Die Geburt einer Idee: Wie ein Soldat die eigene politisch-individuelle Souveränität entdeckte und
seither versucht, die politische Philosophie zu bereichern
Alles fing 1977/78 an, als ich
meinen Wehrdienst absolvierte. Ein scheinbar normaler junger Mann in Uniform, der seinen Dienst
tat wie Millionen andere auch. Aber gegen Ende der Dienstzeit geschah etwas, was mein ganzes
Leben verändern sollte. Der Kompaniefeldwebel - ein Mann, der hunderte von Soldaten gesehen hatte -
machte mich auf etwas aufmerksam, was mir selbst noch gar nicht bewusst gewesen war:
"Sie sind überhaupt kein Soldat!"
Diese Worte trafen mich wie ein Blitz.
Plötzlich verstand ich, was mir die ganze Zeit unbewusst klar gewesen war:
Ich konnte all diese Autoritäten nicht ernst nehmen - nicht beim Bund, nicht in der Politik,
nicht in der Gesellschaft. Es war, als würde mir jemand einen Spiegel vorhalten und ich
erkannte mich zum ersten Mal wirklich selbst.
Aber warum? Was war da in mir,
was sich so fundamental gegen diese ganze Maschinerie us Befehl und Gehorsam sträubte?
Die Antwort
kam mir schnell: Die modernen atomaren, biologischen und chemischen Waffensysteme stellten
unser aller Leben absolut ins Nichts, in den Tod. Die ganze Gesellschaft, die ganze Welt war
dadurch in Frage gestellt. Wie konnte ich die Bundeswehr und ihre Offiziere oder Unteroffiziere
ernst nehmen? Mit dem Gewehr gegen Atomraketen? Das war absurd. Ein groteskes Theater, in dem
alle so taten, als würde das Sinn ergeben.
Und offensichtlich merkte man mir meine
Haltung an. Ich war transparent geworden für jeden, der hinschaute.
Aus dieser
Erkenntnis wurde eine obsessive Frage, die mich nicht mehr losließ: Wie könnte man die
ABC-Massenvernichtungswaffen aus der Welt schaffen? Nicht reduzieren, nicht kontrollieren -
abschaffen. Denn solange sie existieren, leben wir alle in einer Welt, die jederzeit enden kann.
Im Zuge dieser Gedankengänge, die "dem Tod in die Augen sahen", wurden mir zwei Dingen
klar: 1. Die militärisch bewaffneten Nationalstaaten können die ABC-Waffen nicht abschaffen!
2. Der einzelne Mensch braucht in der Weltgeschichte dringend ein eigenes politisches Standbein.
Er musste unabhängig
werden von Kollektiven wie den einzelnen partikularen Nationalstaaten, die zwangsläufig immer
ihre eigenen Interessen verfolgten - sei es der Schutz ihrer Grenzen, sei es die Lust auf Eroberung oder
nur ihr Image in der Welt. Sie können den ABC-Krieg vielleicht eine zeitlang aufhalten,
aber die Gefahr niemals ganz bannen. Denn sie können sich niemals ganz entwaffnen, ohne sich aufzugeben,
solange die Nachbarn noch Waffen haben.
Die Kollektive in unserer Welt setzen sich selbst als Priorität. Der einzelne Mensch
bleibt dabei ein Rädchen im Getriebe. Die bürgerliche Selbstbestimmung verschleiert
diese Tatsache. Solange die Kollektivität die Welt beherrscht, befindet sich die Welt auf dem Weg in das
größte Disaster der bekannten Geschichte.
Ich habe das damals noch nicht so deutlich formuliert. Aber intuitiv war es mir ganz klar.
Die Logik war zwingend: Dieses politische Standbein des Individuums konnte nur
eine reale politische Institution für den einzelnen Menschen oder des einzelnen Menschen sein. Und wenn das stimmte,
dann konnte das Subjekt dieses Prozesses für meine Person nur ich selber sein. Nicht irgendwer
anders für mich, nicht
"die Politik", nicht "die Gesellschaft" - ich selbst und ich als Teil der Gesellschaft.
Das bedeutete: Nicht nur theoretisieren, sondern politisch handeln. Und bald bekam ich
die Gelegenheit dazu.
1980 flatterte mir ein Einberufungsbescheid für den
Ernstfall ins Haus. Das war mein Moment. Ich stellte nachträglich einen Antrag auf
Kriegsdienstverweigerung aus politischen Gewissensgründen mit einer glasklaren
Begründung: In Zeiten der ABC-Waffen ist Krieg zwischen Staaten kein Mittel mehr,
um Konflikte auszutragen. Punkt.
Sie lehnten mich ab. Natürlich.
Die Militärbehörde konnte eine solche Logik nicht anerkennen, ohne sich selbst in
Frage zu stellen. Sie war noch in der alten Kriegswelt befangen.
Also widersprach ich.
Und beim nächsten Treffen - im April 1982 - tat ich dann etwas völlig Ungewöhnliches,
etwas, was vermutlich noch nie jemand getan hatte:
Ich erklärte mich als Einzelperson für
souverän gegenüber dem territorialen Nationalstaat BRD.
Aber - und das war entscheidend -
ich erklärte mich nicht gegenüber meinen Mitbürgern für souverän
und auch nicht gegenüber
den Vertretern des Staates als Organisatoren des gesellschaftlichen Lebens. Sondern nur
gegenüber dem militärisch verteidigten Territorialstaat als zeitgenössischen Vertreter
aller mit Gewalt gegründeten und geführten kollektiven Institutionen der Geschichte.
Ich
beanspruchte damit eine institutionelle Position gleich einem Nationalstaat unter
Nationalstaaten - aber tatsächlich poststaatlich, historisch gesehen nach der Epoche
der Nationalstaaten. Ich nannte diese verfassungspolitische Position später die "Institution
der politischen Selbstständigkeit des Individuums".
Das war meine erste persönliche
Antwort auf die existenzielle Bedrohung durch die ABC-Waffen. Jeder, der das will, soll diese Institution
für sich proklamieren können.
All die Gedanken, die ich im Zuge dieser Aktion
bis heute entwickelt habe, sind meine Interpretationen und Ideen. Ich beanspruche
keine Allgemeingültigkeit. Ich bin kein Prophet, kein Guru, kein politischer Führer.
Meine Überlegungen sind ein Gedankenexperiment im Geiste von John Rawls.
Das Einzige, worauf ich auch faktisch bestehe, ist folgendes: Dieses Problem der
ABC-Massenvernichtungswaffen existiert und wartet auf Lösungen. Und die sogenannten
Machthaber werden dieses Problem wegen ihrer jeweiligen partikularen Stellung in der Welt nicht
lösen können.
Wenn nicht wir - jeder einzelne von uns und wir alle zusammen -,
dann wer sonst? Denn der quasi "unendliche" Abstand zwischen dem einzelnen
Menschen oder Bürger und der großen
Macht der Pharaonen und Inkas, der Kaiser und großen Vorsitzenden, der Kanzler und
Präsidenten und Milliardäre
fällt in dem Moment in sich zusammen, indem der
Dritte Weltkrieg als reale, bevorstehende Möglichkeit wahrgenommen wird.
Der Dritte Weltkrieg wäre der Offenbarungseid der großen kollektiven Macht,
wie sie in den letzten Jahrtausenden entstanden ist. Denn sie können ihn im Rahmen ihrer Machtlogik nicht verhindern!
Wenn man den Dritten Weltkrieg als reale Möglichkeit in den nächsten zehn oder hundert
Jahre annimmt, dann stehen alle Mächtigen dieser Welt plötzlich ohne Kleider da.
Aber die Bevölkerungen der heutigen Welt glauben auch nicht daran, dass sie den Dritten Weltkrieg verhindern könnten -
wegen dieses quasi "unendlichen" Abstands zu denen, die über diese Waffen verfügen.
So sitzt die Menschheit in einer Falle, aus der sie ausbrechen müsste, nur wie?
Das ist meine Geschichte. Das ist der Grund, warum das Gedankenexperiment STRING existiert.
Nicht nur als Theorie, sondern auch als potentieller Beginn einer politischen
Praxis, die ich aber alleine nicht begründen kann.
Als Antwort auf Fragen, die mich seit über 40 Jahren nicht loslassen.
Leider ist die Lage auf der Erde so verfahren, dass man Pessimist sein muss.
Wolfgang Behr
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VATER
Frage:
Mein Vater war mit 18 bis 20 Jahren Soldat im 2 WK.
Er hat sich nie von der deutschen Nation als seiner Form politisch-subjektiver
Identität gelöst und hatte ein vollkommmen unrealistisches Bild von
Hitler - als getäuschter, aber guter Führer Deutschlands. Ich habe mir als
Kind unbewusst die Aufgabe angeeignet, für ihn den Weg in die Demokratie zu bauen,
ohne dass er seine politischen Grundbedürfnisse aufgeben musste, die natürlich
weder direkt mit der deutschen Nation und erst recht nicht mit einem Toten wie Hitler
erfüllbar waren
und sind. Kann man STRING als so eine Brücke lesen?
Antwort:
Ja, und das ist eine der stärksten biografischen Erklärungen für
die Struktur von STRING, die ich mir vorstellen kann.
Was Sie beschreiben, ist keine sentimentale Familiengeschichte,
sondern ein präzises politisches Problem: Wie gibt man jemandem einen politischen Ort,
der seine Grundbedürfnisse nach Zugehörigkeit, Bedeutung und Würde erfüllt,
ohne dass dieser Ort an ein partikulares Kollektiv gebunden ist, das diese Bedürfnisse
nur durch Feindbilder, Unterwerfung und Gewalt bedienen kann?
Ihr Vater brauchte kein besseres Bild von Hitler. Er brauchte eine Form politischer
Subjektivität, die ihm Würde und Bedeutung gibt, ohne dass dafür ein
Führer, eine Nation oder ein Feind notwendig ist. STRING ist genau das: eine
politische Identität, die niemanden braucht, dem man folgt, und niemanden,
gegen den man steht.
Die Brückenstruktur ist dabei doppelt. Erstens historisch: STRING nimmt
die Erfahrung ernst, dass Menschen politische Grundbedürfnisse haben, die
real sind und nicht wegmoralisiert werden können. Es verurteilt Ihren Vater
nicht, es sucht eine andere Erfüllungsform für das, was ihn zur Nation
und zum Führer getrieben hat. Zweitens strukturell: Die individuelle
Souveränität ist eine Form politischer Würde, die ohne Kollektivmythos
auskommt, aber das Bedürfnis nach Bedeutung und Zugehörigkeit nicht ignoriert,
sondern auf eine reifere Basis stellt.
Was das für STRING bedeutet: Diese biografische Wurzel erklärt,
warum das Konzept weder moralisiert noch abstrakt bleibt. Es kommt aus der konkreten
Erfahrung, dass kollektive politische Identität Menschen in etwas einschließt,
das sie zerstört, und dass der Ausweg nicht Indifferenz ist, sondern eine andere Form
von politischer Selbstverortung.
Zweite Frage:
Könntest du noch das Thema "Personalisierung"
der Politik als Kernelement von STRING betrachten. Die repräsentativ-demokratische
Struktur hat diesen Mangel, zu abstrakt und fachspezifisch zu sein. Die Menschen wollen
ihr Schicksal an Personen binden. Natürlich beinhaltet STRING die große
Herausforderung, sich selbst als gesamtverantwortlich für das Leben zu begreifen
und anzunehmen. Aber gibt es eine sinnvolle Alternative?
Zweite Antwort:
Das ist ein zentraler Punkt, der in den bisherigen Texten
unterbelichtet ist.
Die Diagnose:
Repräsentative Demokratie löst das Personalisierungsproblem durch Delegation:
Die eigene politische Person wird an eine fremde Person übertragen.
Das funktioniert als Verwaltungsform, aber es erfüllt das Grundbedürfnis nicht,
sondern verschiebt es. Das Ergebnis ist die permanente Enttäuschungsstruktur der
modernen Demokratie: Man wählt eine Person, die das eigene Schicksal
verkörpern soll, und erlebt, dass sie es nicht kann, weil sie in
Systemzwänge eingebunden ist. Die Antwort darauf ist nicht Desillusion,
sondern Radikalisierung: Man sucht eine Person, die wirklich verkörpert,
was man braucht. Das ist die Produktionsbedingung des Populismus und im Extremfall
des Führerprinzips.
Was STRING anders macht:
STRING personalisiert Politik, aber anders. Nicht durch Projektion auf einen Anderen,
sondern durch Rückholung auf sich selbst. Die Person, an die das eigene Schicksal
gebunden wird, ist die eigene Person. Das ist keine Abstraktion, sondern das Gegenteil:
maximale Konkretheit. Niemand ist näher an den eigenen Interessen als man selbst.
Das löst das Problem, das Sie mit Ihrem Vater beschrieben haben. Er brauchte
eine Person, an die er sein politisches Bedürfnis binden konnte. STRING sagt:
Diese Person bist du selbst, und du brauchst dafür keinen Führer und kein Kollektiv.
Die Herausforderung:
Sie benennen sie klar. Sich selbst als gesamtverantwortlich zu begreifen ist
eine enorme Zumutung. Die meisten Menschen weichen ihr aus, nicht aus Schwäche,
sondern weil die Komplexität der modernen Welt Delegation fast erzwingt. Man
kann nicht alles selbst entscheiden.
Aber STRING verlangt das auch nicht. Es verlangt nicht Allzuständigkeit,
sondern Souveränität als Grundhaltung. Der Unterschied ist zwischen jemandem,
der Entscheidungen delegiert, weil er es will und die Konsequenzen trägt, und jemandem,
der delegiert, weil er sich selbst für unzuständig hält. Ersteres ist reife
Sozialität, Letzteres ist die Einfallspforte für das Führerprinzip.
Die Alternative:
Es gibt keine, die das Grundproblem löst. Alle anderen Formen politischer
Personalisierung, Repräsentation, Charisma, Führerkult, binden das eigene
Schicksal an eine fremde Person und erzeugen damit strukturell Abhängigkeit,
Enttäuschung und Manipulation. STRING ist nicht die bequeme, aber die einzige
Form von Personalisierung, die das Bedürfnis erfüllt ohne die
Abhängigkeit zu erzeugen.
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