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Wolfgang Behr
The "Anti-*itler"




... ein paar Gedanken über Angst

von Wolfgang Behr



1. Angst als vorrangiges Mittel von schlechter Machtausübung

Macht, also die Fähigkeit, gesellschaftlich etwas zu bewirken, speist sich im wesentlichen aus zwei Ressourcen. Einmal aus guter Autorität, die sich von den positiven Erfahrungen der Menschen mit der Machtausübung einer Person oder einer Institution herleitet und die dieser Person oder Institution mehr oder weniger freiwillig zugestanden wird. Zum zweiten entsteht Macht aus der Verbreitung von Angst oder aus der Ausnutzung vorhandener Ängste durch den Machthaber. Die Menschen folgen ihm aus Angst vor den Sanktionen, die er ihnen auferlegt, wenn sie ihm nicht folgen würden oder weil er ihnen einredet, er könnte sie vor drohenden Gefahren beschützen.

Da der Mensch mit Bewußtsein begabt ist, lässt er sich Angst machen, indem man ihm etwas androht oder einen Bedrohung "an die Wand malt" und er sich dann in seiner Vorstellung dieses Angedrohte selbst weiter "ausmalt". Ganz von selbst entwickelt er einen oft sogar vorauseilenden Gehorsam, weil ihn allein die Vorstellung, was mit ihm geschehen könnte, verängstigt und fügsam oder aber destruktiv und damit ebenfalls leicht beherrschbar macht. (Beispiele: 1. Letztes Jahr gab es den niedrigsten Krankenstand seit Jahren in der deutschen Wirtschaft - warum wohl? 2. Die Hauptthese des Films "Bowling for Colombine" von Michael Moore geht davon aus, dass es in Amerika deshalb mit immensen Abstand am meisten Morde gibt, weil die Gesellschaft durch Politik und Medien mittels Bedrohungsszenarien oder Feindbildern ständig in einer überzogenen Angststimmung gehalten wird, welche immer wieder gewaltsame Abreaktionen hervorruft.)

Sicherlich liegen in den realen Gesellschaften meist Mischformen dieser beiden Ressourcen der Macht, der positiven Autorität und der Angst, mit Gewichtungen mal mehr bei der einen, mal mehr bei der anderen Seite vor.


2. Zwei Ursprünge der Angst

Am plakativsten ergibt sich Angst aus einer unmittelbaren Bedrohung durch eine konkrete Gefahr. Das kann eine Gewaltandrohung oder erlittene Gewalt durch wen auch immer sein, das kann eine Naturkatastrophe, der Entzug der Lebensgrundlage oder der Tumor im eigenen Kopf sein.

Schwerer zu fassen ist der zweite Ursprung der Angst, obwohl es auch dafür plakative Beispiele gibt wie zum Beispiel die Arachnophobie, die Angst vor Spinnen. Wir Menschen haben offensichtlich bestimmte Muster in uns, die Alarm schlagen, wenn wir sie irgendwo zu erkennen glauben. Manche Muster sind eher "natürlich" vererbt, manche eher "kulturell" durch Erziehung eingeprägt. Mediziner oder Anthropologen mögen herausfinden, welche Teile des limbischen Systems jeweils zuständig sind. Bei diesen Musterreaktionen gibt es das besondere Problem, dass man sich in Grenzbereichen streiten kann, ob die Angstgefühle einer bestimmten Situation angemessen sind oder nur eingebildet sind auf Grund dieser inneren Muster. Insbesondere im gesellschaftlichen Leben ist es oft unklar, ob alte angstauslösende Feindschaftsmuster wie die Angst vor Überfremdung oder die Angst vor Verbrechen realistisch sind oder nicht. Fremdenfeindlichkeit ist oft in Regionen am größten, in denen es kaum Fremde gibt. In diesem Grenzbereich findet das statt, was man populistische Politikmanipulation nennt.

Kleine Übung: Gehen Sie einmal nachts allein in den dunklen Wald. Dort begegnen Sie Ihren Angstmustern direkt.

Ausserdem steckt man nicht drin in seinem Verhalten in Extremsituationen, weil man dabei von seinen eigenen inneren Mustern Ÿberwältigt werden kann. Nicht umsonst testen gewiefte Gewaltverbrecher das Verhaltensmuster ihrer potentiellen Opfer, um jemand zu finden, bei dem sie leichtes Spiel haben, weil er durch seine Ängste gelähmt wird. Nicht umsonst werden Polizisten oder Soldaten im Training in Angst- und Stresssituationen gebracht, die sie ihre eigenen Reaktionsmuster erkennen und verändern lassen.

All diese Unwägbarkeiten sind vielleicht erneute Quelle für Ängste.


3. "Metaphysische" Angst

In einer noch generelleren Perspektive kann man sagen, dass wir zwischen den Angst-Mustern, die uns durch die Erfahrungen früherer Generationen im Lauf von Jahrhunderttausenden von menschlichem Leben eingeprägt wurden, um in den vielen Gefahrensituationen richtig zu reagieren, einerseits und der relativen Sicherheit unseres heutigen sesshaften, städtischen Lebens andererseits stehen. Da Ängste in früheren Menschheitsperioden elementare Anzeigeinstrumente für Gefahren waren - ich erinnere an diesen jungen Bayern, der ein paar Wochen alleine in einer afrikanischen Savanne mit einer Gruppe von Geparden zusammengelebt hat und der davon berichtet, dass die Angst für ihn das wichtigste Instrument war. Immer wenn er Angst spürte, ist er, auch wenn er nichts wahrnahm, ganz langsam und vorsichtig zurückgewichen -, diese Ängste heute aber meist nicht mehr gebraucht werden, irren sie mehr oder weniger ziellos in uns herum und können uns seelische Qualen bringen. Wir würden gerne wissen, wo die Gefahr ist, für die wir uns wappnen müssen, für die wir unsere Kreativität aufstacheln, unsere Spannkraft steigern müssen. Aber wir finden nichts richtiges mehr. (Natürlich finden viele Leute ganz gute Möglichkeiten bei Sport und Spiel, auf Abenteuerreisen, im Beruf etc., um ihre Aggressionen und sonstigen Potentiale auszutoben. Aber es gibt auch andere, denen das nicht hilft.)

In dem Ensemble von Körper, Seele und Geist, das wir sind, führt das zu allen möglichen schwierigen Zuständen von Depressionen, Suchtverhalten über Aggressionen, Gewaltakten etc.. Man kann sich vorstellen, das dieses Vakuum an Konkretheit, an direkter Herausforderung, das durch die Zivilisation, erst recht durch die moderne Zivilisation hervorgerufen wird, in vielen Situationen mit eine Rolle spielt. Viele Menschen haben das Gefühl, keinen "wirklichen Boden" mehr unter den Füssen zu haben. Das Geld und/oder ein Job im unermesslichen Räderwerk der arbeitsteiligen Gesellschaft gelten als die wichtigsten Realitätsprinzipien. Aber die Unübersichtlichkeit der zugehörigen sozialen Systeme können die Wahrnehmung eines solchen "wirklichen Bodens" verstellen.


4. Lösungsansätze

Lösungen für diese Zivilisationsängste, die nicht reaktionär sind, ergeben sich in der Tradition der Neuzeit immer nur, wenn wir erstens die Freiheit unseres Geistes wahrnehmen, wenn wir seine Möglichkeiten erlernen und erfahren. Und wenn wir es zweitens mit dieser geistigen Potenz (und allem, was an Mitteln sonst noch dazu nötig ist) schaffen, unser Leben aktiv zu gestalten. Wir können nur an das glauben und von dem her Sicherheit gewinnen, was wir selbst gemacht haben (siehe "Vita activa" von Hannah Arendt). Da diese Aufgabe in einem absolut überkomplexen Zusammenhang stattfindet, sowohl was die konkreten äusserlichen Gegebenheiten betrifft, als auch was die innere Welt des einzelnen Menschen betrifft, sind die Traditionen früherer Generationen, die uns durch die Entstehung der Schrift und durch die dadurch ermöglichte Verdichtung des Umgangs mit dem Geist zugekommen sind, von größter Bedeutung. Dass einen absolut prominenten Platz dabei die aus dem Judentum hervorgegangenen Traditionen spielen, bedarf keiner besonderen Erwähnung.

Diese im Kern ausdrücklich geistigen und aufklärerischen Traditionen geben Ansatzpunkte, sich selbst als einzelnen Person in einem ganzheitlichen Kosmos zu situieren und daraus Sicherheit zu gewinnen, ohne die eigene Aktivität in den Mittelpunkt zu stellen. So wird der vita contemplativa, der kontemplativen Schau, die in der Antike und im Mittelalter als die vornehmste Form gesehen wurde, seine Zeit zu nutzen, wieder ein neues Gewicht eingeräumt. Die Qualität der Religionen liegt darin, durch den Erwerb einer inneren geistig-seelischen Ganzheit den Menschen Halt und inneren Frieden geben zu können, unabhängig von dem, was sie tun oder welchen Status sie gesellschaftlich einnehmen. Aber diese Religionen müssen sich auf den selbstständigen und von seinem Anspruch her geistig freien Menschen von heute einstellen. Alle stark hierarchischen und bevormundenden Elemente im Judentum, im Islam, im Christentum oder in anderen Religionen führen dazu, dass gerade die aufgeschlossenen Menschen sich auf Dauer von ihnen abwenden. Zumindest führen sie zu stark polarisierten GesellschaftszustŠnden, die den Wert und die Selbstbestimmung des einzelnen Menschen in Frage stellen. Dieser Problematik kommen auch die Gesellschaften nicht aus, die keine Tradition des Individualismus kennen. Denn die kapitalistische Globalisierung ist auf Dauer nur durch individuelles Handeln im Rahmen verlässlicher und kluger Institutionen zu bewerkstelligen.


5. Der Kreis schliesst sich

Es kann eine wichtige politische Aufgabe von Religion und Philosophie sein, den Menschen einen besseren und individuelleren Umgang mit ihren Ängsten zu ermöglichen. Dabei insbesondere auch über die Psychologie hinauszugehen, die zu liberal-individualistisch ausgerichtet ist. Denn ein Nebeneffekt dieser Erfahrenheit in den eigenen Ängste wäre es, dass die Bürger mehr Unabhängigkeit von der Macht, welcher auch immer, bekämen, insofern sie ihre Ängste nicht mehr in die Hände von Personen oder Institutionen "legen" müssten, die so tun, als könnten sie die Bürger beschützen, wie zum Beispiel der "Papa Staat". (Nur nebenbei: Selbstverständlich braucht es für diese Angst-Unabhängigkeit eingeübte friedliche Gesellschaften mit gutem moralischen Niveau und effektiven Polizei- und Justizapparaten - wie umgekehrt deren Entwicklung und Erhalt einen minimalen Wohlstand und relativ angstfreie Menschen braucht.)

Um dieses Ziel zu erreichen, wird die Religion den Menschen nichts erlassen können, aber sie kann sie auf einen Weg schicken und sie dort begleiten - einen Weg, auf dem die Menschen sich selbst, sozusagen ihrem eigenen "esoterischen Leib" begegnen.

Karlfried von Durckheim, der große deutsche Esoteriker, hat einmal erzählt, dass sehr viele Christen, sowohl Laien, als auch Priester, Mönche, Nonnen etc. in seine durchaus anspruchsvollen Seminare (mit Meditationen und Übungen auf höchsten Niveau) kommen und ihm nachher ganz beglückt berichten, dass sie jetzt das erste Mal einen inneren Bezug zu ihrem christlichen Glauben gefunden haben. Als zweites Beispiel schwebt mir immer der Initiationsritus eines (ich weiss nicht welchen) Indianerstammes vor, der die kleinen Jungs unter zehn Jahren zwang, nachts allein draussen auf einem Hügel zu verbringen, bis sie eine Vision hatten. Entsprechend der Lebenswelt der Indianer waren es meist Tiere, die den Kindern in (Alp-)Träumen erschienen sind und nach denen sie dann ihren Erwachsenennamen erhielten.

Beide Beispiele zeigen einen Weg, der die Menschen definitiv besser instandsetzt, mit ihren inneren Zuständen umzugehen, weil sie ihre inneren Welten erfahren haben, sie in irgendeiner Form zu einem individuellen Ganzen formen mussten und dadurch einen eigenständigeren Umgang mit sich selbst gelernt haben. (Wobei manche bei solchen Prüfungen sicherlich scheitern, schlimmstenfalls verrückt werden.)


6. Schluss


Natürlich gibt es keine Patentrezepte und jeder sucht sich das aus, was ihm passt. Aber insgesamt glaube ich, dass die Angst ein ganz entscheidendes Instrument ist, sowohl, um Gefahren rechtzeitg zu erkennen, als auch als ein Tor zu den eigenen inneren Welten. Nur dort können wir rationalistischen Westler wieder einen aktiven Umgang mit dem erwerben, was man Schicksal oder Vorsehung nennt und den wir im Zug der Neuzeit in hohem Maße zu Gunsten der reinen Machbarkeit (Stichwort: Realpolitik) verloren haben - mögen wir uns nun als Gläubige verstehen oder nicht.

Andererseits macht uns die Angst manipulierbar und sei es, weil sie längst ein Pfund der Unterhaltungsindustrie geworden ist, die den thrill als sehr effektives Instrument endeckt hat, in der Werbung, in Videos oder in Filmen, um damit zu wuchern und ihre Umsätze zu steigern. Aber auch in diesem Bereich können die Menschen sehr wohl kleine und größere esoterische Erfahrungen machen. Es kommt immer auf den bewußten Umgang des Einzelnen mit diesen Medieninhalten und mit den Medien selbst an und auf die aufklärende Begleitung.

26.01.2003





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