis wird sein, die Veran twortung mit zu unserer gemacht zu haben.
Aber wer sind wir? Jene von der Industrie mit subtilsten Mitteln der Psychologie und Marktforschung manipulierten Konsumenten? Maden im Speck? Kleingeister, die aus Angst um ihren Wohlstand alle Fremden ablehnen? Was sollten wir mit dieser immensen Verantwortung? Jeder, der bereit ist, für seine Ziele, welche es auch immer seien, ohne weiteres sein Leben auf s Spiel zu setzen, findet uns friedfertige Bürger doch lächerlich.
Trotzdem gilt es sich "der Menschheit" in einer ruhigen, philosophischen Tonlage zu nähern. Zwar stecken wir mitten im Leben und sind in die Vorkommnisse überall auf der Welt einbezogen. Aber die Geschichte, insbesondere ihre Bedeutung, beginnt im Kopf, genauer im Denken. Aufgeregtheit schadet mehr als daß sie nützt und so sehr die aktuellen Ereignisse nach Handlungen, nach Kampf verlangen, so sehr verlangt ein übermässig komplexer Entwicklungsstand der Welt nach theoretischem Durchblick, wenn man so will, nach geistigem Handeln - wie noch zu sehen sein wird, kann auch dies den Mut erfordern, dem Tod zu begegnen! Daher beginnt dieses Manifest als Anfangsakkord mit einer sehr abstrakter Betrachtung.



Dichotomy Dichotomie (2)

Der einzelne Mensch ist von seiner Geburt an von allen anderen Menschen körperlich getrennt. Die Erfahrung zeigt, daß seine Zugehörigkeit zu menschlichen Gruppen und Gesellschaften, die diese körperliche Getrenntheit und Vereinzelung einbinden, keineswegs nur naturwüchsig ist, wie etwa die biologische Familie, sondern kulturell erzeugt wird. Daraus folgt, daß die im Rahmen dieser kulturellen Veranstaltung behauptete Blutsbande der je eigenen politischen Gemeinschaft - das Volk, die Nation - das rein ideologische Überbleibsel einer in unerreichbarer Ferne liegenden, vergangenen Hordenrealität ist. Je nüchterner und offener dies gesehen werden kann, desto leichter ist man in der Lage, den Gipfel der Kultur menschlicher Gesellschaftlichkeit, nämlich die Weltgemeinschaft aller Menschen, als etwas zu betrachten, das unter Inanspruchnahme unserer besonderen kulturellen Schaffenskraft erst noch Gestalt annehmen muss.
In der heutigen politischen Welt können selbst die avanciertesten Gesellschaften dafür kein rechtes Vorbild abgeben - steckt doch in der Nation alstaatlichkeit im Kern noch jene Ideologie der Naturwüchsigkeit. Eher wäre noch ein begrenzter Rückgriff auf die antike und mittelalterliche Reichsidee denkbar. Einzig die USA und ihre Geschichte sollte man in diesem Zusammenhang ausnehmen, da sie sich fast gar nicht als naturwüchsige Gemeinschaft versteht und im Gegenzug dem Individuum eine besondere Bedeutung zumisst. Insofern ist sie ein mögliches Paradigma für eine Weltgemeinschaft und nicht umsonst ist sie so jungen Ursprungs. Nüchtern betrachtet bleibt im Sinne der Moderne nur das Individuum, der einzelne Mensch als unhintergehbare Grundeinheit vor jeder geläufigen Gesellschaftsform, woraus sich die Menschheit als politische Gemeinschaft bilden kann.

Die grundlegende Individualität des Menschen und die Einheit aller Menschen jenseits von ideologischer Gruppenidentität, das ist der Zweiklang, der in diesem Manifest im Zentrum stehen soll. Das hat zweierlei Gründe: Da ist einmal der Wunsch der meisten Menschen nach persönlicher körperlicher und seelischer Unversehrheit, sowie nach gutem Leben im materiellen, wie im ethischen Sinn. Die Erfüllung dieses Wunsches hat sich als eine der Voraussetzungen für demokratisches, auf dem Individuum basierendes Miteinander herausgestellt.
Zum anderen geht es um einen politischen Begriff der Gemeinschaft aller Menschen, wobei dieser Begriff eine für alle Menschen guten Willens akzeptable Politik beinhaltet. In welcher Form, mit welcher Ordnung soll sich das gerade entstehende Kollektiv Menschheit ausbilden? Und wird es mit dieser Ordnung gelingen, die Gefahren des augenblicklichen Weltlaufs zu bändigen?
Mit Nachdruck wird hier von einem Begriff gesprochen, denn die Gemeinschaft einer nicht mehr überschaubaren Anzahl von Menschen, erst recht aber der ganzen Menschheit existiert primär als geistig-symbolische Entität.

Daß die Momente der Individualität und der Kollektivität in dieser entschei denden Phase der Geschichte unmittelbar aufeinander bezogen sind, ist leicht einzusehen. Denn erst Menschen mit freiem individuellen Bewußtsein können, selbst wenn sie aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen kommen, auf einander zugehen und offen werden für den Begriff einer Gemeinschaft aller Menschen, ohne deswegen sich und ihre traditionelle Identität aufzugeben. Unzählige Menschen haben diese Erfahrung längst gemacht. Der Weg über die einzelne Person als Dreh- und Angelpunkt einer politisch geeinten Menschheit ersetzt das Prinzip der Einheitskultur, welches identisch ist mit dem Primat der Macht - vielleicht das Hauptproblem der heutigen Welt.

Warum braucht man eine so umständliche Formel - der Begriff einer Gemeinschaft aller Menschen, welcher eine für alle Menschen guten Willens akzeptable Politik beinhaltet? Der Grund liegt darin, daß schnell Wörter wie "die Menschheit" oder "alle Menschen auf der Erde" gebraucht werden, daß damit aber weder eine politische Realität getroffen, noch ein genauer fassbarer Begriff dargestellt wird. Natürlich kann heutzutage, wer reich genug dazu ist, alle Länder und Kulturen bereisen und die "Menschheit" kennenlernen, natürlich erleben die Mehrzahl der Menschen Olympiaden oder Fussball-Weltmeisterschaften "gemeinsam" an den Bildschirmen, natürlich kann man mit Büchern und Filmen viele Brücken zwischen Völkern und Menschen schlagen. Aber dies alles bleibt auf die einzelnen Menschen und Gruppen beschränkt und konstituiert keine neues politisches Subjekt. Das trifft auch für die Aktivitäten der Wirtschaftsunternehmungen zu, obwohl sie den weltweiten öffentlichen Raum zum Teil in eminenter Weise mitgestalten.



Unvorstellbarkeit (3)

Was es eben nicht gibt, ist die politisch existierende Gemeinschaft der Menschheit, zu welcher ein für die politische Kultur der Neuzei t konstitutiver individueller Status ihrer Mitglieder, der einzelnen Personen überall auf der Welt, gehört - vergleichbar mit dem Status des Bürgers, des "citoyen" in der Republik.
Wir kennen die früheren Versuche, grossen gesellschaftlichen Gebilden eine konkrete politische Form zu geben, wie z.B. den Commonwealth des englischen Empires. Und die Staatengemeinschaft UNO als Ersatz für das obsolete Konzept des Weltstaates ist nach wie vor unverzichtbar. Wenn aber die Zeit wirklich reif ist für die politische Einheit aller Menschen und wann wenn nicht jetzt nach dem Ende des "Kalten Krieges" ist das der Fall, dann trübt eine zähe Unvorstellbarkeit den geistigen Blick in die Zukunft. Wie soll sie aussehen, die Menschheit, die nicht mehr dem Veto "der Supermächte" untersteht oder die nicht nur eine unsteuerbare, selbstmörderische Ansammlung von egoistischen Interessen und Megainteressen ist. Welche politische Gestalt sollte sie sich geben, um sich wirklich als Gemeinschaft erleben zu können? Diese Unvorstellbarkeit einer politischen Gesellschaftsform aller Menschen liegt unter anderem darin begründet, daß sich etwas von so grosser Allgemeinheit wie die Menschheit nicht ohne weiteres an die Bedingungen traditioneller Gesellschaftlichkeit und Politik, ja nicht einmal an die Formalität des Rechtsgedankens anschliessen lässt. Sie rührt aber auch daher, daß man unüberwindliche realpolitische Hindernisse für die Entstehung einer wirklichen Weltgemeinschaft sieht. Tatsächlich scheint es sich bei der Menschheit, so man sie nicht nur vage kulturell fasst, um eine neue Dimension menschlicher politischer Koexistenz zu handeln, deren Bedingungen erst noch entdeckt bzw. entwickelt werden müssen.

Manche davon sind leichter zu sehen, da sie bekannte Thesen darstellen. Zum Beispiel jener Gedanke, den Trotzki etwas irreführend mit der Formel "permanente Revolution" ausgedrückt hat und der auf der Erkenntnis einer notwendigen Beweglichkeit der gesellschaftlichen Strukturen beruht. Denn in der bisherigen Geschichte haben immer wieder Gewaltakte und Kriege statt friedlicher Entwicklung die Verkrustungen und die Unzeitgemässheit der herrschenden Ordnungen und Eliten beenden müssen.
Im Massstab der Menschheit gewinnt dieser Gedanke aber eine eigenständige Bedeutung. Geht es doch bei ihr um eine konkrete politische Gestalt, die eine nie dagewesene Dauerhaftigkeit benötigt, denn Menschheit gibt es nur eine und ihre räumlichen Bedingungen sind festgelegt. Wenn also diese Stufe der gesellschaftlichen Integration einmal erreicht ist, dann wird die bisherige Geschichtsdynamik des kriegerischen Aufbaus und Zusammenbrechens der Reiche und Staaten an ihr Ende kommen. Das bedeutet aber, daß in der politischen Gestalt "Menschheit" die Möglichkeit der Verkrustung von vorne herein ausgeschlossen sein muss, da die gewaltsame Anpassungsprozesse nicht mehr stattfinden. Es sei denn, sie könnte sich in Kriegen bilden, wieder zerfallen und wieder bilden usf. - eine unrealistische Vorstellung, die das Problem vor sich herschiebt und deren Realität die Menschheit kaum überleben dürfte. Wird die politische Menschheit also nicht auf die definitive Fixierung von Verfassung und von Gesetzen verzichten müssen, um sich zu konstitutieren? Denn aller Erfahrung nach veralten diese Regelungen und stellen demnach keine angemessenen politischen Mittel mehr dar.
Ein solches Niveau des Zusammenlebens, das auf allgemeingültige Regeln verzichten kann, ohne deshalb in Partikularismus, Dauerfehden oder Verbrechensherrschaft zu verfallen und ohne die Vielseitigkeit heutiger Gesellschaften zu zerstören, bedarf in der Tat äusserst innovativer individueller wie globaler Entwicklungsschritte und zeigt die gewaltige Grösse der vor uns liegenden Aufgabe.

Andere Bedingungen sind schwerer zu sehen, weil noch unglaublicher, allen voran jener oben aufgezeigte Zweiklang von In dividuum und Weltgesellschaft, bzw. was sich aus ihm ergibt. Die politischen Gebilde, die wir heute kennen, die Nationalstaaten haben mehr oder weniger festgelegte Rollen (Rechte und Pflichten) für ihre Mitglieder, z.B. das aktive und passive Wahlrecht, die Freiheit, wirtschaftlich tätig zu sein und dadurch Einfluss zu gewinnen, Schutz vor Gewalt etc.. Wie aber sollte man sich die Teilhabe der einzelnen Individuen an der politischen Gestalt "Menschheit" vorstellen?
Das Oligarchiemodell des politischen Lebens, d.h. die Herrschaft weniger, wie es heute auch in der parlamentarischen Demokratie, vor allem aber in der immer mächtiger werdenden Wirtschaft üblich ist, kann kein dauerhaftes Ordnungsprinzip für die politische Menschheit sein. Die unterschiedlichen Völker, Religionsgemeinschaften und sonstigen kulturellen Identitäten lassen sich kaum freiwillig unter eine zentrale Regierung bringen, da dies immer mit Machtanspruch und Unterordnung verbunden ist. Es ist daher notwendig, eine zugleich direktere, individuellere als auch weniger festgelegte, d.h. nicht expressis verbis verfasste Teilnahme der einzelnen Menschen an der Existenz der Menschheit als politischem Gebilde zu finden. Dies könnte erreicht werden, indem sowohl dem einzelnen Menschen als auch der Gemeinschaft der Menschheit der gleiche primäre politische Status gegeben wird, der ihnen Selbständigkeit gegenüber allen traditionellen Institutionen gewährt. Beide werden so als neue politische Institutionen die Basis der Weltordnung. Die grösste Mehrheit, dargestellt durch die Weltgemeinschaft aller Menschen garantiert und trägt dann die Selbständigkeit des kleinsten Teils, des Individuums. So paradox das klingen mag, die Gemeinschaft der Menschheit scheint nur über mehr statt weniger Freiheit für den Einzelnen zu erreichen sein. Man könnte in diesem Zusammenhang von der Notwendigkeit eines neuen politischen Aggregatszustandes sprechen.

Es zeigt sich, daß schon die Betrachtung grundlegender Bedingungen dieser neuen politischen Dimension eher um deren erwähnte Unvorstellbarkeit kreist, als direkt auf sie zuzugehen oder gar sie zu überwinden. Deshalb will ich versuchen, den Begriff der politischen Gestalt "Menschheit" in einer Art Begriffsarbeit direkt anzugehen, die sich zur Begriffsgestaltung ausweiten wird.

Warum ist die politische Einheit aller Menschen unvorstellbar?
Weil sie nahezu unlösbare Widersprüche in sich vereinen muss. Einerseits benötigt sie die dauerhafte Form eines Gemeinwesens, das sich äusserlich im wesentlichen nicht mehr verändert, allenfalls könnte es wieder zerfallen. Andererseits ist diese Form gerade wegen der äusseren Endgültigkeit in ihrer inneren Struktur auf eine grundlegende Offenheit für die Zukunft angewiesen, was nicht zuletzt den Verzicht auf definitiv festgelegte Regeln des Zusammenlebens bedeutet und das obwohl das kriminelle Verhalten der Menschen bis heute immer wieder alle akzeptablen Maßstäbe verlässt!
Die politische Einheit ist unvorstellbar, weil nichts in Sicht ist, womit diese Einheit beginnen soll - ein Krieg kann es ja nicht sein!
Weil das, was man als die Geschichte versteht, durch ein solches Ereignis an ihr Ende käme, die eigentliche Geschichte aber erst losgehen soll - wäre doch der bisherige Geschichtsverlauf von dort aus gesehen nur Vorgeschichte!
Weil politische Identität wie Identität überhaupt immer aus Abgrenzung entsteht, die ganze Menschheit sich aber von keiner anderen politischen Einheit mehr abgrenzen kann!
Weil die Unterschiede zwischen den Staaten und Kulturen zu gross erscheinen!



Name Name (4)

Man sieht, als politischer Begriff ist die Menschheit nicht leicht zu denken. Auch klassisch-philosophische Begriffsgestalten wie das Hegel sche Absolute, das Heidegger sche Sein oder aber das Marx sche Proletariat kann sie nicht für sich reklamieren, da sie sich aller Erfahrung nach nicht aus einer Theorie ableiten lässt. "Menschheit" muss noch komplexer, unschärfer und offener gedacht werden, um als Begriff politisch bedeutsam werden zu können. Dies lässt an einen künstlerischen Begriff denken, wie ihn z.B. Joseph Beuys in seinem Begriff des plastischen Denkens ("mit dem Knie") entworfen hat. Aber selbst dieser Begriff bleibt noch theoretisch gefangen.
Also benötigt man einen neuzuschaffenden Begriff, ja sogar eine neuzuschaffende Begriffsart, deren Aufgabe darin bestünde, geschöpft aus der geistigen Kraft menschlicher Kultur und Geschichte den Erfordernissen der Menschheit als politischem Subjekt gerecht zu werden.

Vielleicht führt die sprichwörtliche Formulierung, "dem Kind ein Name gegeben", auf die richtige Fährte. Denn Politik besteht aus konkreter Aktion, und eine Taufe, ein Tauffest ist eine Aktion. Wenn die Menschen auf der Welt sich selbst einen Namen geben und dieses Ereignis als wesentliches Moment der Entstehung ihrer Gemeinschaft, ihrer politischen Konstitution begreifen könnte und dies mit einem grossen Fest feiern würde, dann wäre das allerdings ein im höchsten Masse politischer Akt und der Beginn einer neuen Ära.

Es gibt zwei Aspekte, die den Namen als Begriff der politisch verstandenen Menschheit nahelegen. Erstens wird sich die Menschheit als bewusste Gemeinschaft nur bilden und erkennen können, wenn sie sich als einmaliges, individuelles Gebilde wahrzunehmen lernt und ein solches Gebilde oder Wesen wird nun mal mit einem Namen bezeichnet, bzw. gibt sich einen solchen. Zweitens findet sie in dem Namen, den sie sich gibt und der diese neue Wesenheit bezeichnet, genau das richtige unbeschränkte "Material", um die eigene Existenz zu bilden, da es nicht möglich scheint, irgendeine begriffliche Strukturvorgabe oder ein traditionelles politisches Modell für die Entstehung der politischen Gemeinschaft "Menschheit" zu verwenden. Denn ein Name, bzw. ein neuer Name ist politisch völlig unbelastet und abstrakt gesehen zuallererst eine Leerformel. Man könnte im Prinzip alles darunter verstehen. Aber zum einen sind auch klassische Begriffe grössten Schwankungen der Interpretation und Bedeutung ausgesetzt, zum anderen ist ein konkreter, in der menschlichen Kultur verankerter Name, wie z.B. die Person "Charles de Gaulle" oder die Staatengemeinschaft "USA" das am besten Greifbare im politischen Leben und im Leben überhaupt.

Die politische Menschheit soll in diesem Manifest den vorläufigen Namen STRING erhalten. (Ursprünglich entstammt der Begriff STRING einer Theorie der Selbstorganisation des Universums.) Natürlich muss ein solcher Name eine angemessene Gestaltung erfahren, um seiner Aufgabe gerecht zu werden und um sich einen Platz in der Welt zu erobern. Wie also kann dieser Name der Begriff einer geeinten Menschheit werden? Dazu soll eine dem Begriff und den schon geschilderten Bedingungen gemässe Reihenfolge des politischen Handelns definiert werden: Am Anfang steht ein Ereignis, bei welchem die Menschen selbst ihre Gemeinschaft konstituieren. Dieses Ereignis ist verbunden mit dem Akt der Namensgebung, der die Einzigartigkeit der Menschheit zum Ausdruck bringt und einem Fest, das diese Taufe und die Entstehung der Gemeinschaft feiert. Das Ereignis soll zugleich die einzige kollektive Institution der Menschheit sein, die aber keine neuen Machtstrukturen und keine Bürokratie hervorbringen darf, was vor allem durch seine begrenzte Dauer festgelegt ist. Die institutionelle Kontinuität der Gemeinschaft aller Menschen wird einzig in das Individuum gelegt. Deshalb wird anlässlich des Ereignisses ein Status der individuellen politischen Selbstständigkeit etabliert und dem einzelnen Menschen zugewiesen. Damit ist ein neuer Anfang gesetzt und eine auf dem gesellschaftlichen Grundelement Individuum basierende Ordnung geschaffen, welche nach einer Übergangszeit die bisher bestehenden Ordnungsstrukturen ersetzen soll. Auf die Zukunft projiziert bedeutet dies keineswegs das Ende jeglicher Art von kollektiven Strukturen und Regelungen. Denn die Menschen werden solche Strukturen und Regelungen aus Gründen der Praktikabilität gestalten und gegebenfalls verändern. Diese kollektiven Momente sollen aber keine eigene politische Macht oder Sanktionsgewalt mehr besitzen.

Die persönliche Reife, einen solchen individuellen Status und die mit ihm verbundene Zivilisiertheit zu verkörpern, wird sich die Mehrheit der heutigen Menschen nicht mehr erwerben können. Die wichtigsten Mittel, die zukünftigen Menschen dahin zu führen sind zum einen die Selbstverständlichkeit, mit der die Politik von STRING den Kindern der folgenden Generationen vermittelt wird und zum besonders die Initiation (siehe unten). Daraus folgt, daß auch Veränderungen der materiellen und bürokratischen Lebensbedingungen nur langsam, Schritt für Schritt stattfinden werden, sofern sie sich aus der Sicht des neu erworbenen Gemeinschafts- und Individualitätsstatus als zweckdienlich erweisen. Für einen solchen Übergangsprozess gibt es keine eindeutigen Regeln. Er wird durch einzelne Personen vorangetrieben, die ausgehend von dem Weltereignis und ihren eigenen Fähigkeiten diesen Status proklamieren und gestalten. Sie werden oft in Gegensatz zu bestehenden Institutionen geraten und mittels der Autorität von STRING deren Macht überwinden müssen. Da die bestehenden Institutionen aber auch wichtige Gemeininteressen vertreten, wird eine konstruktive Zusammenarbeit mit ihnen immer wieder notwendig und sinnvoll sein. Z.B. wenn es um die Frage geht, ob und wieviel Steuern man noch zahlt.
Grundsätzlich ist dieses Procedere von STRING im Sinne seiner Realisierbarkeit dadurch gekennzeichnet, daß das Hauptaugenmerk auf einem politischen Akt im Verfassungsrang, dem Weltereignis liegt und nicht auf einer unmittelbaren Veränderung der herrschenden Ordnung oder der materiellen Lebensbedingungen.

Ein Name, bzw. eine Namensgebung oder Taufe ist eine sehr persönliche Angelegenheit, auch wenn es sich nicht um einen einzelnen Menschen, sondern um das grösste menschliche Kollektiv handelt. D.h., dieser Akt der Namensgebung wird nur angemessen zustande kommen, wenn die grosse Mehrheit der Menschen ein mehr oder weniger persönliches Verhältnis zu diesem Vorgang entwickeln kann. Das bringt jenes schon festgestellte Bedürfnis nach körperlicher und seelischer Unversehrtheit, sowie nach gutem Leben wieder ins Spiel. Ohne Zweifel handelt es sich bei der Taufe der Menschheit durch alle Menschen um einen politisch-kulturellen Akt allerhöchster Güte, den zu vollbringen eines gewissen Freiraums bedarf. Wenn also zum Zeitpunkt des Festes nicht alle Menschen diesen Freiraum gesichert haben, was leider als sicher gelten kann, dann muss die in dem Tauffest zustandegekommene politische Einheit der Menschen zumindest eine ernstzunehmende Perspektive darauf eröffnen, daß allen Menschen in absehbarer Zukunft die Voraussetzungen an Bildung, Gütern, Fähigkeiten und nicht zuletzt an Freiheit zu einem selbstbestimmten Leben zukommen werden. Dies ist das grosse Ziel von STRING. Der Status der politischen Selbstständigkeit für das Individuum ist allenfalls eine entscheidende Voraussetzung dafür, nicht aber schon das Ergebnis selbst.



Progress Fortschritt (5)

In diesem Zusammenhang muss man bedenken, daß noch nie in der bekannten Geschichte soviele Überlegungen und Anstrengungen unternommen wurden, sei es mittels Technik, sei es in der Wirtschaft, in der Sozialgesetzgebung etc., um das alltägliche Leben der Menschen zu sichern und zu erleichtern, wie gerade in den letzten 100 Jahren. Erfindungsgeist und Kreativität vorausgesetzt erscheint es nicht abwegig, daß in wenigen Generationen die Möglichkeit zu einem auch materiell selbstbestimmten Leben für alle Menschen der Normalfall ist, auch in der heute sogenannten "Dritten Welt". Zur Zeit könnte man den Eindruck gewinnen, daß dies eine Utopie bleiben wird, weil die Staaten immer mehr an Macht verlieren und ihren sozialen Auftrag nicht erfüllen können und wollen. Aber unsere Epoche hat die Option der Wissenschaft, der Technik und der wirtschaftlichen Entwicklung gewählt und sie muss diese mit innovativer Kraft zu einem auch diesbezüglich vernünftigen Ende führen. Dazu gibt es keine Alternative, auch wenn schon viel Natur zerstört worden ist und noch zerstört wird. Das Ziel kann natürlich nicht Sozialhilfe für alle sein, sondern bezieht sich auf heute vielleicht noch völlig unbekannte Möglichkeiten, die es auch schwachen Personen erlauben, mehr oder weniger selbstständig und unabhängig den Alltag und seine Notwendigkeiten zu bewältigen. Wir wissen nicht, wie die Welt in hundert Jahren ausschauen wird. Das ist unsere Chance, wenn es gelingt, den technischen und kapitalistischen Fortschritt in einer diesem Ziel dienenden Form zu restaurieren.
An diesem Punkt stossen wir auf die Frage, ob die Perspektive eines abgesicherten Lebens des einzelnen Menschen schon den ganze Begriff der politischen Menschheit ausmachen kann? Ob das, was man als menschliche Bestialität bezeichnen muss, damit in den Griff zu bekommen ist.



Tod (6)

Wir kennen beinahe unaussprechliche Abgründe der menschlichen Seele. Wir leben auf einem Berg von Gewalttaten, von Verbrechen, der bis in die fernsten Zeiten reicht und der jeden Tag anwächst. Jeder von uns kann sehr leicht in die Situation geraten, direkt oder indirekt dafür mitverantwortlich zu sein oder davon betroffen zu werden.
Marquis de Sade s erzählte Grausamkeiten finden hinter dicken Mauern statt. Diese Mauern können auch unsichtbar sein, gerade in unserer Zeit. Es gibt sie überall. Sogar bei kleinen Kindern, in Familien, Schulen, in Heimen entstehen Gewalt- und Missbrauchsverhältnisse der übelsten Art. Eine Agonie erzeugt die nächste. Welche Geschichte, welche Zukunft kann sich auf dem Hass und auf der seelischen Zerstörung von sovielen Menschen gründen? Vielleicht sind die Massaker vergangener Jahrtausende vergessen, aber noch nicht mal die Kreuzzüge oder die französische Revolution sind gänzlich verziehen und verdaut, geschweige denn was bis heute passiert ist und weiter passiert. Allein die extreme Verletzlichkeit des Mensch in seinen Kindheitsjahren macht überdeutlich, wenn überhaupt die Menschen zu Frieden und Gleichmut gegeneinander finden können, dann wird dies erst möglich sein, wenn der Kreislauf des Hasses und der Gewalt bei der Prägung der Kindern unterbrochen wird. Hier liegt eine entscheidende, immer wieder beschworene Chance, die der Welt bleibt. Denn was auch schon geschehen ist auf der Erde, jedes Kind fängt bei Null an und die Welt, in der es aufwächst, lehrt ihm den Umgang mit den Möglichkeiten, die in ihm geben sind. Auch wenn Aggressivität oder Bosheit zur Ausstattung des Menschen dazugehören, die Geschichte der Zivilisation hat schon genug Beispiele erbracht, daß der Zustand, in dem er seines Mitmenschen "Wolf" ist, auf ein erträgliches Mass gebändigt werden kann.

Wie es scheint, wird aber erst ein fundamentaler Bruch in der Kontinuität menschlicher Gewaltverhältnisse, wie man die Geschichte leider auch nennen muss, dazu führen, daß ein friedliches Zusammenleben im Kleinen wie im Grossen entsteht. Zwar hat die Entwicklung der Technik bewirkt, daß zumindest zwischen entwickelten demokratischen Staaten der Krieg nicht mehr als politische Denkkategorie in den herrschenden Kö ;pfen herumspuckt. Aber die Gefahren sind noch nicht wirklich gebannt, die von den unermesslichen Vernichtungspotentialen ausgehen. Diese existieren nach wie vor, ja werden sogar laufend modernisiert bzw. durch "neue Generationen" ersetzt (Motto: Wenn wir nicht mitmachen, werden wir erpressbar.). Und was das Verhalten der Menschen betrifft, so ist es in weiten Teilen noch immer von Angst und Gewalt geprägt. Nicht nur die Abrüstung zwischen Staaten - so sinnvoll diese in bestimmten politischen Konstellationen sein kann -, sondern vor allem die Abrüstung zwischen den Individuen ist die entscheidende Hürde, um zu einem Verzicht auf Waffen generell zu kommen. Schlagwortartig ausgedrückt könnte man sagen: Solange noch Handfeuerwaffen auf Menschen gerichtet werden, wird es auch ABC-Waffen geben.
Die Medien schliessen die Welt nur scheinbar zu einem Zivilisationsraum zusammen. Erst die Atombombe erzeugt die wirkliche Einheit der Menschheit, denn sie lähmt den Krieg, der die Menschheit unter eine Macht bringen will. Und sie kann erst verschwinden, wenn ihre "Sicherheit" nirgends auf der Welt mehr gebraucht wird.
Denkt man sich den Zustand unserer heutigen Welt hinein, dann tritt einem der Tod entgegen, der Tod als riesenhaft aufgeblähte Option. Er hält eine Gattung in Schach, die in hohem Masse von und für den Krieg gelebt hat. Davon zeugen die Vielzahl kultureller Produkte aus allen Epochen und Völkern, die den Krieg und seine Helden verherrlichen. Wir sind geneigt, die Todgetränktheit der Welt, die uns umgibt, zu verdrängen, weil wir im Moment von keinem Krieg bedroht werden. Aber dabei können wir uns nicht beruhigen, denn der eigentliche Schritt, d.i. ein offener, aktiver Umgang mit diesem Tod steht noch bevor. Wie sollte er aussehen?



Initiation Initiation (7)

Wir könnten bald sterben, aber nicht einen gewöhnlichen Tod durch Krankheit, Unfall, Mord oder Alterss chwäche, sondern einen kollektiven Tod. Die Individualität des Todes für jeden Einzelnen wird dadurch aber nicht aufgehoben. Mein Leben mit all seinen Perspektiven und Hoffnungen endet in einem solchen Fall abrupt und ungewollt. Diese Bedrohung verschwindet auch nicht dadurch, daß der Kalte Krieg vorbei ist. Ganz im Gegenteil, je sicherer ich nach herkömmlichen Massstäben lebe, desto mehr steht dieser Tod vor mir, desto mehr geht er mich an, denn seine Übergrösse ist die Kehrseite meiner Sicherheit, schafft sie erst. Die Ruhe wird die Ruhe unter einem Damoklesschwert, das nicht verschwindet, nur weil der Faden, an dem es hängt, im Moment verstärkt wurde. Die Ruhe schafft die Pflicht, aber auch die Freiheit, sich dem Tod als dem überragenden kulturellen Faktum unserer Epoche zuzuwenden.
Was hat es zu bedeuten, wenn eine Kultur einen grossen Teil ihrer Intelligenz, ihrer Wirtschafts- und Forschungskraft, ihrer Organisationsfähigkeit etc. dafür verwendet, ein unermessliches Zerstörungs- und Vernichtungspotential zu realisieren und die ganze Welt mit Waffenlagern und Giftarsenalen zu bestücken? Was hat es zu bedeuten, wenn zwischen den immensen zivilisatorischen Fähigkeiten und den egoistischen Bedürfnissen der Menschen ein explosiver, die Gemeingüter der Welt gefährdender Widerstreit entsteht.

Der Tod als möglicher Kulminationspunkt dieser Entwicklung bietet die Chance, diese kaum fasslichen Prozesse zu lokalisieren, individuell greifbar zu machen. Ich werde bald sterben! ... das heisst nicht, daß es bald eine Beerdigung gibt. Ich werde bald sterben! ... das heisst, daß ich mich vor diesen Tod hinstelle und ihn bei den Hörnern packen will, daß ich die Todesnähe dieser Kultur zu meiner individuellen Sache mache, nicht pro forma, nicht als Stilisierung, sondern real. Vielleicht so real, wie der Initiationritus traditioneller Völker real war, die ihre Jugendlichen in die Wi ldnis geschickt haben, damit sie angesichts von Todesgefahr in materieller, vor allem aber seelischer Hinsicht zu selbständigen erwachsenen Persönlichkeiten werden konnten. (Es gab nordamerikanische Indianerstämme, die sich geweigert haben, Europäer als Erwachsene zu behandeln.)
Zu wissen, daß der Tod jedem von uns als Ergebnis des zivilisatorischen Weltzustands zwar nicht unmittelbar, aber doch wirklich bevorsteht, diesen Zustand anzunehmen und ihn in individueller Einsamkeit und Lebensferne zu verarbeiten - so kann eine Initiaton geschehen, die uns verändert wieder zur Welt zurückkommen lässt.

Wenn wir die Geister, die wir gerufen haben, wieder los werden und all die Waffen samt Produktionsanlagen verschrotten wollen, dann müssen wir den Tod als entscheidenden Teil unserer augenblicklichen Existenz erkennen. Wir können das tun, indem wir ihn von seiner historischen Bedingtheit und Form trennen und ihn mit neuen Augen als neue Aufgabe begreifen lernen. Der Weg, den Tod zu bewältigen, ohne wirklich zu sterben, ist die Initiation.
Dieser Tod, der uns alle, die wir in dieser Weltkultur gefangen sind, betrifft, ob wir wollen oder nicht, dieser Tod führt zu jener Unvorstellbarkeit zurück, welche den Gedanken der Einheit aller Menschen überschattet. Denn der unendliche Streit, die unerschöpfliche Kampfeslust zwischen den Bewohnern dieser Erde, die unzählige Gründe hat, sind eine wichtige Basis dieses Todes. Um in die Zukunft zu gelangen, um eine neue Perspektive sichtbar werden zu lassen, müssen wir durch diesen Tod hindurch wie durch einen Tunnel - durch das Dunkel des Nichtwissens und der Unvorstellbarkeit.
Das kann aber nur jeder für sich, denn den Tod zu bewältigen ist eine individuelle Sache, die mir keiner abnehmen kann, obwohl es hier eben nicht nur um den Tod des Einzelnen, sondern um den Tod der ganzen Gattung geht.
"Ich werde bald sterben!" ... nicht weil ich mit dem Leben abgeschlo ssen habe, sondern um ein Ritual zu vollziehen, das mich für einen Augenblick von den Sachzwängen des Lebens befreit, das mich für einen Moment aus jeder Gemeinschaft herauslöst und von der vollen Wucht des Weltzustandes treffen lässt. Denn solange ich an die Sachzwänge des Lebens gefesselt bin, bleibe ich in meiner Partikularität befangen bzw. solange ich mich noch hinter meiner Gruppenzugehörigkeit verstecke, schiebe ich die Verantwortung für die Zukunft an das Kollektiv ab. Aber die Kollektive sind nicht in der Lage, dieses unhintergehbare Todesproblem unserer Zivilisation zu lösen, da sie zu sehr von seinen Entstehungsgründen abhängig sind und da sie schlicht und ergreifend nicht individuell handeln können.

Für viele Kulturen und Religionen ist der Tod, bzw. der Umgang mit dem Tod ein integraler Bestandteil ihres Weltbildes. Aber keine dieser Kulturen spekulierte mit dem selbst herbeigeführten Tod der ganzen Gattung. Diese Radikalität war vor unserer Zeit nicht denkbar. Der Begriff einer politischen Menschheit, STRING wird durch die Todesgebundenheit unserer Zukunft in eine Tiefe gezogen, die ihn über das Politische hinauswachsen lässt. Wenn die Menschheit den Weg dahin findet, in einem eigens gestalteten Ereignis zu einer Gemeinschaft zu werden, sich einen Namen zu geben und dies in einem Tauffest zu feiern, dann wird ihr das auch deshalb gelingen, weil viele Menschen die Möglichkeit erahnen, durch eine Initiation den Bruch ihrer sämtlichen Lebensverhältnisse zu erleben. Kehrt man von dort wieder zurück, dann sind viele vorher gültigen Wahrheiten relativiert. Nicht jeder, der heute lebt, wird diese Begegnung mit dem schwarzen Loch in seinem Inneren auf sich nehmen, nicht jeder wird auf diese Art erwachsen werden, aber die Gemeinschaft der Menschheit wird eine Gemeinschaft von individuellen Persönlichkeiten sein. Daraus wird sie ihre Grösse und ihre Unabhängigkeit von festge schrieben Regeln schöpfen können.
Zu einer Persönlichkeit zu reifen und diese Gemeinschaft mit zu tragen muss die entscheidende Motivation sein, welche die Menschen dazu bringt, die Schwierigkeiten und Gefahren auf sich nehmen, die mit einer solchen Initiation verbunden sind. Ein solches Ziel mit grösster Strahlkraft auszustatten ist wiederum die Aufgabe des Menschheitsereignisses. Dies ist ein weiteres Beispiel für die gegenseitige Abhängigkeit des individuellen und des kollektiven Momentes in dem Begriff STRING.
STRING verbindet die geistige Autorität der Gemeinschaft aller Menschen mit der individuellen Aufgabe, auf freie Weise der Tatsache des Tod zu begegnen. Sein Ziel ist nicht zuletzt, dadurch den einzelnen Menschen zum Garanten der Zivilisiertheit und Friedfertigkeit werden zu lassen, die bis heute der Staat durch sein Gewaltmonopol gewährleisten will. Dieses Ziel hat nichts mehr zu tun mit einer blauäuigigen Vision der schönen heilen Welt.

Es stellt sich heraus, daß der Tod den Zweiklang, von dem zu Beginn die Rede war zu einem Dreiklang ergänzt - das Individuum, die Menschheit und der Tod. Aber nicht der normale banale Tod, der das Leben beendet und als Anzeige in der Zeitung erscheint, steht auf dem Spiel, sondern der Tod als kulturelles Potential, als Initiation, ja als Kultur selbst, insofern Kultur immer auch ein Stück Tod im Sinne von Überwindung der Natur beinhaltet. Auf Formeln gebracht könnte man sagen: Es wird keine Gemeinschaft der Menschheit geben ohne Teilnahme der einzelnen Menschen. Es wird kein Weiterleben der Menschheit geben ohne Transzendierung unserer todesschwangeren Zivilisation. Es wird uns einzelne Personen nicht mehr geben, wenn wir die Dynamik unserer heutigen Kollektivität nicht entschärfen und sinnvoll nützen lernen. Und den Tod wird es nicht mehr geben, wenn es kein Leben mehr gibt.



String STRING (8)

Scheinb ar sind diese Überlegungen weit vom Tagesgeschehen in Politik, Krieg und Zerstörung abgekommen. Aber das trifft nicht zu, denn die Philosophie, die hier entwickelt wird, ist aus dem intensiven, ja brennenden Interesse entstanden, wirksam in den Lauf der Dinge einzugreifen. Eine der basalen Erkenntnisse, die zum Begriff von STRING geführt haben, besteht gerade darin, daß es zur Zeit niemand, keine Institution, keine Person gibt, die genügend Einfluss oder Macht besitzten würde, grundsätzlich und d.h. die gesamte Weltsituation verändernd einzugreifen. So läuft z.B. der Gerichtsbeschluss, einen Übeltäter zu bestrafen ins Leere, wenn das Ausmass dessen, was der angerichtet hat, aufgrund heutiger zivilisatorisch-technischer Potenzen jedes Mass übersteigt (man denke z.B. an Ölverschmutzungen im Meer). Das Ziel des hier vorgestellten philosophischen und politischen Handelns ist daher, die Position eines Handlungssubjektes und seiner Handlungsgrundlage für die Weltpolitik überhaupt erst zu schaffen und damit die Chance zu eröffnen, der ausufernden Komplexität, der Explosivität und der inneren Widersprüchlichkeit dieser Weltzivilisation Herr zu werden. Dafür ist ein genau abgezirkelter Ausgriff in die Zukunft notwendig, weil sich bestehende Entwicklungen nicht sofort stoppen oder verändern lassen und weil insbesondere die Menschen sich durch grösste Sturheit auszeichnen. STRING als Einheit von individuellem und gesamtmenschheitlichem Handeln soll die Voraussetzungen dieser neuen Politik erbringen. Es geht dabei genau genommen um eine Art Moralkodex, der es den Menschen ermöglicht, die ihre gesamte Existenz erschütternden Veränderungen, die das moderne Zeitalter hervorgebracht hat, in ihr Leben zu integrieren. Die materiellen Fähigkeiten dazu hat sie im Prinzip schon!

Die politische Menschheit wird hier STRING genannt, nicht um den Namen, den sie sich selbst geben kann, vorwegzunehme n, sondern als ein Arbeitstitel. In diesem Sinn ist STRING der Name als Begriff, der die politische Zukunft und überhaupt eine Perspektive für die Menschheit eröffnen soll. Das Bild, mit dem dieser Begriff hier skizziert worden ist, soll als Ganzes wahrgenommen werden. Obwohl die Zukunft offen und nicht vorhersehbar ist - vielleicht führt auch ein weniger spektakulärer Weg zu einer stabilen Lebenssituation auf der Erde - ist es das Ziel, zum gegebenen Thema das Richtige zu sagen, aber im Sinn der philosophischen Wahrheit. Abgesehen davon, daß die Philosophie nie erschöpfend ist, nie zu einem Ende kommt, zwingt ihre Wahrheit keinen und ist nicht allgemeingültig im Sinne z.B. einer physikalischen Theorie. Im Gegenteil, gerade die Radikalität, sich mit dem Tod konkret auseinandersetzen zu müssen, die sich als eine unausweichliche Konsequenz meiner Überlegungen ergibt, kann nur aus freien Stücken, in einem individuellen geistigen Akt angenommen oder auf sich genommen werden. Sie ist ein Stück Religiosität, wenn man so will.
Die Revolutionen der Moderne, die von Anfang an mit dieser Radikalität schwanger gingen, zeigen überdeutlich, daß sich ihre Visionen nicht in einem sozialen Mechanismus wie z.B. einem Staat verwirklichen konnten. Ob man die Jakobiner oder Stalin nimmt, es kommt immer zur Pervertierung aller positiven Ansätze und zu einem katastrophalen Scheitern. Die einzige Form, in der Kollektivität, noch dazu im Massstab der politisch geeinten Menschheit eine der Radikalität unserer Situation angemessene Rolle spielen kann, ist das Gemeinschaftsereignis. Natürlich wird STRING auf dem Weg seines Zustandekommens nicht auf eine mehr oder weniger zentralisierte Organisation verzichten können. Aber weil es die Menschen nur für eine begrenzte Zeit strukturell verbindet, nur eine befristete Kollektivinstitution darstellt, entkommt es der Gefahr, den dauerhaft perfekten Menschen schaffen zu mü ssen, um bestehen zu können. Das Menschheitsereignis entbindet von dem geschichtlichen Zwang zur Unterordnung der Welt unter eine Macht. Nicht mehr die Herrschenden oder die Eliten, sondern jeder einzelne Mensch trägt die Verantwortung. STRING will zu dieser Verantwortung, die radikal und notwendigerweise weltumspannend geworden ist, hinführen und zu ihr ermutigen. Aber es geht entscheidend auch darum, die Lebensverhältnisse und den Zugang zur Individualität so zu erleichtern, daß jeder Mensch diese Verantwortung tragen kann.

Die Initiation als individueller Schritt zur seelischen und politischen Eigenständigkeit, die zu dieser Verantwortlichkeit befähigt und das grosse Menschheitsereignis STRING müssen zeitlich entkoppelt verlaufen, da nicht alle Menschen zur gleichen Zeit einen derart tiefgreifenden Prozess der Persönlichkeitsbildung durchlaufen können, für den nicht zuletzt das jeweils richtige Lebensalter eine entscheidende Voraussetzung ist. Es kann auch kein gesellschaftlich festgelegtes Ritual einer initiatorischen Begegnung mit dem Tod geben, jeder muss seine Zeit, seinen Weg dahin und die Tiefe seines Erlebens selbst finden, allenfalls unterstützt durch Vorbilder. Trotzdem sind beide Momente, Weltereignis und individuelle Initiation zwei Seiten derselben Medaille und bedingen einander. Die Individualität der menschlichen Gemeinschaft im Augenblick des Ereignisses und die Individualität des einzelnen Menschen im Moment seiner Initiation sind im Wesen ein und dieselbe. Kollektive Institution und individueller Status bilden ihren Rahmen. Der geschichtsmächtige Gegensatz zwischen Gesellschaft und Individuum soll darin zu seiner höchsten Kraftentfaltung kommen und der archimedische Punkt zur Erzeugung einer neuen Kultur werden. Der Blick richtet sich in die Zukunft, vielleicht zwei oder drei Generationen voraus, bis die meisten Menschen einen solchen innovativen Umgang mit dem Tod bewältigen können. Aber jetz t ist die Zeit, einen Anfang zu machen und die Gemeinschaft aller Menschen als Ereignis zu gestalten. Dieses Ereignis ist das Nadelöhr, durch das die Welt hindurch muss, um zu ihrer Identität zu finden. STRING ist das Wesen der Menschheit.

Durch die Veröffentlichung im WWW wird das Manifest zusammen mit dem politischen Programm "STRING - Individuum und Weltpolitik" ohne Umwege allen interessierten Menschen zugänglich gemacht. Das Internet als basisdemokratisches Medium entspricht den Intentionen von STRING, das sich an alle Menschen als politisch Verantwortliche richtet, gleich ob sie eine Funktion innehaben oder nicht



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