"Meine Aufgabe, einen Augenblick höchster Selbstbesinnung der Menschheit vorzubereiten, einen großen Mittag, wo sie zurückschaut und hinausschaut, [...] "

aus "Ecce Homo" von Friedrich Nietzsche
(geschrieben 1888)


Die Zeit, die Weltgeschichte, der Augenblick - Was Nietzsche uns sagen wollte!

Man weiss unglaublich viel über die Vergangenheit der Menschheit.
Und für die Zukunft scheinen viele existentielle und politische Rahmenbedingungen festzustehen, der Anstieg des Meeresspiegel z.B. oder die immer größere Abhängigkeit von digitalen Systemen. Aber vorherzusagen, was in 30 Jahren passiert, ist doch wenig realistisch.
Eine Aufgabe zu definieren, die auf der Höhe der Zeit ist, und diese zu lösen zu versuchen, ist eine Alternative.

Vielleicht ist jetzt gerade Nietzsches "großer Mittag"!
















Von der Abschaffung der
ABC-Massenvernichtungswaffen



Institution der politischen Selbstständigkeit des Individuums






1. Geschichte

Der Philosoph Baron de Montesquieu (1689-1755) schrieb in seinem Werk "Der Geist der Gesetze" (1748), dass es Freiheit in einem Staatswesen nur geben kann, wenn es neben der Legislative und der Exekutive eine dritte unabhängige Gewalt gibt, die Judikative. Die Könige und Kaiser seiner Zeit nahmen davon keine Notiz. "L´État, c´est moi!" sagte angeblich der Sonnenkönig Ludwig der 14. (1638-1715).

Als John Locke (1632-1704) seine Gedanken zum Schutz des Privateigentums vor dem Zugriff der staatlichen Macht oder der Fürstenmacht als eines Grundrechts formulierte, ließen sich die zeitgenössischen blaublütigen Fürsten und Könige davon nicht beeindrucken. Der Gedanke allgemein-menschlicher Grundrechte lag ihnen fern.

1762 veröffentlichte Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) sein berühmtes Werk "Gesellschaftsvertrag". Darin prägte er den Begriff der Volkssouveränität. Es musste erst die französische Revolution, die Schreckensherrschaft des irregeleiteten Robespierre, die Napoleonischen Kriege und die Bourbonenherrschaft vergehen, ehe dieses Werk eine Chance bekam, die reale Politik zu beeinflussen.

Denn in Frankreich dauerte es bis 1871, bis nach der Niederlage gegen das zukünftige Deutsche Reich, als endlich die Ideen und Prinzipien von Montesquieu, Locke, Rousseau u.a. die Entstehung einer republikanischen Staatsverfassung leiten konnten. Frankreich war dann die einzige Republik in Europa zu dieser Zeit. Wieviel Gewalt und Krieg war bis dahin geschehen?!

In England konnte sich das Bürgertum schon früher eine gewisse Unabhängigkeit von der Krone erkämpfen. Seit 1688 ist das Land eine konstitutionelle Monarchie, in der das Parlament eine gewisse politische Macht innehat.
Die nicht zuletzt von Engländern besiedelten amerikanischen Kolonien nahmen diesen Ball der politischen Emanzipation auf, erklärten nach Streitereien und Krieg 1776 ihre Unabhängigkeit vom Mutterland England und gründeten eine Republik, die U.S.A..

Deutschland war der schwerste Fall. Man mag an die unzähligen Toten, Ermordeten, Verletzten und Traumatisierten aus zwei sinnlosen Kriegen nicht denken. Man muss sich fragen, ob die Menschen damals in Mitteleuropa zurechnungsfähig waren?
Erst nach 1945 konnten die Prinzipien demokratisch-republikanischer Rechtsstaatlichkeit in diesem Land einigermaßen soliden Boden finden.

Für jedes Land auf der Erde läßt sich eine Befreiungsgeschichte gemäß den Ideen der Demokratie erzählen. Oft war es eine Befreiung von extrem grausamer Kolonialherrschaft. Bis heute folgt dann manchmal eine Geschichte des erneuten Verlustes der Freiheit. Fast immer spielt Gewalt, Revolution oder Krieg eine desaströse Rolle.

Müssen manche fortschrittlichen Gedanken erst Jahrhunderte warten, bis sie politische Realität werden können?
Können die Beharrungskräfte der alten Ordnungen nur nach entsetzlichen Krieges- und Gewaltexzessen entmachtet werden?


In dem berühmten Spruch des "Surviving of the fittest" steckt die Ungewissheit, dass man erst im Nachhinein weiss, wer überlebt hat und wer also der Fitteste war.
Anders gefragt: Haben die letzten 10 000 Jahre Menschheitsgeschichte, mit der sukzessiven Entstehung der heutigen Hochzivilisation den homo sapiens wirklich fit gemacht?? Oder wird diese Art durch den Gebrauch ihrer unfassbaren Fähigkeiten, die alle natürlichen Maßstäbe sprengen, zugrunde gehen?


2. Der einzelne Mensch als politische Institution

Hier soll eine neue politische Institution vorgestellt werden, die "Institution der politische Selbstständigkeit des Individuums". Sie ist aus der Erkenntnis entstanden, dass in der gegenwärtigen Epoche die Welt politisch und insbesondere militärpolitisch über die einzelnen Nationalstaaten hinauswächst. ABC-Massenvernichtungswaffen sind keine geeigneten Mittel, um Konflikt zwischen Staaten zu lösen! Zugleich kann man sich keine partikulare Institution, insbesondere keinen Nationalstaat vorstellen, der seine Macht über die ganze Welt ausdehnen und eine globale politische Ordnung schaffen könnte. Denn davor stünde ein selbstzerstörerischer Krieg unter Verwendung eben dieser ABC-Massenvernichtungswaffen.

Es ist ein fataler Zustand, dass Nationalstaaten in potentieller oder manifester Konkurrenz oder Feindschaft zu anderen Nationalstaaten stehen. Denn das bedeutet, es existiert ständig eine latente Kriegsgefahr und die ABC Massenvernichtungswaffen können nicht abgeschafft werden. Zudem, wenn eine der Atommächte glaubt, ins Hintertreffen zu geraten oder dass sich die anderen großen Mächte gegen sie zusammenschließen, könnte sie sich zu einem Präventivschlag hinreissen lassen.

Es gibt weitergehende Fragen:
Was würde jemand mit den Eigenschaften eines Adolf Hitler mit ABC Waffen machen?
Man weiss, dass es im "Kalten Krieg" auf beiden Seiten Generäle gab, die die Atomraketen gerne in einer realen Kriegssituation getestet hätten.
Die Bemühungen um taktische Atomwaffen zeugen von dem Glauben, Krieg begrenzen zu können. Lokal mag das möglich sein - aber nicht, wenn es um die ganze Welt geht.
Sicherlich würde ein Gebrauch der ABC Waffensysteme nicht aus durchschnittlichen Gründen erfolgen. Doch die Geschichte kennt genug Beispiele von exzessiven Gewalt- und Kriegsereignissen.
Solange diese Waffensysteme existieren, können sie warum auch immer angewendet werden!

Dabei würden in einem großen Krieg mit ABC-Waffen kaum alle Menschen sofort getötet werden. Aber der Fortschritt der Weltzivilisation, wie wir ihn heute kennen, würde enden. Neben den direkt Getöteten würden Milliarden Menschen an den unübersehbaren Folgewirkungen dieser Katastrophe erkranken oder sterben. Über die ökologischen und ökonomischen Verwüstungen kann man gar nicht vernünftig nachdenken. Alleine die Möglichkeit dieser absoluten Zerstörungen stellt die ganze jetzige Welt in Frage.

Aus diesem Grund gibt es praktisch und theoretisch keinen anderen Weg, als eine neue Instanz, eine Institution zu schaffen, die nicht in die Machtpolitik der Staaten involviert ist und die einen Ausweg aus dieser Falle eröffnen kann.
Der Friede und die Freiheit der Welt dürfen nicht mehr von der gegenseitigen "kalten" Bedrohung großer Militärmächte mit totaler Zerstörung abhängen. Daher müssen die Menschen in ihrem alltäglichen Leben lernen, den Frieden und die Freiheit der Welt zu garantieren und dadurch die Abschreckungsmacht der Waffen zu ersetzen.

Die Abschaffung der ABC Massenvernichtungswaffen erscheint als große kollektive Aufgabe. Da aber die Menschheit keine handlungsfähige politische Entität ist, muss man diese Aufgabe zu einer individuellen Aufgabe machen - letztenendes eine Aufgabe von allen Menschen, die darüber zu individuellen Personen werden.

Für diesen grundlegenden zivilisatorischen Neuanfang braucht es ein neues Selbstbewusstsein der Menschen. Dazu soll ihnen die neue grundlegende Institution politischer Individualität verhelfen. Sie ist eine Art basisdemokratische Monarchie - jeder Mensch ist sein eigener Souverän und beherrscht sich selbst! Jeder trägt dadurch die politische Grundlage der Weltgesellschaft.
Nicht ein Führer, ein Genie oder die Technologie kann die Menschheit befreien. Jede Person verkörpert unabhängig von ihrer Familie, von ihrem Kollektiv, ihrem Staat, unabhängig von ihrem Vermögen in der Defensivität des Einzelseins das Heldentum der Zukunft!

Dieser Vorschlag zielt definitiv nicht auf eine falsche verstandene Freiheit der einzelnen Personen von den Regeln der Gesellschaften, in denen sie leben. Und schon gar nicht zielt er auf Vereinzelung. Der Mensch bleibt ein "zoon politicon", ein politisches und soziales Lebewesen. Solidarität (Liebe) ist das höchste menschliche Gut.
Der Vorschlag zielt vielmehr auf die globale machtpolitsche Situation. Die große Aufgabe ist es, die Macht der mächtigsten Nationalstaaten auf der Welt in Frage zu stellen, da sie mit den ABC Massenvernichtungswaffen das menschliche Leben bedrohen.

Denn wie man auch immer zu dieser hier vorgetragenen politischen Idee und zu den Argumenten steht, die Frage steht immer im Raum, ob es wieder eine Serie von kollektiven Gewaltexzessen der schlimmsten Art braucht, bevor die Menschen bereit sind, ihr gemeinsames Leben zeitgemäß zu gestalten? Braucht es zuerst den Krieg, damit die Menschen danach genug davon haben, um endlich wieder auf ihre Friedlichkeit zu vertrauen? Es wäre ein Krieg mit ABC Waffen!

Die neue individuelle politische Institution soll diese Sackgasse verhindern, indem sie der Kollektivität jeglichen Mythos nimmt. Jeder Mensch kann lernen, diese Institution auf seine ganz eigene persönliche Art zu verkörpern. Und alle werden langsam lernen, das Zusammenleben mit ihren Mitmenschen auf der Basis dieser neuen Institution zu gestalten. Da niemand mehr über Millionen andere herrscht, ist die große militärische Macht, wie sie heute existiert, obsolet.

Trotzdem werden Polizei, Gerichte und Sanktionsmittel immer notwendig sein, um z.B. den gehörnten Ehemann, der seinen Nebenbuhler tötet, zur Rechenschaft zu ziehen. Leute, die andere Menschen böswillig schädigen, werden nie aus der Welt verschwinden. Auch nicht die manchmal tragischen Verwicklungen von menschlichen Schicksalen.

Das Zusammenleben der Menschen braucht Regeln und Institutionen. Eine Klinik oder die Feuerwehr brauchen eine hierachische Struktur. Diese sachlich begründeten Strukturen sind aber nicht zu verwechseln mit den formellen und informellen Hierarchien im Rahmen von ganzen Gesellschaften.
Die Aufgabe ist es, künftig zu verhindern, dass die Macht solcher Regeln, Institutionen und Hierarchien im Großen missbraucht werden kann und dadurch Millionen oder Milliarden von Menschen ins Unglück stürzt. Die Methode der Wahl dafür kann nur sein, alle Kollektivität radikal zu verkleinern und in ihrer Bedeutung zu relativieren.
Das ist eine grundsätzliche Beschränkung jeder Art von gesellschaftlicher Macht. Man kann das als eine weitere Form der Gewaltenteilung interpretieren.
Kollektivität wird dann nicht mehr von einem in der jeweiligen Geschichtsepoche zufällig bestehenden Kollektiv wie z.B. einem Reich oder einem Staat her gedacht. Sie wird vielmehr vom einzelnen Menschen her konzipiert und gestaltet.

Die Institution der "Politischen Selbstständigkeit des einzelnen Menschen, des Individuums" ist ein Verfassungsgrundsatz. Sie soll die Reihe der demokratisch-republikanischen Institutionen abschließen, die sich im modernen Rechtsstaates entwickelt haben. Sie beinhaltet die persönliche politische Souveränität eines jeden Menschen für sich selbst.

Damit soll erstens erreicht werden, dass die politische Souveränität nicht mehr an die geschichtlich zufällig entstandenen Nationalstaaten gebunden bleibt. Politische Souveränität hat nicht mehr ein Territorium als Voraussetzung. Die souveränen Individuen können ihr kollektives Zusammenleben freier gestalten, weil die Kollektivität nicht mehr Träger der Souveränität ist, sondern ihnen, den Menschen dient.
Natürlich müssen sich die Menschen dann immer wieder einig werden, wenn keiner mehr von oben bestimmt, wo es lang geht. Der Interessensausgleich wird immer zu Belastungsproben führen und niemals ideal gelingen.
Dieser schwierige Lernprozess funktioniert sicher besser, wenn alle ihn bewältigen müssen, weil die Welt ihren hierarchischen und kollektivistischen Zuschnitt verloren hat.

Zweitens soll durch die individuelle Souveränität der rationale Charakter der modernen rechtsstaatlichen Institutionen maßgeblich durch die subjektive persönliche Verantwortung ergänzt werden. Indem die politische Gestaltung des Zusammenlebens nicht mehr primär in der Macht von funktionalen Aufgabenträgern, sondern wesentlich in der Hand eines jeden von uns liegt, ist sie näher bei den Menschen.

Das Wichtigste in der Welt ist nicht mehr das Kollektiv, nicht mehr die Macht, nicht die soziale Stellung im Kollektiv. Denn die individuellen Personen besitzen eine eigene politische Bedeutung.
Die kollektive Institutionen haben dann im wesentlichen nur noch Dienstleistungscharakter. Ihr Zuschnitt wird flexibler. Die Gesellschaft wird freier.
Es werden viele Ressourcen und Fortschrittskräfte frei, die dem Ausbau der materiellen Stellung der Menschen im Leben und in der Welt dienen können sowie der Bewältigung ökologischer Herausforderungen wie z.B. die Folgen der Erderwärmung.


3. Gefühl

Wir Menschen werden von Gefühlen bestimmt, genauer vom Stammhirn, das uns z.B. mitteilt, wo Gefahren lauern oder wem wir vertrauen können. Leider senden die ABC Massenvernichtungswaffen keine solchen Signale aus, die unser Stammhirn aktivieren könnten. Es ist leicht, sie zu ignorieren, weil ihre Zerstörungskraft jenseits alles Normalen ist.
Ihre Gefahr läßt sich nur mit dem Verstand begreifen. Man muss sich die Vorstellungskraft dafür erarbeiten, was da genau unser Leben bedroht. Weil aber die Menschen im Alltag oder in Ideologien feststecken, tun sie das nicht. So sitzt die Menschheit in einer Falle.


4. Revolution der Mentalität

Die Geschichte hat zu oft gezeigt, dass gewaltsamen Revolutionen uns nicht mehr helfen können. Denn die neuen politischen Avantgarden werden im Handumdrehen die Macht an sich reissen, solange es große bewaffnete Kollektivstrukturen gibt, die missbraucht werden können.

Der Prozess der Veränderung darf nicht abrupt sein. Es nützt nichts, die bestehenden politischen Ordnungen radikal über den Haufen zu werfen. Das würde den Menschen extrem schaden, die Arbeit und Einkommen brauchen, Nahrung und Unterkunft, ärztliche Versorgung und vieles, vieles mehr.
Im konkreten gesellschaftlichen Leben darf es nur einen langsamen Transformationsprozess geben. Dieser Prozess muss von "unten" gestaltet werden, nicht von "oben"!

Die eigentliche Revolution geschieht in der Mentalität der Menschen, wenn sie lernen zu verstehen, dass "ihr" Staat, "ihre" Nation, keine Garantie für die Zukunft mehr sind. Selbst wenn diese Kollektive jetzt noch die politische und für manche eine "heilige" Ordnung darstellen, selbst wenn wir in unserem alltäglichen Leben vielfach von ihnen abhängig sind, ist ihre Geschichte vorbei. Denn die Macht selbst der größten Staaten im globalen Maßstab ist begrenzt. Daher können sie den finalen ABC-Krieg nicht verhindern. Aber gerade die größten und wichtigsten können ihn herbeiführen.

Alle verfassten, partikularen Kollektive, die im globalen Rahmen in letzter Konsequenz immer auf dem Primat der Macht beruhen, sind zu Sargnägeln der Menschheit geworden. Denn die ABC Massenvernichtungswaffen können nur abgeschafft werden, wenn die Freiheit eine reale und verlässliche Größe im Leben der Menschen geworden ist, die weder durch Diktatur und Gewalt noch durch Armut in Frage gestellt wird.

Ist es also vermessen, die ideelle Macht, die Macht des Geistes ins Feld zu führen, um die Staaten, die über die ABC Massenvernichtungswaffen verfügen, dazu zu bewegen, zusammen ihre Waffensysteme abzuschaffen?

Ein großes politisches Ziel ins Auge fassen, das die Welt in eine neue Ära bringt, könnte ein ideelles Momentum erzeugen. Die "Institution der politischen Selbstständigkeit des Individuums" ist so ein Ziel! Durch sie kann das Ensemble an Institutionen, das man im weitesten Sinne demokratisch-republikanischen Rechtsstaat nennt, flexibler, lokaler, kleiner, kontrollierbarer werden und die Bindung an den nationalistischen Kollektivismus verlieren.

Die Proklamation dieser Institution soll in einem ersten Schritt als Idee wirken und eine Art geistiger benchmark oder ein Schlüssel sein, um einen Raum des politischen Denkens in die Zukunft zu öffnen, der auf die Freiheit verweist.

Wenn der Fokus der Weltzivilisation weg von der partikularen Kollektivität hin zur politischen Individualität gerichtet wird, dann kann eine neue Art von Universalität entstehen, die direkt vom Menschen, von jedem Menschen und seiner Sprache repräsentiert wird.

Gerade weil diese Veränderungen nur unter dem Zeichen der Freiheit möglich sind, kann man nicht genau vorhersehen, wie sie im Einzelnen vor Ort und in der Zukunft gestaltet werden. Insbesondere ist die Vorstellung falsch, dass man erst die materiellen, praktischen Probleme lösen muss, bevor ein politischer Fortschritt denkbar ist.

Der geistigen Welt eines jeden Menschen einen substantiellen politischen Wert zuzuerkennen, das wird die größte Revolution der Geschichte sein. Insbesondere soll jeder Mensch sich diesen Wert selbst zuerkennen und sich um die entsprechende Mentalität bemühen.

Keine atomare Macht kann man direkt zwingen, ihre ABC-Waffen zu verschrotten. Aber im Zeichen dieser Revolution der Mentalität muss die politisch-zivilisatorische Entwicklung in einer Weise voranschreiten, die jede Art von größerer gesellschaftlicher Machtkonzentration irgendwann als lächerlich gestrig wirken läßt. Das Leben der einzelnen Menschen soll so eigenständig, vielseitig und individuell werden, dass Machtausübung über hunderttausende oder Millionen von Menschen nur noch als primitiv und inadäquat erscheint.

Mit partikularer politischer oder ökonomischer Macht oder durch das "Recht des Stärkeren" (durch den Gewinner eines Krieges) ist der weitere Weg der Menschheit jedenfalls nicht mehr zu gestalten.
Wer große Macht innehat, mag einen Teil der heutigen Welt beherrschen. Aber er kann nicht für die Zukunft stehen!



Die Gegenargumente des politischen Realismus



Wenn man heutzutage Realist ist, dann ist man Pessimist! Wenn man etwas Positives denkt, dann ist es diesem Pessimismus abgetrotzt. "Du hast keine Chance, also nutze sie!" (Herbert Achternbusch)
Er ist überwältigend, der pessimistische Realismus!


1. Von dieser neuen individuelle Institution wird kein einziger Mensch satt. Keiner bekommt durch sie ein Dach über den Kopf oder Schutz vor Leuten, die ihm Böses wollen. Keines der drängenden praktischen Probleme der Gegenwart wird dadurch gelöst.

2. Wer sollte den nordkoreanischen Diktator dazu bewegen, seine Atomwaffen zu verschrotten?

3. Der Schritt zu einer politischen Institution des Individuums ist für die heutige Menschheit und für die heutige Welt zu groß, weil wir Menschen zu "klein" oder schwach sind für so viel Freiheit und Verantwortung.

4. Ein solcher Schritt unterstützt die Tendenzen zu Egoismus und Selbstgerechtigkeit, die heute immer mehr um sich greifen.

5. Viele Menschen sind durch Erziehung und Biographie, seelisch und ökonomisch auf Gedeih oder Verderb an ihre Kollektive wie Religionen, Nationen, Firmen, Clans, Sekten, Gruppen etc. gebunden, so dass sie gar nicht in der Lage sind, sich als unabhängige Individuen wahrzunehmen. Dafür sorgen nicht zuletzt die jeweiligen Machthaber.

6. Die neuen "Institution der politischen Selbstständigkeit des Individuums" ist durch ihre Abstraktheit für uns Menschen sehr schwer zu erfassen. Man verlangt vom Blick in die Zukunft, dass genau gesagt wird, wie es weitergeht.

7. Die modernen Gesellschaften und die Weltgesellschaft sind komplex organisiert und von hochprofessionellen Tätigkeiten in verschiedensten kollektiven Institutionen und Systemen abhängig.
Damit sind auch die allermeisten Menschen von diesen funktional differenzierten Verfahren und ihren Funktionseliten abhängig und zwar mehr als je zuvor in der Geschichte.

8. Es gibt unzählige arme, kranke und unfreie Menschen, die einen solchen Schritt zu individueller politischer Freiheit gar nicht wollen können, weil es für sie viel Wichtigeres, Essentielleres zu erkämpfen gilt.

9. Die alten Kollektivmächte und das "Recht des Stärkeren" sitzen noch fest im Sattel. Man nehme als Beispiel die riesigen Militärapparate: Sie geben überall auf der Welt vielen Menschen Lohn und Brot. Zwar verschwenden sie unfassbar große Mengen an Ressourcen (und produzieren entsprechend viel CO2) ohne wirklichen produktiven Nutzen. Aber auch das ist eine Art Wirtschaftskreislauf auf der Basis von Steuergeldern. Es war Dwight Eisenhower, der in seiner letzten Rede als US-Präsident vor dem militärisch-industriellen Komplex warnte. Der lebt auf der ganzen Welt (gut) von der Feindschaft der Nationalstaaten und dem Geltungsdrang der Machtpolitiker.

10. Ein weiterer Grund für den "realistischen" Zweifel an der menschlichen Fähigkeit zur Selbstbestimmung ist die Tatsache, dass diese Institution der "Politische Selbstständigkeit des Individuums" einem gängigen Menschenbild widerspricht, wonach "der Mensch des Menschen Wolf ist". Dieses Menschenbild ist sehr pessimistisch und trifft sicher nur auf eine Teil der Menschen zu. Die meisten Menschen sind eher nicht des anderen "Wolf", solange sie nicht am Abgrund stehen. Das Leben der Menschen auf der Erde könnte gar nicht ungleicher sein, es reicht sozusagen vom Militaristen im Generalstab oder vom Gang-Mitglied im Slum bis zur Nonne im Kloster oder zur Krankenschwester im Hospital. Die Menschen sind Kulturwesen und leben tausende verschiedene Menschenbilder! Sie leben sogar in ein und demselben Haus nicht das gleiche Menschenbild!

Aber die kollektiven Machthaber verbreiten das böse Bild des Menschen als "Wolf" des anderen und suchen nach Bestätigungen dafür: Man kann niemandem trauen! Dass das stimmt, dafür sorgen sie manchmal selbst. Aber auch politische Gewaltäter jeglicher Couleur kommen ihrer Agenda entgegen. Selbst von einem Zusammenbruch der Systeme würden sie eher profitieren. All das gibt den Machthabern auch in Demokratien die Möglichkeit, die Existenz von umfangreichen Sicherheitskräfte und Armeen zu begründen, die nicht zuletzt auch ihre Macht absichern. Sie haben das staatliche Recht und das "Recht des Stärkeren" auf ihrer Seite. Dagegen anzukämpfen wäre sinnlos.

11. Eine andere Version des negativen Menschenbildes: Der Mensch ist ein kleingeistiger Egoist, der nicht bereit ist, auch nur einen Millimeter über den Tellerrand seiner eigenen Lebensumstände und seiner Karriere zu schauen. Aber er ist bereit, mit allen Mitteln zu kämpfen, wenn er glaubt, man will ihm etwas wegnehmen.

12. Nicht nur die Mächtigen verhindern eine zivile Welt, auch ein großer Teil der Menschheit ist grundsätzlich eher bereit, andere bis zum bitteren Ende zu bekämpfen als mit ihnen Frieden zu schließen.

13. - ?. Die Liste der Umstände und Aktivitäten, die die Welt in Atem halten und das Streben nach Emanzipation konterkarieren, läßt sich kaum abschließen: Die massiven Auswirkungen der Klimakatastrophe wie der Anstieg des Meeresspiegels oder der immer umfassendere Wassermangel, Flüchtlingsströme, Jahrtausende alte Gewaltkulturen, die organisierte Kriminalität, der aggressive Nationalismus, Diktaturen und Mehrheitsdiktaturen, die Schattenseiten des Kapitalismus, der liberale Individualismus, ökologische Zivilisationsschäden, ideologisches Schwarz-Weiss-Denken, mangelnde Bildung, Hass zwischen Religionen und Weltanschauungen, Hass zwischen Völkern, Konkurrenzdenken von Staaten und Führern, die vor dem Äussersten nicht zurückschrecken, ...
Und dabei sind die lokalen Lebensumstände in den Ländern und Regionen der Erde noch nicht mit einbezogen. Wie geht es den Menschen im zerbombten und entvölkerten Syrien? Wie soll man die Überbevölkerung in Indien bewältigen?



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(hier können Sie Ihre Gegenargumente eintragen)


Wie sollen die Menschen unter diesen Umständen den gemeinsamen freien Geist entwickeln können, um die großen Mächte und Machtmenschen erfolgreich herauszufordern? Die Institution der "Politische Selbstständigkeit des Individuums" erscheint angesichts dieser(!) Menschheit kaum eine mögliche Option zu sein?

Da man aber irgendwo anfangen muss, wenn man etwas erreichen will, ist der erste Schritt, den zeitgenössischen Realismus in Frage zu stellen.
Was nützt ein Realismus, wenn er die Menschheit in den Dritten, den ABC-Weltkrieg führt? Muss man nicht eine echten Schritt über den Ist-Zustand der Welt zumindest hinausdenken?!

Die Erkenntnis, dass die Menschheit im Großen noch nicht reif ist für die "Institution der politischen Selbstständigkeit des Individuums" ist kein Argument dafür, nicht dort damit zu beginnen, wo es möglich ist - und sei es in kleinen Schritten.


Wolfgang Behr

(21. Jahrhundert)



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