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Wolfgang Behr
The "Anti-*itler"




INFORMATION

VERSUCH EINER THEORETISCHEN ANNÄHERUNG ZUM ZWECKE DER PHILOSOPHIE

(1992, 2000)


von Wolfgang Behr


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Philosophische Vorbemerkung



Wenn es einen Begriff gibt, der in der philosophischen Reflexion der gegenwärtigen Epoche unhintergehbar geworden ist, dann ist es die Sprache, mehr noch als die Geschichte.

Beide Begriffe sind schon bei einem ihrer ersten modernen Interpreten, I. G. Herder sachlich miteinander verbunden gewesen. Siehe dazu seine "Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit", in Herder's Sprachphilosophie, Meiner-Verlag, Hamburg 1960, S. 171 f.: "Wenn uns jemand ein Rätsel vorlegte, wie Bilder des Auges und alle Empfindungen unserer verschiedensten Sinne nicht nur in Töne gefasst, sondern auch diesen Tönen mit inwohnender Kraft so mitgeteilt werden sollen, dass sie Gedanken ausdrücken und Gedanken erregen; ohne Zweifel hielte man dies Problem für den Einfall eines Wahnsinnigen, der, höchst ungleiche Dinge miteinander substituierend, die Farbe zum Ton, den Ton zum Gedanken, den Gedanken zum malenden Schall zu machen gedächte. Die Gottheit hat das Problem tätig aufgelöst. Ein Hauch unseres Mundes wird das Gemälde der Welt, der Typus unserer Gedanken und Gefühle in des andern Seele. Von einem bewegten Lüftchen hängt alles ab, was Menschen auf Erden Menschliches dachten, wollten, taten und tun werden; denn alle liefen wir noch in Wäldern umher, wenn nicht dieser göttliche Odem uns angehaucht hätte und wie Zauberton auf unsern Lippen schwebte. Die ganze Geschichte der Menschheit also mit allen Schätzen ihrer Tradition und Kultur ist nichts als eine Folge dieses aufgelösten göttlichen Rätsels."

In der Logik der philosophischen Tradition wird die Zentralität der Sprache ein folgerichtiger Schritt sein, denn die Beschäftigung mit der Erkenntnis und ihren Bedingungen hatte schon einen ähnlichen Blickwinkel: Was ist das Handwerkszeug der geistigen Betätigung? Demgegenüber stellt die Untersuchung der Sprache, bzw. der Zeichen eine Verallgemeinerung und Radikalisierung dar, denn sie impliziert den weitest denkbaren Blick von aussen auf das gesamte Feld des geistigen Lebens.

Andererseits wird die Philosophie dadurch am direktesten mit dem ihr eigenen Charakter, d.i. ihrer Zirkelhaftigkeit und Unlösbarkeit konfrontiert. Jede Überlegung, die den Begriff und die Bedeutung der Sprache in den Mittelpunkt des Interesses stellt und über die Analyse einzelner Aspekt hinauskommen will, wird zwangsläufig vor die Frage geraten, inwiefern ihr Vorgehen nicht von einer fundamentalen Naivität und Unaufgeklärtheit belastet ist. Denn indem die Philosophie höchst bewusste und differenzierte theoretische Überlegungen über die Sprache, aber auch und gerade über ihre Rolle bei diesen Überlegungen selbst, nur in eben diese Sprache kleiden kann, muss sie sich direkt, d.h. ohne diesbezügliche erneute Reflexion auf die Sprache stützen. Daher ist die Sprache ein theoretisch nie vollständig ausweisbares Ausdrucksmedium. Das bedeutet, dass die theoretische Distanziertheit des Forschers oder Denkers gegenüber seinem "Gegenstand", die schon an sich nicht ohne Fragwürdigkeit ist, spätestens im Fall der Sprache gänzlich unmöglich wird.

Man kann daher sagen, dass die Philosophie in der Reflexion auf die Sprache zu sich selbst kommt, denn zwar eignet sich die Sprache nicht wie die Kalokagathia, das Schöne und das Gute oder die Eudämonia, das gute Leben (Kalokagathia und Eudaimonia sind Ideale der Antike), wie Gott, Freiheit oder Selbstbewusstsein etc. zum Leitbegriff einer Epoche. Aber die Besinnung auf die Sprachlichkeit der Philosophie wird eine Basis, quasi ein "Tiefpunkt", durch den diese auf die ihr gemässe Nüchternheit und Illusionslosigkeit, wie es z.B. in Wittgensteins Schriften zum Ausdruck kommt, zurückverwiesen ist. Von hier aus lassen sich keine neuen, ideologischen Höhenflüge starten, die nicht sofort wieder ins Lächerliche abstürzen.

Das aber könnte der gegenwärtigen philosophischen Situation den Anschein geben, in einer Sackgasse zu stehen oder in eine Umkehrschleife gefahren zu sein, aus der es nur den Weg zurück gibt. Um trotzdem irgendeine Art von "Fort-schritt" zu erreichen, müsste man auf eine andere Ebene gelangen, was immer das heissen mag.

Dieses Notwendigkeit hat mich auf den Gedanken einer theoretischen Untersuchung des Begriffs der Information gebracht. Information ist nicht gleich Sprache, Information ist aber auch Sprache. Indem ich diesen Sprache (als Begriff) sehr nahen Begriff untersuche, will ich der Sprache zu einem Spiegelbild verhelfen, wobei die Aktualität, die sich am Ende als zentrales Element der Information herausstellt, den Weg zu jener anderen Ebene weisen könnte, in der es dann auch zu einem Zusammentreffen von Sprache und Geschichte, von Sprache und Nicht-Sprache kommt.



INFORMATION


Vorwort

A. Formen der Information

      I. Unmittelbare,"natürliche" Information

      II. Symbolische Information

      III. Sprachliche Information

B. Nutzung der Information - Kultur

      I. Nahbereich

      II. Gesellschaft

      III. Welt

C. Grenzen der Information

      I. Bereiche ausserhalb der Information

      II. Fehlen gemeinsamer Informationsformen

      III. Überforderung der Informationsmittel

      IV. Vermittlung der Informationsformen, Esoterik

D. Aktualität der Information

      I. Kriterien der Aktualität

      II. Politik

E. Der Geist oder die Abgründigkeit im Menschen - Eine aktuelle Information !




Vorwort


Information ist ein sehr moderner Begriff, ohne den heute fast nichts mehr zu bewerkstelligen ist. Im Zuge der Entwicklung von Datenbanken und insbesondere des Internets wird Information mittlerweile schon als Produktivkraft betrachtet, die die Vorherrschaft des Materiellen in der menschlichen Zivilisation überwinden soll.

Insbesondere ist Information ein hochpolitischer Begriff, da längst alle Mächte der Welt versuchen, durch eine ausgewählte, gestylte oder "ge-spin-te" Informationspolitik Punkte zu sammeln. In Opposition dazu befinden sich wenige Unverdrossene, die durch die freien Informationsmedien auch harten Wahrheiten ein kleines Plätzchen sichern wollen und die nicht umsonst große Hoffnungen auf das Internet gesetzt haben und noch setzen.

Wenn man die Sache genauer betrachtet und insbesondere wenn man darauf verzichtet, das Vorhandensein von Information an ein reflektierendes Bewusstsein zu binden, dann stellt man fest, dass Information eine sehr alte und vor allem eine ubiquitäre Kategorie ist, die den ganzen Kosmos durchherrscht. Um diesen womöglich unorthodox wirkenden Ansatz in den Blick zu bringen, soll zunächst der menschlich-kulturelle Informationsbegriff hintangestellt werden, um die verschiedenen Informationsformen ganz allgemein zu beschreiben. Im weiteren Verlauf der Untersuchung wird dann der menschliche Bereich immer mehr in den Vordergrund treten.




A. Formen der Information


Die Phänomene der Information lassen sich durch zwei wesentliche Unterscheidungsgrenzen charakterisieren. Einmal geht es darum, ob eine Information Zeichen verwendet oder nicht. Zum andern bildet der Übergang zur Sprache eine Schwelle, die eine gänzlich neue Dimension eröffnet. Daraus ergeben sich drei Untersuchungsgebiete: die unmittelbare Information, die unabhängig von jeder Zeichenhaftigkeit funktioniert, die symbolische Information als Prototyp für Zeichenverwendung und die sprachliche Information, die eine neue Welt erstehen lässt.

 

I. Unmittelbare, "natürliche" Information


Die Gefühle des Schmerzes oder des Wohlseins melden sich unmittelbar und weisen den Weg zu bestimmten Verhaltensweisen und Handlungen.

Der Schmerzensschrei neben mir kann mich unmittelbar dazu veranlassen, z.B. einen Körper aus einer eingezwängten Lage zu befreien.

Die geschlechtliche Verbindung zweier Körper, sofern sie halbwegs gegenseitig geschieht, erfolgt einer Reihe unmittelbarer Handlungen entlang, die als solche erkennbar sind. Das Gleiche gilt für den Kampf zwischen zwei Lebewesen oder zweier Gruppen von Lebewesen. In beiden Fällen werden Handlungen ausgeführt, die auf erkannte und damit verstehbar gewordene Handlungen der Gegenseite unmittelbar reagieren.

In all diesen Fällen von Informationsübertragung liegt die Eindeutigkeit der Bedeutung vor. Das heißt nicht, dass man die Information nicht falsch verstehen oder gar nicht verstehen kann, aber es gibt nur diese beiden Möglichkeiten: entweder die Botschaft erreicht den Empfänger oder sie verfehlt ihn. Im zweiten Fall stockt der Fluss der Ereignisse zumindest für die nicht verstehende Seite. Daher übt diese Art von Information auf ein Lebewesen, das sie verstehen kann, einen sehr starken Zwang aus. Sie nicht zu beachten, d.h. nicht entsprechend zu reagieren bedeutet eine Art von Lebensverweigerung, zumindest jedoch die momentane Aufgabe der Selbstbehauptung (z.B. bei der Kapitulation im Kampf oder wenn jemand eine unmittelbare Hilfeleistung verweigert, wodurch er ins soziale Abseits gerät etc.). Man kann jedoch die Situation des Empfänger in zwei Kategorien aufteilen: 1) Er ist in der Lage, eine Reaktion zu verweigern. 2) Er ist dazu nicht in der Lage, weil er keinen Spielraum hat oder weil ihn die Information zu intensiv betrifft. In letzterem Fall ist ein Missverständnis nicht mehr möglich, z.B., wenn ein lebender Körper mit grosser Hitze in Berührung kommt und er sich unmittelbar zurückzieht oder wenn ein Elementarteilchen auf einen Atomkern trifft (ein sehr wesentliche unmittelbare Information!) und abgelenkt wird oder mit ihm verschmilzt.

Das Funktionieren der unmittelbaren Informationsübermittlung bedarf keines interpretierenden Zwischenschrittes. Quelle und Empfänger müssen sich nur im selben Medium aufhalten und an dieses Medium angeschlossen sein. Man kann diesen Typ der Information also folgendermassen definieren: Die Informationsquelle und die Information fallen in eins zusammen. Daher eröffnet die unmittelbare Information keinen expliziten Bewusstseins-"raum".

 

II. Symbolische Information


Wenn eine Biene in ihrem Stock eine Art Tanz aufführt, der bestimmte definierbare Elemente enthält, z.B. eine öfters wiederholte Bewegung, denen wiederum bestimmte Bedeutungen zugeordnet sind, dann verwendet sie ein von ihren Artgenossen verstehbares Symbolsystem. Sie informiert über die Richtung und die Entfernung, in der Blüten mit Nektar zu finden sind, ja sogar über die Art der Blüten - Informationen von allgemeiner Relevanz.

Wölfe verfügen über etwa zehn verschiedene Laute, um sich über bestimmte Ereignisse in ihrer Umgebung gegenseitig zu informieren.

Menschen verwenden u.a. bestimmte bildhafte, möglichst eindeutige Symbole, um den Strassenverkehr zu ordnen. Mit Einschränkungen sind diese sprachunabhängigen Symbole von jedem Verkehrsteilnehmer überall, in allen Ländern zu verstehen.

Der einschneidende Unterschied zwischen der unmittelbaren und der symbolischen Information ist die Verwendung eines Symbolsystems. Der Übergang zwischen beiden ist fliessend, da in den Symbolsystemen immer unmittelbare, bildhafte Elemente enthalten sind. So verwenden die Bienen den Pfeil, indem sie ihn selbst tanzend darstellen, und die Menschen, indem sie ihn aufmalen, zur unmittelbaren Richtungsangabe. Der Wutschrei eines Wolfes ist Teil des Symbolsystems und unmittelbare Information zugleich. Dennoch enthält jedes Symbolsystem zwei entscheidende Strukturmerkmale, die es von der unmittelbaren Information absetzen: die Willkür und die "positiven" Abwesenheit.

1. Die Willkür: Viele einzelne Symbole haben eine willkürliche, zufällige Form. Sie können also nicht aus sich selbst heraus funktionieren, sondern benötigen das ganze System und die Abgrenzung zu den anderen Symbolen. Daher wirken sie nicht mehr unmittelbar und ihr Verständnis muss erlernt werden. Dieser Mangel des individuellen Symbols führt zur positiven Abwesenheit.

2. Positive Abwesenheit: Sie ist das Herzstück eines jeden Systems. Ein Symbol wird zwar materiell mit den Mitteln der Unmittelbarkeit gestaltet, es ist aber im eigentlichen Sinne nur immaterielle Bedeutung. Diese entsteht durch die im Geist verwirklichbare positive Abwesenheit (oder unsichtbare Anwesenheit) aller anderen zum System gehörigen Symbole. Wobei Geist ein durch das Symbolsystem geschaffener immaterieller Raum ist. Das Phänomen ist am leichtesten anhand der Zahlen nachvollziehbar. Die Zahl 7 erhält ihren Wert nur durch ihre Stellung in der Reihe aller Zahlen. Wenn das Symbol 7 genannt wird, wird implizit die ganze Zahlenreihe mitgenannt. Alleine, unmittelbar bedeutet 7 nichts! Die konkrete Bedeutung eines Symbols, z.B. "7 Äpfel" oder ein Wolfsschrei, der besagt: "Beute!", ist quasi ein Zusatz, der dadurch zustande kommt, dass das ganze Symbolsystem in und für eine unmittelbare Welt entstanden ist oder gemacht worden ist, z.B. für die Lebensumstände der Menschen oder für die eines Wolfsrudels.

Symbolische Information ist starrer als unmittelbare Information, aber sie eröffnet eine neue Sphäre, durch die Kommunikation zwischen Individuen möglich wird, zwischen denen keine unmittelbare Nähe gegeben ist. Ausserdem kann sie mehrere Kommunikationsteilnehmer zur gleichen Zeit erreichen. Wenn z.B. ein Männchen ein Nest baut und sich in ritualisierter Weise verhält, dann sendet es Signale an viele Weibchen aus. Das Weibchen, das später zu ihm kommt, ist ihm in dem Moment noch gar nicht bekannt. Wegen der grösseren Distanz der Kommunikationsteilnehmer ist die (richtige) Interpretation der Information schwieriger als im Fall der unmittelbaren Information. Doch die symbolische Information verlässt noch nicht den Bereich, in dem es ausschliesslich entweder richtig oder falsch gibt.

Zur Entstehung eines Symbolsystems müssen Beweglichkeit, Ausdrucksfähigkeit und die Empfangssinne zu einer differenzierten Eigenständigkeit entwickelt sein, die vor allem die Erkennung wiederkehrender Ereignisse ermöglicht, denn erst dieses Wiedererkennen macht das Symbol zum Symbol. Der damit implizierte Bewusstseins-Raum ermöglicht einen rudimentären Eindruck von Zeit.

Im Falle der symbolischen Information ist die Informationsquelle und die Information deutlich voneinander unterschieden, aber beide sind durch die Lebenspraxis des Senders und des Empfängers aneinander gebunden.


 

III. Sprachliche Information


Sprachliche Information ist eine Weiterentwicklung der symbolischen Information, die man beide auch als abstrakte Informationsformen bezeichnen kann. Betrachtet man ein geschriebenes Wort nur in seiner unmittelbaren Gestalt - Farbe, verteilt in bestimmter Form auf einer festen Unterlage - und vergleicht dies mit der unmittelbaren Form desselben gesprochenen Wortes - eine bestimmte Variation von Luftschwingungen, die man als Laut wahrnehmen kann -, so wird man keinerlei Ähnlichkeit finden, obwohl beide dieselbe Funktion in der Sprache erfüllen können. Dies ist das beste Indiz dafür, dass bei der sprachlichen Information die wesentlichen Eigenschaften des Symbolsystems, d.i. die Zufälligkeit (Arbitrarität) der Zeichengestalt und die Bedeutungsgenese durch die positive Abwesenheit aller anderen Zeichen des Systems zur vollen Wirksamkeit kommen. Bildhaftigkeit bzw. ein unmittelbarer Bezug der Informationsform zum Informationsinhalt spielen keinerlei Rolle mehr.

Allerdings wird sprachliche Information zu einem grossen Teil wie symbolische oder wie unmittelbare Information verwendet, d.h. sie soll auf die augenblickliche Situation bezogen, in der sie ausgesandt wird, eine Verständigung zwischen den Lebewesen herstellen, wie z.B. wenn jemand verzweifelt "Hilfe" ruft. Auf dieser Ebene ist die Sprache gegenüber den einfachen Symbolen oder unmittelbaren Ausdrucksweisen nicht entscheidend im Vorteil, manchmal sogar im Nachteil. Eine neue, durch einen qualitativen Sprung unterschiedene Dimension des lnformationsaustausches eröffnet sich, wenn etwas zum Tragen kommt, was man die formale Autonomie oder die geistige "Materialität" der Sprache nennen kann. Diese kommt dadurch zustande, dass zu den einzelnen Symbolen die Verknüpfungen zwischen diesen Symbolen hinzukommt, bis letztendlich die Zeichen nur noch durch die Verknüpfungen ihre Funktion erfüllen, wie es bei den alphabetischen Buchstaben und bei den Wörtern der Fall ist. Auf dieser Grundlage entsteht ein komplexes Netzwerk von Verknüpfungen und Verknüpfungsregeln, die einen eigenständigen, autonomen Kosmos bilden, der heute Grammatik (oder Linguistik) genannt wird. Dieser Regelkomplex ist das Substrat der sprachlichen Information. Sie selbst gleicht einem Schiff, das auf dem schon bestehenden "Meer" der Sprache schwimmt, ohne das Innere dieses "Meeres" bedenken zu müssen. (Besonders faszinierend ist es zu beobachten, wie selbständig sich Kinder diese Regeln aneignen.)

Die geistige "Substantialität" oder "Materialität" der Sprache hat zwei entscheidende Auswirkungen. Zum einen erzeugt sie eine unausmessbare Distanz zwischen der Information und den Dingen, von denen die Information handelt (der Referenz). Dies liegt daran, dass man kein unabhängiges Beurteilungsinstrument zur Verfügung hat, um den Einfluss der Sprache auf die sprachliche Information zu ermessen, denn jede Reflexion über den möglichen Einfluss der Sprache ist selbst sprachliche Information. Damit dreht sich an dieser entscheidenden Stelle die sprachliche Information im Kreis. Die daraus resultierende Unsicherheit überträgt sich auf jede sprachliche Information, die eben die Verankerungen der unmittelbaren und der symbolischen Informationen nicht mehr hat. Sie kann als Ideologieabhängigkeit des Sprechens bezeichnet werden, wobei Ideologien bestimmte, immer wiederkehrende, sprachliche Gedanken- und daraus folgende Handlungsmuster sind, die in der jeweiligen Sprachgemeinschaft einer sprachlichen Information den Status der Realität verleihen, d.h. den Bezug zwischen Information und Dingen festlegen. Die Notwendigkeit der Existenz solcher Verläßlichkeitsschemata ergibt sich aus der Bodenlosigkeit der Sprache, die dem Betrug und der Verführung alle Moeglichkeiten eröffnet.

Zum anderen bewirkt die formale Autonomie der Sprache eine vollständige Unabhängigkeit der Information von der Informationsquelle.
Denn die Information wird zwar von einer Informationsquelle erzeugt, aber die so geschaffene Variation des Sprachsystems hat im Gegensatz zur Kurzlebigkeit des aktuellen Verwendungszusammenhangs eines Symbols oder gar eines unmittelbaren Impulses eine potentiell unbegrenzte Lebensdauer. Dies gilt schon für die Geschichten der schriftlosen Kulturen, die in genau festgelegten Verfahren von Generation zu Generation mündlich weitergegeben wurden; dies gilt erst recht für den schriftlichen Text, der noch Jahrtausende später seine Wirkung entfalten kann, wenn die Quelle, d.h. der Autor oder die Autorin längst gestorben sind.

Konsequenterweise ist deshalb die Tatsache, dass die sprachliche Information überhaupt verwendet wird und lebt, mindestens ebenbürtig zu ihrer spezifisch aktuellen Bedeutung, wenn ihr nicht vorgeordnet und man wird den Erzähler oder die Autorin nicht als die einzige Quelle der sprachlichen Information betrachten können, sondern auch die sagenhafte Urquelle, an der die Sprache selbst entsprungen ist, berücksichtigen müssen.

Das Ereignis der Sprachentstehung liegt weit vor der Zeit geschichtlicher Zeugnisse (man geht von etwa 70 000 Jahren aus, manche Forscher von noch längeren Zeiträumen), daher lässt sich der Entstehungsprozess kaum erforschen. Einigkeit herrscht höchstens darüber, dass ein qualitativer Sprung zur Sprache geführt haben muss. Zur Begründung dient der Hinweis, dass bei der Verwendung von Sprache diese selbst nicht im Blick sein kann, sie muss vielmehr wie selbstverständlich funktionieren. Da aber vor ihrer Entstehung die informativen Mittel fehlten, um überhaupt die Idee der Sprache zu fassen, kann sie im Prinzip nur plötzlich da gewesen sein, vielleicht nicht in ihrer heutigen Komplexität, aber in ihren wesentlichen Merkmalen. Die Notwenigkeit der Annahme eines qualitativen Sprunges macht die vielen kleinen evolutionären Schritt im Vorfeld des Sprunges keineswegs überflüssig.

Das Sprungprinzip gilt im übrigen ebenso für die Etablierung eines Symbolsystems, wie vermutlich in irgendeiner Form für die Entstehung derjenigen körperlichen Gestalt, die die Voraussetzung für das Zeichengeben bzw. Sprechen ist.

Bevor im nächsten Abschnitt die Nutzung der verschiedenen Informationsformen und insbesondere die neue Dimension erörtert wird, die durch das Eigenleben der Sprache und die Langlebigkeit der sprachlichen Information gegeben ist, soll noch eine Bemerkung zum Unterschied von Tier und Mensch gemacht werden. Eine Vielzahl von Lebewesen tauschen neben den unmittelbaren Informationen, die ein generelles Kennzeichen des Lebens- oder Selbstorganisationsprozesses (auch des anorganischen) sind, zusätzlich symbolische Informationen aus. Da die Etablierung und Verwendung eines Symbolsystems grundlegende geistige Fähigkeiten einschliesst, gibt es auf dieser Ebene wesentliche Gemeinsamkeiten zwischen den Lebewesen einschliesslich des Menschen. Die Antwort auf die Frage, wie gross der Abstand zwischen Mensch und Tier ist, hängt

von folgenden Perspektiven ab: Betrachtet man den Menschen mehr als Naturwesen, dann wird sein wesentliches Merkmal seine Verwendung unmittelbarer und symbolischer Information und damit die Gemeinschaft mit den anderen Lebewesen sein. Betrachtet man den Menschen mehr als Kulturwesen, dann rückt die Sprache, ihre Autonomie und damit die Distanz zu den "natürlichen" Lebewesen in den Vordergrund. Beide Perspektiven sind einseitig und willkürlich.

Ob es ausser den Menschen noch andere Lebewesen gibt, die mehr oder weniger komplexe sprachliche Kommunikation verwenden, erscheint nicht ausgeschlossen. Insbesondere bei den Gesängen und Lautgebilden der Wale und Delphine ist sich die Forschung noch nicht sicher, ob eine Sprache im eigentlichen Sinn vorliegt oder nicht. Letztendlich ist daher nur der Verzicht auf den Vergleich zwischen Tier und Mensch sinnvoll.




B. Nutzung der Information - Kultur


Die Nutzung von Information stellt ein Grundphänomen oder ein Grundmuster des gesamten kosmischen Geschehens dar, denn jeder Vorgang, jede Veränderung hat immer auch informativen Charakter für irgendeinen Empfänger.

Um die Behandlung des Themas fassbar zu halten, soll der Untersuchungsbereich hier im wesentlichen auf den Menschen und ihm nahestehende Lebewesen eingegrenzt werden. Da der vorliegende Text menschlicher Gebrauch sprachlicher Information ist und sich auch an Menschen richtet, wird dies nicht so sehr eine Einschränkung, sondern vielmehr die Konzentration auf das Wesentliche sein.

Dieses 2. Kapitel zeigt anhand einzelner Beispiele einen Aufriss durch verschiedene menschliche und tierische Bereiche, in denen Information eine Rolle spielt. Es wird dabei keine Vollständigkeit angestrebt, sondern versucht, die Dimensionen der Information, besonders aber ihre Bedeutung bei der Gesellschaftsgenese zu ermessen.

 

I. Nahbereich


Der Nahbereich ist die Domaine der unmittelbaren Informationen. Sie erreichen den Menschen auf Grund dreierlei Eigenschaften: Insofern er Körper ist, insofern er Lebewesen ist und insofern er Mensch ist.

1) Als Körper ist er von den Einwirkungen anderer Körper (oder materieller Gegebenheiten) betroffen. Wird er einem starken Wasserstrahl ausgesetzt, dann fällt er zu Boden. Der Boden wiederum trägt ihn. Wenn er von einem harten Gegenstand, z.B. von einem Stein getroffen wird, ist seine Unversehrtheit beeinträchtigt, genauso, wie ein feuchtes Tuch lindernde Wirkung ausübt. Es mag ungewohnt klingen, wenn diese Vorgänge als Informationen aufgefasst werden, obwohl sie vom Bewusstsein unabhängig sind und auch nicht ständig im Bewusstsein präsent sind. Da aber Information als etwas verstanden wird, das eine Bedeutung für den Empfänger trägt, kann man alle Interaktionen zwischen materiellen Gegebenheiten, die irgendeine Art von Veränderung bewirken, als eine basale Ebene von Information begreifen. Die materiellen Geschehnisse können für den Menschen deshalb unmittelbare Informationen sein, weil er als Körper selbst unmittelbar an der gegenständlichen Welt und ihren Gesetzen teilnimmt. Diese Zugehörigkeit ist eine der elementaren menschlichen Existenzbedingungen.

2) Der Menschen ist ein Lebewesen, das die bewusste Wahrnehmung des Körpers und seiner Sphäre besitzt. Die verschiedenen Sinne, verbunden mit dem Leben in einer vielgestaltigen Umwelt und der Koexistenz mit anderen Lebewesen eröffnen ein unbegrenztes Feld der unmittelbaren Informationsaufnahme und -aussendung. Dazu nur drei Beispiel: Wenn sich eine Schlange vor jemandes Füssen über den Weg schlängelt oder wenn man plötzlich eine dunkle Gewitterfront entdeckt oder wenn nach einem Spaziergang an einem warmen Sommerabend der Blick auf ein kühles Bier fällt, - in allen Fällen wird man wohl unwillkürlich aufmerken.

Einen Grenzfall zwischen der reinen Materialität und der Lebendigkeit stellt das Leben des menschlichen Körpers und seiner inneren Organe dar, denn einerseits läuft dieses Leben unbemerkt ab und gehört zur Körperlichkeit oder Materialität. Andererseits werden wir beständig mit Informationen aus unserem Körper versorgt, z.B. Hunger, Herzklopfen, Wärmegefühl, Schmerz, Krankheitssymptome und vieles mehr, d.h. die Verbindungen und das Zusammengehörigkeits-gefühl zwischen Bewusstsein und lebendigem Leib sind sehr stark. Das lässt die ausschliessliche Zurechnung des eigenen Körpers zur Welt der Gegenstände unmöglich werden.

Deshalb kann der eigene Körper sowohl pures materielles Objekt sein, als auch lebendiges Gegenüber oder sogar identisch mit dem subjektiven Bewusstsein sein, je nach der Situation, in der wir uns befinden.

3) Von kaum zu überschätzender Bedeutung für ein Lebewesen ist der unmittelbare Kontakt zu den Lebewesen der eigenen Art. Schon der Ursprung, die Entstehung und Geburt durch eine Mutter beinhaltet eine komplexe Gesamtheit von unmittelbaren Informationen, die den Lebenseindruck als solchen, das basale Existenzgefühl, direkt und ohne Zwischenschritt übermittelt. Von Generation zu Generation bleibt das Lebewesen immer in diesem unmittelbaren Leben enthalten. Diesen Vorgang kann man sich sogar für Pflanzen vorstellen, bei denen die Lebensinformation vorübergehend in Samen oder Sporen eingeschlossen ist, aber die Ebene des unmittelbaren Körperkontakts niemals verlässt und auch für die Einzeller, bei denen sich die Mutterzelle in zwei Tochterzellen teilt.

Für die Säugetiere und den Menschen dauert die Phase, in der der Körperkontakt die einzige Informationsquelle aus der Umgebung darstellt, auch noch über die Geburt hinaus an. Er vermittelt den Eindruck von Schutz und Geborgenheit als Voraussetzung zum weiteren Heranwachsen. Erst wenn der Säugling seine Sinne öffnet und andere Lebewesen und Dinge wahrzunehmen beginnt, was bald geschieht, dann ist er in der Lage, den Gebrauch von symbolischer Information und im Falle des Menschen die Sprache zu erlernen, was ihn zu einem sozialen Wesen werden lässt.

Die parallele Koexistenz der verschiedenen Informationsebenen bleibt beim Menschen das ganze Leben lang bestehen, denn auch der Erwachsene sucht neben der symbolisch und sprachlich vermittelten gesellschaftlichen Eingebundenheit immer wieder die unmittelbare Information des "Lebens an sich". In diesem Zusammenhang spielen Nahkontakt, Zärtlichkeit (Liebe), Sexualität, Kampf, überhaupt alle natürliche Vorgänge wie Nahrungsaufnahme und -ausscheidung etc. eine wesentliche Rolle. Besonders beliebt ist der Umgang mit Kindern und Haustieren, da mit ihnen eine unmittelbare, d.h. ausser- bzw. vorgesellschaftliche Kommunikation leichter möglich ist, als mit Erwachsenen.

 

II. Gesellschaft


Die symbolische Information stellt im Gegensatz zur unmittelbaren Information ein grenzüberschreitendes Phänomen dar. Sie ist zwar für ihr Funktionieren auf den Nahbereich angewiesen, aber wegen der die Symbole konstituierenden Abstraktheit kann sie eine Information übermitteln, die den Nahbereich überschreitet. Die Marken, die ein Rüde setzt, um sein Revier zu beanspruchen, sind ein gutes Beispiel dafür, denn das Symbol, das im Nahbereich wahrgenommen wird, stellt seinen Bedeutung, den Territorialanspruch, gerade in Abwesenheit des Informationsaussenders dar.

Wenn die Individuen einer Art in einer Gesellschaft zusammenleben, die so gross ist, dass nicht alle Mitglieder direkten Kontakt haben können, dann müssen Strukturen existieren, die den Zusammenhang der Mitglieder herstellen. Das Mittel, mit dem sich diese Strukturen den Individuen mitteilen, muss ein abstraktes Kommunikationsmittel sein, wie die symbolische Information ist. Man kann noch weiter gehen und sagen, dass die Gesellschaftsstruktur die andere Seite der Medaille ist, deren eine Seite das jeder symbolischen Information zugrundeliegenden Systemprinzip ist. Beide, Gesellschaft und Symbolsystem bedingen sich gegenseitig und werden von dem zeitlich-geistigen "Raum" der Symbole getragen, der dadurch lebendig wird.

Das gemeinsame Existieren und Handeln einzelner Lebewesen beginnt schon bei den einfachsten Arten, die weit von dem spezifischen Bewusstsein der menschlichen Art entfernt sind. So gibt es Einzeller (Volvox), die sich zu einem pilzartigen Gebilde zusammenschliessen und sich dann wieder trennen, je nach Ernährungsbedingungen. Und das perfekte Funktionieren der Insektenstaaten ist ja schon sprichwörtlich.

Das Symbolsystem, bzw. die Symbolverwendung als Mittel der Gesellschaftlichkeit ist vielleicht am besten als Ausdruck einer den Lebensformen eigenen inneren Strukturiertheit zu verstehen. So gesehen ist die Kollektivität, die sich in den Gesellschaften auf verschiedene Weise manifestiert, gleichursprünglich mit den Individuen, was auch bedeutet, dass der Widerspruch zwischen Individuum und Gesellschaft auf verschiedenen Stufen des Leben diesem immanent ist.

Irgendwann in ihrer Entwicklung haben die Menschen begonnen, Sprache zu verwenden. Dieser Schritt hat das menschliche Leben sicherlich wesentlich verändert und vermutlich die Kette von Erfindungen angestossen, die bis heute den Austausch mit der Umwelt und die Lebenserhaltung immer wieder von Grund auf revolutioniert haben. Was den Zustand der Frühgesellschaften betrifft, so blieben die ersten Gemeinschaften, die neben den Symbolen auch sprachliche Informationen verwendeten, zwar noch überschaubar (soweit man das heute herausfinden kann). Aber mündlich tradierte Erzählungen, in denen die verschiedenartigsten Erfahrungen reflektiert und bearbeitet wurden, brachten höchstwahrscheinlich schon grössere Gruppen von Menschen in einen entfernteren, geschichtlichen Zusammenhang, womit der der Sprache zugeschriebene Eigenschaft der Zeitüberschreitung ihre Rolle zu spielen begann. Trotzdem spielte der alltägliche unmittelbare Kontakt unter den Mitgliedern der Gemeinschaft, auch wenn er sprachlich vermittelt stattfand, sowie die symbolische Information, die in gesellschaftlichen und religiösen Ritualen zum Ausdruck kam, immer noch die entscheidendere Rolle. Bei allen Veränderungen blieb die Sprache erst noch ein Hilfsmittel und bestimmte noch nicht das Leben von Grund auf.

So erscheint die Erfindung der Schrift gegenüber dem Gewinn der Sprachfähigkeit von fast noch grösserer Bedeutung, denn erst durch sie wird die materielle Konstanz einer bestimmten sprachlichen Information unübersehbar und geschieht fast von selbst. Die Vorläufer der ersten Schriften waren wahrscheinlich wertvolle Gegenstände (Muscheln), die die Funktion eines Zahlungsmittels hatten. Dadurch ist schon ein abstraktes Prinzip vergegenständlicht worden. Für diese Möglichkeit spricht auch, dass die Erfindung der Schrift in den grossen Städten Mesopotamiens im Bereich des Handels und der Wirtschaft stattgefunden hat.

Seit dem Beginn der Sesshaftigkeit vor etwa zehntausend Jahren entstanden immer größere Gesellschaften, in denen sich die Menschen längst nicht mehr persönlich kennen konnten. Catalhüyük, eine siebentausend Jahre alte Stadt, deren Rest in der heutigen Türkei liegen, hatte schon einhunderttausend Einwohner. Aber erst die Schrift ermöglichte die Entstehung von etwas völlig Neuem, nämlich den statischen, bürokratischen Grossgesellschaften, in denen nicht mehr allein der persönliche Kontakt, sondern die materiell fixierten sprachlichen Informationssysteme eine tragende Rolle spielten. Dies geschah vor allem in Form eines Rechts- oder Gesetzessystems, das in der mit Gewalt durchgesetzten Sprache der Sieger formuliert und angewendet wurde, aber

auch durch die schriftliche Ausformung von Produktion, Handel, Erziehung, Kultur etc.. Im Gefolge der Schrift entstanden alle die Elemente, die für unsere heutigen modernen Geselllschaften längst unhintergehbarer Stand der Dinge geworden sind.

Die unmittelbare Herrschergewalt und Autorität ging zu einem wesentlichen Teil auf das Gesellschaftssystem über und die politischen Mächte konnten auf diese Weise riesige Reiche regieren, in denen die Bewohner einzelner Regionen die anderen Reichsgebiete und die dortigen Menschen nur noch vom Hören-Sagen her kannten. Die Paradebeispiele sind das römische Imperium und das chinesische Reich der Mitte der Chin-Dynastie (und folgende), die beide zur selben Zeit existierten.

Durch die Langlebigkeit der schriftlichen Information ergibt sich eine grosse räumliche und zeitliche Ausdehnung ihrer Verbreitung, aber auch eine zunehmende Distanzierung zwischen der Informationsquelle und einem möglichen Empfänger. All das führt dazu, dass die sprachliche Information immer neutraler gestaltet wird und der persönliche Kontakt immer unpersönlicher wird. Der Umfang der Gesellschaft und die Unabhängigkeit der gesellschaftlichen Strukturen von dem persönlichen (unmittelbaren) Kontakt zwischen den Menschen hat in der Neuzeit ein Höchstmaß erreicht und wird nicht mehr in Frage gestellt. Dafür ist die schriftliche Information der Rechts- und Wissenssysteme, die durch den Staat verkörpert werden, zu einem Selbstläufer geworden, um deren adäquate Form und Legitimität sich fast alles Trachten und Denken dreht. Dies auch, weil der Zugang zu materiellen Gütern und zu Geld zu einem Teil bürokratisch organisiert wird.

Die ausdrückliche Entwicklung der geistigen Individualität in Philosophie, Wissenschaft und Kunst, die parallel mit der Entstehung der Massengesellschaften im Lauf der historischen Zeit stattgefunden hat, erscheint als Kontrapunkt zur Uniformierung und Gleichschaltung in der Masse. Tatsächlich steht in ganz anderer Weise die Sphäre der Unmittelbarkeit, der Raum der unmittelbaren und der symbolischen Information in ihrer Konkretheit und Nähe in unausmessbarer Distanz zu allen beiden "Auswüchsen" der Sprachkultur, d.h. zur (geistigen) Individualität und zur Megagesellschaft. Daher rühren die Frontstellungen zwischen der Modernität des Individuums und der Gesellschaft einerseits und den traditionellen, lokalen Kleingruppen andererseits.

Neben diesen sehr konkreten Auswirkungen auf Gesellschaft und Kultur ermöglicht die Sprache die Intensivierung eines Phänomens, das man Welt nennen kann, obwohl es auch Lebewesen kennen, die keine Sprache in unserem Sinne haben.

 

III. Welt


Es gibt eine sehr ernste, aber dennoch wunderschöne Filmbeobachtung einer Elephantenherde in einer afrikanischen Steppe, die wenige Jahre zuvor noch eine blühende Landschaft war und wegen mangelnder Regenfälle verdorrt ist. Die Herde hält sich zusammen mit vielen anderen Tieren am letzten übriggebliebenen Wasserloch auf. Die üblichen Sicherheitsabstände zwischen den Tieren sind nahezu aufgehoben. Die Atmosphäre ist äusserst gereizt und zugleich hoffnungslos. Eine Elephantenkuh kämpft verzweifelt, um sich aus dem tiefen Schlamm, in den sie zur Kühlung gewatet ist, zu befreien. Irgendwann gibt die Kuh auf. Die Elephanten stehen mehrere Tage unschlüssig herum. Plötzlich, von einem Moment auf den anderen, setzt sich die ganze Herde in Bewegung und beginnt einen langen, wasserlosen Marsch zu einem über hundert Kilometer entfernten Fluss, den gerade die junge Tiere kaum überleben werden. Nach Auskunft des direkten Beobachters gab es keinerlei Anzeichen, die den Entscheidungsprozess und die plötzliche Entscheidung der Herde hätten sichtbar gemacht.

Wie auch immer die Kommunikation in der Elephantenherde funktioniert, der Film, der diese Ereignisse auf eindrucksvolle Weise festhält, vermittelt ein starkes Gefühl für die Welt der Elephanten.

Man kann sich durchaus vorstellen, wie unsere Vorfahren, als sie schon die Sprache verwendeten, eine ähnliche Situation besprochen haben und wie in späteren Generationen einschneidende Ereignisse wie das von Not erzwungene Verlassen der alten Heimat in vielen mythischen Geschichten weitererzählt wurden.

Diese Geschichten konnten etwas vermitteln, das mehr ist als einfache Informationen über den Menschen und seine Umwelt, seien es unmittelbare, symbolische oder sprachliche Informationen. Diese Geschichten erzeugten eine Art Gesamtinformation, die den über alle Einzelinformationen hinausgehenden Zusammenhang mitteilen will und die man Welt nennen kann. Weil die Erzählungen wegen der unabhängigen Dauerhaftigkeit der Sprache weitergegeben werden und seit der Erfindung der Schrift noch grössere Differenzierung und noch weitere räumliche und zeitliche Verbreitung erfahren haben, ist im Lauf der Zeit eine menschliche Welt entstanden, die im Gegensatz zu der auf die Natur begrenzten Welt der Tiere kaum mehr Grenzen kennt. Es ist eigentlich gar nicht erstaunlich, dass heute diese grenzenlose Welt des Menschen seine eigene Natur, von der er weiter abhängt, zu bedrohen beginnt.

Zu den vielen Ausdrucksformen der Sprache, die eine Welt erzeugen, gehören nicht zuletzt die kreative Produkte der Kunst wie Literatur, Theater, bildnerische Formen, die Sprache der Musik und des Tanzes etc., deren Urformen vielleicht im Spiel zu finden sind. In diesem Zusammenhang sprengt der Sprachgebrauch den Rahmen der Information und gewinnt einen an der Lust, der Besinnung und anderen Momenten orientierten Selbstzweck. Diese Selbstzweckhaftigkeit erscheint auch in der steigenden Bedeutung der unmittelbar zu spürenden Materialität der Symbole, Zeichen und Ausdrucksformen. Kunst zeichnet sich durch eine sehr enge und verschränkte Koexistenz der verschiedenen Informationssphären aus.

Die menschliche Kultur bewegt sich wie selbstverständlich in den Bahnen der mündlichen und schriftlichen Sprachen und Symbolsysteme. Es fällt sehr schwer, Sensibilität und einen Maßstab dafür zu entwickeln, inwieweit die spezifische Vielfalt und die Grenzenlosigkeit dieser Kultur oder dieser Kulturen dem Phänomen der sprachlichen Information und der Sprache überhaupt geschuldet ist. In dieser Vielfalt und Buntheit geht der fantastische, unglaubliche Charakter der Sprache unter. Sprache und unsere sprechenden Vorfahren gibt es aber schon unendlich viel länger als jede noch so ehrwürdige Tradition in der heutigen Welt.

Wenn man spricht und denkt, verliert man die Sprache selbst zwangsläufig aus den Augen. Die Sprache ist quasi der blinde Fleck des homo sapiens sapiens. Je mehr die Sprache eine Rolle im Zentrum des menschlichen Lebens spielt, desto mehr zwingt sie den Menschen zu einer unbekannten Dimension der Offenheit und das auf zweierlei Art. Zuerst muss er sich von sich aus auf dieses immer wieder völlig neue Phänomen einstellen. Um die durch die Sprache implizierte, konstitutionelle Ungewissheit zu kompensieren, beginnt er in nie gekannter Weise auf seine Lebenswelt zuzugehen und sie mit Hilfe der Sprache neu zu erforschen und zu verändern, ja neu zu erfinden. Das führt dazu, dass der Mensch beginnt, seinen eigenen Produkten zu begegnen, als wären sie fremde. Zum zweiten stellt die Sprache als Informationsmedium wegen der positiven Abwesenheit, welche die Zeichen entstehen lässt und wegen der unbegrenzten Kombinatorik der Zeichen die Offenheit schlechthin dar und verlangt als solche wahrgenommen und einbezogen zu werden.

Je mehr der Mensch sein Leben auf die Konstrukte der Sprache baut, wobei die technischen Errungenschaften in ausgezeichnetem Maße solche Konstrukte sind, desto mehr lässt er ihre doppelte Offenheit in sich ein. Das bewirkt die zunehmende Unberechenbarkeit seiner Handlungen, während gleichzeitig sein Schicksal immer unwägbarer wird trotz der grenzenlosen Steigerung der Fähigkeiten und Aktivitäten. Diese spezifische kulturelle Entwicklung hat zur Folge, dass sich die menschliche Welt immer deutlicher von der tierischen Welt unterscheidet. Während bei den Tieren die Welt immer an das einfache, "kreatürliche" Dasein gebunden ist, bläht sich die menschliche Welt auf und entwickelt eine fremdartige (tötliche?) Eigendynamik, die das ursprüngliche unmittelbare Dasein der Menschen überwuchert und usurpiert. Ein Dichter hat das folgende Bild gefunden, das diesen Tatbestand genau trifft: "Sprache ist ein Virus aus dem Weltraum" (W. S. Burroughs).

Die Welt der Menschen auszuloten scheint ein nahezu unmögliches Unterfangen zu sein. Vielleicht ist der Begriff der Mode die beste Metapher dafür, wankelmütig, nie vorhersehbar, offen und doch alles prägend. Wo sollte man diese Welt fassen? In der Art, wie Häuser gebaut werden, wie Feste gefeiert werden, wie die Toten bestattet werden, in den Formen der Herrschaft, in den Künsten, in der Wirtschaft, der Technik oder den Medien, in den bäuerlichen Wurzeln der Gesellschaft oder in den Megalopolen, in der Unvereinbarkeit der Standpunkte, im Krieg oder in der grossen Gemeinschaft der Völker und dem Frieden, in der unermesslichen Destruktivität und den abartigen Grausamkeiten oder in den grossartigen Leistungen und der menschlichen Güte, . . . ? Überall entgleitet das Phänomen dem Zugriff und man wird zurückverwiesen auf die Wurzel dieser Welt - auf die Sprache.

Dieser Text (diese sprachliche Information) ist ein Versuch, mittels des Begriffes Information die Offenheit und Unfassbarkeit der Sprache in den Blick zu rücken. Aus diesem Grund müssen zunächst die Grenzen der Information bestimmt werden, bevor dann versucht wird, das Spezifische der menschlichen Sprache und Welt durch die Betrachtung des Phänomens der Aktualität zum Aufschein zu bringen.




C. Grenzen der Information


Der Übergang von der ubiquitären unmittelbaren Information zur sprachlichen Information (bzw. zur zeichenverwendende Information) ist nicht fliessend, sondern stellt einen Sprung dar, denn beide sind untereinander inkommensurabel und die sprachliche Information unterliegt ganz anderen Bedingungen. Eine Sprache muss erlernt werden und ist deshalb auf eine bestimmte Sprachgemeinschaft begrenzt, d.h. das Phänomen der Grenze ist für die sprachliche Information konstitutiv. Da der Mensch, auf den sich die Untersuchung weiterhin konzentriert, in allen Informationsbereichen zugleich lebt, ist es für ihn aus diesen Gründen unausweichlich, auf Grenzen zwischen diesen Bereichen zu stossen.

 

I. Bereiche ausserhalb von Information


Wenn man von einem ganz einfachen, basalen Begriff von Geist ausgeht, der sich allein aus der Tatsache der Strukturiertheit oder - noch allgemeiner - der puren Existenz aller Entitäten und Bewegungen im Kosmos (in allen möglichen Welten) herleitet und der damit das Pendant zur unmittelbaren Information im Sinne von Information überhaupt ist, dann scheint es tatsächlich keinen Bereich ausserhalb von informativen Vorgängen zu geben. Denn sobald nur irgendetwas irgendwo ist und eine Rolle spielt und sei es, dass ein Stück anorganische Materie auf ein anderes solches Stück fällt, existiert bereits ein lokaler informativer Kontakt, insofern Information als das verstanden wird, was einen Empfänger irgendwie betrifft und nicht nur das, was von einem bewussten Empfänger rezipiert werden kann.

Erst im Zusammenhang der Sprache tritt das Phänomen eines Bereiches ausserhalb einer Informationsform unabweisbar in Erscheinung. Denn mittels sprachlicher Information kann man an die Ereignisse, die unmittelbar wahrgenommen werden bzw. unmittelbar stattfinden, nicht direkt anknüpfen. Diese können nur aus einer Erfahrung heraus mit Worten zeitgleich begleitet werden oder, wenn die aktuelle Situation vorbei ist, nachträglich beschrieben werden (das gilt selbstverständlich auch für alles, was in diesem Text über das Unmittelbare ausgesagt wird). Der Grund der Unvereinbarkeit von unmittelbaren Geschehnissen (Informationen) und sprachlicher Information liegt darin, dass die Sprache auf abstrakten, linguistischen Prinzipien beruht, die wie schon beschrieben mehrstufig und in sich vermittelt sind, und dass ihr daher eine Distanziertheit und Nachträglichkeit zu eigen ist, der erst die eigentliche sprachliche Information quasi "aufruht", wiewohl diese Information wiederum nicht von ihrem sprachlichen "Material" zu trennen ist.

Das normale Verständnis ist geneigt, tote Gegenstände wie etwa Steine oder eine Natur, die als feindlich erlebt wird (Stürme, gefährliche Tiere etc.) als den Teil der Welt zu betrachten, der ausserhalb der sprachlichen Information liegt, weil er durch Sprechen nicht erreichbar, bzw. beeinflussbar ist. Es nützt noch nichts, darüber zu reden, man muß sich aktiv davor schützen. Doch dies trifft nicht den entscheidenden Punkt, schliesslich sind auch die Tiere derselben Ignoranz ihrer Umgebung ausgesetzt, obwohl sie die Kategorie des Aussersprachlichen mangels Sprache gar nicht haben können. Die Voraussetzung für die sprachliche(!) Kategorie des Aussersprachlichen ist nicht die feindliche Umwelt, sondern vielmehr der aus der gerade beschriebenen Unvereinbarkeit zwischen Sprache und Unmittelbarkeit resultierende Dualismus zweier Bereiche.

Das Funktionieren der sprachlichen Information als Mittel zur Orientierung in der Körperwelt benötigt im Gegensatz zur unmittelbaren Information fast immer einen Zwischenschritt, nämlich die Interpretation der gegebenen Information nach den immanenten Bedingungen des Sprachsystems. Ausnahme sind nur die Fälle, die man auch verstehen würde, wenn man in einer völlig fremden Sprache angesprochen würde, weil die Bedeutungen sich aus der Situation zwingend ergeben.

Aus diesem Grund ist die sprachliche Information gegenüber den unmittelbaren Informations-ereignissen bezüglich der Eindeutigkeit der Aussage im Nachteil.

Der Mensch kommt aus der unmittelbaren Körperwelt und ist untrennbar in sie eingebettet, deshalb hat er seine Sprachverwendung von vorne herein dieser Tatsache angepasst. Die Eingebundenheit in die Körperwelt dominiert einen Grossteil des menschlichen Lebens und damit des menschlichen Informationsgebrauchs, deshalb hat die Sprache gegenüber den Anlässen, die sie in diesem Zusammenhang zum Ausdruck bringen muss, eine dienenden Funktion. Diese Subordination verstärkt für das zu sich kommende Sprachbewusstsein den Eindruck der Fremdheit. Es empfindet sich einem für es selbst nicht fassbaren Bereich ausgeliefert.

Es ist für die Sprache, bzw. für das Sprachbewusstsein sehr schwer, einen Umgang mit der Erfahrung der Begrenztheit zu finden. Durch ihre immaterielle Eigenständigkeit ist sie in der Lage, ein informatives und unabhängiges Abbild der Gegebenheiten, die der Mensch in seiner Umgebung antrifft, zu gestalten. Seit der Erfindung der Schrift, insbesondere in der Neuzeit kann der Mensch auf diese Weise sogar völlig neue Welten zu konstruieren, allerdings auch ungeheuere Kräfte und Mechanismen freisetzen. Die Sprache oder der Sprachgeist kann eine Distanz zur Ebene der Unmittelbarkeit erzeugen und diese in steigendem Maße manipulierbar machen. Andererseits hindert ihre formale Autarkie die Sprache daran, ihre eigenen Grenzen positiv festzustellen. Man kann nur an die Erfahrungen appellieren, die der Benutzer der Sprache im Bereich der unmittelbaren Information gemacht hat, um die Existenz dieses Bereichs aus der Sicht der Sprache indirekt, durch den Aufweis eines Mangel quasi negativ in den Blick zu rücken. Denn nur das darüber reden genügt keineswegs, um den unmittelbaren Bereich zu erfassen. Selbst Literatur und Poesie, die zweifellos am offensten für das "Andere" der Unmittelbarkeit sind, bleiben trotz aller Mimesis (Nachahmung) in den Grenzen der Sprache gefangen.

Je umfassender das menschliche Leben durch die Sprache gestaltet wird, desto mehr neigt das Sprachbewusstsein dazu, sich zu überhöhen und seine eigenen Grenzen zu ignorieren. Aber auch die Gegenbewegung ist bekannt. Mit Hilfe von Musik, Kunst und Film oder durch Drogen, durch Kulte der verschiedensten Art versuchen die Menschen, dem Sprachbewußtsein (dem Denken) ganz zu entfliehen und scheitern doch immer wieder.

Für den Menschen und seine Kultur ist und bleibt es ein manifestes Problem, in zwei informativen Bereichen zu leben, die unvereinbar sind und die sich gegenseitig nicht direkt wahrnehmen können (denn offensichtlich hat die unmittelbare Information erst recht keinerlei Möglichkeit, so etwas wie Sprache zu erfassen). Trotzdem bleiben beide Bereiche für den Menschen unhintergehbar. Auf der Suche nach eine feste Basis wird eine der beiden Seiten als Idealismus oder Realismus übermäßig aufgewertet. Das geht bis zur künstlichen Ignoranz der anderen Seite.

 

II. Fehlen gemeinsamer Informationsformen


Auf der Ebene der unmittelbaren Information kann es keine Non-Kommunikation geben, denn sobald zwei Individuen im Nahbereich zusammen sind, z.B. wenn ein Bussard eine Maus fängt, entsteht ein unweichlicher informativer Kontakt, auch wenn die Botschaft für den einen "Tod" heißt. Auf der Ebene der sprachlichen Information ist das Fehlen des kommunikativen Kontakts fast ein normaler Fall, da immer nur eine bestimmte Anzahl von Individuen dieselbe Sprache spricht. Das hängt erstens damit zusammen, dass Sprache eine definierte Struktur besitzt, die das Individuum erlernen muss und zweitens damit, dass diese Struktur sich in begrenzten Gemeinschaften herausgebildet hat und jedesmal verschieden ausfällt. Jedes komplexe Sprachsysteme, jede einzelne Sprache unterscheiden sich mehr oder weniger stark von den anderen. Der Unterschied hängt unmittelbar davon ab, wie lange sich eine Menschengruppe von der anderen abgekoppelt hat. Ob es je eine gemeinsame Ursprache gegeben hat oder mehrere, ist sicher nicht mehr festzustellen. Diese kulturelle Entwicklung, die unter anderem auch eine immer grössere Abhängigkeit von der Sprache mitsichgebracht hat, ist geradezu prädestiniert dafür, Informations- bzw. Kommunikationsprobleme zu schaffen.

Das Fehlen einer gemeinsamen Sprache spielt vor allem dann eine negative Rolle, wenn die Menschen durch ihre Lebensumstände voneinander abhängig sind, obwohl sie nicht dieselbe Sprache sprechen. Sicherlich könnte man der Flexibilität der sprachlichen Information neue Formen abzuringen und eine gemeinsame Sprache zu erfinden, aber das dauert lange. Die Geschichte von der babylonischen Sprachverwirrung wird mit gutem Grund erzählt und politische Hegemonien begannen oft damit, eine Idiom als verbindliche Verkehrssprache durchzusetzen.

Generell lässt sich sagen, dass je grösser die Vielfalt oder Strukturiertheit des Informationsmittels ist, desto grösser sind auch die Ausfall- und Fehlermöglichkeiten. Daher ist die menschliche Geschichte nicht nur eine Höhepunkt der Sprachlichkeit und des Informationsaustausches, sondern auch des Missverständnisses, der Sprachlosigkeit und damit des Krieges. Man kann in diesem Zusammenhang von einer Art Rückstufungsprinzip sprechen. Wenn die Kommunikation auf einer Ebene, z.B. der sprachlichen, scheitert, dann wird automatisch auf der nächst niedrigeren, also der symbolischen Ebene kommuniziert. Sollte die Verständigung auch hier scheitern und die Individuen bleiben trotzdem aufeinander angewiesen, dann gibt es nur noch den unmittelbaren Kontakt und der ist bei der Art homo sapiens sapiens wegen seiner evolutionären Ausstattung allzuoft gewaltsam.

 

III. Überforderung der Informationsmittel


Die Möglichkeiten der Informationsmittel stossen an entscheidende Grenzen, wenn eine Kommunikationsgemeinschaft in neue, unbekannte Situationen gerät. Vermutlich hat nur die sprachliche Information genügend Innovationspotential, um sich schnell an neue Erfordernisse anzupassen. Es existieren diesbezüglich zwei verschiedene Fälle. Ist die neue Situation eine Variation einer alten Gegebenheit, dann muss nur eine neue Beschreibung oder eine neue Bezeichnung entwickelt werden, z.B., wenn prähistorische Menschen ein noch unbekanntes Tier entdeckt hatte oder wenn heute ein neues Elementarteilchen entdeckt wird. In der fortgeschrittenen Gesellschaft des 20. Jahrhunderts ist ein derartiger Namengebungsvorgang schon beinahe alltäglich.

Ganz anders liegt die Sache, wenn in der neuen Situation nicht ohne weiteres an etwas Bekanntes angeknüpft werden kann, sondern etwas Unbegreifliches passiert ist. Dieses Phänomen gibt es im persönlichen und im gesellschaftlichen Erfahrungsbereich. Für den Einzelnen sind die verschiedensten Situationen denkbar, die er mit sprachlichen Mitteln ad hoc nicht bewältigen, d.h. nicht begreifen kann, z.B. Begegnungen mit der Liebe, mit Gewalt oder Tod, bestimmte religiöse Erlebnisse. Auch für eine Gesellschaft kann es bei bestimmten Ereignissen zur Sprachlosigkeit kommen. Nehmen wir als Beispiel ein schreckliches Erdbeben, das ein prähistorischer Stamm erlebt und das er sich nicht erklären kann oder eine nationale Katastrophe wie der zweite Weltkrieg für die Deutschen, der sie nicht nur mit millionenfachem Sterben konfrontierte und in materielle Not und Elend stürzte, sondern durch die Mitschuld am Krieg und vor allem durch begangenen Verbrechen eine unglaubliche Zerstörung ihrer eigenen moralischen Integrität bedeutete. Die Sprache wird solchen geschichtlichen Ereignissen nicht gerecht werden können.

In der heutigen hyperaufgeklärten und multimedialen, wissenschaftlich-technischen Weltzivilisation jedoch scheint etwas wirklich Neues nur mehr schwer vorstellbar zu sein - mit einer Ausnahme: diese Zivilisation selbst, bzw. ihr geschichtliche Perspektive, insofern sie als Ganzes in Frage steht. Noch nie ist ein epochaler Zustand derartig offen und unwägbar gewesen, wie ausgerechnet derjenige des Zeitalters, das sich wie noch keines vor ihm bemüht, alles im Griff zu haben. Dies kommt nicht von ungefähr, denn im Gegensatz zu früheren Epochen, die zwar viel weniger wussten, aber umsomehr glaubten und daher in einer mehr oder weniger geschlossenen Welt lebten, ist seit Beginn der Neuzeit eine Entwicklung in Gang gekommen, welche die uneingeschränkte, d.h. wissenschaftliche Verwendung der Sprache als Weg zur Entscheidung, was richtig und gültig ist, immer mehr zum Maß aller Dinge werden lässt.

Aber in der auf Evidenz, Rationalität und Allgemeinheit ausgerichteten neuzeitlichen Welt- und Lebensgestaltung entstehen zwei fundamentale Gegenpole. Zum einen drängt sich der von sprachlicher Information nicht erfassbare "Rest", d.h. der grosse Bereich der unmittelbaren Zustände und Wahrheiten umso deutlicher in seiner mächtigen Eigendynamik in den Vordergrund, je abhängiger die herrschenden Kultur von der Verwendung sprachlicher Information ist. Deshalb empfinden wir in der Neuzeit auch ein sehr starkes Moment der missglückten Verdrängung und Irrationalität. Gerade die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts spricht all den Hoffnungen der Aufklärer Hohn, die Menschen durch Bildung in ein besseres Zeitalter zu führen. Man könnte dieses Jahrhundert aber auch als ein Aufbäumen verstehen, als einen Endkampf der unmittelbaren Welt, bevor es den Menschen gelingt, endgültig Sprachwesen zu werden.

Zum anderen wird der Mensch in einer fortschreitend zivilen Welt immer mehr mit der seiner Sprache eigenen Offenheit und Rätselhaftigkeit konfrontiert, die aus der Interpretationsabhängigkeit sprachlicher Information - ihr ideologischer Imperativ, wie man das nennen könnte - und aus ihrer formalen Autonomie resultiert. Dies verursacht einen Zustand der Bodenlosigkeit und Entfremdung.

Wenn man sagt, dass eine sinnvolle Diagnose das herausragende Defizit unseres Zeitalters darstellt, die tragfähige Perspektiven aufzeigen kann und nicht nur eine erneute Herrschaftsideologie implementiert, dann ist damit nicht gesagt, dass frühere Epochen einen klareren Blick auf ihre Situation hatten. Vielmehr beinhaltet die unendliche Steigerung, die heute alles erfährt, sowohl die grössten Chancen wie auch die grössten Gefahren und damit eine grössere Ausgesetztheit, als sie frühere Epochen je gekannt haben. (Bei den Griechen schien sie das erste Mal auf und brachte Sokrates zu der Erkenntnis, dass der Mensch sich angesichts seiner neuen Freiheiten von der Aussensteuerung auf die Innensteuerung umstellen müsse - eine Erkenntnis die von der Mehrheit weder verstanden noch gedankt wurde.) Aus diesem Grund wäre eine neue Stufe der Selbst- bzw. Weltvergewisserung essentiell notwendig.

Stattdessen werden wir an die Grenzen unserer Informationsmittel geführt, denn indem der heutige Weltzustand in höchstem Masse den Verwendungen der sprachlichen Information entstammt, müsste man als erstes die Frage nach der Sprache "an sich" stellen, um ihn begreifen zu können. Nun gibt es aber kein Metainformationsmittel, mit dem die Sprache von aussen betrachtet werden kann, um ihren Sinn und ihre Perspektive sichtbar zu machen. Die sprachliche Selbst-vergewisserung, welche nichts geringeres ist als die Vernunft, bleibt der Zirkelhaftigkeit und Ausweglosigkeit dieses konstitutiven Mangels verhaftet. Aus eben diesem Grund können wir uns auch kein informatives Bild über die Bedeutung unserer Epoche machen, das nicht von dem Informationsmittel Sprache abhängig wäre, welches andererseits das Movens der Epoche ist. Dadurch ist der heutige Mensch in der paradoxen Situation, ein Höchstmaß von selbstbestimmter Aktivität auszuführen und trotzdem zu einer fatalen Passivität im sensibelsten Bereich, nämlich der angemessenen globalen Rahmenplanung dieser Aktivität, verdammt zu sein. Alles wird mehr und mehr von der Theorie bestimmte, aber eine Theorie der Theorie kann keine handhabbare Theorie sein. Das offenste Zeitalter hat die scheinbar verschlossenste, weil unbegreiflichste Zukunft vor sich - eine Unbegreiflichkeit, die wiederum die Bedingung dieser Offenheit ist. Die Sprache wird Grund und Grenze unserer Zeit.

 

IV. Vermittlung der Informationsformen, Esoterik


Unter Esoterik versteht man meist die Beschäftigung mit Phänomenen, die nicht den durch die strengen Wissenschaften erforschten, klassischen Naturgesetzen unterworfen sind. Die Esoterik operiert mit der Annahme oder der Erfahrung(?!), dass es Vorgänge im Kosmos gibt, die von den normalen Medien zur Informationsübertragung, das sind Licht, Luft und feste Materie, unabhängig sind. Esoterik bezieht sich demnach auf eine Grenze der Informationsmittel, die im Zusammenhang mit ihr überschritten wird.

Obwohl die Wissenschaften ihre diesbezügliche Eindeutigkeit mittlerweile verloren haben, werden harte Materialisten oder Rationalisten, man könnte sie auch Intersubjektivisten nennen, solche Voraussetzungen als groben Unfug und Nonsens abtun. Es stellt sich jedoch die Frage, ob diese Ignoranz nicht ebenso fragwürdig ist, wie der kritiklose Glaube an esoterische oder paranormalen Phänomene, dem soviele Menschen anhängen. Denn der Witz der Esoterik besteht ja im Gegensatz zur Exoterik gerade darin, dass diese Art von Vorkommnissen nicht allgemein zugänglich ist, und dass deshalb die wissenschaftlichen Wahrheits- oder Realitätserforschungsverfahren nicht in der gewohnten Weise greifen können. Ein ganz nüchternes Beispiel für einen esoterischen Bereich ohne jede "Zauberei" ist der rechtsfreie Raum in (oder neben) einer rechtsstaatlichen Gesellschaft und zwar einfach deshalb, weil dieser von den allgemeingültigen, d.h. exoterischen Gesetzen nicht sinnvoll erfasst werden kann. Er obliegt der idiosynkratischen Gestaltung jedes Einzelnen und für die anderen meist nicht nachvollziehbar.

Bei einer Bestimmung des Begriffs Esoterik kann es also nicht darum gehen, ob all die unglaublichen Effekte, Kunststücke und Leistungen der sog. Esoteriker "wahr" sind, vorausgesetzt, diese verlangen von der modernen Gesellschaft keinen verbindlichen Glauben an ihre "Wunder". Vielmehr muss man Esoterik als die Kategorie nehmen, in der alles das einbegriffen ist, was und warum es aus der je einmaligen Binnenperspektive des Individuums gesehen eine wesentliche Rolle spielt. Letzteres hängt wiederum davon ab, was die einzelne Person in ihrem Leben für möglich hält, bzw. woran sie glauben kann und was die Gesellschaft in sie hineinprojiziert, bzw. ihr zugesteht.

Da nun auch eine Gemeinschaft von mehreren Individuen angefangen von der Familie bis zu den grössten Staaten eine Einheit mit entsprechender einzigartiger Binnenperspektive ist, wird man auf allen gesellschaftlichen Ebenen esoterische Momente finden. So können Kunstwerke, Kulthandlungen oder alle Symbole der Gruppenidentität, insofern sie in ihrer eigentlichen Bedeutung nur für die Gemeinschaftsmitglieder nachvollziehbar und wirksam sind, als Phänomene der Esoterik betrachtet werden.

Besonders interessant ist ein Beispiel, das über den modernen Rationalismus hinausgeht und das unter dem Begriff "morphogenetisches Feld" bekannt geworden ist. Dieser Begriff wurde geprägt, als man bei verschiedenen Ausgrabungen glaubte festgestellt zu haben, dass bestimmte Erfindungen der prähistorischen Menschen wie z.B. die Verwendung eines Werkzeuges an verschiedenen Orten gleichzeitig aufgetaucht sind. Da aber wegen der geringen Mobilitätsmöglichkeiten der damaligen Menschen das zugehörige Wissen nicht von Person zu Person ausgehend von einem Erfinder verteilt worden sein konnte, musste die Erfindung an verschiedenen Stellen unabhängig voneinander gemacht worden sein. Eine derartige Gleichzeitigkeit kann schwerlich purer Zufall sein. Deshalb ging man von einer wie auch immer gearteten esoterischen Informationsübertragung aus, deren Trägermedium dieses "morphogenetisches Feld" von nicht näher spezifizierbaren "geistigen" Schwingungen sein soll, das die ganze Population oder Art direkt verbindet.

Für den Begriff der Information folgt aus der grenzüberschreitenden Eigenart der esoterischen Information, dass die in diesem Text vorgeschlagene Trennung zwischen unmittelbarer, symbolischer und sprachlicher Information zumindest partiell aufgehoben wird. Einerseits ist die esoterische Information unmittelbar, da sie qua Definition nur bei oder in dem individuellen (existentialen) Erfahrungsraum existiert. Man könnte sogar umgekehrt sagen, dass die unmittelbare Information geradezu ein Prototyp für Esoterik ist, insofern ihr Stattfinden untrennbar mit dem unmittelbaren Nahbereich der Beteiligten verbunden ist, im Gegensatz zur Überörtlich- und Überzeitlichkeit schon der Symbole und erst recht der Sprache. Andererseits ist die Binnenperspektive eines sprachbegabten Lebewesens durchdrungen und geprägt von jenem geistigen "Raum", den die Sprache eröffnet. Die Sprache findet unmittelbar in den Menschen statt.

Die esoterische Information vermittelt dadurch den Anschein, als könnte sie den Spalt zwischen den sich einander ausschliessenden Informationsformen überwinden. Wenn die konkreten, individuellen Personen, indem sie gleichzeitig in der Unmittelbarkeit der Körperwelt und in der sprachlichen Vermitteltheit der Geisteswelt, d.h. in einer aus beiden bestehenden esoterischen Dimension, aktiv ihr Leben vollziehen, stellen sie natürlich eine Brücke zwischen den Informationssphären her. Aber der Spalt zwischen diesen Informationssphären, ihre Inkommensurabilität wird dadurch nicht überwunden, sondern nur in Personen hinein verlagert und von ihr auf aktive Weise überbrückt. Esoterische Ereignisse können sehr leicht eine Einheit vorspiegeln, die es so nicht gibt, besonders, wenn sie als exoterische Wahrheiten daherkommen, die besondere Autorität einfordern. Tatsächlich ist das exoterische vom Individuum aus gesehen immer vermittelt und sei es nur als die Erfahrung, die jemand mit seinem Nachbarn teilt. Hat diese Erfahrung Bedeutung für ihn, wird er sie esoterisch verarbeiten, d.h., sie zu seiner Sache machen.

Die esoterische Information ist keine Ausnahmeerscheinung, denn wenn im nächsten Abschnitt der Begriff der Aktualität als wesentlicher Bestandteil der sprachlichen Information herausgearbeitet wird, dann stellt sich heraus, dass der menschliche Informationsgebrauch als singuläres und auf Individuen bezogenes Ereignis meist esoterisch ist, während die exoterische Information, z.B. in der klassischen Form eines mathematisches Kalkül, die eigentliche Ausnahme darstellt. Die kreative Wissenschaft des neuzeitlichen Konstruktivismus (alles ab Galileis mathematischen Fallgesetzen) hat zwar ungeheurere Möglichkeiten eröffnet und wird dies auch weiter tun, aber sie kann trotzdem qua Definition nur den kleinsten gemeinsamen Nenner der Menschen ausgestalten. Das, was das persönliche menschliche Leben eigentlich ausmacht, geht weit darüber hinaus.

Es zeugt allerdings für die Verwickeltheit der Begriffe, dass das Gegensatzpaar esoterisch/exoterisch sehr leicht die Positionen wechseln kann. Wenn z.B. ein mathematisches Kalkül von seinem Erfinder aus den inneren Weiten seines kreativen Potentials heraus geschaffen wird oder ein anderes zur Berechnung einer Wasserstoffbombe in Kriegszeiten gebraucht wird, dann existiert für diese beiden abstrakten Sprach- oder Zeichenformeln sehr wohl ein esoterischer Bezug zur Binnenperspektive eines großenn Erfindungsgeistes bzw. zu den existentiellen Bedürfnissen eines von solcher Technik abhängigen Gemeinwesens. Andererseits muss eine bestimmte kultische Handlung bei aller esoterischen Ausrichtung eine definierte exoterische Gestalt (symbolischer und/oder sprachlicher Information) haben, um überhaupt eine grössere Anzahl von Individuen zu erreichen.




D. Aktualität der Information


Eine Information, die in dem bestimmten Augenblick, für den sie geschaffen wurde, tatsächlich funktioniert, d.h. vom Empfänger in dem Sinn verstanden wird, den der Aussender intendiert hat, ist ein Geschehen, das nicht verallgemeinerbar ist. Daran ändert auch eine mehrmalige Wiederholung des scheinbar selben Informationsereignisses nichts. Jedes konkrete Ereignis ist, wenn es stattfindet, neben oder über alle berechenbaren Komponenten hinaus wesentlich kontingent und komplex, so dass es sich niemals gänzlich auf allgemeine Prinzipien reduzieren lässt. Dieses Moment einer stattfindenden Information, ihre jeweilige Bezogenheit auf eine konkrete Kommunikationssituation, nennt man Aktualität.

Aus dieser Definition ergeben sich zwei Schlüsse: 1. Aktualität ist (wie die Mode) rational oder theoretisch nicht einholbar, weil sie ein singuläres, das Individuum oder die individuelle Gruppe betreffendes Phänomen ist. Daher gehört sie mehr zum esoterischen als zum exoterischen Bereich. 2. Streng genommen ist nur die aktuelle Information eine Information. Andernfalls handelt es sich nur um eine in der Vergangenheit oder in der Zukunft mögliche Information bzw. um eine Information, die gar keine ist.

Indem das Augenmerk auf esoterische Singularität als Kriterium der Aktualität einer Information gerichtet wird, sollen mögliche Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Kommunikationssituationen keineswegs in Frage gestellt - jene Gemeinsamkeiten, die die Wissenschaft mit großem Erfolg erforscht hat und sinnvollerweise auch weiterhin erforscht. Es führt nicht weiter, die verschiedenen Qualitäten oder Betrachtungsebenen gegeneinander auszuspielen. Allerdings steht für die hier anvisierten Phänomene eine moderne Gestaltung noch aus.

Im folgenden Abschnitt wird zunächst die Aktualität als Eigenschaft der Information durch vier Kriterien näher bestimmt. Danach soll gezeigt werden, inwiefern die Politik das eigentliche Feld der aktuellen Information ist. Politik wird dabei allgemeiner als die Vermittlungsleistung zwischen den verschiedenen inkommensurablen Informationsformen verstanden. Sie ist somit eine Grundleistung eines jeden erwachsenen Menschen, wenn er sie nicht verweigert beziehungsweise regrediert und sich infantilisiert, wie es für viele Menschen unter Herrschaftsregimen, aber leider auch in modernen Massengesellschaften üblich ist.

 

I. Kriterien der Aktualität


Für die unmittelbare Information stellt sich das Problem der Aktualität nicht, da sie überhaupt nur im Hier und Jetzt existiert. Im Gegensatz dazu sind die symbolische und die sprachliche Information zeitbedingt, denn gerade weil sie primär auf einer "überzeitlichen", geistig-abstrakten Form basieren, muss die Qualität der Aktualität, die auch auf einer Zeitdifferenzierung beruht und die beide erst zu einer Information im eigentlichen Sinne werden lässt, als eine Komponente von aussen hinzukommen. Wenn z.B. ein Fuchs die Marke eines anderen Fuchses antrifft, der gerade von einem Jäger erschossen wurde, dann ist diese Revierbegrenzungsinformation nicht mehr aktuell.

Noch nicht aktuell ist eine alte, in einer Bibliothek schlummernden Schrift oder ein alter verschollener Plan, der zu einem Schatz führt, aber auch bestimmte Zeichen in der natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt, wie einer Wolke, die zu einer Wetteränderung führen kann, einen kleinen Aufruhr, der in eine Revolution münden kann. Erst wenn diese Phänomene von jemand entdeckt und richtig interpretiert werden, dann werden sie zu einer aktuellen Information.

Das erste Kriterium für Aktualität besteht demnach darin, dass die symbolischen und die sprachlichen Informationen von lebendigen Aussendern ausgehen oder dass sie von lebenden Empfängern verstanden werden (oder beides).

Weiterhin müssen sowohl Aussender wie auch Empfänger in der Lage sein, die Sprache, bzw. das Symbolsystem richtig zu benützen und zu interpretieren, bzw. die Umweltgegebenheiten richtig zu deuten. Der Aussender muss eine sinnvolle Information gestalten können, der Empfänger Informationen erkennen können. Dies ist aber nicht im Sinn von beliebiger Information zu verstehen, sondern die Fähigkeit ist erst dann gegeben, wenn die gegebene Information bzw. das Verständnis der jeweiligen Kommunikations- oder Umweltsituation angemessen sind. Das gilt z.B. auch und gerade für Nonsensinformationen als Ausdrucksmittel der Kunst, die ein Höchstmaß an kommunikativer Sensibilität erfordern (und nicht "das kann ich auch"!). Ein zweites Kriterium der Aktualität ist demnach die spezifische Kompetenz, eine Information als aktuelle Kommunikation funktionieren zu lassen, sei es als Aussender oder als Empfänger.

Als drittes Kriterium spielt die Auswahl des Übertragungsmediums und der Übertragungsform einer Information eine wesentliche Rolle dafür, dass etwas aktuell wird. Zwar sind beide Elemente auf der Ebene der reinen Symbolvermittlung und im Nahbereich noch ohne Bedeutung, weil es dort wenig Variationsmöglichkeiten der Informationsgestaltung gibt. In komplexen menschlichen Gesellschaften, wie sie sich durch die Sesshaftigkeit und durch die Schrift (Bürokratie) ausgebildet haben, jedoch hängt im Kleinen wie im Grossen für das Gelingen einer (aktuellen) Information sehr viel davon ab, ob die richtigen Worte oder Bilder zur richtigen Zeit im richtigen Medium plaziert werden können. Die sog. Öffentlichkeit einer Gesellschaft ist eine durch die Sprache entstandene Sphäre, die jeglicher Natürlichkeit entbehrt. Sie ist von der Welt des einzelnen Menschen abgehoben, deshalb muss eine Äusserung, die in dieser Sphäre Aufmerksamkeit erreichen will, sehr bewusst und sehr spezifisch gestaltet werden. Aktualität in der menschlichen Kultur ist in höchstem Masse ein Kunstprodukt.

Das vierte und wichtigste Kriterium für die Aktualität ist die Gegebenheit einer bestimmten (Kommunikations-)Situation. Für eine Gruppe hungriger Löwen ist das Herannahen einer Herde Gnus eine sehr aktuelle Information - sind die Löwen gesättigt, interessieren sie sich dagegen kaum dafür. Wenn jemand eine Wohnung sucht, dann sind die entsprechenden Zeitungsannoncen für ihn aktuell, andernfalls wird er sie kaum lesen oder für jemand, der am Fuß eines Vulkans wohnt, hat eine neue Rauchsäule aus dessen Krater eine andere Relevanz, als wenn man sie 1000 km entfernt im Fernsehen sieht.

Es ist schwierig, etwas über die Situation, beziehungsweise über ihre Rolle als Kriterium der Aktualität auszusagen. In gewisser Weise bringen solche Prädikate wie die "richtige Information zur richtigen Zeit vom richtigen Aussender an den richtigen Empfänger" oder "irgendeine Situation ist immer gegeben" oder "Situation ist die Tatsache des stattfindenden Lebens" etc. die in Frage stehenden Eigenschaften zum Ausdruck. Aber solche Formulierungen sind durch ihre Redundanz fast sinnlos und überflüssig. Dies deutet darauf hin, dass die Situation das Kriterium ist, welches für die begriffliche Transzendenz der Aktualität verantwortlich ist. Sie übersteigt die Möglichkeiten der Begriffe. Nur eine minutiöse Beschreibung, womöglich von literarischer Qualität ist in der Lage, wenigstens etwas von der spezifischen, einzigartigen, eben aktuellen Situation vor dem geistigen Auge entstehen zu lassen. Eine solche Beschreibung nennt man ein Beispiel oder eine Geschichte. Derartige Geschichten beinhalten aber keine definierten, exoterischen (wissenschaftlichen) Aussage über die Situation als Kriterium der Aktualität, sondern erzeugt nur wieder eine Situation und vermittelt jene weltstiftende Gesamtinformation, von der oben schon die Rede war. Situation ist demnach das, was die Welt im Augenblick ausmacht - die aktuelle Welt.

 

II. Politik


Politik ist die tägliche Auseinandersetzung mit den sich ständig und unvorhergesehen wandelnden Situationen. Sie steht im Zentrum des unausweichlichen Widerstreits von Sprache und Unmittelbarkeit.

Politik geht immer von einer Basis aus, die zumindest im Augenblick fest ist und die man Macht oder Gewalt nennt und die unmittelbar ist - Macht über den eigenen Körper, Macht über Ressourcen, Gewalt über andere Lebewesen etc.. Aber das eigentliche politische Handeln hält sich in der Offenheit der Zukunft auf, immer ein Stück vor dem schon geschehenden unmittelbaren Jetzt. Dieser Schritt voraus besteht in der richtigen Einschätzung dessen, was passieren kann und was durch eigene Aktivität bewirkt werden kann. Aus diesem Grund spielen Informationen (Wissen) darüber, wie die Verhältnisse beschaffen sind und was schon geschehen ist oder gerade geschieht, sowie die Kompetenz, diese Informationen richtig auszulegen, in der Politik eine zentrale Rolle. Beides ist sozusagen der Rohstoff der Politik und ermöglicht, dass das politische Handeln sinnvolle Schlüsse für die Zukunft zieht und, indem es an das Vergangene anknüpft, konkrete Schritte ausführt.

Die zentrale Stellung der Information verweist auf eine andere wichtige Bedingung des politischen Handelns, die darin besteht, dass man in einer Situation "drinnen" ist, d.h., dass man zwangsläufig von ihr betroffen ist und in Bezug auf sie handeln muss, denn nur dann kann man überhaupt feststellen, welche Informationen aktuell sind und welche nicht. Das eigentliche politische Entscheiden ist eine intuitive, esoterische Tätigkeit und duldet keine "objektive" Distanziertheit, deshalb ist es auch schwer zu zähmen und findet grösstenteils hinter verschlossenen Türen statt. Dieses "drinnen-Sein" ist jedoch keine eindeutiger Zustand, denn die sprachliche Information, mit deren Hilfe der Politiker sowohl in die Vergangenheit zurückblickt, als auch der Gegenwart einen Schritt voraus kommen will, erzeugt per se eine Distanzierung von den unmittelbaren Mechanismen und Gewalten, auf denen die Macht beruht. Aus diesem Grund ist der politisch Handelnde, gerade, wenn er bestens informiert ist, auch immer "draussen" und er muss bestimmte Mittel (ausführende Organe) einsetzen, um "drinnen" seine Macht zur Wirkung zu bringen.

Drinnen sein und zugleich draussen sein ist ein Synonym für die kommunikative Zwitterstellung des Menschen, denn er lebt sowohl in der unmittelbaren Welt der Gegenstände und Zustände als auch in der geistig-abstrakten Welt der Zeichenverwendung und Sprache. Daher muss er beständig die "Ungleichzeitigkeit" der beiden Sphären bestehen. Der Spalt, der durch diese "Ungleichzeitigkeit" geschaffen wird, schenkt dem Menschen die Freiheit und die Offenheit der Zukunft. Aber, da der Mensch aus beiden Sphären gleichzeitig besteht, zwingt der Spalt ihm die ständige und ungeregelte, weil eigentlich unmögliche Vermittlung beider Existenzbereiche auf.

Eine momentane Vermittlung dieses Spalts ist nichts anderes als die Aktualität. Wenn etwas aktuell ist, dann bringt es auf nicht genau bestimmbare Weise die beiden inkommensurablen Ebenen, auf denen Informationen eintreffen und ausgesendet werden, für einen begrenzte Zeit in eine Art Einklang. Aktualität ist die prekäre, instabile und immer wieder neu zu schöpfende Einheit des menschlichen Lebens, die auch Mode oder Ideologie genannt werden kann - die Einheit aus der Vergangenheit/Zukunft, also aus der Zeitlichkeit des sprachlichen Bewusstseinsraums und aus der Gegenwart der Körperlichkeit. Da die Sprache die flexible Seite des Spaltes ist, obliegt ihr die notwendige Vermittlung, d.h. die Erzeugung der Aktualität und das, was dies ermöglicht, nennt man die Kraft oder den Einfluss des Geistes. Diese Kraft ist neben der unmittelbaren Macht oder Gewalt die andere bestimmende Komponente des menschlichen Lebens und die Politik ist der Umgang mit beiden. Auf eine Formel gebracht ist Politik geistige Kraft zur Aktualität plus unmittelbare Macht zum Handeln.

Das politische Handeln, das im allgemeinen Verständnis und in den öffentlichen Informationsmedien mehr oder weniger sichtbar als "die Politik" stattfindet, ist nur die Spitze des Eisberges eines tagtäglichen Geschehens, das auf verschiedensten Ebenen bis hin zu den Aktivitäten im Rahmen des sog. privaten Lebens der einzelnen Menschen permanent aktuell verhandelt und durchgesetzt wird.

Heute jedoch erlebt der Mensch eine fortschreitende Verkettung der grossen Zusammenhänge (Weltpolitik) mit seinem persönlichen Lebensbereich (Kommunalpolitik und Führung des eigenen Haushalts). Z.b. ist das Recht auf Arbeit, Nahrung, Wohnung und persönlicher Unversehrtheit zumindest theoretisch fast überall anerkannt, wird aber praktisch ständig verletzt bzw. ist nicht durchsetzbar. Noch dramatischer ist es, wenn die privaten Bedürfnisse dadurch, dass sie z.B. Wasser und Energie verbrauchen, Müll und Schadstoffe verursachen etc., immer mehr den Lebensraum aller belasten. Es gibt keinen Bereich mehr, der nicht direkt oder indirekt aktuelles politisches Handeln fordert. Während in früheren Zeiten die Politik sich meist um Auseinandersetzungen der großen und kleinen Mächte mit oder ohne Krieg gedreht hat, ist sie heute unter anderem der tagtägliche Umgang mit der Gefährdung der Lebensbedingungen geworden. Diese Entwicklung hat umgekehrt die Auswirkung, dass das gesamte Leben immer weniger nach althergebrachten Maßstäben verläuft, sondern immer politischer wird und in den Strudel der Aktualitäten hineingerissen wird. Jeder kann sich herausgefordert fühlen und Verantwortung für das Ganze mitübernehmen, obwohl es immer noch nur eine Minderheit ist, die das tatsächlich auch tut.

Diese letzten Formulierungen überschreiten schon die Grenze zwischen einem allgemeinen Text über Information und einer konkreten Information (in diesem Fall eine mittlerweile geläufige Information). Eine solche Information über die aktuelle Situation der Entwicklung der Welt genügt jedoch noch nicht, um politische Handlungsperspektiven zu eröffnen, da die Tiefendimension des geistigen "Raumes", die sich als Vergangenheit und Zukunft manifestiert, nicht miteinbezogen ist. Es ist naheliegend, diese Tiefendimension mit der Geschichte zu identifizieren.

Eine theoretische Behandlung des Themas Information, in deren Verlauf man auf die Politik gestossen ist, muss sich auch der Geschichte bewusst werden, innerhalb derer sie zum tragen kommen will. Den Begriff der Geschichte kann man aber theoretisch nicht adäquat erforschen, da der zentrale geschichtliche Maßstab der Vergänglichkeit und Veränderlichkeit dem theoretischen Suchen nach struktureller, überzeitlicher Wahrheit diametral entgegensteht. Man wird also nicht den Begriff der Geschichte untersuchen können, sondern man muss sich selbst in die Geschichte hineinbegeben und Geschichte "machen", wozu allerdings gehört, sich über ein angemessenes Geschichtsverständnis klar zu werden. Deshalb soll im letzten Abschnitt versucht werden, eine politisch aktuelle Information zu schreiben, die von dieser Methode einer (denkend-)handelnden Selbstvergewisserung ausgeht. Damit findet in gewisser Weise ein Übergang von der Theorie zur Philosophie statt, insofern Theorie primär analytisch ausgerichtet ist, während Philosophie synthetisch kreativ sein muss, auch wenn die Grenzen zwischen beiden keineswegs absolut sind.




E. Der Geist oder die Abgründigkeit im Menschen


Eine aktuelle Information a-z


a. Der menschliche Geist ist das spezifische Phänomen, das gleichzeitig mit der Sprache, bzw. dem Gebrauch sprachlicher Information beginnt. Sprache und menschlicher Geist bedingen einander und sind untrennbar miteinander verbunden. Andere Ausdrucksformen des Geistes, z.B. die allgemeine Tatsache der Verfasstheit (Strukturiertheit) alles Seienden im Kosmos, den man deshalb als Schöpfung aus dem Geist "Gottes" bezeichnen mag, oder die mannigfaltigen Grenzphänomene, die eine sprachlose Geistigkeit nahelegen, treten zunächst in ihrer Bedeutung zurück. Denn die in jeder Hinsicht dramatische Zuspitzung der gegenwärtigen menschlichen Zivilisation hängt vor allem mit dem Siegeszug der exoterischen sprachlichen Information zusammen, insbesondere durch die Aktivitäten der Wissenschaft und der Technologie, aber auch durch den neuzeitlichen politischen Freiheitsdrang. Es gilt, sich dieser Einseitigkeit unvermittelt auszusetzen, andernfalls verfehlt man die Exponiertheit unserer Situation.

Der Sprach-Geist lässt sich im übertragenen Sinn als ein Raum begreifen, der durch die der Sprache eigenen autonomen Formalität und durch ihre informative Stabilität gekennzeichnet ist (die mit der Schrift nochmals enorm gesteigert wird). Dadurch dehnt sich Sprach-Geist auch in die Zeit aus und lässt die sog. geschichtliche Zeit, den geschichtlichen Zeit-Raum entstehen. Die Geschichte kann also nicht als neutrale Zeitdauer im Sinne eines physikalischen Zeitbegriffs verstanden werden, denn ein solches Verständnis würde ihren mythischen, weil unaufklärbaren Ursprung ignorieren, den sie mit der Sprache teilt und der nicht zuletzt auch Voraussetzung jeder wissenschaftlichen Formelsprache bis hin zur Mathematik ist - und damit wieder Grund für den physikalischen Zeitbegriff. Stattdessen muss man die Geschichte als einen Zustand der Zerrissenheit und der unwägbaren Offenheit nehmen, welcher sich aus der gegenseitigen Verständnislosigkeit der unmittelbaren und der sprachlich-geistigen Informationsebene im menschlichen Leben ergibt, sowie aus der formalistischen Bedeutungsleere der Sprach-"bausteine", die deshalb potentiell mit unendlich vielen Bedeutungen belegt werden können. Geschichte ist daher weniger Zeit, sondern vielmehr die Abgründigkeit, die zwischen zwei inkommensurablen Welten besteht. In diesem Sinne beginnt Geschichte schon in den sog. prähistorischen Zeiten der Menschheitsentwicklung, sobald die Sprache, wie wir sie kennen, eine Rolle zu spielen begann. (Manche Wissenschaftler nehmen einen Zeitpunkt vor sechzigtausend Jahren als Beginn menschlicher Sprachfähigkeit an.) Geschichte kann als ein Satz von Bedingungen verstanden werden.

 

b. Wie kann man das Ziel erreichen, eine aktuelle politische Information in philosophischer Absicht zu formulieren? Zumindest muss man in dem vom menschlichen Sprachgebrauch geschaffenen Zeit-Raum einen singulären Punkt setzen. Denn dieser geistige Raum ist von der unendlichen Variabilität der Sprache bestimmt und gibt deshalb nur solchen Ereignissen dauerhafte Bedeutung, die in ihrem Ansatz und in ihrem Ausdruck einmalig sind (und deshalb mit einem Eigennamen belegt werden).

 

c. Der Geist beeinflusst die Sphäre der unmittelbaren Information, weil die Menschen mittels der Sprache in besonders effizienter Weise die Möglichkeit haben, zu erfinden (zu konstruieren) und weil sie durch einen nicht vollständig aufklärbaren Funktionalismus ihren Körper als Werkzeug einsetzen können, um die Erfindungen des Geistes in die Sphäre der Unmittelbarkeit (die Materie, die Natur oder die Seele) zu übertragen. Der Mensch gehört wie selbstverständlich sowohl der geistigen Sphäre der Sprache und als auch der Sphäre der Unmittelbarkeit an und sein alltägliches Leben ist von einem andauerndem Übergang zwischen den beiden Sphären geprägt, den man menschliches Handeln nennen kann. Daher ist er geneigt, den Bruch zwischen ihnen zu übersehen oder zu vergessen. Die Probleme, die aus diesem Bruch herrühren und zu denen die gefährliche Mischung aus Freiheit als Ausdruck des Geistes und Aggressionspotential als Ausdruck der Unmittelbarkeit gehören, spricht er allen möglichen Ursachen oder Schuldigen zu, aber nicht seiner allgemein menschlichen Verfasstheit.

Dass dieser Übergang zwischen den Informationsformen überhaupt gelingt, ist das zweite "Mysterium" nach dem rätselhaften Ursprung der Sprache. Man kann beide "Mysterien" auch als die zwei Seiten der selben Sache begreifen, da mit der Sprache auch der Übergang zur unmittelbaren Welt im Menschen geschaffen wurde. Aber diese alte Coexistenz beider Sphären im Menschen führt nicht zu einer wirklichen, verlässlichen Vereinigung, viel eher muss man ihr Verhältnis als Kampf begreifen, da keine der beiden Sphären die allein Bestimmende ist.

Als besonders drastische Konsequenz dieses Kampfes erleben wir heute die schicksalhafte, selbstmörderische Dynamik, in der der Mensch seine eigenen Lebensbedingungen durch die Eingriffe seines Geistes untergräbt. Die Unvereinbarkeit beider Sphären ist unübersehbar geworden. Doch die Erkenntnis dieses Abgrundes kommt jetzt, wenn die Felle schon davonzuschwimmen beginnen, im Grunde zu spät. Alle Reaktionen sind auf die Symptome fixiert, weil die politischen Machtinhaber noch nicht bereit sind, ihre Feindschaften untereinander als das heutige Grundproblem zu begreifen - wie kulturell beflügelnd diese Feindschaften in der Vergangenheit auch immer gewesen sein mögen. Dabei stehen mit den künftigen Entwicklungen in der Nanotechnologie, der Gentechnologie oder der Robotertechnik die eigentlichen Bewährungsproben in Form von hochpotenten, selbstreplizierenden Organismen oder Maschinen noch bevor. Solange diese Entwicklung unter dem Paradigma steht: "Wenn ich es nicht entwickle, dann macht es mein feindlicher Nachbar oder Konkurrent.", solange ist der Supergau vorprogrammiert. Erst, wenn das Primat des Friedens unter den Menschen und Kollektiven herrscht, kann die Gefahr richtig behandelt werden und der maximale Nutzen aus den neu zu erwerbenden Fähigkeiten gezogen werden. Aber die Überwindung des alten Paradigmas der Kollektivfeindschaften ist unmittelbar abhängig von dem Umgang mit den Abgründen im Menschen.

 

d. Es gibt schon seit langer Zeit eine grundsätzlichere Auseinandersetzung mit der conditio humana, für die insbesondere die Philosophie und die Humanwissenschaften, aber auch verschiedene Kunstgattungen stehen. Ihr Ziel ist es, trotz der alltäglichen Dominanz unmittelbar-materieller Gegebenheiten dem Phänomen der sprachlich-geistigen Eigenständigkeit Geltung zu verschaffen. Denn was die Dominanz der unmittelbaren Ebene betrifft, ist das Reagieren auf ihre Realität beginnend bei den Antrieben des eigenen Körpers eine Notwendigkeit, die schon allein zur puren Existenzsicherung geboten ist und die den grössten Teil der Weltbevölkerung durch Nahrungsmittelknappheit, Wetter- und Naturunbill, Krankheiten etc. tagtäglich in ihrem Bann hält.

Es mag als Widerspruch zur Bewältigung dieser sogenannten Härten des Lebens erscheinen, aber wegen der Dominanz des Unmittelbaren wird die eigentlich herausragende Anstrengung erforderlich, wenn man den sprachlich-geistigen Bereich nicht nur für den Umgang mit den unmittelbaren Notwendigkeiten und Gefühlen benutzt, sondern als eigenständige Daseinsmöglichkeit aufbauen will. Das liegt vor allem daran, dass dieser Schritt nur in einem von jedem Einzelnen individuell zu vollbringenden schöpferischen Umgang mit der Sprache geschehen kann, der sich jedesmal gegen einen unreflektierten Konsens der Mehrheiten, gebündelt in traditioneller politischer Macht, durchsetzen muss. Sprachsouveränität impliziert eine ausdrückliche Entwicklung jedes Menschen zur Selbständigkeit. Die kreative Erfahrung ist der entscheidende Weg, um die spezifischen Eigenarten der Sprache "am eigenen Leib" zu erfahren und das wiederum ist die Voraussetzung dafür, die Abgründigkeit zwischen den beiden Kommunikationssphären selbst wahrnehmen zu können. Dadurch, dass in der Philosophie und Kunst jeder der beiden Sphären ihr Eigengewicht und ihre Eigengesetzlichkeit zuerkannt wird, bleibt die Abgründigkeit in ihrer Unversöhnlichkeit offensichtlich und trotzdem wird ein freier und unabhängiger Kontakt zwischen den Spären geschaffen. Wegen der konstitutiven Ungebundenheit von Kunst und Philosophie wird man jedoch nicht direkt auf die Zeugnisse dieser langen Traditionen zurückgreifen können, um für die geschichtliche Lage der gegenwärtigen Epoche ein Rezept zu finden. Es gilt stattdessen, den Impetus und den Geist dieser Traditionen immer wieder von neuem aufzugreifen und zu realisieren - diesmal aber ausdrücklich jenseits jedes elitärem Zuschnitts.

 

e. Die entscheidende Auswirkung der Abgründigkeit ist ein negatives Potential in uns, das dadurch entsteht, dass innerhalb der einen Sphäre die jeweils andere wegen des Fehlens jeglicher direkten Kontaktmöglichkeit nur indirekt, und zwar in Form eines Mangels an Ganzheit, Kohärenz oder Identität erscheinen kann. Das hat einen spürbaren Einfluss auf jeden Einzelnen und seinen Alltag, denn sobald er auf der einen Kommunikationsebene Kontakt zu seiner Umwelt aufnimmt, entsteht ein Abstand zur anderen Ebene. Das ist ein Vorgang, für den es soviele Variationen gibt, wie Menschen und Lebenssituationen und an den wir so gewöhnt sind, dass wir ihn nur in seltenen Fällen ausdrücklich registrieren - bisweilen in der Sexualität, wenn beide Elemente eine bestimmende Rolle spielen wollen, der Geist und die Unmittelbarkeit. Der Mensch ist offensichtlich sehr lebenstüchtig und auf das Gelingen des Lebens ausgerichtet. Er kann negative Tendenzen und Behinderungen konsequent verdrängen, überspielen und unterdrücken. Eher für den genauen Beobachter oder wenn er der Normalität verlustig geht wird des Menschen innere Zerrissenheit sichtbar und unabweislich.

In dieser permanenten Dezentriertheit und Zerrissenheit liegt vielleicht einer der wesentlichen Gründe für die "sinnlose" Bosheit, die das menschliche Leben in nicht geringem Maße mitbestimmt und die überall auf der Welt täglich zum Ausdruck kommt, durch Gewalt, durch Folter, durch Intrigen etc.. Das negative Potential in den Menschen muss durch Aggressivität und Destruktivität kompensiert werden. Eine anderes Symptom ist der Stress und das Gefühl des Ausgeliefertseins, die zur Kompensation auf den eigenen Körper gelenkt werden und psychosomatische Krankheiten wie den Krebs hervorrufen können (Autoaggression).

 

f. Natürlich versuchen die Menschen seit langem, dieser schicksalhaften Konstellation zu entkommen. Aber ihre Versuche waren nicht sehr erfolgreich. So zeigt die Erfahrung, dass kulturelle Errungenschaften wie Religionen oder künstlerische Aktivitäten die menschliche Zerrissenheit nicht durch einen dauerhaft tragfähigen, gemeinsamen, kulturellen Boden ersetzen konnten. Deshalb ist die Geschichte durchzogen von unbegreifbaren Brüchen und Zäsuren.

Auch die Vertreter der Wissenschaften, Technologien und Ökonomien unserer aufgeklärten modernen Epoche begehen einen grossen Trugschluss, wenn sie glauben, sie hätten es mit der einen einzigen Realität zu tun. Tatsächlich bleiben sie trotz aller Korrespondenzen zwischen Theorie und Experiment, bzw. zwischen Theorie und Praxis doch in den Kreis der Sprache und Zeichensysteme gebannt, indem sie nur nach jenen Eigenschaften der unmittelbaren Welt (in diesem Fall ein Synonym für Natur) forschen, die formalisierbar sind, d.h. die sich abbilden lassen und die dadurch manipulierbar werden. Im Vergleich dazu ist das bäuerlich-einfache Leben, dessen Denken und Sprechen ganz dem Hören auf den Kreislauf der Natur unterstellt ist, der ersehnten Versöhnung der Zerrissenheit noch näher, zumindest scheint es von aussen so. Eigentlich entstammt auch das Bauerntum einem riesigen Schritt zur Verkünstlichung des menschlichen Lebens, jener neolithischen Revolution zur Seßhaftigkeit, Viehzucht und Ackerbau vor zehntausend Jahren.

 

g. Nichts führt an der Tatsache vorbei, dass der unmittelbare Bereich für die sprachliche Information kommunikativ nicht wahrzunehmen ist und umgekehrt. Die gegenseitige Blindheit ist unaufhebbar, auch wenn der Mensch das Gefühl hat, beides in sich ganz zwanglos zu verbinden. Auch jene radikalen Versuche der modernen Kunst, die pure Materialität und Stofflichkeit in den Mittelpunkt des Werkes zu stellen, sind nur symbolhafte Zitate des Unmittelbaren, die es ins Bewusstsein rücken. Aber sie schaffen keine andere Verbindung der beiden Bereich, als diejenige abgründige, die der Künstler und der Rezipient wie jeder Mensch in sich trägt. Aber gerade der moderne Künstler setzt sich der Zerrissenheit mehr aus und will sie in seinen Werken spürbar zum Aufscheinen bringen.

Weil das ständige, unumgängliche Zusammentreffen beider Bereiche in uns unter dem Zeichen des Mangels und der Negativität steht, bleibt es an den Moment gefesselt, unsichtbar, ungeregelt und d.h. schlecht. Der Umgang mit ihm ist das Feld der Politik - einer alltäglich, anarchisch verstandenen Politik. Aus diesem Zusammenhang ergibt sich auch der Grund für die Tendenz, Politik in abgeschlossenen, kleinen Zirkeln zu machen, dem alle, auch die parlamentarisch-demokratischen Regierungsformen unterliegen. Denn das menschliche Unvermögen zu einem selbstverständlich und dauerhaft gelingenden Ausgleich darf nicht allzuoffen zu Tage treten. Was als politische Ergebnisse durch sprachliche Kundgebungen und/oder durch unmittelbare Machtausübung nach aussen präsentiert wird, ist im günstigen Fall eine kurzfristige Problemlösung, eine vorläufige Vermittlungsleistung zwischen den beiden Bereichen. Jeder notwendige Kompromiss ist ein schlechter und macht die Protagonisten angreifbar.

 

h. Auch das System des Rechts als der klassische Versuch, Politik dauerhaft zu machen, schafft bei aller Unverzichtbarkeit keine grundsätzliche Abhilfe, denn je genauer und umfassender das ganze Leben einschliesslich seiner Negativität "positiv" durch Gesetze festgestellt und geregelt werden soll, desto sklerotischer und lebensunfähiger wird die entsprechende Gesellschaft, desto näher ist ein offener Negativitätsausbruch, - die nächste Gewalttat, der nächste Krieg oder die nächste Revolution. Niemals lässt sich das durch die Abgründigkeit zwischen den beiden Informationswelten gezeichnete menschliche Dasein durch sprachliche Vorgaben, und seien sie noch so komplex ausgeklügelt, dauerhaft regeln und von seiner Negativität befreien, - niemals wird das Recht wirklich gerecht sein.

 

i. Obwohl der Mangel und die Negativität auf diese Weise immer weiter fortgeschleppt werden, gibt es Politiker, die sehr beliebt sind. Sie leben davon, dass sie Handlanger für die "schmutzige Arbeit", d.h. für die Negativitätskompensation haben, die mehr oder weniger im Verborgenen wirken. Dadurch wird sowohl dem negativen Potential Rechnung getragen, als auch den Menschen der zugehörigen Nation ein Teil dieser Bürde abgenommen. Ein Symptom für diese "Arbeitsteilung" ist die Aggressivität, zu der friedliebend wirkende Untertanen fähig sind, wenn jemand ihren "leader" kritisiert.

Der Maßstab für Demokratie müsste im Unterschied dazu in der Bereitschaft, bzw. im Versuch eines jeden Einzelnen liegen, für die Negativität in ihm die Verantwortung selbst zu übernehmen, auch wenn das nicht vollständig gelingt. Viele Werke der sog. "nicht mehr schönen" Künste, deren Rezeption die Künstler von uns fordern, können unter diesem Aspekt der selbstverantwortlichen Negativitätsarbeit gesehen und genutzt werden.

 

j. Es stellt sich die Frage, ob es unter solchen Umständen überhaupt eine aktuelle politische Information in philosophischer Absicht geben kann, müsste sie doch zwei gegensätzlichen Kriterien genügen. Einerseits will sie als Information in der Situation, für die sie gemacht wird, allgemein und unverstellt zugänglich sein, daher ist sie an die sprach-geistige Sphäre und deren positiven Ausdruck gebunden. Andererseits will sie in die politische Bedingtheit der menschlichen Existenz eingreifen und muss deshalb die Abgründigkeit zwischen den beiden Sphären in sich aufnehmen. Diese Abgründigkeit lässt sich aber sprachlich nicht direkt zum Ausdruck bringen.

Zumindestens ist klar, dass die normalen aktuell-politischen Informationen in Zeitungen, Radio oder Fernsehen in den allermeisten Fällen eine erst nachträglich zustande gekommene Beschreibung dessen sind, was als Politik bereits geschehen ist (Das gilt im Prinzip auch für eine öffentliche Parlamentsdebatte, während es keine Live-Sendungen von entscheidenden politischen Beratungen wie z.B. einer Kabinettsitzung gibt). Im Gegensatz dazu ist diejenige eine wirklich aktuelle Information, die für den notwendigen, politischen Handlungsbedarf zur Bändigung der Krisen benötigt wird, die das menschliche Leben in seiner Zerrissenheit und Inkohärenz beständig produziert - eine Bändigung, die von der Berufspolitikern selbstverständlich als politische Gestaltung verkauft wird. Im Rahmen der heute üblichen Politik ist z.B. ein Gutachten eines Wirtschaftsforschungsinstituts oder der Bericht des Geheimdienstes für eine Regierung eine solche aktuelle Information.

Die Frage stellt sich damit erneut, wie kann dieser Text die Qualität einer aktuellen politischen Information erhalten, wenn er sich an kein spezielles politisches Entscheidungsgremium im Zentrum eines Staates oder einer anderen Institution wendet, sondern sich in philosophischer Absicht an alle wendet und auf allgemeine, offene Verständlichkeit abzielt?

Das Ziel des Textes muss darin bestehen, Informationen für den Moment zu liefern, in dem der Mensch ganz speziell für sich als Individuum aktuell politisch handeln muss. Allerdings geht es nicht um irgendeine, sondern um diejenige innovative Handlungssituation, in welcher der Mensch aus seiner Geschichte bzw. aus dem geschichtlichen Zustand der Zerrissenheit heraus betroffen und gefordert ist, die Entstehung seiner personalen Einheit über den kommunikativen Abgrund hinweg bewusst zu begründen und in der dieser Schritt zugleich ein entscheidendes Kriterium für die allgemeine, gesamtgesellschaftliche Negativitätsbewältigung wird. Es geht um den Moment, in dem das in der bestehenden politischen Welt nicht mit einem Amt ausgezeichnete oder mit Macht versehene Individuum in die zentrale politische Rolle schlüpft, weil es heute politisch auf das, auf jedes einzelne Individuum ankommt.

 

k. Gerade weil der sogenannte Mensch in zwei sich einander ausschliessenden Informationswelten leben muss, kann er keine wirkliche, personale Einheit und Identität entwickeln, die aus sich heraus tragfähig ist. Dies wird von den Kräften und Bewegungen sowohl der unmittelbaren, materiellen Sphäre als auch der geistig-sprachlichen Sphäre verhindert, weil die Nicht-Verbindung der beiden und die daraus resultierende Chaotik und Negativität für den Menschen unfassbar sind. Die Sprache und ihre Nicht-Verbindung zum Unmittelbaren ist der blinde Fleck des homo sapiens sapiens.

Andererseits besteht der Mensch genau aus dieser Negativität, denn die beiden Ebenen kreuzen sich in ihm und legen so den Abgrund in ihn hinein. Es ist eigentlich falsch, den Menschen als eine bereits existierende Realität zu betrachten, solange es keine verlässliche Verbindung von Sprache und Unmittelbarkeit gibt, bzw. solange die Verantwortung für den Abgrund in uns noch nicht von uns selbst getragen werden kann. Der Mensch als in sich verständliche, für sich stehende, vollständige Person kann erst dann entstehen, wenn das Abgründige, das er jetzt ist, gelernt hat, diesen Abgrund zu umgreifen und aus jener Nicht-Verbindung eine spezifisch neue lebendige Form der Ganzheit zu formen. Solange dies nicht geschehen kann, muss sich das Identitätsbedürfnis der einzelnen Personen primär auf die sozialen Rollen stützen, die sie in ihrer jeweiligen Gesellschaft spielen. Denn solange das Problem der zwei Welten für den einzelnen Menschen zu groß ist, flüchtet er sich in das Kollektiv, das sein traditioneller Schutzraum schon seit Jahrmilionen ist.

Unglücklicherweise ist mit dem Kollektiv als Ersatz der fundamentale Mangel an Identität im Menschen nicht aufgehoben, sondern er verlagert sich nur auf die soziale Gruppe, meistens der Clan, die Religion, das Volk, der Staat oder die Nation, aber auch die Berufsgruppe, der Sportverein, das Dorf etc. ad infinitum. Zwischen diesen Gruppen entstehen Schieflagen (Krisen), die heute bis zu Weltkriegen eskalieren können. Denn die Kollektive werden wie die Individuen beständig von der Suche nach Identität umgetrieben und müssen sich im Zuge dessen voneinander abgrenzen und gegenseitig in Frage stellen. Identität wird noch nicht aus sich selbst, sondern aus dem Unterschied zu den anderen gewonnen.

 

l. Heute jedoch, wenn eine Weltgesellschaft oder Weltgemeinschaft unaufhaltsam näher kommt, wird der Schritt zu einer innovativen Form der Identitätsstiftung unausweichlich, denn der einzelne Mensch findet sich letztendlich auf sich selbst zurückgeworfen, wenn er darauf verzichten will, seine Identität aus dem Vergleich mit den anderen Individuen oder Gruppen zu ziehen. Hierbei trifft sein Versuch, eine Identität zu erzeugen, mit dem der Menschheit zusammen, die als Weltgemeinschaft ebenfalls ihre individuelle Identität entwickeln muss, die sie jetzt endgültig mangels Gelegenheit nicht mehr im Unterschied zu einem anderen Kollektiv finden kann. Beide Identitätsschöpfungen werden allerdings nur möglich sein, wenn sie abgestimmt und nicht gegeneinander laufen.

Diese jetzt notwendig werdende Neuorientierung ist für das zerrissene "menschliche" Lebewesen vielleicht die einzig denkbare Art und Weise, die Entstehung der politisch-militärischen und die ökologischen Desasterszenarios, welche von der zeitgenössischen Zivilisation immer wieder hervorgerufen werden, langfristig zu verhindern.

 

m. Feststellung: Diese Formulierungen können noch keine aktuelle politisch-philosophische Information gewesen sein, da sie nur verbal beschrieben haben, was sein könnte, aber noch keinen unmittelbaren Weg gewiesen haben, wie man dorthin kommt.

 

n. Es entsteht ein Gefühl der Hilflosigkeit und Aussichtslosigkeit vor der Aufgabe, den einmaligen, gleichsam archimedischen Zeitpunkt einer ernstzunehmenden politischen Realität zu produzieren und informativ zu gestalten, in welchem die grossen weltpolitischen Aktivitäten, die letztlich auf der intersubjektiven Welt der Sprache beruhen, mit der unmittelbaren und intuitiven Nahexistenz des menschlichen Individuums zusammentreffen.

Die Geschichte, die auch die Erzählung (das Gedächtnis) des Zeit-Raums der menschlichen Abgründigkeit und Gespaltenheit ist, zeigt die Tatsache auf, dass wir die zukünftigen Situationen nur sehr beschränkt vorherbestimmen können. Wir erleben zwar viele Entwicklungen, sei es durch das Verhalten untereinander, sei es in Auseinandersetzung mit den materiellen Lebensbedingungen, die wir zu einem grossen Teil selbst mitgestalten. Trotzdem wissen wir nur unvollkommen, warum sich die allgemeinen Systeme der Welt- und Staatspolitik, der Wissenschaft, Technik und Produktion, des Handels und der Kommunikation etc. letztlich so entwickelt haben, wie es heute erscheint. Es ist allerdings ein naheliegender Gedanke, dass der Zustand der heutigen Welt vor allem ein Ergebnis immer höherer Differenzierung und intensiverer Nutzung sprachlicher Information ist, welche die ganze Neuzeit, im besonderen aber das zwanzigste Jahrhundert geprägt haben. (So ist die sogenannte Globalisierung letztlich nichts anderes als der Siegeszug der Rationalität und der Zahl im Leben der Menschen.) Erst dadurch konnte sich der Spalt zwischen der Unmittelbarkeit und dem Sprachgeist so deutlich konkretisieren - auch in den Katastrophen der Kriege und Genozide -, dass er unübersehbar geworden ist. Je stärker die sprachlich-geistigen Aktivitäten das menschliche Leben beeinflussen - zum Wohle des Menschen oder nicht -, desto gefährlicher wird das Maß ihrer konstitutiven, aus der Blindheit geborenen Ignoranz gegenüber dem unmittelbaren Leben.

 

o. Wir wissen ebensowenig, wo sich der Strom der Geschehnisse, die den geschichtlichen Zeit-Raum manifestieren, hinwenden wird. Aber unsere Aktivität, unser politisch aktuelles Handeln hat nur eine positive Chance: Den Weg zum Abgrund dort zu finden, wo er am konkretesten zugänglich ist, nämlich in uns selbst, wo sich die allgemeine Sprachwelt mit der unmittelbaren Nah- und Innenwelt schneidet. Vielleicht können wir uns dann seine Implikationen aktiv zu eigen machen und verhindern, dass das ungeregelte und blinde Nebeneinanderher der Informationswelten noch weiter die Zivilisation beherrscht, die wir doch erleben und nicht erleiden wollten. Ob das möglich ist oder wie es gelingt, das liegt in der Offenheit der nächsten Momente, der nächsten Zeit.

 

p. Wieder nur Wiederholungen und Floskeln!?

 

q. Die Aktualität einer Information ist eine Funktion der Situation, in der man sich gerade befindet. Die aktuelle politische Information philosophischer Provenienz, die eben allgemein sein soll im Sinne von für jedes sprachbegabte Lebewesen der biologischen Art homo sapiens sapiens potentiell erkennbar und bedeutungsvoll, kann nur in einer Situation funktionieren, die jeden Menschen und seine Zukunft betrifft. Die Entwicklung der gegenwärtigen Epoche scheint dies möglich zu machen. Doch es genügt nicht, dass die gesamte Art des homo sapiens sapiens von der selbst verursachten Zerstörung ihrer unmittelbaren, d.h. materiellen Lebensgrundlagen bedroht ist, um eine für alle Menschen gemeinsame Situation entstehen zu lassen und eine sie betreffende Information zu ermöglichen. Vielmehr ist dieses zeitgeschichtliche Phänomen der Möglichkeit einer schnellen oder langsamen Weltdestruktion, da es ausnahmslos alle betrifft, nur als Indiz dafür zu werten, dass in der Abfolge der geschichtlichen Epochen und Situationen auch eine Situation folgen könnte, in der "die Menschheit" oder "der Mensch" von leeren Begriffen oder Desideraten zu aktuellen Informationen und zu lebendigen Handlungssubjekten werden. Denn eine partikulare Bewältigung der weltzivilisatorischen Herausforderung, die nur einer lokal begrenzten Gruppe zu gute käme, ist schlechterdings nicht mehr vorstellbar. Eine gemeinsame Situation aller Menschen kann nur aus unseren positiven Kräften zur gemeinsamen Freude und Liebe entstehen. Am besten, es wird ein großes Weltereignis und ein Fest.

 

r. Der Motor der Veränderung von Situation zu Situation, der Motor der Geschichte ist über die Antriebe der Menschen hinaus die unausweichliche Offenheit, die durch die Bauart der Sprache und im besonderen durch die Inkommensurabilität der unmittelbaren und der sprachlichen Information entsteht. Der Abgrund in uns ist die Bedingung der Möglichkeit aber auch der Unausweichlichkeit der menschlichen Freiheit.

Oft wird der Begriff Geschichte auf die sprachlichen Informationen über Ereignisse beschränkt, die in der Vergangenheit stattgefunden haben. Oder man ist geneigt, gegenwärtige Ereignisse als Geschichte, bzw. als geschichtlich zu bezeichnen, nur weil sie in grossem Rahmen stattfindende, lange erwartete Veränderungen der Welt sind, deren Sorte man von früher kennt, wie z.B. Kriege oder Friedensverträge. Diese Einstellungen verkennen jedoch, dass sie nur in jenem Teller sitzen, dessen Rand der von der Sprache ermöglichte geistige Zeit-Raum, bzw. seine Offenheit und Zufälligkeit ist.

Ein Bestehen der Geschichtlichkeit und ihres Abgrundes ist nur dadurch zu leisten, dass der Mensch sich permanent das Neue, das noch Unsichtbare zu vergegenwärtigen sucht, das immer auf ihn zukommt. Nur so ist die Spannung zwischen den Welten auszuhalten, nicht aber durch das Extrapolieren von Vergangenem in dem Glauben, man befinde sich auf einer Zeitschiene. Diese Orientierung an der Offenheit der Zukunft erfordert die höchste Anspannung und Konzentration des Individuums, aber auch Ruhe, Selbstverständnis, und Gelassenheit. Denn zugleich muß der Bereich des Lebens definiert werden, der eine Konstanz benötigt, um sinnvoll zu funktionieren. Dabei ist zuerst an das Großwerdenlassen, an die Erziehung und die Bildung der Kinder zu Menschen zu denken - und an das Alter.

 

s. Aus diesen Momenten (Offenheit und Zufälligkeit) heraus muss auch die Situation entstehen, die eine aktuelle politische Information im allgemeinen Sinn möglich, d.h. nötig macht. Wenn diese Situation im Augenblick noch nicht vorliegt, dann kann dieser Text doch nicht die aktuelle Information sein, die hier zu geben versucht wurde.

Da man aber auch nicht einfach auf die grosse Situation warten kann, in der womöglich alles von selbst passiert, muss man wenigstens herausarbeiten, was diesem Text zur politisch-philosophischen Aktualität noch fehlen könnte. So kommt man ein kleines Stück weiter.

 

t. Aktualität und Politik wurden beschrieben als die momentane Vermittlung des Abgrundes zwischen den beiden Sphären der Information. Soll dieses politische Handeln philosophischen Maßstäben genügen, dann muss die aktuelle Information, die es ermöglicht, aus einer innerlichen Auseinandersetzung mit der Gespaltenheit unseres Lebens und mit der Negativität des geschichtlichen Zustandes als deren Resultat hervorgehen. Die Negativität hat sich in unserer Zeit zur Bedrohung des gesamten menschlichen Lebens ausgeweitet, weil der Geist in seinen technisch-wissenschaftlichen Manifestationen und in dem Kampf für politische Freiheit in der Neuzeit immer dominanter wird, ohne deshalb das Unmittelbare besser zu verstehen. Dies führt unausweichlich zu der Frage nach der Bedeutung des Todes als logischer Konsequenz dieses Unverständnisses. Hierbei muss zwischen dem normalen biologischen Tod des sexuellen Lebewesens, das in seinen Nachkommen weiterlebt, und dem kulturellen Tod unterschieden werden, der sich direkt aus den Aktivitäten der Menschen ergibt. (Der Unfalltod ist in diesem Zusammenhang ein Grenzfall, da ein tödlicher Autounfall eher zum Bereich der Kultur gehört, während der Tod bei einem Erdbeben dem natürlichen Bereich zuzurechnen ist.)

Der kulturelle Tod ist die hervorragendste Auswirkung des Abgrundes der Freiheit zwischen den Informationswelten. Seine Phänomenologie beginnt bei der immens gesteigerten willkürlichen Fähigkeit, zu töten und endet bei den ungeheueren Zerstörungspotentialen, die durch die modernen Technologien allzuoft als ungewolltes Nebenprodukt entstehen und noch entstehen werden. Noch ist deren (der Zerstörungspotentiale) Macht (trotz Tschernobyl, Treibhauseffekt, versunkener Atom-Uboote, etc.) nicht umfassend freigekommen. Insofern dieser zweite Tod ein kulturelles Phänomen ist, muss seine Wucherung auch kulturell überwunden werden.

 

u. Der Tod ist immer ein abrupter Einschnitt in ein Kontinuum und damit ein Ereignis. Es liegt nahe, auch die Überwindung des kulturell bedingten Todes als eines Menschheitsproblems entsprechend als ein Ereignis zu erwarten, an dem die Mitglieder der Kultur, das sind im vorliegenden Fall alle Menschen, teilnehmen. Denn erstens wäre eine solche grundlegende Veränderung der menschlichen Welt im mindesten ein ebenso große Zäsur im geschichtlichen Zeit-Raum, wie der Tod des Individuums, wenn auch mit dem umgekehrten Vorzeichen der Geburt, einer Wiedergeburt. Zweitens muss man sich einer fundamentalen Problematik, wie sie der kulturelle Tod darstellt, in einem allgemeinen, ausdrücklichen Akt stellen, um sie im Großen überwinden zu können. (Da die Freiheit des Menschen unhintergehbar ist, werden lokale Einzelfälle des kulturellen Todes nie ganz auszuschließen sein.)

 

v. Damit die aktuelle Information, die den Abgrund zwischen den Informationsformen und die den kulturellen Tod in ihrem modernen Ausmaß überwinden helfen soll, dieser Erfordernis gerecht wird - d.h. selbst Bestandteil dieses Ereignisses wird -, muss sie performativen Charakter haben, was bedeutet, dass in ihr und mit ihr in der Öffentlichkeit etwas geschieht, das alle bekannten Formen der Philosophie und der Politik, der Geschichte, des Ritus und des Kultus oder der Kunst und des Theaters an Wirkung übertrifft.

 

w. Eine philosophische Begegnung der sprachlichen mit der unmittelbaren Sphäre, die als aktuelle Information nicht zuletzt durch eine spezifische Form von Handlungsanweisung zustandekommen soll, darf nicht in der vordergründigen Weise des Bezeichnens geschehen. So benutzt die an eine lebende Person gerichtete Aussage: "Boden ist das Objekt unter dir, das du unmittelbar spürst und wahrnehmen kannst, - auf ihm musst du stehen!" unreflektiert diese Person als Verbindungsglied zwischen den beiden Sphären, der geistigen und der unmittelbaren. D.h. sie stellt nur diejenige Verbindung zwischen der unmittelbaren spür- und sehbaren Gegebenheit unter uns und dem Wort Boden her, die aus den in der Geschichte gewachsenen Gewohnheiten menschlicher Sprachentwicklung herrührt. Diese Art der Verbindung hat sich jedoch als nicht in der Lage erwiesen, die Negativität zu bewältigen und erzeugt auch nicht die geforderte neue, zeitgemäße Brücke über den Abgrund (Tod).

 

x. Wie aber soll sich der Sprachgeist anders überschreiten?

Vielleicht bleibt die Lösung dieses Problems, wenn es sie denn geben wird, zu einem entscheidenden Teil ein Mysterium - Mysterium, weil es nur im Inneren der Menschen stattfinden kann.

Im Moment bleiben nur die Feststellung einer wesentlichen Ahnungslosigkeit und Machtlosigkeit gegenüber der Zukunft als einzig ehrliche Haltung, - und der Abgrund in seiner unverstellten, tödlichen Bedrohlichkeit.

 

y. Also gelingt noch keine aktuelle politische Information in philosophischer Absicht.

Stattdessen eine Reihe von Hinweisen, was eine solche aktuelle politisch-philosophische Information sein könnte, d.h., die aktuelle Information, die der momentanen Situation entspricht, die womöglich noch nicht reif ist für das hier anvisierte Ziel eines allgemeinen paradigmatischen Umgangs mit dem Menschsein, das zugleich Weltpolitik wird. Entscheidend jedoch ist es, dass der Versuch, die aktuelle politisch-philosophische Information zu gestalten, immer wieder unternommen wird. Nur aus dieser Absicht einschliesslich ihrem vorläufigen Scheitern lässt sich die Bedeutung einer solchen Information, sowie der Abstand und der Weg zu ihrem möglichen Gelingen ermessen.

 

z. Vielleicht ist es die zu sich selbst gekommene geistige und körperliche Präsenz, die einzelne bestimmte Menschen, d.h. zu bestimmten/sich bestimmenden gewordene Menschen verkörpern und zum Ausdruck bringen, immer wieder?

Vielleicht ist es die Bereitschaft der Welt, dieser aktuellen politischen Verbindung die nötige allgemeine Autorität entgegenzubringen, um die Menschen auf diesen Weg zu schicken und der menschlichen Freiheit endlich festen Boden unter die Füsse zu geben?




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