STRING - World Politics for Individuals





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Wolfgang Behr
The "Anti-*itler"




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von Wolfgang Behr




März 2015


Was sollte man für Nietzsche schreiben?

Ein Lob der Dekadenz!

Man kann lesen, was Nietzsche bis 1888 geschrieben hat.

Aber was soll man nach all dem sagen oder schreiben, was zwischen 1914 und 1945 geschehen ist?
Kann man sich noch wie Nietzsche auf die Welt der Kultur beschränken? Oder muss man über die Unsitte vieler homo sapiens reden, Artgenossen zu töten oder töten zu lassen?

Man muss!




März 2015


Platon ist der Philosoph der Akademiker.

Sokrates ist der Philosoph der Menschen.

Hätte Platon Sokrates an seiner Akademie geduldet?

Wäre Sokrates zur Akademie gekommen?

Niemals hätte Sokrates die Akademie der Agora vorgezogen!




Februar 2015


Die Kernfrage zu Leo Strauss ist für mich, wer ist es, der eine absolute Unvereinbarkeit von Philosophie und (jüdischem) Gesetz behauptet? Welche Stellung in der geistigen Welt und in der Welt der Menschen hat jemand, der das als Tatsache feststellen kann?

Diese Frage gilt allerdings nur, wenn die Behauptung oder Tatsachenfeststellung mehr ist, als rein rational. Denn dann wäre sie ohne Gewicht, logische Spielerei sozusagen. Natürlich gibt es keinen gemeinsamen logischen Nenner zwischen von einer unhintergehbaren Autorität aufgezwungenen Denkvorgaben und dem Postulat des selbstständigen Denkens. Das alleine wäre banal.

Aus welcher Tradition und mit welchem Erbe könnte man eine Position beschreiben oder überhaupt in den Blick bekommen, von der aus man diese Behauptung aufstellen kann.

Nimmt man Sokrates als eine Person, für die die tägliche Beschäftigung mit "geistigen Dingen" der unhintergehbarer Lebensmittelpunkt ist, dann ergibt sich eine Parallele zu dem Leben unter Gottes Gesetz, für das die jüdische Tradition steht. Diese Tradition besteht nicht nur aus festen Regeln und Alltagsvorschriften. Es gibt einen hochkomplexen Textkorpus, der die göttlichen Vorgaben in sich trägt. Sie müssen täglich bedacht und für die Vorfällen des Lebens neu bestimmt werden.

Es ist der Primat des Geistes als tägliches Schicksal, das Sokrates mit dem traditionellen Judentum auf eine Ebene stellt. So gesehen ist der Weg von Leo Strauss zur Philosophie Platos und zur Rolle des Sokrates von Anfang an die folgerichtige Ergänzung zu seiner Unvereinsbarkeitsbehauptung von jüdischem Gesetz und Philosophie.

Die Philosophie als Leben im Rückgang von Plato zu Sokrates ist der unausgesprochene Nenner des Gegensatzes Philosophie versus Leben unter einem göttlichen Gesetz.

Dass Sokrates gegen die Anklage, er würde die Götter Athens missachten, in seiner Apologie kämpft, dass er dann aber das Todesurteil gelassen akzeptiert, zeigt den tiefen Ernst, der seinem denkenden Leben zu Grunde liegt. Solange die Welt diesen Ernst des "existentiellen Individuums" nicht akzeptiert, ist es gut beraten, wie Strauss deutlich macht, sich als selbstständiger Denker zu verbergen.

Sokrates und die auf Verehrung der Götter beruhende polis - der Gegensatz ist voll ausgebildet. Und doch ist mit Sokrates, nicht zuletzt durch seine Ablehnung des Exils und der Annahme des Gerichtsurteils, die Person eine historische Realität, die mit dem Gegensatz auch den Boden gesetzt hat, der diesen Gegensatz zu denken ermöglicht.




Februar 2015

Das Ganze der Welt

Es macht schon wundern, dass die Rechten in Europa so auf Putin aus sind. Als Nationalisten, sollten sie ihn da nicht als natürlichen Feind betrachten - den Großrussen?

Gut, man kann denken, es hat mit der Art Innenpolitik zu tun, die Putin in Russland exekutiert. Die Rechten in ihren europäischen Ländern träumen sicherlich von einem ähnlichen autoritären Staat, mit ihnen selbst als herrschender Kaste.

Nun läßt sich ja nicht bezweifeln, dass Putin und die heutigen nationalistischen Rechten von der französischen Revolution aus gesehen zur Reaktion gehören. Sie spielen also gegenüber Demokratie und liberalen Vorstellungen die Antithese.

Ist das aber schon die ganze Wahrheit?

Wenig Zweifel bestehen daran, dass die USA nach dem II. WK außenpolitisch weder demokratisch noch im Sinne liberaler Werte agiert haben. Sie befanden sich schließlich in einem Kampf auf Leben und Tod um die Hegemonie über die Welt.

Was ist, wenn hinter Putins Agieren das bewußte oder unbewußte Motiv steht, faktisch zu beweisen, dass die Verkündung des "Endes der Geschichte" definitiv verfrüht war. Angesichts der nach 1990 wieter existierenden Atomwaffenarsenale war diese These immer schon von substantieller Blindheit gekennzeichnet.

Die sog. westliche Welt kann Putins Russland zwar die ökonomischen Grenzen zeigen, aber sie kann die Atomwaffen auf diese Weise nicht aus der Welt schaffen.

Alle müssen wieder die Ehrfurcht vor der nahezu absoluten Zerstörungskraft menschlicher Technik lernen.

...



Januar 2015


CHARLIE
HEBDO
EST MORT

VIVE
CHARLIE
HEBDO!




10.08.2011

Der Faden der nationalen deutschen Geschichte

Wie kann man den Faden der nationalen deutschen Geschichte wieder aufnehmen? War nicht ein Grund für die Kriege des 20. Jahrhunderts, bei denen Deutschkand im Mittelpunkt stand, der Kampf um Freiheit. Sicher, der war vollkommen pervertiert, sei es von der vollkommen überzogenen Angst, unterzugehen, sei es von Größenwahn, extremer Gewaltbereitschaft und Bosheit.

Daher kann in der Bewertung dieser Epoche der Weltkriege der Freiheitsdrang und -kampf nicht wirklich gelten. Spätestens, als 1941-42 die Shoah ins Rollen kam, war jeder positive Wert ad absurdum geführt.

Aber heute? Heute besteht die Notwendigkeit, die nationale deutsche Geschichte wieder aufzunehmen, da die Imperien, zuerst das Sowjetische und jetzt das Amerikanische ihre Weltordnungskraft verlieren. Wohlgemerkt, nicht die Deutschen allein, alle Nationen müssen sich wieder ihre Geschichte und Selbständigkeit vornehmen, nur diesmal sicher nicht mehr chauvinistisch, oder fremdenfeindlich oder gar kriegerisch. Denn alle die bösen bornierten Auswüchse des Nationalismus waren eigentlich nicht die Freiheitsgeschichten, die die Nation(en) bedeuten soll(en). Sie führten und führen zu oft weg von der Freiheit.

Es braucht wahrscheinlich viel Reife, die nationale deutsche Geschichte wieder in die Hände zu nehmen. Es darf überhaupt kein Großkotz mehr eine Rolle spielen. Es muss eine gemeinsame Sache aller werden. Jeder muss einen Weg zur Freiheit sehen. Es braucht eine gewisse Kleinheit und Bescheidenheit vor dem großen Anteil, den das Schicksal trotz aller modernen Errungenschaften immer noch am menschlichen Leben hat. Es geht um etwas Ideelles vor allem Materiellen, das aber nicht zu kurz kommen darf.

Es muss ein Zug zum Allgemeinen, zum Universellen mitschwingen. Das ist ein Tribut an der Deutschen große Geistesgeschichte. Aber auch hier steht Bescheidenheit und Persönlichkeit im Vordergrund. Nicht direkte Bedeutung, sondern wenn, dann indirekte Bedeutung, ein Beispiel sein, das ist es, was den Deutschen heute nur ansteht.

Verantwortung für die im nationalen deutschen Namen ausgeführten Verbrechen, aber auch für die Niederlage im II. WK. Jene, die immer noch oder wieder für ein nationales Kollektiv "Deutschland" glauben kämpfen zu müssen, neigen dazu, weder die Verbrechen noch die Niederlage an sich ran zu lassen. Schlimmstenfalls stellen sie diese Ereignisse sogar in Abrede. Mal abgesehen von dem Affront gegenüber allen, die Opfer wurden und deren Nachkommen (wozu auch die Kinder und Enkelkinder von Tätern gehören können), ist diese Haltung vor allem dumm. Denn mit Sturheit, Bockigkeit und Realitätstverleugnung kann man keinen Neuanfang begründen und schaffen.

Man kann mit Kampf undmit der Vorbereitung auf den Kampf die Angst besiegen oder zumindest verdrängen. Und zweifellos gehört großer Mut zum Kampf. Aber in dieser hochkomplexen Welt voller Technologie, voller Chemikalien und voller Waffensystemen, die das menschliche Maß bei weitem übersteigen und die weder in Irak noch in Afghanistan eingesetzt werden, kann der Kampf nicht mehr das Maß aller Dinge sein. Es ist eher die "Schwäche" und das Nachgeben, Tugenden, die bei Kämpfern für die Nation oder den Clan vollkommen verpönt sind, die die Welt bestimmen können.

Wie könnte unter diesen Bedingungen Stärke aussehen?




Oktober 2010

Hitlers eigentliche historische Aufgabe, vor der er ebenfalls versagte
oder
"Hitler besiegen" III

(Dieser Text wird noch bearbeitet)


(siehe auch: "Hitler besiegen" I und "Hitler besiegen" II
- "Hitler besiegen" ist ein Buch von Avraham Burg)


Hitler versagte nicht nur in dem, was er erreichen wollte.

Hitler versagte auch vor einer in ihrer Bedeutung kaum zu übertreffende Aufgabe, die ihm die Geschichte gestellt hat: Wenn er schon als Mann des Volkes eine so hohe und umfassende Machtposition erhielt, dann hätte er, statt unvorstellbare Verbrechen zu initiieren und ausführen zu lassen, sowie das deutsche Gemeinwesen in einem absolut irrationalen Krieg mit Millionen von Toten der politischen Vernichtung zuzuführen, den Menschen, die seine soziale Herkunft hatten, die z.B. einfache Soldaten im I. WK gewesen sind, den Weg aus der politischen Unterwerfung bereiten müssen. Er hätte mit Hilfe seiner anarchistischen Ader, die ihn die adligen Generäle und alle sonstigen Eliten als Schwachköpfe betrachten ließ, und mit seinem stupenden Machtinstinkt und der Gunst der Stunde, mit dem er sie allesamt an die Wand spielte, die Macht des einfachen Mannes und der einfachen Frau aus dem Volk begründen müssen, damit wirklich das Volk herrscht, und nicht nur er, der direkt aus dem Volk kam und als Privatperson höchst durchschnittlich war.
Er hätte die das menschliche Leben zutiefst verachtende Kriegspolitik, die der europäische Adel und Klerus über Jahrhunderte in Europa veranstaltet haben, beenden müssen, anstatt dieser Politik noch eins draufzusetzen.

Stattdessen hat sich Hitler in seinem vom deutschen Volk befeuerten Größenwahn selbst tatsächlich für den größten "Kaiser" und "Feldherrn aller Zeiten" genommen und ist historisch voll nach hinten marschiert - was für eine unglaubliche Dummheit, welch ein unfassbarer Horror! Tatsächlich hat er auf diese Weise höchstens die Hälfte der Aufgabe erledigt. Er hat die alten Eliten abgehalftert, aber er hat zugleich den Untertanengeist des Volkes für seine persönliche psychotisch-böse Selbstverwirklichung bestärkt und missbraucht.


Y Y


Es nützt uns Deutschen nichts, es nützt niemand etwas, wenn wir immer Auschwitz und unserer nationalen Verantwortung für die Shoah wie eine Monstranz vor uns hertragen.

Klar, es handelt sich bei der Shoah um das Verbrechen schlechthin unserer Nation und in gewisser Weise der Geschichte und wir sollten uns schon um unser selbst willen immer wieder von neuem überlegen, warum es ausgerechnet im Rahmen unserer nationalen Geschichte passiert ist und was daraus folgt.


Eine mögliche Ursache: Weil wir Deutschen zu feige waren, eine Revolution vom Zaum zu brechen! Weil wir zu feige waren, unseren König zu töten, wie die Engländer und Franzosen, spät auch die Russen es uns vorgemacht haben. Weil wir stattdessen lieber auf die Schwächsten wie z.B. die Roma, die Homosexuellen etc. los sind und sie um die Ecke gebracht haben, insbesondere auf die Juden, deren Stellung sehr oft in der Geschichte prekär gewesen ist - die "Anderen" schlechthin der Europäischen Geschichte - und deren Stellung in den Dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts trotz aller Assimilierung, selbst trotz ihrer überdurchschnittlichen Tapferkeit als deutsche Soldaten im I. WK unglaublicherweise immer noch prekär war, bis es dann zu diesem immer unfassbar bleibenden bürokratisch-industriellen Ausrottungsversuch kam, der als weltweit und vollständig geplant war und der in hohem Maße gelang.

Jetzt ist es für diese revolutionäre Art der Emanzipation zu spät. Es gibt keinen König mehr. Jetzt müssen wir uns ohne Sündenbock am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen.

Y

Auschwitz kann blind machen. Auch wenn man seinen Schatten nicht wegschieben kann, muss man versuchen, trotz ihm zu sehen, vielleicht an ihm vorbeizusehen - gerade auch um diesem unglaublichen Verbrechen so irgend es geht gerecht zu werden versuchen! Denn wenn wir uns schon als deutsche Verantwortungsgemeinschaft verstehen wollen, dann gilt immer wieder festzuhalten, dass wir nicht die Opfer waren, als die die Nazi-Propaganda Deutschland immer hingestellt hat, sondern, dass aus unserer Nation die sich ganz dezidiert als "Deutsche" verstehenden Täter kamen!
Hitlers "Drittes Reich" existierte mit allen Befugnissen und allem Nimbus einer Staatsregierung für 12 Jahre, davon ging es ca. 8 Jahre "gefühlt" bergauf. Diese historische Realität kann durch die historische Realität der Shoah nicht aufgehoben werden. Auch wenn es noch so schwer fällt, man muss immer wieder Anlauf nehmen, um Hitlers "Reich" von der ihm eigenen Spielart der politischen und menschlichen Ausdrucksformen her wahrzunehmen - besser, an sich ranzulassen, so als hätte man damals selbst gelebt, sei es innerhalb, sei es ausserhalb des "Dritten Reichs" (welches in den Dreissiger Jahren auf der ganzen Welt viele antidemokratisch gesinnte Anhänger hatte).
Ansonsten wird man nichts gelernt haben. Ansonsten benutzt man Hitler nur als Sündenbock für die eigenen Unzulänglichkeiten.
Wenn die Shoah schon heute schwer vorstellbar ist, dann war sie bis 1940/1941 vollkommen unvorstellbar.

Ein offizielles Ende wird es für einen derartigen persönlichen und zugleich historischen Prozess nicht geben können. Allerdings kann sich irgendwann das Urteil verbreiten, dass fürderhin extreme Machtzusammenballungen und damit die Untaten, die damit vollbracht werden können, nicht mehr möglich sind. Das wäre dann das höchst mögliche Maß an Lehre, die aus dem "Dritten Reich" zu ziehen ist. Bis dahin scheint es noch ein weiter Weg zu sein.

So unhintergehbar die Kombination von klassischem Genozid und von modernen bürokratischen und industriellen Mitteln, die die Shoah ausgemacht hat, als Geschichtszeichen geworden ist, so entscheidend war für ihr Zustandekommen die These von der jüdisch-freimaurerischen Weltverschwörung, die zur Zeit Hitlers schon über 100 Jahre alt war und auf die er mit seinem "Antisemitismus der Vernunft" (statt des Gefühls) - perverser kann man es nicht sagen - endlich handfest reagieren wollte.

Die Shoah zieht alle, die sich ihr annähern, in ein sprachloses Entsetzen. Die These von jüdisch-freimaurerischen Weltverschwörung hingegen nicht. Man schüttelt vielleicht den Kopf über soviel Dummheit und sorgt sich vor deren Gewaltpotential. Aber diese These ist immer noch weitverbreitet und bei ihren Anhägern ein Glaubensgut, das man praktisch nicht in Frage stellen kann.
Anders gesagt, welche weltgeschichtliche Bedeutung Auschwitz als Geschehen für die Opfer und als moralisch unvorstellbare Grenzüberschreitung auch immer hat und wie sehr man Rücksicht auf die Traumata der Davongekommenen nehmen muss, die Lehren aus dieser Geschichte müssen Menschen ziehen, die Täter waren, sind und sein könnten. Und da ist die jüdisch-freimaurerische Verschwörungstheorie als immer noch aktueller Tatbestand, aus dem wieder neue Untaten begründet werden können, wesentlich schlimmer zu bewerten, als die Shoah, die ja längst vorbei ist. Je größer der zeitliche Abstand zu einem Ereignis ist, desto wichtiger wird die Erkenntnis seiner historisch-geistigen Verfasstheit für die Lehren, die aus ihm zu ziehen sind.

Claude Lanzmann hat in seinem paradigmatischen Film "Shoah" die überlebenden Opfer ihr grenzenlosen Leiden zum Ausdruck bringen lassen - so weit das möglich war. Aber er hat auch die Täter ausführlich sprechen lassen.

Y

Um also in unserer nationalen deutschen Geschichte voranzukommen, müssen wir nochmal zu dem historisch bedeutendsten Vertreter solcher Verschwörungstheorien, d.h. zu Adolf Hitler zurück und einen neuen Blick auf ihn werfen - diesmal ohne oder besser vor Auschwitz.

Hitler kam aus dem Volk, aus dem Kleinbürgertum. Er hat sogar ausdrücklich Werbung damit gemacht, dass er dieselbe einfache Herkunft hatte wie die Mehrheit seiner "Volksgenossen".
Es nützt also nichts, wenn sich heute wieder irgendwelche Eliten dieses Problems annehmen. Wir alle, das Volk, die Nation, und das bedeutet, jeder Einzelne von uns stehen vor der Aufgabe, die politische Erbschaft der deutschen Geschichte anzutreten. Wenn das nur Eliten tun, dann wäre es letztlich ein Rückfall in die Epochen vor und nach dem I. WK, als in Deutschland und Österreich noch Adlige, Generäle, Könige, Kaiser und superreiche Patriarchen, sowie elitäre Bürgertumsflüchtlinge wie z.B. Stefan George oder Ernst Jünger, das Schicksal der Welt zu bestimmen versuchten.


Damit man mich nicht falsch versteht: Ich glaube, heute ist jede Person Subjekt der Emanzipation, da kann sie so "blaublütig" oder noch so arm sein, wie sie will! Denn die heute angesagte Emanzipation mag äußerlich unscheinbar - "nachrevolutionär" - sein. Aber sie überschreitet alles historisch Gewesene hin zu einer politischen - man sollte sagen machtpolitischen Realisierung des allgemeinen Menschenbildes.

Y

Hitler und die Berliner Zentralregierung haben laut dem Dachau-Überlebenden und französisch-jüdischen Historiker Joseph Rovan jede Behörde des Deutschen Reiches, das sie 1933 übernommen haben, mit einer korrespondierenden Nazi-Behörde quasi verdoppelt und sie haben anschließend nie wirklich geklärt, wer tatsächlich für was zuständig ist und wer das letzte Wort hat. Die Folge war ein innerer anarchischer Auflösungsprozess, der langsam den ganzen Staat zerstörte.

Hitler und die Nazis nannten die Weimarer Republik "Systemzeit", also die Zeit einer starren sklerotischen politischen Situation. Davon wollten sie sich als "Bewegungszeit" abgrenzen. Krieg und Gewalt erscheinen als unvermeidbare Folgen dieser Antistabilitätspolitik, für die "Friede" und politische Ordnung nur eine Synonym für Mittelmäßigkeit und Feigheit gewesen ist. Aber über das Ergebnis umfassender Zerstörungen und der Vernichtung von unfassbar vielen Menschenleben kam diese sog. "Bewegung" letztlich nicht hinaus - trotz der sprichwörtlichen (zum Halse heraushängenden) Autobahnen.

Hitler war ein Anarchist, er war ein antibürgerlicher Revoluzzer. Das war vielleicht nicht sein primäres Selbstbild. Aber ist sein Selbstbild überhaupt ernst zu nehmen? Auch wenn er ein extrem kompetenter Machtmensch war, war er doch auch völlig neben der Rolle. Es gab die "jüdisch-freimaurerischer Weltverschwörung" nicht, nach der er sein Denken und Handeln ausrichtete, besser als deren großer welthistorischer Gegner in einem pseudo-mythisch aufgeladenen epochalen Endkampf er sich auserkoren sah.
Nicht hinter den Kulissen arbeiteten die USA und die Sowjetunion zusammen, etwa qua jüdisch-freimaurerischer Seilschaften, sondern es war Hitlers Wahn und die daraus resultierenden Kriegspolitik höchstselbst, der die beiden verfeindeten Großmächte des bipolaren Kalten Krieges kurz zuvor noch zu einer vorübergehenden Zusammenarbeit gezwungen hat.

Wie dem auch immer sei, sein Denken und Handeln war in höchstem Maße umstürzlerisch. Keine alten Werte galten mehr. Hitler und seine Nazis benutzten und missbrauchten alle alten Eliten und alle alten Traditionen (einschließlich des Christentums), um durch aktives Handeln, aber auch durch schlichtes Zerstören institutioneller staatlicher Strukturen, eine Totalmobilmachung der Gesellschaft zu produzieren. Das daraus folgende Handeln führte in einem Radikalisierungswahn alle alten Eliten und alle alten Traditionen (einschließlich des Christentums) ad absurdum.
Dass die auch alten Eliten im "Dritten Reich" mit vielen gerade auch ideologischen Aspekten des Nationalsozialismus einverstanden waren und in diesem Sinne ihre eigenen Süppchen kochten - dass es also neben der Volksreligion "Unser Führer" auch eine dezidiert antisemitische und äusserst menschenverachtende Elitenreligion samt Größenwahn gab, widerspricht der Missbrauchsthese nicht. Denn was immer Eliten in Verwaltung, Lehre oder Militär für ihr (narzistisches) Ego und für ihre Karriere und ihre soziale Stellung getan haben, sie kämpfen auch oder ganz besonders für Deutschland, für ein Großdeutsches Reich, - und hätten doch durch ihre Mitwirkung unter Hitler, die bekanntlich vor Massenmorden nicht halt machte, Deutschland nicht weniger dienen können.

Y

Die Menschen in Mitteleuropa mussten nach dem Krieg weiterleben und dank des Kalten Krieges und dank ihrer Tüchtigkeit ging es ihnen erstaunlich schnell wieder viel besser. Aber trotz der immensen Arbeit an der Vergangenheit, die von vielen Menschen geleistet wurde, konnte sich die Gesellschaft bis heute nicht wirklich auf das Umstürzlerische von Hitlers Wirken einlassen. Dabei haben die Nachkriegsdeutschen West davon durchaus profitiert. Man stelle sich vor, die militaristischen preussischen Junker hätten noch viel zu sagen gehabt in der BRD.


Damit man mich nicht falsch versteht, Hitlers Weltbild war trotz aller revolutionären Dynamik absolut reaktionär und das war leider(!) ein wesentlicher Grund dafür, dass er in seiner Epoche die Macht so erfolgreich an sich reissen konnte. Aber er kam aus dem Volk. Er gehörte zu keiner alten Elite. Im Gegenteil, er verachtete die alten Eliten und spielte sie gegeneinander aus - er spielte seine Nazi-Partei gegen die trad. Deutschnationalen aus, das war das wesentliche Moment, bzw. der Trick seiner ungewöhnlichen persönlichen Machtfülle (= das Bonapartismus-Modell von Eberhard Jäckel). Neben den "Retter und Führer"-Projektionen der deutschen Bevölkerung war diese Sonderstellung oberhalb der Eliten für das Fehlen jeglicher Kontrolle verantwortlich, die es ermöglichte, dass ein ganzes Staatswesen in ein sowohl mörderisches wie selbstmörderisches Abseits geriet und damit alle althergebrachten gesellschaftlichen Werte desavouiert wurden.


Vielleicht ist erst heute die Zeit gekommen, Hitlers Wirken in seiner gesamten historischen Dimension nicht nur zu bedenken, sondern die richtigen und angemessenen Schlüsse daraus zu ziehen und entsprechend zu handeln. Eine Zeitung schrieb: "Ob es uns gefällt oder nicht: Hitler bleibt Deutschland berühmtestes Markenzeichen." Müssen wir auf die "historische Höhe" Hitlers steigen, um ihn vom Sockel zu stoßen und seine Macht endlich zu bannen?

Y

Hitler war einer von uns. Wir, das Volk, kamen durch ihn zur Herrschaft.
Aber der Schreck am Ende des Krieges war absolut. Das Volk war weiter weg von seiner Selbstbestimmung als vor der Hitlerzeit. So gab es nach dem Krieg in der BRD ein riesiges Bedürfnis nach Halt und es wurde gezwungenermaßen sehr vieles in der Gesellschaft von elitären Denkstrukturen und Mentalitäten geprägt, trotz des repräsentativ-demokratischen Neuanfangs im Westen. Dem Volk kann man scheinbar oder tatsächlich(?) nicht trauen. Es traute sich selbst nicht!.

Die meisten Menschen in Deutschland haben sich noch nicht wirklich klar gemacht, was Hitlers Herrschaft für das Verhältnis innerhalb der Nation und des Staates bedeutet. Ich meine damit nicht die extrem Linken, Anarchisten oder "Revoluzzer" etc., die sowieso alles besser wissen und keine Herrschaft akzeptieren. Ich meine vor allem die sog. Konservativen, die Rechten, die Herrschaftsgläubigen. Sie haben sich alle noch nicht klar gemacht, was es für die Binnenverhältnisse in Deutschland bedeutet, dass mit Hitler ein Zerstörer aller, wirklich aller Traditionen 12 Jahre an der Macht gewesen ist. Nur als Beispiel: Es gibt Zeugnisse von Wehrmachtgenerälen auf dem Vormarsch nach Paris 1939, die mit Erstaunen feststellten, das die aus SS-Einheiten bestehende Speerspitze des Einmarsches in sämtlichen Kirchen die Altäre zerstört hatten.

Y

Man denkt, dass die Shoah und damit das Verhältnis zu anderen Nationen oder Völkern der entscheidende Kern der Verantwortung für Hitlers Nachlaß wäre. Das stimmt aber nicht. Die Deutschen können ihrer Verantwortung gegenüber sich selbst und gegenüber der Welt letztlich nur gerecht werden, wenn sie die absolute Infragestellung des innergesellschaftlichen Machtprinzips durch Hitler adäquat und d.h. konstruktiv aufnehmen und als Auftrag zu etwas Neuem, Gutem annehmen.

Nicht die es immer schon wissen, dass die Macht des Teufels ist, sondern die Konservativen, Rechten, ja die Reaktionäre müssen endlich zur Kenntnis nehmen, dass Adolf Hitler das Prinzip der vormodernen souveränen, unkontrollierten Macht in seiner Person zu absoluter Höhe und zugleich absolut ad absurdum geführt hat. Faktisch hat die Wasserstoffbombe nach dem Krieg vorgegeben, dass unkontrollierte Macht nicht mehr tolerabel ist. Aber das ist die technische Komponente. Für die menschliche, die personalisierte Ausprägung dieser epochalen Entwicklung steht Adolf Hitler, fiktiv symbolisiert vielleicht in der an der Welt vorbeigegangenen Schreckensszenario eines Hitlers, der über die Bombe verfügte.

Man muss von einer kaum substantiell und umfassend genug vorstellbaren Desintegration sprechen. Diese kommt nicht etwa zuerst durch das Menschheitsverbrechen der Shoah zustande. Nein, die Shoah ist vielleicht die extremste, jedenfalls die entsetzlichste Auswirkung dieser Desintegration während des "Dritten Reiches". Aber sie ist nicht die Desintegration selbst, die die ganze Nation, das ganze Volk, die ganze Gemeinschaft erfasst hatte und die bis heute spürbar ist, also durch die 65 Jahre Nachkriegsdeutschland noch nicht wirklich geheilt werden konnte.

Diese Desintegration ist das Ergebnis einer absoluten Infragestellung von aller Macht, Moral, Autorität und Politik überhaupt durch eine zur Macht gelangte mörderisch-bösartige, pseudoreligiös irrsinnige Einzelperson ohne wirklichen inneren Halt, die auf eine erschreckende Resonanz im Volk traf. Rolf Hochhuth berichtet (ich erzähle diese Geschichte immer wieder), dass um 1942 die Regierung in Berlin alle Polizeidienststellen im Reich angewiesen hat, keine Denunziationen mehr entgegenzunehmen und zu verfolgen. Das deutsche Volk war gerade dabei, sich gegenseitig auf's Schafott zu schicken.

Y

Daher ist es zwar notwendig, aber nicht hinreichend, wenn sich die deutsche und österreichische Nation und ihre Menschen und wer sich sonst berufen fühlt(!) mit der Shoah und den anderen Massenmorden während des II WK und wie es zu diesem Verbrechen kommen konnte auseinandersetzen. Wir müssen uns vor allem anderen dieser Desintegration stellen, die im tiefsten Kern eine Desintegration des gesamten Menschen ist. Wie konnte es im Laufe der politisch-historischen Entwicklung zu einem derartigen Kurzschluss kommen, der alle schlimmsten Vorurteile und Befürchtungen in punkto Nihilismus und Gewaltexzessen, die gegenüber einer nachrevolutionären Zeit (nach 1789, nach 1917) herrschten, bestätigte - irrerweise im Namen dieser Befürchtungen.

Dies bedeutet, dass wir Deutsche und Österreicher der Verantwortung für die Shoah gerade auch im Verhältnis zu den anderen Völkern, Nationen und Menschengruppen, die damals als Opfer betroffen waren, nur gerecht werden können, wenn wir diese Desintegration und was heute noch an Resten davon übrig ist nocheinmal wahrnehmen und uns als etwas vornehmen, das es zu "heilen" gilt. Welche Schlüsse sind daraus zu ziehen angesichts des Übergangs der Macht und der Politik von der alteuropäischen transzendent-hierarchischen Gesellschaftsdisposition zur modernen rechtsstaatlich-demokratischen Tradition, der seit einigen Jahrhunderten Schritt für Schritt stattfindet und der bekanntlich Vorläufer in der griechischen und römischen Antike und dann in der Renaissance hat.

Wenn wir Deutschen und Österreicher und wer sich sonst angesprochen sieht uns um die innere Bedeutung der Herrschaft Adolf Hitlers und alles dessen, was damit zusammenhängt, kümmern, dann schaffen wir auch die Grundlage dafür, unserer Verantwortung gegenüber anderen Menschen, Völkern und Nationen wenigstens im Versuch gerecht zu werden. Das berühmte "Nie wieder Auschwitz" ist definitiv zu wenig. Wer sollte das denn bitte wiederholen wollen oder können? Andererseits kann man sich heute und in Zukunft Menschheitsverbrechen vorstellen, ermöglicht nicht zuletzt durch den zivilisatorischen Fortschritt, die in der einen oder anderen Hinsicht Auschwitz übertreffen. Genau deshalb muss die Auseinandersetzung nicht bei Auschwitz beginnen, sondern bei dem Hauptinitiator der Shoah, bei Hitler und seiner Bedeutung für die Geschichte der politischen und der gesellschaftlichen Macht. Denn ohne übergroße gesellschaftliche Macht- und Hoffnungsansammlung in seinen Händen hätte es Auschwitz kaum gegeben. Letztlich geht es um das Selbstverhältnis der Gesellschaft und der Menschen bezüglich der Macht. Wer hat wieviel Macht?

Wenn wir Hitler endlich "die Stirn bieten", dann können wir vielleicht die Phänomene und die Bedeutung der Macht in unseren Gesellschaften und in der Weltgesellschaft klären und daraufhin die Macht fundamental einhegen. Das wäre ein Vorgang von allgemeiner Bedeutung, da die gesamte Menschheit in verschiedensten Formen von den Gefahren und Sachzwängen ausufernder Macht betroffen ist. Damit könnten wir der historischen Bedeutung und der Plakativität von Adolf Hitlers und seiner Deutschen Taten vielleicht Paroli bieten.


Zwischenbemerkung

Wenn ich hier von Deutschen oder Österreichern spreche, dann ist das keinesfalls gegenüber anderen Nationalitäten oder staatenlosen Personen ausschließend gemeint. Jeder darf sich eingeladen fühlen, die Verantwortung, die wie gesagt letztlich alle Menschen der Erde trifft, mitzutragen. Es gibt Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund, die sich dezidiert der deutschen Verantwortung stellen, welche durch die Shoah entstanden ist - ganz im Sinne der Erkenntnis, dass moderne Nationen im Gegensatz zu ihrem Namen eben keine Geburtsgemeinschaften, sondern künstlich geschaffene Kultur-Gemeinschaften sind. Daher legen auch alle Nationen derart viel Wert auf die Schulerziehung, durch die die Bürger der Nation(en) geschaffen werden, beinahe so wie aus geraubten christlichen Babys die osmanische Eliteeinheit der Janitscharen geschaffen wurde.
Wer die Nation in einen rassistischen Stamm umwandeln will, der will künstlich das Artifizielle (= das Künstliche) in das Natürliche verwandeln und glaubt nicht an die moderne Welt.

Y

Die Bedeutung Hitlers für die Geschichte der politischen und der gesellschaftlichen Macht ist nicht grundstürzend genug vorstellbar. Der Abstand zwischen dem, was er sein wollte, was er dachte, geleistet zu haben, und vor allem, was eine Mehrheit von Leuten im Deutschland der dreissiger Jahren des 20. Jhrs von Hitler erwartet haben, was sie geglaubt haben, dass er für Deutschland schaffen würde, und zwischen dem, was Hitler tatsächlich erreicht hat und für was er vor der Geschichte steht, kann kaum größer sein.

Was während des "Dritten Reichs" geschah, war staatliches Handeln, Regierungshandeln oder vom Staat und der Regierung geleitetes Handeln. Das sollte man sich immer wieder vor Augen führen.
Damit war und ist staatliches Handeln, Regierungshandeln für immer zutiefst in Misskredit gebracht worden.

Diese Vorgänge geschahen nicht im 16. Jahrhundert, dem Zeitalter des Dreissigjährigen Krieges, sie geschahen nicht im 6. Jahrhundert, zur Zeit der Völkerwanderung, sie geschahen im 20. Jahrhundert. Wer nicht begreift, dass damit ein anarchischer Prozess, ein tiefer Auflösungsvorgang vonstatten ging, der kann geschichtliche Dimensionen nicht wahrnehmen. Die Autorität von Leuten, die mehr oder weniger beschränkte große Macht über Menschen und Gesellschaften beanspruchen, ist für immer zerstört - mehr als eine Revolution das je erreichen könnte. Es kann kein Grundvertrauen in Machthaber mehr geben. Es kann keine Schicksalsergebenheit gegenüber Macht mehr geben!
Hitler hat jegliche überzeitliche Geltung des Kollektivitätsprinzips endgültig zerstört, jenes Prinzips, zu dem Dan Diner urteilt, es sei eine anthropologische Konstante, dass kollektiv ausgeübte Gewalt immer zur Selbstverteidigung ausgeübt wird.
(Man wird vermuten, dass sich das bei individueller Gewaltanwendung ähnlich verhält, weil es eine internalisiertes psycho-mentales Verfahren ist. Man ist stärker im Kampf, wenn man den Eigenanteil an der Schuld konsequent ausblendet. Motto: "Schuld sind immer die anderen!")

Y

Andererseits wird von Revolutionären und Anarchisten oft übersehen, dass politische und persönliche Freiheit nur realisierbar ist, wenn die Gesellschaft möglichst selbstverständlich und reibungslos funktioniert. Und Gesellschaften können nur gut funktionieren, wenn viele Mitglieder sich positiv einbringen und die Gesellschaft aktiv gestalten.
Im anderen Fall, wenn die Ordnung der Gesellschaft nicht auf gute Weise funktioniert, wird sie auf schlechte Art erzwungen, was ein Gesellschaftszustand zur Folge hat, indem Gewalt, Unterdrückung und unkontrollierte Macht zunehmen bzw. herrschen.

Fürst Metternich gilt als der Reaktionär schlechthin. Aber als er auf der Flucht eine zeitlang in London weilte, war er begeistert von der (damaligen) englischen Form der Demokratie und hörte regelmäßig den Diskussionen im Parlament zu. Seine eigentliche Gegnerschaft galt politischer Willkür und gesellschaftlichem Chaos, die er durch den überall aufkeimenden Nationalismus kommen sah. Er kannte den gegenseitigen Hass vieler Völker im Habsburgerreich. Man kann heute nicht sagen, dass er Unrecht hatte.

Y

Eine Zeitung schreibt anlässlich der Berliner Hitler-Ausstellung 2010: "Ob es uns gefällt oder nicht: Hitler bleibt Deutschlands berühmtestes Markenzeichen!"
Will man den Streit mit der deutschen Geschichte gewinnen - will man Hitler, besser das Phantasma, das er immer noch ist, besiegen, dann muss man den Elfenbeinturm und den geschützten Raum der Trauer verlassen. Man muss das Phantasma der absoluten Macht im hier und heute bei den Hörnern packen!

Macht ist zunächst eine wertfrei Kategorie. Je mehr eine Person oder Instanz das Leben der Gesellschaft(en) und der Menschen bestimmt - sei es zum Guten, sei es zum Schlechten -, desto mächtiger ist sie. Erst wenn die Machtmittel alles menschliche Maß verlieren, wie man es bei den ABC-Waffen konstatieren muss, hat die Menschheit ein grundsätzliches Problem. Wo also steht die Welt heute, nach dem Ende des "Kalten Krieges"?
Ist die Macht heute besser, dauerhaft besser aufgehoben, als zu Hitlers Zeit? Ist etwa die Ökonomie, die heilige Kuh unserer heutigen Zeit, die neue Machthaberin? Viele glaubten im Gefolge des klassischen Liberalismus tatsächlich, sie könne als globalisierte Finanz-Ökonomie mit ihrer "unsichtbaren Hand" (Adam Smith) das politische Führungs- oder Machtproblem der Weltzivilisation lösen - in Luft auflösen. (Luft = lauter "win-win-Situationen")

Eigentlich funktioniert Macht immer dann am besten, wenn nicht über sie gesprochen wird. So gesehen ist die Ökonomie vor allem deshalb in aller Munde, weil die moderne Zivilisation es noch immer nicht geschafft hat, das materielle Leben der Menschheit in souveräne, ruhige Bahnen zu lenken. Selbst im Jahre 2010 bangen Milliarden Menschen um ihr Auskommen oder sind sogar zum Vegetieren ohne gute Versorgung selbst mit Wasser und Nahrung gezwungen. Immer noch erlebt ein großer Teil der Menschheit das Bemühen um die alltäglichen Lebensnotwendigkeiten als einen Kampf auf Leben und Tod. Welch ein Armutszeugnis für all die Wirtschaftsführer, Reichen und Tollen. Nicht, dass sie diese Zustände ohne weiteres ändern könnten, wer kann das schon. Aber worauf gründen sie all ihren Stolz, ihren Hype der Milliarden-Boni und Luxusjachten, ihr tolles Selbstbild, wenn nicht auf der Ignoranz gegenüber dem Zurückbleiben der modernen Welt vor ihrem eigenen Bild, vor ihrem Anspruch? Sie gründen ihr Leben auf einem vormodernen Welt- und Gesellschaftsbild.

Das Ziel der modernen Zivilisation kann nicht in der Schaffung von Reichtum Einzelner aufgehoben sein, die mit Protzgehabe ihren Status auf der Hühnerleiter markieren?
Wieviel Militärequipment wird eigentlich auf der Welt hergestellt und unterhalten, das niemals eingesetzt wird, sondern nur der Drohgebärde dient - ist also verschwendete Ressource?

Solange man die alltäglichen Bedürfnisse sowie die psychischen und physiologischen Abhängigkeiten der Menschen zur Machtgewinnung ausgenutzen kann und bestimmte Eliten sich ganz geschäftsmäßig anschicken, die Menschheit auf ihre niedersten Triebe und Verhaltensweisen zu reduzieren, ist die Welt in einem lächerlichen Zustand.
Anstatt die Menschen aus Sachzwängen und Knappheitsfallen Stück für Stück herauszuführen, gerät ökonomisches Handeln im Rahmen eines "Alles oder Nichts" - Konkurrenzkampfes immer wieder in Situationen, diese Sachzwänge und Knappheitsfalle, getrieben vom Geschäftsinteresse, eher noch zu verstärken oder gar noch schlimmere Mechanismen einzusetzen.
Die Menschheit kann nicht unterwegs stehenbleiben. Wenn sie den Weg, den die Potentiale der modernen Welt verheissen, nicht ganz ausschreitet, werden diese Potentiale Mittel zu Zerstörung und Selbstzerstörung sein.

Y

Natürlich kann Selbstbestimmung nicht von außen kommen, sondern ist ein innerer Prozess. Selbstbestimmung gibt es nur persönlich und individuell. Von außen, von der Gesellschaft kommt die Freiheit dafür, wenn sie kommt, und sollen die Möglichkeiten, sozusagen das Material dafür kommen.
Bisher war Selbstbestimmung nur den Eliten (im Kleinen wie im Großen) und den Einsiedlern vorbehalten.
Heute genügt das nicht mehr. Die Maßstäbe kollektiver Hierarchien gelten nicht mehr. Die Wirtschaftsführer und alle anderen Eliten können den Menschen den Weg in die Selbstbestimmung nicht abnehmen. Aber die Maßstäbe moderner Selbstbestimmung gelten selbstredend auch für sie. Wir erleben heute, Peer Steinbrück spiesst es mit dem Begriff von den "Parallelgesellschaften auch oben" auf, ein Versagen der Eliten, wenn sich deren Mitglieder selbst nicht ausreichend um ihre persönliche Selbstbestimmung als Individuen kümmern und stattdessen ihrem Status als kollektiver Machtbesitzer huldigen und huldigen lassen.



Gemessen an unserem Zivilisationsstand genügt es nicht mehr, überaus reich zu sein und/oder sich als etwas besseres zu empfinden - gleich auf welchem gesellschaftlichen Status man zu stehen glaubt. Spätestens, wenn man den Punkt erreicht hat, dass das eigene Auskommen souverän gesichert ist, muss man beginnen, Mittel dafür einzusetzen, dass das eigene Leben allgemein wird, dass man jegliche soziale Schicht positiv transzendiert. Das ist nicht das "die Hälfte seiner Milliarden zu spenden" eines Warren Buffetts. Noch weniger allgemein, noch partikularer, um es harmlos zu sagen, ist der Denkfehler der libertären Superreichen in Amerika und sonstwo. Sie wollen partout nicht sehen, dass ihr ganzer Reichtum ohne die Gesellschaft - z.B. ohne die Kollektivinstitution eine Währung - und ohne die anderen Personen niemals zustande gekommen wäre.
Es ist mittlerweile sogar noch schlimmer, denn der Mythos der Unabhängigkeit der Superreichen von der öffentlichen Hand ist seit der Finanzkrise definitiv obsolet. Ökonomen wie Paul Krugman oder Joseph Stiglitz stellen fest, dass die staatlichen Rettungspakete für die Banken nicht zuletzt ein Sozialprogramm für die Reichen waren. Mit den Steuern der "Kleinen Leute" werden die Vermögen der Superreichen gerettet. Das wäre peinlich, wenn Superreiche nicht in einer peinlichkeitsfreie Zone leben würden.

Je umfassender und gewinnbringender jemandes Handeln in die Gesellschaft integriert ist und je mehr Macht er dadurch hat, desto abhängiger ist er von der Gesellschaft und von der Duldsamkeit der großen Mehrheit der Menschen.
Wird Gesellschaft und Duldsamkeit zerstört, zerbröselt sein ganzes Vermögen, seine Macht zu nichts. Am Ende steht der Faschismus als Pornographie der Macht. In Mittelamerika sollen viele Gangs der organisierten Kriminalität, die das Kidnappen und Erpressen von Vermögenden als Geschäftsmodell betreiben, von Mitgliedern der von diesen Vermögenden zum Schutz vor Kriminalität beschäftigten und schlecht bezahlten Überwachungsfirmen gegründet worden sein.

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Persönliche Selbstbestimmung in allgemeiner Weise zu erwerben bedeutet, dass ich einen neuen, je einzigartigen, ganz individuellen Weg suche und einschlage, wie ich mein Leben ausgestalten kann, gerade weil es dafür keine verallgemeinerbaren Kriterien mehr gibt - außer vielleicht das Kriterium, dass ich in einem umfassenden Sinn, also geistig, seelisch und materiell, ein Stück weit unabhängiger von der Gesellschaft werde.
Diese Loslösung von der Gesellschaft wird nie vollständig möglich sein, aber doch in einem entscheidenden die Welt verändernden Maße. Dieses Maß wiederum wird erst in den Gesellschaften realisiert sein, wenn eine Mehrheit von Menschen einen solchen Weg bewußt und ernsthaft versuchen. Das entscheidende Kriterium ist, dass man aktiv an der Gesellschaft teilnimmt, aber dass die Gesellschaft im eigenen Leben, d.h. in der Psyche und im materiellen Leben nicht mehr dominant ist.

Auf der materiellen Ebene niemand auf die arbeitsteilige Gesellschaft verzichten wollen wird. Hier kann es nur um die Dezentralisierung der Befriedigung der essentiellen Lebensbedürfnisse und des wirtschaftlichen Zusammenlebens gehen, damit dieser Bereich transparent wird oder bleibt. Das Ziel ist, die Weltzivilisation insgesamt fehlerfreundlicher und autarker zu machen. Das Ziel ist auch, unser menschliches Leben unseren inneren Bedingtheiten als evolutionäre Kleingruppenlebewesen anzupassen - selbstverständlich ohne die globale Gemeinschaft der Menschheit aus den Augen zu verlieren. Im Gegenteil, je besser die Menschen vor Ort ihr Leben führen können, desto eher sind sie in der Lage, die Weltgemeinschaft aktiv mitzugestalten. Vor allem hier sind Leute mit Geist und Kapital gefragt, die die Entwicklung in diese Richtung anschieben. Denn längst ist nicht mehr klar, ob der labile Zusammenhang von großen Währungen wie Jen, Yuan Renminbi, Dollar, Euro etc. mit einer computerisierten, global und immer ausgeklügelter operierenden Geldanlage-Industrie dem Fortschritt eher nützt oder eher schadet - um von dem Krisen nicht zu reden.

Aber unser Zeitgeist unterliegt in seinem "Realismuswahn" dem Irrtum, dass die materielle Ebene der Selbständigkeit die wesentliche Ebene ist. Der soziale Rang oder das "ranking", die Stratifikation (Schichtung) der Gesellschaft, das Kastenwesen oder in welche "Mischpoche" darf die Tochter oder der Sohn einheiraten - dies alles sind die viel wesentlicheren, mit Religion und/oder Transzendenz verbundenen Fragen des menschlichen Lebens, die in unorthodoxer Form auch liberale Menschen sehr wohl beschäftigen.
Das Materielle spielt nur dann die erste Geige, wenn es gefährdet ist oder gar fehlt. Sonst ist es nur das Substrat (Mittel) des menschlichen Lebens. Und genau auf dieser Ebene versagen die Eliten von heute, wenn sie nicht verstehen, dass das allgemeine Menschenbild nur mit einem zwar individuellen, aber metaphysischen, also nicht primär materiellen Begriff der persönlichen Selbstbestimmung zu realisieren ist.

Jeder Einzelne steht heute vor der Aufgabe, sich diesen Begriff selbst als Person anzueignen, weil alle gesellschaftlich vermittelten Formen von metaphysischer Selbstbestimmung relativ geworden sind. Davon ist nicht zuletzt die "Weltreligion Nr.1" betroffen: Der Glaube, dass man etwas Besseres sei, als jemand anderes - ein Glaube, der immer mit einer bestimmten geistigen Überlegenheitshaltung verbunden ist! Dieser Glaube steht nicht in sich selbst, sondern braucht andere Personen, um sich ihnen gegenüber aufzuwerten. Dieser Glaube ist sozial abhängig.
Die hier beschriebene Existenzebene geht über die Psyche hinaus in den Bereich, der traditionell mit Begriffen wie Religion, Ehre, Identität und sozialem Rang gefasst wird und der immer ein kollektives Geschehen bezeichnet. Religiöse Individualisten, z.B. Mystiker, galten und gelten gerne als Spinner und erfahren kollektive Ehren als Heilige meist postum.
Wir leben (wiedermal) in einer Umbruchszeit. Anders gesagt, die Neuzeit und die Moderne, die alles Schicksalhafte abschütteln wollten und es immer wieder mit romantischem Aufbäumen gegen den Rationalismus zu tun hatten, kommen von der Religion nicht los. Gemessen an den unhintergehbaren Maßstäben der Moderne ist die Welt bezüglich der gesellschaftlichen Auswirkungen von Religion oder Quasi-Religion in einer zukunftsorientierten und das bedeutet individuellen Perspektive nicht wirklich ungleichzeitig. D.h., es gibt keinen kategorialen Unterschied zwischen dem Leben modernster Großstadtbürger und dem Leben der Besucher von Lourdes oder Benares, da die Existenzebene der Religion auch in den modernsten Ecken der Welt noch nicht zu Ende entwickelt, sprich individualisiert ist.

Y

Für das finale Zugrunderichten aller metaphysischen Kollektivität jedenfalls steht Adolf Hitler. Nach Hitler kann sich die Transzendenz nur noch individualisieren. Alle kollektiv verfasste Transzendenz wird den Ruch des Machtmissbrauchs nicht mehr ablegen können.
Hitler hätte die einzelne Person als für sich stehenden, auch politischen Wert in seinem Kollektivwahn sicher nicht nachvollziehen können und wollen, obwohl die Voraussetzungen dafür schon in der Antike formuliert worden sind, z.B. in Form des Sokratischen "daimonion" - seiner "schicksalhaften Individualität" (Seth Bernadete) - oder im Begriff "Kosmopolites" des Diogenes.


Kann man eine Art Anti-Hitler-Paradigma aufstellen?

In seinem Buch "Geschichte des Rechts" berichtet Uwe Wesel von einem Ethnologen, der in der ersten Hälfte des 20. Jhr. eine Gruppe von als "Jäger und Sammler" lebenden Pygmäen im großen Regenwald (Ituri) im Kongo besucht und mit ihnen gelebt hat. Er hat diese Gruppe als anarchisch und egalitär beschrieben. Es gab keine Hierarchien und keinen Wertunterschied zwischen Mann und Frau. Sind diese Kennzeichen nicht als die Basis der urmenschlichen Gesellschaftsform zu begreifen? Durch seine Sprachfähigkeit - Hauptbeschäftigung der Regenwaldbewohner war das tägliche Palaver - hat es der Mensch geschafft, die Ordnungsprinzipien der Tierhorde zu überwinden. Hierin lag zweifelsohne die Spitze der menschlichen Zivilisation.

Mit Beginn der Sesshaftigkeit kehrten sich die Vorzeichen um und es fand ein Wiedererstehen der "tierischen" Ordnungsprinzipien statt, die immer auf den biologischen Unterschieden und auf dem "Recht des Stärkeren" - der Krieg als "Vater aller Dinge" - basieren. (Originalzitat von Heralit: "Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König. Die einen macht er zu Göttern, die anderen zu Menschen, die einen zu Sklaven, die anderen zu Freien.")
Diese Entwicklung hat wohl mit der notwendigen Bändigung von Machtagglomerationen und von der chaotischen, anarchischen Aggressivität und Gewaltbereitschaft der Menschen zu tun, wie sie durch kulturelle und technologische Fortschritte und vor allem durch das Entstehen von großen Gesellschaften entstehen, die das Maß kleiner Familienclans weit überschreiten. Sie hat auch mit den unhintergehbaren Eroberungen im Zuge von Dynastiebildungen, Reichtumsakkumulationen und territorialen Integrationen zu tun. In dieser Epoche der Menschheitsgeschichte hat es unzählige großartige Kulturleistungen gegeben hat. Wenn wir heute tatsächlich vor einer neuen Epoche zu stehen scheinen, dann liegt das an einer Art "overkill" dieser Kultur- oder Zivilisationsleistungen.

Die Frage: Sind wir Menschen heute, wo es keine "weissen Flecken" auf der Landkarte mehr gibt und die ABC-Waffen den "Vater aller Dinge" ins Abseits geführt haben, schon Individuen genug, schon emanzipiert genug, um wieder an die menschliche Urgesellschaft anknüpfen können - in einer zeitgemäßen Form?

Welche Lehren kann man aus der Geschichte ziehen? Doch die Lehre, dass die Macht in den verschiedensten großen und kleinen Gesellschaften durch die Jahrtausende hindurch normalerweise missbraucht wurde. Dazwischen gibt es Beispiele guten Machtgebrauchs und/oder effektiver Machtkontrolle. Das waren aber eher die Ausnahmen. Die historische Standardsituation ist heute noch nicht vorbei, aber auf Grund der modernen zivilisatorischen Potentiale immer untragbarer, da Machtmissbrauch heute viel größeren Schaden anrichten kann.

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Es geht in der heute nötigen Auseinandersetzung um den Weg in die Zukunft sicher nicht mehr darum, für kollektive Umbrüche z.B. in Form der klassischen europäischen Revolutionen zu kämpfen - nicht zuletzt, weil unter Revolutionen jeglicher Art am meisten die Schwachen der Gesellschaft zu leiden haben.
Stattdessen müssen politische Formen der gesellschaftlichen Veränderung gefunden werden, in denen sich ein jeder als Einzelner so einsetzen kann, selbstverständlich ganz im Rahmen seiner Möglichkeiten, dass die Mitmenschen davon eher profitieren als geschädigt werden. Genau darin lag der Reiz der Ökonomie, die solche "win-win-Situationen" quasi wie von selbst herzustellen versprach, bis man erkannte, das die Ökonomie die Politik nicht ersetzen kann - abgesehen davon, dass sie keineswegs nur "win-win-Situationen" erzeugt.


Die gesellschaftlichen Ordnungen, die sich im Nachkriegsdeutschland und in der Nachkriegswelt etabliert haben, sind in einer gewissen Hinsicht als vorläufig zu betrachten. Denn es ist die Macht der gesellschaftlichen Ordnung an sich bis hin zum bösen "Dorftratsch", die durch Hitlers Handeln und durch seine Akzeptanz in der deutschen und österreichischen Bevölkerung in Frage gestellt wurde. Dieser Tatsache wurde und wird noch keineswegs angemessen Rechnung getragen. Es geht um nichts weniger, als um eine Ordnung, die funktioniert und die zugleich am weitesten von Hitlers politischer "Ordnung" entfernt ist. Es geht um eine materielle und politische Ordnung, in der die Macht auf das funktionale Minimum beschränkt, d.h. in der die Macht im heutigen Sinne machtlos ist. Dieses Ziel gebietet nicht zuletzt auch die moderne Waffentechnologie. Dieses Ziel gebietet aber vor allem die Tatsache, dass sich eine menschheitliche Gemeinschaft auf der Erde nicht mehr klassisch-hierarchisch ordnen lassen wird. Diese Gemeinschaft ist, wenn sie zustandekommt, auf die politisch praktizierte und funktionierende Selbstbestimmung aller Menschen angewiesen.

Wenn die heutige Zeit sich auf ihre Kompetenzen soviel einbildet, dann sollte sie auch den Mut haben, sich diese Entwicklungen zuzutrauen. Die Menschen ändern sich kaum, aber sehr wohl ihr gesellschaftliches Zusammenleben. Wenn dieser Umwandlungsprozess 100 und mehr Jahre dauern sollte, ist das trotzdem eine geschichtlich kurze Periode. Angesichts des Wissens über die Menschen und ihre Geschichte und angesichts der Potentiale der heutigen Zivilisation kann es nur als Minimum betrachtet werden, sich diese aktiv zu gestaltende Entwicklung vorzunehmen.

Y

Eine funktionierende Demokratie plus freie soziale Marktwirtschaft, wie sie in vielen Ländern geschaffen wurde, ist ein unvergleichlicher und absolut erhaltenswerter Fortschritt auf diesem Weg - wenn sie denn erhalten wird und sich nicht in der Übernutzung der natürlichen Ressourcen oder in einer gigantisch explodierenden Finanzblähung selbst zerstört. Denn auch in Zukunft werden die Menschen ihr Zusammenleben in größeren und kleineren verfassten Gesellschaften organisieren.

Aber erstens kann sich Demokratie und freie Gesellschaft bis heute (noch) nicht in allen Ländern durchsetzen. Zweitens sind auch in den sog. freien Gesellschaften viele Menschen aus den verschiedensten Gründen kaum in der Lage, so etwas wie ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Drittens sind eine ganze Reihe von Menschen auch in den Demokratien häufig noch von alten Autoritätsvorstellungen bis hin zu reaktionären Denkansätzen bestimmt. Das gilt ebenso für alle Schattierungen der organisierten Kriminalität, die sich insbesondere die Widersprüche und Schwächen der Menschen, der Gesellschaften und der globalen politischen Ordnungen zunutze macht.

Das bedeutet, es gibt viele Leute, die stark sind, und die zugleich nicht an die Fähigkeit der Menschen zu Freiheit und Selbstbestimmung glauben wollen.
Diese Leute haben gar kein Interesse, gesamtgesellschaftlich zu denken. Aber sie stellen eine Gefahr dar und sind sofort bereit, in die Lücken des Scheiterns freier gesellschaftlicher Ordnungen einzudringen, wenn diese sich ergeben - und das tun sie bereits jetzt, schon, weil die Bedürfnisse der Menschen im Prinzip unendlich sind (man denke an die Kraft der Drogen), weil manche Probleme nicht ohne weiteres lösbar sind (z.B. sachlich akzeptable und finanzierbare Giftmüllentsorgung) und weil die Möglichkeiten eines relativ selbstbestimmten Lebens immer wieder fehlen oder sehr prekär sind. Das alles kann man nutzen, um "böse" Geschäftsmodelle zu verfolgen. In diesem Sinne hat ein mexikanischer Drogenbaron in den USA ein Kinderfest unter dem Motto: "Ihr seid unsere Zukunft" initiiert und gesponsert.

Y

Es gab und gibt vermutlich bis heute in Deutschland noch Leute, die sagten oder sagen: "Ich lasse mir doch von jemand wie Hitler nicht meine Weltanschauung kaputt machen!"
Genau dies hat er aber getan - all diese rechten Weltanschauungen von Grund auf zerstört. Darin bestand seine anarchistische und revolutionäre Großtat, ob man das will oder nicht. Ob man das zugibt oder nicht.
Außerdem, was am reaktionären Denken so unverständlich ist, glauben diese Leute wirklich, dass irgendein Wichtigtuer oder eine Wichtigtueroligarchie die heutige überkomplexe globalisierte Welt regieren könnte?? Oder auch nur eine der großen modernen Nationen??
Soll es wirklich wieder absolute Machthaber geben, wer kämpft dann mit wem um die Macht? Und können die Kombattanten verhindern, dass ABC-Waffen eingesetzt werden, die sämtliche rationalen Kriegsziele ad absurdum führen?

Hitler hat nicht nur das Volk missbraucht, er hat auch alle traditionellen Autoritäten missbraucht! (Wenn die damals gehört hätten, was er über sie sagte und dachte.) Natürlich haben sich die Allermeisten recht freiwillig missbrauchen lassen und Hitler war sehr geschickt, alle so gut es ging - soll man sagen, durch Bestechung, kreditfinanzierter Wirtschaftsaufschwung, einen Posten beim Staat, die von Juden zwangsgeräumte Wohnung, ... - bei der Stange zu halten.
Das wurde zunehmend schwieriger und steuerte auf den sprichwörtlichen "Untergang" zu. Es gibt in diesem Zusammenhang die These, dass die Shoah ein Ergebnis, eine Art Ventil der immer extremeren Interessengegensätze innerhalb des NS-Regimes gewesen ist.

Y

Reaktionär - und sei es in geringen Dosen - sind alle, die nicht an die Fähigkeit des Menschen zur persönlichen Selbstbestimmung glauben können und die allzugerne damit beginnen, Beispiele aufzuzählen, wer in dieser heutigen Welt Lichtjahre davon entfernt ist, sich selbst bestimmen zu können. Meinem Bauchgefühl nach ist die reaktionäre Einstellung weltweit in der Mehrheit. Und viele Leute sind vermutlich unsicher, woran sie glauben sollen und können. Vielleicht ist es für uns Menschen qua unserer Konstitution "unnatürlich" oder antiintuitiv, an die Fähigkeit des Menschen zur persönlichen Selbstbestimmung zu glauben.

Aber es gibt diese Frage nicht wirklich. Nicht die eventuelle oder manifeste Unfähigkeit vieler Menschen der heutigen Weltgesellschaft zur persönlichen Selbstbestimmung ist das Problem. Die substantielle Unfähigkeit der Eliten zur Fremdbestimmung anderer, die Hitler in kaum zu übertreffender Art und Weise über alle Korruption und alles Eliteversagen hinaus bewiesen hat, ist das eigentliche Problem.
Die Unzeitgemäßheit der Fremdbestimmung resultiert über Hitlers Wirken hinaus aus der eben genannten Tatsache, dass die künftige Weltgesellschaft nicht mehr klassisch-hierarchisch beherrscht werden kann.
Nur deshalb müssen die Menschen die persönliche Selbstbestimmung lernen und zwar von Kindheit an. Nur deshalb muss die Weltgesellschaft von uns so verwandelt werden, dass alle Menschen die Ressourcen der Selbstbestimmung vorfinden können - und wenn es noch so große Rückschläge bei dieser Entwicklung gibt.
Nur wenn die Menschheit sich vorher den Gnadenschuß setzte, bliebe ihr das erspart. Die Mittel dazu hat sie und die nötige Dummheit auch.

Y

Die Geschichte und die Geschichten, z.B. die heutigen Geschichten (Nachrichten, Filmberichte, Berichte, ...) beweisen, dass es viele Gewalttaten und Gewaltakte gab und gibt. Kann es sein, dass in der Welt nach einem Gewaltgroßereignis wie dem II.WK und der Shoah eine zeitlang insgesamt etwas weniger Gewaltakte geschehen? (Dem einzelnen Opfer nützt das sicher gar nichts.)
Und wenn das so gewesen sein sollte, wann beginnt dieser partiell befriedende Effekt des "die körperlichen und seelischen Wunden Leckens" nachzulassen?

Wieviel Zeit haben wir noch für den Weg zur Selbstbestimmung jedes einzelnen Menschen als realen Standard menschlichen Lebens auf der Erde, bevor unsere womöglich konstitutionelle Unfähigkeit, große (welt)gesellschaftliche Zusammenhänge zu ordnen, alle Dämme der Zivilisation brechen läßt?

Dieser neue Standard historischen Daseins, der in einer bestimmten und entscheidenden Hinsicht an die menschliche Urgesellschaft der Prähistorie anknüpfen kann, erfordert das Überspringen zweier Hürden: Das politische Lernen, sich diese Selbstbestimmung zuzutrauen, verbunden mit dem Kampf darum, dass die Gesellschaften und die aktuellen Machthaber im Kleinen wie im Großen den Menschen die Freiheit für dieses Lernen zugestehen.
Zweitens eine Erneuerung der Fortschrittsdynamik, vielleicht des Fortschrittsglaubens, um die globalen materiellen Voraussetzungen eines Lebens unter dem Zeichen der persönlichen Selbstbestimmung irgendwann realisieren zu können.
Sich diese Ziele zu setzen ist für die Menschheit eine condition sine qua non!


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Mai 2010

Hitler als Katalysator einer absoluten Kollektivität
- oder "Hitler besiegen" II

für Prof. Julia Fischer


Wir dürfen den Nationalismus nicht den Nationalisten überlassen!


Einführung

Warum ist das Image der sog. whistleblower, also der Leute so schlecht, die ihre eigene Firma oder Organisation bei Polizei, Staatsanwaltschaft oder in der Öffentlichkeit anzeigen, weil sie kriminelle Vorgänge entdeckt haben? Viele Menschen haben anscheinend eine große Neigung, sich einem starken Kollektiv zu unterwerfen und ihm mehr oder weniger bedingungslos loyal zu sein - oder sie glauben, diese Neigung haben zu müssen. Sie setzen ihre ganze Ehre dafür ein, die eigenen Organisation (Nation, ...) in der Öffentlichkeit um jeden Preis zu verteidigen. Vielleicht ist das Tradition, vielleicht evolutionäres Erbe, vielleicht ist es vernünftig für das "zoon politicon"?

Die Hinrichtung des Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer im April 1945 war bis zu dem späten(!) Bundestagsbeschluss zur Aufhebung von NS-Unrechtsurteilen in den 1990er Jahren rechtskräftig. Daher konnten seine Angehörigen keine Entschädigung als Verfolgte des Naziregimes erhalten. Im Gegensatz dazu, wieviele Täter im "Dritten Reich" waren anschließend in der BRD mit vollstem Recht(hab)bewußtsein wieder in Amt und Würden und Pension?
Das staatliche Recht hatte offensichtlich eine tiefe langanhaltende kollektivistische Verankerung, deren Bedeutung noch lange nach dem Krieg von sehr vielen Leuten weit über die Bedeutung der Verbrechen der NS-Zeit gestellt wurde.

Sven Felix Kellerhoff schreibt in dem Artikel "Am Schreibtisch der Täter" in WELT online vom 07.05.2010: "Denn zunehmend betonen Historiker, dass nach der Phase der brutalen "Machteroberung" durch die NSDAP 1933/34 nicht mehr vor allem Terror das Dritte Reich zusammengehalten habe, sondern Hitlers Popularität und das neue Gemeinschaftsgefühl - allerdings auf Kosten der vermeintlichen "Volksfeinde" wie Juden, Marxisten und anderen Hitler-Gegnern, die brutal ausgegrenzt wurden."
(Nach Götz Aly war die Verbindung zwischen Hitler und seinem Volk auch so etwas wie eine "Freibeutergemeinschaft". Hitler hatte ein sehr gutes Gespür für sein Volk und agierte immer mir Zuckerbrot und Peitsche!))

Das bedeutet, Hitler hätte nicht so entsetzlich wirken können, wie er es getan hat, wenn sich die damaligen Deutschen ihm und der von ihm verkörperten, als absolut empfundenen Gemeinschaft nicht emphatisch ein- und untergeordnet hätten, einschließlich der von Kindesbeinen an eingetrichterten Bereitschaft, für "Führer, Volk und Vaterland" im Kampf zu sterben.

"Wir sind zum Sterben für Deutschland geboren" war das Motto, unter dem 1934 das Feriencamp "Zum Hochlang-Lager" bei Murnau stand (siehe dortige Ödön von Horváth-Ausstellung).
Eine Strophe und der Refrain des von Baldur von Schirach selbst geschriebenen Liedes "Vorwärts, Vorwärts" aus dem ersten Nazi-Film "Hitlerjunge Quex" von 1933 lautet:
" Vorwärts! Vorwärts!/ Schmettern die hellen Fanfaren./ Vorwärts! Vorwärts!/ Jugend kennt keine Gefahren./ Deutschland, du wirst leuchtend stehn/ Mögen wir auch untergehn./
Uns're Fahne flattert uns voran./ In die Zukunft ziehen wir Mann für Mann/ Wir marschieren für Hitler/ Durch Nacht und durch Not/ Mit der Fahne der Jugend/ Für Freiheit und Brot./ Uns're Fahne flattert uns voran,/ Uns're Fahne ist die neue Zeit./ Und die Fahne führt uns in die Ewigkeit!/ Ja die Fahne ist mehr als der Tod!"

Dazu passt das Buch "Deutsches Opfer" über die Inszenierung des Todeskults bei den Nürnberger Reichsparteitagen von Yvonne Karow. Indem die Teilnehmer ihr Leben rituell als Opfer dem Führer in die Hand gaben, standen sie schon auf der Seite des Todes. Das machte sie zu absolut rücksichtslosen, "unbesiegbaren" Soldaten, die den Tod in der Schlacht nicht mehr fürchteten, weil er nur noch die Bestätigung des ursprünglichen Opfers war.

Rolf Hochhuth hat in einem Artikel berichtet, dass um 1941 die Berliner Reichsregierung alle Polizei- und Gestapo-Stellen angewiesen hat, keine Denunziationen aus der Bevölkerung mehr zu verfolgen. Das deutsche Volk war zu dieser Zeit anscheinend flugs dabei, sich gegenseitig auf's Schaffott zu bringen.

Das Normalmaß wurde im "Dritten Reich" ein großes Stück in Richtung Tod und Töten verschoben. Bekanntlich ist es das Kennzeichen des Normalen, dass die allermeisten Menschen darüber nicht nachdenken wollen oder können. Damals war es irgendwann für genügend Leute auch normal gewesen, andere Leute massenhaft zu erschießen oder in einem industriellen Verfahren heranzutransportieren, mit Giftgas zu ermorden und die Leichen in großen Öfen zu verbrennen - unter vorheriger Verwertung von Haaren, Zahngold, ...

Man kann dem "Dritten Reich" als Epoche der deutschen Geschichte nur adäquat begegnen, wenn man es als eine eigene für sich stehende "ganze Welt" begreift, in der die vorrevolutionäre, vorbürgerliche Gesellschaft realpolitisch wiedererstanden ist. Dafür genügt die moralische Betrachtung und Verurteilung nicht!
Stattdessen erfordert diese Epoche unserer Geschichte von uns Nachfahren, die gesellschaftliche Normalität als solche, also auch in ihrer heutigen Form grundlegend in Frage zu stellen. Anders gesagt, die Menschen müssen sich, ein jeder über die Normalität hinaus, politisch individualisieren - selbstverständlich ohne deshalb die gemeinschaftlichen Pflichten und die Fähigkeiten des Zusammenlebens hintanzustellen.
Denn es gibt (noch) keinen Grund, anzunehmen, dass wir Menschen heute uns in einer dem "Dritten Reich" vergleichbaren Situation in der Mehrheit anders verhalten würden als die Menschen damals.




...  Subjektivität, politisch

Ich stecke in einer Form der Subjektivität, in die ich von den historisch-biographischen Umständen meines Lebens gestoßen wurde. Sie hat mich zunächst vollkommen entäussert, da sie mit dem liberal-bürgerlichen Subjekt nicht zur Deckung zu bringen war. Es ist eine politische Subjektivität, an der ich arbeite, die ich zu läutern versuche, die ich zum Ausgreifen bringen will, aktiv, aber defensiv, nur geistig und seelisch, sich nur an den einzelnen Menschen wendend. Ich will niemand sagen, was er tun soll, weil ich das gar nicht weiss. Aber ich fordere jede Person auf, selbst sich zur eigenen Subjektivität zu bekennen, aber diese ebenfalls zu läutern, auf dass sie der Welt Halt geben kann - wenn das eigene Leben es irgendwie zuläßt.

Diese Subjektivität ist nicht ersetzbar durch Objektivität. Sie ist nicht ersetzbar durch die Ökonomie (auch wenn alles nichts ist ohne diese, wie es Gerhard Schröder zum Ausdruck brachte). Diese Subjektivität ist insbesondere nicht ersetzbar durch die ordnungspolitischen und machthabenden "Gottes-Augen-Perspektiven", die immer noch überall auf der Erde von oben den Lauf der Dinge beherrschen und auf die von ihnen kreierten Bahnen zwingen wollen - weil sonst angeblich alles im Chaos versinken würde!?
Ihnen gegenüber stehen die Gegner, die Kritiker der bestehenden Verhältnisse, die oft mit dem Machtanspruch einer angeblich objektiven Kenntnis des falschen Weges und der tatsächlichen Alternative arbeiten. Auch sie scharen Anhänger um sich und sagen, wo es lang gehen soll.
Von der politischen Reaktion und von dem Glauben an die Gewalt und das "Recht des Stärkeren" als Hauptordnungsprinzip kann man in diesem Zusammenhang nicht ernsthaft reden, denn ihre Vertreter würden den H-Bombentest nicht bestehen - sprich, sie würden, gefangen in den Dynamiken der eigenen Persönlichkeit und deren Form von Sozialbeziehungen, diese Waffe irgendwann anwenden, wenn sie sie denn hätten.

Ehrlich gesprochen weiss heute niemand, mit welcher Strategie die Welt voranschreiten soll. Alle existierenden Theorien und Ordnungsrahmen haben sich als zu partikular oder als zu abstrakt und abgehoben erwiesen. Die Fähigkeit, Erkenntnisse zu erwerben, übersteigt die Fähigkeit bei weitem, diese Erkenntnisse in Planungen und funktionierende Projekte umzusetzen.
Das ist dann die Zeit der Kämpfer und Subjektivisten, sei es einzeln, sei es als Großorganisation, die mit Ellebogen ihre eigene egoistische Linie verfolgen, "weil das doch jeder macht" - je bornierter, desto effektiver. Nur ist mit solchen Leuten und Strukturen eine übertourte, präzedenzlose Hochzivilisation, wie die heutige, die noch kein Außen, keine wirkliche Selbsterkenntnis zuläßt, gewiss nicht zu bändigen.
Normalerweise ergibt sich eine Aussenperspektive einer Kultur tatsächlich immer erst, wenn sie Geschichte ist. Aber die moderne Zivilisation, die in nie dagewesener Weise auf der Betätigung des Geistes beruht, braucht schon jetzt eine wirkliche Aussenperspektive, um sich selbst reflektieren und dadurch steuern zu können. Unserer allwissenden Epoche entsprechend ist diese Aussenperspektive nur in Verarbeitung der gesamten Geschichte zu gewinnen.
Wer sollte das Subjekt dieser Reflexion oder Subjektivität sein, wenn nicht jede Person am "Ort" ihres Lebens, einschließlich ihres gesellschaftlichen, solidarischen Lebens!?


Subjektivität, politisch, heute, wenn sie für Emanzipation steht, für Freiheit und gegen all die mannigfaltigen bevormundenden Muster und Tendenzen der Zeit, diese Subjektivität muss noch einmal national sein - auch und gerade in Deutschland. National im Sinne der Puritaner, der pilgrim fathers, die Europa als das böse "Ägypten" der verderbten, prassenden, unterdrückenden Fürsten- und Kirchenherrschaften hinter sich lassen wollten. Nationalität als Renaissance des Auszugs des jüdischen Volkes aus Ägypten, aus der Sklaverei in das eigene verheissene Land, von dem die Tora erzählt. Nationalismus als von Protestanten ausdrücklich als Protestantismus gegründete, d.h. christlich-freiheitliche Gemeinschaftsreligion.
Der amerikanische Schriftsteller James Ellroy sagt in einem Interview mit der F.A.Z. vom 11.04.2010: "Aber wir sollten nicht vergessen, dass Vorläufer aller westlichen Demokratien die protestantische Reformation war, Luthers Revolte gegen die zentrale Macht Roms und der Gedanke, dass jeder Einzelne eine Stimme hat, um Gott anzurufen."

Subjektivität, politisch, heute, wenn sie für Emanzipation steht, für Freiheit und gegen all die mannigfaltigen bevormundenden Muster und Tendenzen der Zeit, diese Subjektivität muss noch einmal national sein - denn noch haben wir keine andere, bessere Form!



Es ist an der Zeit, eine Nation als Gemeinschaft zu begründen, die sich nicht mehr an Stamm, Sekte, Männerbund, Rechthaberei und Herrschaft orientiert, sondern an den einzelnen Personen und deren Selbstbestimmung - die Nation als Hort der Achtung, der Freiheit und der Emanzipation, wie es seiner modernen Verbindung mit dem bürgerlichen Staatsbegriff längst angemessen ist! Für die deutsche Nation wäre dies das "sine qua non" einer ernsthaften und dauerhaften Entstehung - das erste Mal in der Geschichte. Denn alle vorherigen Entstehungen wurden nicht zuletzt wegen des mangelnden Bürger-Bewusstseins von Eliten oder von elitärem Bewusstsein missbraucht und ad absurdum geführt. Und Hitlers "Drittes Reich", wiewohl vom Nationalismus befeuert, war keine Nation, sondern ein Nationenfresser. (Österreich, Tschechien, Polen, ...)

Nach dem Krieg: Pragmatisch gesehen mag die dt. Wiedervereinigung kaum anders oder besser möglich gewesen sein. Trotzdem, vielen hat das Entscheidende gefehlt: Dass es eine direkte nationale Angelegenheit aller Bürger geworden wäre (neue Verfassung), anstatt nur wieder die paternalistische Berechnung Einzelner (Eliten)! - will sagen, als etwas, das wir Deutsche alle (und nicht nur die "Montagsdemonstranten") selbst erkämpfen und zusammen vertreten, ist die deutsche Nation immer noch nicht entstanden.

Wie aber könnte der Nationalismus, d.h. die subjektive, seelische Seite der Nation in dem Deutschland nach dem Abgrund "Drittes Reich" wieder eine positiv führende Rolle erhalten?


Wenn die damalige Geschichtepoche, das "Dritte Reich", noch einmal, quasi als Geschichtsszene, nachgespielt wird - vielleicht.

Nur müsste diesmal die Szene dem Wirken Hitlers und seiner absoluten Gefolgschaft in Zielen und Ausgängen zu 100% entgegengesetzt gespielt werden. Die Grenze zu den anderen, nicht zur eigenen Nation gehörigen Menschen müsste durchlässig werden. Der einzelne Mensch, seine Eigenständigkeit müssten das Ziel des Denkens und Handelns sein. Der Wert und die Würde eines jeden Menschen müssten im Zentrum stehen.



Zwischenbemerkung

Hitler und die konservativen Eliten haben vollkommen übersehen, dass Nation und Nationalismus erst durch die Verbindung mit der republikanischen Staatlichkeit (seit der franz. Revolution!) zu einer stabilen historischen Realität geworden sind. Vorher war Nationalität ein ganz unspezifischer Tatbestand, dessen Bedeutung gegenüber der Rolle der Kirchen und der Adelsgeschlechter absolut untergeordnet war.
In Deutschland hatte die Entwicklung zum Nationalstaat erstmals in der Weimarer Republik zu einem vorläufigen Abschluss gefunden. Dass Hitler und seine Nazis diesen politischen Entwicklungsschritt, den sie mit der für ihr Denken verräterischen Bezeichnung "Systemzeit" bedachten, wieder rückgängig gemacht haben, hat ihr Projekt, auch wenn es noch so sehr im Namen der Nation und des Nationalismus angetreten war, von vorneherein zum Scheitern verurteilt.



Politische Individualität - ein revolutionärer Akt, der das allgemeine Menschenbild, den einzelnen Menschen als solchen zur politischen Realität werden läßt, könnte sich aus dem emanzipatorischen oder ethischen Nationalismus als einer Vorform entwickeln.

Deutscher Nationalismus heute könnte bedeuten: Das sich befreiende Volk muss die eigene Individualität, durch die es zu sich selbst findet und aus den imperialen und "imperialen" Macht- und Beherrschungsverhältnissen herausentwickelt, an seine Mitglieder weitergeben. Denn je mehr der Mensch sich real-/machtpolitisch vereinzelt, desto mehr wird er Teil der ganzen Menschheit. Der Nationalismus würde sich auf diese Weise wider alles Erwarten zum Treibsatz für eine freie politische Gemeinschaft der Menschheit wandeln.
Nur auf diesem Weg könnte das Volk den großen Makel, den egoistischen bösartigen Kollektivegoismus überwinden, der jeden Nationalismus bedroht und ins freiheitsfeindliche Gegenteil seiner selbst verkehrt und dem die Deutschen so extrem und mörderisch wie keine andere Nation verfallen waren.

Aber ein solcher historischer Vorgang kann kein automatisierter Prozess, kein "Knopfdruck"-Verfahren sein. Er kann nur ein konkretes geschichtliches Ereignis sein, wie auch die Reformationen und Revolutionen konkrete geschichtlich-politische Ereignisse waren, mit denen sich in der Neuzeit die Nationen abspalteten.

Ein Volk, das ein Individuum wie A. Hitler auf das Schild hob und damit seine eigenen freiheitlichen Werte verriet und zerstörte (von anderem, vom Krieg und von den industrialisierten Massenmorden gar nicht zu reden), kann nur wieder zu sich finden, wenn es diesen falschen Akt durch einen richtigen ersetzt. Es muss die politische Individualität und die Selbstbestimmung von allen seinen Mitgliedern auf seine Agenda setzen. Es muss den Individualismus und die Selbstfindung durch Konsum durch die individuelle Verantwortung für einen selbst, für die Gesellschaft, ja für die ganze Welt grundlegen. Die gelingende Gemeinschaft und der freie menschliche Kontakt, das freie Sprechen sind die Voraussetzung wirklicher Individualität.
Und dieses Volk, jedes Volk muss die Gewalt konsequent begrenzen.


"Notwendigkeiten" und Macht!

Könnte es notwendig sein, einen Weg aus den festen Strukturen der heutigen Gesellschaften heraus zu finden - jene Strukturen, die man Sachzwänge nennt oder jene, die sich als Machtausübungen aller Art immer wieder ergeben? Müssen sie in der aktuellen Form, besser, in den aktuellen Entwicklungsformen bestehen bleiben? Oder sind sie fatal, weil sie ins Chaos führen, oder unakzeptabel, weil menschenverachtend. Können sie verändert werden, wenn die moderne Kultur sich weiterdenkt, wieder neu erfindet?

Wie aber soll man die Verhältnisse verflüssigen, ohne dass (wieder) die Schwächsten am meisten leiden? Wie eine neue Epoche einleiten, ohne alles vorher zu zerschlagen und dabei unendliches Leid zu produzieren?
Indem sich jeder als verantwortlicher Leiter sieht!
Leiter der Gesellschaft und der Gemeinschaft! Denn es gibt niemanden mehr, der das für die anderen machen könnte. Das ist die Lehre aus Hitlers fatalem Wirken. Rechtsstaat, freie Ökonomie und Demokratie sind nur die Lösungen für die alltäglichen Probleme und Notwendigkeiten des Zusammenlebens, für den Interessensausgleich. Nicht jedoch leiten sie die Gesellschaft oder Gemeinschaft.

Diese Leitungs-Position einzunehmen, darum geht es! Wir sind das immer noch nicht gewöhnt. Es bedeutet in unserer historischen Situation, dass der Leiter oder die Leiterin nicht mehr andere rumschubsen kann oder gar über sie herrschen. Wir müssen die Leitungsfunktion für die ganze Gesellschaft einnehmen gerade ohne die traditionellen Machtbefugnisse. Unser Nebenmensch hat dieselbe Funktion.
Das ist ein neuer gesellschaftlicher "Aggregatszustand", der angemaßt, ergriffen, gelernt werden muss, und zwar sowohl von den heute Machtlosen wie von den Machthabern. Zweifellos liegt er quer zu den Unterscheidungen professionell/laienhaft und privat/öffentlich (ohne diese aufzulösen - dort, wo sie notwendig und freiheitsbewahrend sind!).

Dass er entstehen könnte, dieser neue soziale "Aggregatszustand", dagegen scheinen die alltäglichen Machtausübungen zu sprechen. In unseren Gesellschaften wird immer wieder notwendiger Zwang ausgeübt, weil sowohl das freie Verhalten als auch die unumgänglichen Bedürfnisse der Menschen aufeinanderprallen und sich gegenseitig ausschließen. Vielleicht ist diese Sicht aber zu eingeschränkt. Vielleicht hilft die Differenzierung der Machtausübungen und die Einhegung der Zwangsverhältnisse weiter.

Der Leiter einer medizinischen Operation wird immer die Macht benötigen, seinem Mitoperateur zu sagen, was dieser zu tun hat, wenn dieser es nicht sowieso richtig im Sinne des Verantwortlichen macht. Es kann also nicht darum gehen, Macht als vernünftigen Modus der arbeitsteiligen Gesellschaft und sicher auch nicht zum Schutz der Schwachen in Frage zu stellen.
Stattdessen muss es um eine zwischenmenschliche Differenzierung gehen, die erreicht, dass die eine Person der anderen ganz selbstverständlich zugesteht, selbständig zu leben, dass also die Machtausübung allein mit sachlichen Krierien auf das jeweils mindest notwendige Maß gebracht wird. Keiner, der einem anderen etwas vorschreiben darf und aus sachlichen Gründen muss, darf sich dabei über den anderen erheben.

Die Welt ist noch lange nicht frei von vielen Arten eines "sozialen Kannibalismus". Es gibt (viele) Menschen, die die Macht haben und die mehr oder weniger radikal und schnell das Leben anderer Menschen "verbrauchen". Kann man das ethisch verurteilen? Nützt es etwas, das zu verurteilen? Der "Realist" jedenfalls sagt, dass das nicht anders gehe, denn der "Mensch" ist so, wie er ist. Es gibt keine perfekte Welt! Schon die Vorstellung ist Unsinn!
Aber das ist schnell eine Ausrede. Den Kannibalismus hat die Menschheit auch überwunden. Und die flexible Deckung der Grundbedürfnisse der Menschen soweit zu ermöglichen, dass ein jeder sich aus Zwangslagen zurückziehen kann - wenn das die moderne Zivilisation nicht in absehbarer Zeit schafft, dann wäre sie ihr Selbstbild tausendmal nicht wert!

Die Tiervergangenheit mit ihren klaren Rang- und Hackordnungen und ihren Unterwerfungen darf das Menschenreich nicht dominieren. Denn das Recht des Stärkeren und die daraus folgenden Unterdrückungen und Versklavungen tragen die ständige Gefahr in sich, aus dem Menschen ein unvorstellbares Terrorwesen für seine Mitmenschen zu machen! Die Geschichte der Shoah kann das lehren. Sie kann vor allem lehren, wie vermittelt, indirekt und versteckt solches Geschehen ablaufen kann. Die Nazi-Deutschen realisierten eine selbst Babys und Senioren mordende Abartigkeit - eine unübertreffbare Mischung aus moderner Bürokratie, Industrie und Intellektualität, aus atavistischem Tribalismus (Stammestum) samt einzigartigem Todeskult, sowie aus einer unzeitgemäßen Pseudo-Wiederauflage der absoluten, metaphysischen(!) Vorrangstellung, die der vormoderne Adel gegenüber dem Bauernvolk einnahm.
Es geht nicht anders, das muss eine radikale Lehre für die gesamte Menschheit werden.


Ich will also tatsächlich eine Art heilende Wiederholung der Gemeinschaftsdisposition initiieren, der historischen Szene, die im "Dritten Reich" (lange vor der Shoah!) zustand kam, als eine Einzelperson, der "Führer", vom Volk durch seine eigene Unterwerfung als absolut außergewöhnliche, prominente Figur realisiert, öffentlich vorgestellt und mit maximaler Macht versehen wurde.

Es soll noch einmal bewußt durchgespielt werden, was damals passiert ist. Allerdings geht es diesmal im Unterschied zu damals um "Monarchie" und "Anarchie". Es geht um eine Einzelperson als alle Einzelpersonen.

Alle Menschen sollen oder müssen ihre eigenen Führer werden.



primus inter pares

Nur zu Beginn dieser neuen Ära, dieses neuen sozialen "Aggregatszustands" brauchen wir den sozialen Mechanismus, dass ein, zwei, ... bestimmte Einzelne diesen Weg in der bestehenden Öffentlichkeit beginnen, von den Menschen und der Gesellschaft in den Fokus gerückt werdend, damit alle sehen, was gefordert ist, was notwendig ist. Diese einzelnen Personen sind dann prominent, was ja nur "hervorstehend" bedeutet, aber nicht als Prominente, sondern in einer "primus inter pares"-Funktion, als Erste unter Gleichen, deren soziale Sonderstellung zwischen den Gleichen baldmöglichst aufgehoben sein soll.


Der Geist

Fragt sich, wo bleibt die heutige Macht? Wer bezahlt das alles?
Es ist seit längerem nachvollziehbar geworden, dass die moderne Zivilisation nicht per althergebrachter hierarchischer Macht und, wie sich kürzlich offensichtlich gezeigt hat, auch nicht mit dem Medium Geld (Weltfinanzsystem, Kapitalismus) zu ordnen oder beherrschen ist. Wir leben in einer hochgeistigen Zivilisation und in einem alle sinnlich fassbaren Grenzen sprengenden globalen Zusammenhang.
Der Geist ist etwas materiell Ungreifbares. Seit fünfhundert Jahren, seit der Erfindung der doppelten Buchführung und seit Galileis Fallgesetzen wird versucht, dieser Tatsache der wachsenden Macht des Abstrakten mit Hilfe der Zahl gerecht zu werden, ja sie mit der Zahl zu formen und zu ordnen. Immer wieder von neuem hat dies in den Wissenschaften, den Technologien und der Wirtschaft zu bis dahin unvorstellbaren Erkenntnissen, Produkten und Verfahren geführt. Zugleich wurde das geistige Durchdringungsmaß der menschlichen Kultur in ungeahnte Höhen katapultiert, bis der Geist in Form der Wasserstoffbombe und des computergestützten Weltfinanzsystems die Herrschaft über die Welt übernommen hat.

Es müsste mittlerweile klar geworden sein, dass diese Potentiale an Wissen , Technik und Geld alles in den Infarkt und Tod führen können. Dem Geist in uns genügt es nicht, dass wir nur unsere Umwelt beherrschen! Er will uns selbst, nicht irgendwelche Krücken. Im Gegenteil, die Eigendynamik der Verbindung aus den Ergebnissen unserer geistigen Hochzivilisation (Waffentechnologie, Komplexität, Umweltverbrauch, ...) und den traditionellen Kampfritualen, Bosheiten und Dummheiten ist suizidal, weil der Geist keine Rücksicht auf unsere natürlichen Grenzen nimmt.
Der Geist will uns als freie selbstbestimmte Personen. Mit Selbstbestimmung ist nicht Willkür gegen andere Personen oder die Natur gemeint. Willkür ist eher nicht selbstbestimmt. Bekanntlich sind angefangen bei Liebe und Hass genug Zwangsmechanismen in uns selbst angelegt. Und je mehr die Menschen übereinander lästern, andere unterdrücken, versklaven, ihnen Gewalt antun oder sie gar ermorden, desto zwanghafter wird die gesamte Gemeinschaft/Gesellschaft.

Die selbstbestimmte Person, die man in ihren wesentlichen Aspekten nur geistig sein und nur geistig erkennen kann, also weder sehen noch anfassen kann, ist der einzige Rahmen, in dem der Geist mit unseren natürlichen Grenzen versöhnt werden kann. Ihr Paradigma ist der biblisch-monotheistische Gottesbegriff, von dem der Philosoph Immanuel Kant sagte, dass mit seiner Konzeption die Aufklärung anhob.
Wir müssen die Universalität der Zahlen überschreiten und uns den Geist in auf neuer Ebene zu gewinnender, universeller Form als persönlichen Geist aneignen. Das können wir nicht durch "Expertensysteme" oder in irgendeiner anderen Form von elitärer Geistesakrobatik.
Wir müssen uns - man kann es nicht anders nennen - "messianisch" aufrüsten und zwar allesamt. Es geht darum, die aktive Teilhabe am Geist zu bestehen, die uns unsere Sprachfähigkeit gestiftet hat - jedem von uns gestiftet hat!

Wir stehen vor einer Aufgabe, die absolut geistig ist, die wir aber nicht objektivieren können und nicht an andere delegieren können. Diese Aufgabe betrifft einen jeden von uns als Person. Denn eine solche sollen wir werden, eine einzigartige individuelle Person. Vielleicht ist das Schwierigste daran, dass wir diese Aufgabe niemals als Starke bewältigen können, auch nicht als Schwache, sondern dass diese Aufgabe uns betrifft, gleich wie und wo wir in der Natur und in der Gesellschaft stehen, gleich wie unsere körperlichen und geistigen Fähigkeiten sind. Denn alle diese Aspekte sind dem Geist egal. Nichts relatives kann ihm gerecht werden. Das Absolute des Geistes ist nicht vergleichbar, sondern verbindet die Menschen auf gleicher Augenhöhe.
Wir müssen daran glauben, dass jeder diese Aufgabe irgendwann bewältigen kann. Der Glaube ist deshalb entscheidend, weil der Unglaube uns in unseren manifesten Schwächen festhält.

Es ist nicht falsch, von denen, die heute am mächtigsten sind, die ersten Schritte in diese Richtung zu erwarten, denn sie können dies sich am ehesten "leisten".


Messianismus

Hitler dachte sich ganz dezidiert als Messias, als Religionsstifter. Er wollte das Christentum nach dem "Endsieg" abschaffen, den Papst hinrichten und einen neuen, seinen, d.h. den ihn betreffenden Kult etablieren, in einem "tausendjährigen Reich", in dem seine psychopathischen eschatologischen Träume von einer ihm untertanen, durch absolute Empathielosigkeit auserwählten und weltbeherrschenden Rasse erfüllt sind, auf einer Erde ohne von ihm so bezeichnete "Juden".


Zwischenbemerkung

Wehrmachtsgeneräle, die mit ihren Truppen 1939 nach Frankreich und in Richtung Paris vormarschierten, sollen berichtet haben, dass in jeder Kirche, an der sie vorbeikamen, der Altar zerstört war. Die Täter waren SS-Truppen, die die Speerspitze des Einmarsches bildeten. Wie dem auch sei, die Deutschen damals und viele bis heute haben sich nicht klargemacht, dass das "Dritte Reich" von einer veritablen Sekte beherrscht wurde.



Wenn man das Messianische von allem Märchenhaften entkleidet - "Rettung von mir", "Rettung der Nation", "Rettung der Welt" durch eine "Messias", der angeblich die Kraft hat, "alles zu heilen" (für das Judentum hat Sabbatai Zwi diesen Märchencharakter sehr ernüchternd aufgewiesen) - dann bleibt als Kern eines sozusagen vernünftigen Messianismus nur die Inkorporierung des Geistes in den Körper, Fleischwerdung = Inkarnation.
Der Begriff des Messianischen bezieht sich auch auf die allgemeine Auswirkung und Ausprägung eines solchen Vorgangs der Realisierung des Geistes im menschlichen Leben. So gesehen war und ist alles zu diesem Thema in der Geschichte Vorgestellte und Geschehene noch ungenügend. Denn ein messianischer Vorgang kann nur den Menschen an sich, als solchen betreffen.
Ein kollektiver Glaube, der die einen zu etwas besserem gegenüber den anderen macht, die diesen Glauben nicht teilen, kann letztlich den Tribalismus (Stammesleben) oder die "Tierpolitik" (Hühnerleiter) nicht bändigen! Er ist sicher nicht messianisch. Messianismus gibt es sozusagen nur anarchisch, was bedeutet, dass er erst (s)eine Rolle spielen kann, wenn wir Menschen unser Zusammenleben bewältigen können. Oder brauchen wir dafür den Messianismus??

Der traditionelle Textbestand hilft zumindest nicht weiter. Zum Beispiel: Sowohl die Befürworter als auch die Gegner des Abolitionismus, des amerikanischen Kampfes um die Abschaffung der Sklaverei, haben in vollster Überzeugung aus der Bibel zitiert, wie der Sozialphilosoph Hans Joas in einem Vortrag darlegte.

Das, was von dem traditionellen topos des Messianismus als sinnvoll übrigbleibt, ist die Aufgabe, eine allgemeinmenschliche, d.h. nicht mehr elitäre Inkarnation des Geistes in den Körper zu präsentieren und insbesondere als notwendig, als unausweichlich für alle Menschen zu fordern. Das wird nur auf der Grundlage von Beispielen oder Paradigmen des Messianischen als eines subjektiven Allgemeinen möglich sein, weil es sich um einen nicht objektivierbaren Sachverhalt handelt. Der persönliche, inkarnierte Geist ist Voraussetzung einer gesellschaftlich tragfähigen Subjektivität.

Verwirklicht die Menschheit diese Form der Subjektivität nicht, dann bleibt sie angewiesen auf die Formen objektiver Herrschaft. Nur haben diese ihre Fähigkeit, die Welt dauerhaft zu ordnen, längst eingebüßt.


Über die Demokratie hinaus

Hitler ist ein absolut aussergewöhnlicher Exponent der deutschen Geschichte. Gibt es einen extremeren, hervorstehenderen Fall?
Will man diese deutsche Geschichte ausdrücklich fortführen, insbesondere, weil man sie als eine große und verpflichtende nationale Tradition empfindet und weil man für sie insgesamt die Verantwortung übernimmt, dann wird man das nicht ohne weiteres tun können, insbesondere nicht ohne Hitlers Macht und Bedeutung in ihrem geschichtlichen Nimbus explizit gebannt zu haben. Wir Deutsche, d.h., wer auch immer sich in einem ethischen (nicht ethnischen!) Sinne zu dieser Nation gehörig fühlt (alle sind eingeladen), werden noch einmal zu Hitler zurückkehren müssen. Wir werden uns seine fatale Macht nocheinmal, jeder für sich, vor Augen führen müssen, um sie dann zu besiegen, zu überwinden. Erst danach kann man sich vorstellen, die Epoche Adolf Hitlers zu "historisieren", was auch immer das bedeuten mag - definitiv keinen Schlussstrich. Worunter denn bitte?! Das deutsche Kollektiv des "Dritten Reichs" ist seit 1945 nicht mehr existent. Und unter eine Rechtsnachfolge kann man keinen moralischen Schlussstrich ziehen.

Bisher haben die Alliierten des II. WK diesen Kampf in der unmittelbaren militärischen Begegnung mit Hitler für uns Deutsche übernommen. Stauffenberg etc. ist gescheitert (leider zuvor auch Georg Elser). Der Akt der Befreiung ist in diesem noch ausstehenden Fall für die Deutschen heute daher nicht mehr der machtpolitisch oder militärisch objektive Sieg über einen Feind im Krieg, sondern ein primär subjektiver Akt der Selbstbefreiung von der Herrschaft, also ein revolutionärer Akt! Dabei geht es nicht zuletzt um die Überwindung der inneren, intrapersonalen Repräsentationen von Herrschaft.
Demokratie und republikanischer Rechtsstaat beinhalten das noch nicht in ausreichendem Maße. Sie sind begrenzt auf die objektiven Verfahren der Organisation der Gesellschaft und des Umgangs mit deren Konflikten. Sie werden im Rahmen der klassischen Gewaltenteilung im wesentlichen von Experten und Eliten getragen.

Anders gesagt und bei größter Achtung der Bedeutung der Friedlichkeit und der demokratischen Reife einer Bevölkerung, wenn die Bürgerinnen und Bürger alle paar Jahre den Akt der demokratischen Wahl vollbringen, erwerben sie noch nicht die subjektive historisch-politische Kompetenz, die sie für eine Auseinandersetzung mit Hitlers immer noch aktueller Bedeutung für die deutsche Geschichte (und die Weltgeschichte) benötigen. Diese Auseinandersetzung muss alle Personen direkt betreffen und sie muss individuell sein. Sie kann nicht von Experten stellvertretend vollbracht werden. Das gilt nicht zuletzt deshalb, weil mit dem Gefreiten Hitler und seiner "völkischen Bewegung" das Volk höchstselbst an der Macht war.

(Ein solcher Verantwortungsakt ist selbstverständlich kein allein deutsches Privileg oder Desiderat!)


Zwischenbemerkung

Die Krise der räumlich und organisatorisch auf die Nationalstaaten begrenzten Demokratien liegt (auch) in ihrer strukturellen Unfähigkeit begründet, die globale Welt politisch zu ordnen. Hitlers Vorbild war das britische Empire. Die slawischen Länder hießen im Nazijargon "Deutsch-Indien". Seine Ziele waren über das territorial begrenzte Deutsche Reich hinaus auf ein von der Welthauptstadt "Germania" aus regiertes "tausendjähriges" Weltreich gerichtet.

Daher birgt eine aktive Annahme der Herausforderung, die Hitlers Wirken heute noch bedeutet, auch die Möglichkeit oder den Auftrag in sich, den ordnungspolitischen Rahmen der nationalen republikanischen Demokratien global zu ergänzen - in einem emanzipatorischen freiheitlichen Sinne. Als Teilfunktion der modernen Gesellschaft kann der Kapitalismus das trotz Globalisierung logischerweise nicht leisten.

Die Notwendigkeit des Aufbaus einer globalen politischen Ordnung bedeutet, dass sich diese Herausforderung nicht nur an die Deutschen richtet, sondern in allgemeinerer Form an die ganze Menschheit!



Noch eine Zwischenbemerkung

Für die Juden/das Judentum ist der Nationalismus nicht der Nationalismus. Das, was damit bezeichnet wird, ist ihre eigene, über 2000 Jahre alte politische Urtradition, ihre machtpolitisch selbständige Existenz als Volk in ihrem gelobten Land Palästina. Das gilt, auch wenn Nationalismus immer etwas künstliches ist. (Theodor Herzl schrieb nach der Dreyfus-Affäre 1895 in Paris - irrigerweise, wie wir heute wissen -, dass der Antisemitismus sich nur überwinden lasse, wenn Juden den Nationalismus für sich entdeckten, sich als Volk verstünden und einen eigenen Staat erhielten. Er dachte dabei keineswegs an Palästina - Hauptsache irgendwo auf der Erde.)
Was die Christen als Ostern (lat. Pascha) feiern, war ursprünglich das Pessach-Fest, das bis heute eines der bedeutendsten jüdischen Feste ist. Es erinnert an den Auszug aus Ägypten in das "gelobte Land", aus der Sklaverei in die selbständige Existenz eines Volkes auf eigenem Grund und Boden.
70 n.u.Z. wurden die Juden von den Römern besiegt. Jerusalem wurde zerstört und der jüdische Tempelkult wurde in Palästina, dem gelobten Land, beendet, bzw. musste sich endgültig ins pharisäisch-rabbinische Judentum der Diaspora verwandeln, das - sehr modern - durch den Verzicht auf die Priesterschaft gekennzeichnet ist.
Viele Juden blieben damals aber anscheindend in Palästina wohnen und traten später gezwungenermaßen zum Islam über. Micha Brumlik schreibt dazu in der FR vom 27.04.2010: "Dieser Überzeugung waren jedenfalls der spätere israelische Staatspräsident Izhak Ben-Zvi und der spätere Premierminister David Ben Gurion, die noch 1929 ein Buch publizierten, in dem sie auf der Basis etymologischer Studien zu palästinensischen Ortsnamen die These vertraten, dass die dort lebenden Fellachen nicht die Nachfahren arabischer Eroberer, sondern jüdischer Bauern seien, die ihre Scholle nicht verlassen wollten."
Aus genetischen Untersuchungen weiss man aber mittlerweile, dass auch die Juden, sei sie Aschkenasen, Sepharden oder Mizrachim, miteinander verwandt sind und aus dem Nahen Osten stammen. Das wäre zumindest in den Augen der israelischen Rechten ein Grund, die palästinensischen Israelis und die jemenitischen Juden und und und auszubürgern, bis genetisch bewiesen ist, dass sie mit den jüdischen Israelis verwandt sind. Sprachforschung ist dafür zu wage.
Aber ist "jüdisch" nicht eigentlich eine antisemitische Kategorie u.a. von A. Hitler?? Erwin Chargaff sah das zumindest so, wenn er meinte: "Hitler hat mich zum Juden gemacht!"

In der Neuzeit entstand der Nationalismus im Gefolge der Reformation wie erwähnt als bewusste Wiederaufnahme des biblischen Befreiungsmythos des Auszugs aus Ägypten. Mit dieser Religion setzten sich einzelne Gruppen und Völker aus den imperialen Zusammenhängen der zeitgenössischen machtpolitischen Konstellationen ab.
Was folgte, war eine erschreckende Verfallsgeschichte des Nationalismus, in derem Verlauf neben der (Selbst)Befreiung einzelner Völker die Versklavung und Ermordung vieler Menschen, die nicht ins nationalistische Schema passten, verbrochen wurde. Der Höhepunkt dieser Verfallsgeschichte ist die Shoah, der (deutsche) Versuch der Auslöschung des gesamten von Hitler als jüdisch definierten Volkes. Diese Ungeheuerlichkeit hat nach dem Krieg den letzten Anstoß dafür erzeugt, dass die überlebenden Juden in Palästina nach fast 2000 Jahren wieder einen eigene Staatsgründung erzwingen konnten.
Leider entkommt auch das heutige Israel aus verschiedensten Gründen, viele davon liegen außerhalb seiner eigenen Verantwortung, nicht wirklich der Problemgeschichte des modernen Nationalismus. Die Juden Europas konnten den Rettungsanker einer erneuten Existenz in Palästina nur ergreifen, indem sie die Bewohner dieses Landstrichs gewaltsam verdrängten. Uri Avnery verwendet in diesem Zusammenhang das Bild eines Menschen, der aus einem Fenster geworfen wird (=Shoah) und beim Fallen einem anderen Menschen auf den Kopf fällt (=Vertreibung der Araber aus Palästina).
Dass viele Israelis heute einem fundamentalistischen und essentialistischen Gemeinschaftsbegriff frönen, der die arabisch-islamischen Israelis ausgrenzt, ist so ziemlich das Gegenteil einer Lehre aus den geschichtlichen Erfahrungen der Juden. Durch die Israel und die Israelis in ihrer Existenz bedrohende Haltung der arabischen Welt ringsum ist dieser Ethnozentrismus am allerwenigsten zu rechtfertigen - eher im Gegenteil.

Sobald der Nationalismus an die Macht kommt, beginnt er sich zu desavouieren. Ja schon die Machtergreifung selbst ist nach einer gängigen Theorie immer ein willkürlicher Akt und nie ohne Gewaltanwendung möglich. Das ging dem Christentum, bzw. seinen Kirchen dort, wo sie Macht hatten, aber nicht anders. Das Problem sind die Menschen, die immer wieder von der Macht korrumpiert, ja zutiefst verdorben werden - ohne es vor sich und anderen zuzugeben. Es scheint bisweilen, je etablierter die Menschen leben, desto paranoischer und engstirniger werden sie.
Menschen und Gesellschaften, die davor gefeit sind, gab es bisher nur wenige. Davon handelte schon die Bibel - gerade im Bezug auf die Könige des alten Israel!



Macht und Psyche

Hitler hat das Prinzip gesellschaftlicher Macht und Herrschaft zu einer beinahe absoluten Höhe und zugleich durch sein Wirken als Katalysator einer absoluten Kollektivität die deutsche Nation zur Ausführung eines beinahe absolut bösen Verbrechens geführt. Dass die Antwort darauf nicht nur der militärische Sieg über ihn und das faktische Ende seiner Herrschaft sein kann, liegt nahe. Die Bewältigung Hitlers historisch-politischen Existenz muss in eine Kultur münden, die diese Art Herrschaft und Kollektivität radikal, von der Wurzel her ausschließt. Das kann nur gelingen, wenn ein jeder Mensch sich den Herrschaftsanspruch selbst zulegt und erfüllt - was natürlich nicht funktioniert, wenn Herrschaft und Macht immer nur als Herrschaft und Macht von Menschen über Menschen definiert, verstanden und ausgeübt wird. Tatsächlich benötigt der einzelne Mensch sehr wohl eine Art gesellschaftliche Macht, wenn er eben nicht von anderen Menschen beherrscht werden will und soll, auch wenn er mit dieser Macht nicht selbst andere Menschen beherrscht - die Macht, sein eigenes Leben zu leben!

Wenn diese Macht aber nicht erneut in die Unterdrückung von anderen Menschen zurückfallen soll, dann braucht es eine Art der materielle Zivilisation und eine Kultur der Zurückhaltung und Defensivität, die die Menschheit bis dato weit zu überfordern scheint.


Kann das historisch-politische Szenario entstehen, das das Paradigma eines solchen individuellen Machtergreifens, Machtbegrenzens und Machtrelativierens, vielleicht mit einer Empörung im Stirnerschen Sinne gegen jede Art Paternalismus und Bevormundung, hervorbringt?
Ist die deutsche Nationalität, hervorgehend aus einem ihren Bestand (durch den Krieg) und vor allem ihre Moral (durch die Shoah) betreffend unvorstellbaren Abgrund, in der Lage, den Übergang von einer politischen Kollektividentität zu einer politischen Individualität als eines neuen gewaltenteilenden Ordnungsprinzips hervorzubringen, das den rechtsstaatlichen Republikanismus, die freie Gesellschaft und die Demokratie mit einem soliden Fundament versieht und das zugleich die Überwindung des oberflächlichen Individualismus ermöglicht, um die zwischenmenschliche Verbundenheit als Maßstab des Zusammenlebens zu stärken?

Die nach dem Krieg geschaffene deutsche Nation wird der Anforderung nicht entgehen, das Machtprinzip der Kollektivität als solches grundsätzlich zu bändigen - in der Verantwortung für das von ihr begangene Verkehren von eigenen Ängsten und Schwächephantasmen in unvorstellbare Grausamkeit und Unmenschlichkeit gegen andere Menschen. Denn es war dieses Machtprinzip, das es vielen Deutschen ermöglichte, mörderische Exzesse und noch viel schlimmere Entmenschlichung einer industriell-bürokratischen Massenvernichtung zu realisieren und sich dabei auch noch selbst eine quasi unschuldige Pflichterfüllung zu suggerieren - in manichäisch-gnostischer Übersteigerung jeder denkbaren Perversität!

Hätte es das kollektive Machtprinzip - das absolute Primat des Kollektivs und die absolute Identifikation mit ihm - nicht gegeben, dann hätten die Menschen mit ihren psychischen Deformationen und mit ihren existentiellen Ängsten selbst fertig werden müssen. Da die Menschen sicher nie "Engel" werden, gibt es eine lange Tradition, dem Menschen als solchen die Fähigkeit zur Selbstregierung abzusprechen. Dafür gibt es unendlich viele Belege (klassisch: die nachrevolutionären Epochen).
Aber erstens muss man die Selbstregierung lernen, von Kindheit an. Man muss dafür erzogen werden. Zweitens muss das gesellschaftliche Umfeld diese Selbständigkeit samt der ihr je eigenen Schicksalhaftigkeit zulassen, ermöglichen und fördern. Die freien Gesellschaften haben da schon sehr viel geleistet. Drittens, was behauptet diese pessimistische Tradition eigentlich? Doch nichts anderes, als dass einzelne Personen sehr wohl sich selbst regieren können und andere dann gleich auch noch mit!
Jedes Kloster braucht seine Äbtissin oder seinen Abt, ohne Zweifel. Das widerspricht nicht dem Fakt, dass die Klosterschwester oder der Klosterbruder wie alle Menschen sich selbst regieren soll. Aber angesichts der bisweilen absolut monströsen Fehlbarkeit des Menschen, angesichts des Wirkens von Adolf Hitler wird man jede Art von Diktatur in Zukunft besser grundsätzlich ausschließen wollen.


Zusammengefasst

Der Nationalismus ist die subjektive Seite der Nation bzw. des Nationalstaats. Auf Grund seiner widerständigen befreienden Kraft gegen alle Arten und Formen von imperialen Kräften und Mechanismen besitzt er auch heute eine hohe Attraktivität. Der Nationalstaat ist größer als die antike Polis und kleiner als Reich/Imperium/kapitalistische Globalisierung. Das und seine Fähigkeit, die Menschen anzusprechen und zu binden, macht ihn zum primären staatspolitischen Modell der Zukunft.
Zugleich eilt dem Nationalismus der denkbar schlechteste Ruf voraus und hinterher. Die niederen Instinkte und Eigenschaften der Menschen werden durch ihn aufgestachtelt und toben sich in Form von Totalitarismus, Chauvinismus, Fremdenfeindlichkeit, ethnischen Säuberungen bis hin zu Mordaktionen und Kriegslüsternheit aus.
Es scheint eine unabdingbare und unaufschiebbare Aufgabe zu sein, dem Nationalismus eine autoritative Form zu geben, die das Beste in den Menschen befördert und nicht des Schlechteste.
Es könnte die sich aus der Verantwortung für die Shoah ergebende Aufgabe der deutschen Nation zu sein, für sich selbst und für die Welt eine positives ethisch-emanzipatorisches Beispiel des Nationalismus zu verwirklichen, das seine Identität nicht auf Kosten von Sündenböcken gewinnt, sondern aus sich selbst heraus und das auf diese Weise offen bleibt für alle anderen Menschen! Das Geheimnis eines offenen Nationalismus ist die persönliche innere Unabhängigkeit seiner Mitglieder von jeder Art des Kollektivismus.


Nocheinmal: Der Geist

Betrachtet man Horst Mahlers pseudohegelianischen Nonsense vom "Weltgeist" und von einer "metaphysischen Gegnerschaft" zwischen dem "Jüdischen" und dem "Deutschen" oder verfolgt man in dem Film "Die Grauzone" das geniale Spiel von Harvey Keitel als absolut souveränem, sozusagen "transbösem" Nazi-Führer Erich Mußfeldt, Leiter der Krematorien Majdanek und Auschwitz-Birkenau - nur als zwei Beispiele unter Millionen -, dann kann klar werden, das wir Menschen den Geist zähmen müssen. Denn der Geist kann aus uns Zombies machen, die nach "Ewigkeit" streben, das "irdische" Leben dabei absolut verachten und diese Verachtung allzugerne und allzuselbstverständlich die Anderen, die Mitmenschen spüren lassen. Dabei kommt dann so unvorstellbar gestörtes, dumm-böses Verhalten heraus wie das gegenseitige Vernichten mit Giftgas im I. WK oder das Abwerfen von Agent Orange auf Urwälder in einem gefälschten Krieg (Tongking-Zwischenfall!), wodurch noch drei, ... Generationen später behinderte Kinder geboren werden. Die Geschichtsphase, in der solche Unsäglichkeiten geschehen und die man als ignorante Verbindung des archaischen "Rechts des Stärkeren" mit den jeweils modernsten Mitteln definieren kann, ist noch nicht vorbei, auch wenn die Shoah hoffentlich nie getoppt werden wird.

Der Wunsch, sehr viel Geld zu verdienen oder zu besitzen, hat ab einer bestimmten Geldmenge eher weniger mit Gier zu tun hat, als viel mehr mit dem ungeheuer starken Bedürfnis, sich über die so empfundenen "Niederungen" des Lebens zu erheben - sowohl was den eigenen verletzbaren, verfallenden Körper betrifft, als auch angetrieben von der unendlichen Welt der Negativphantasmen über andere Menschen und Menschengruppen. Daher ist die liberale Phantasie eines Weltfriedens auf der Basis des Welthandels, wie sie vor 100 Jahren noch einigermaßen realistisch geträumt werden konnte, nicht genug. Es braucht die Subjekte des "Weltfriedens" und zu solchen müssen wir selbst werden!

Die aktive Teilhabe am Geist ist das menschliche Schicksal. Nur wenn wir diese geistige Existenz über alle Formen von Technologie, Ökonomie oder Bürokratie hinaus, über allen Gnostizismus und alle Bosheit hinaus zu einem individuellen persönlichen Schicksal machen, das jeden Menschen auf der Erde subjektiv angeht, mehr noch, ihn zum politischen Subjekt macht, dann haben wir die Chance, unsere geistige Existenz zu bewältigen. Auf diese Weise kann es gelingen, alle gesellschaftlichen, kulturellen, individuellen, ... Unterschiede und Verwerfungen keineswegs aufzuheben, aber sehr wohl zu relativieren.

Die Nation als Urmodell moderner politischer Subjektivität ist der Vorläufer und in ihrer Form als Rechtsstaat Begleiter dieser individuellen politischen Existenz.



Nachwort - Zur historischen Objektivität

Warum gab es die Revolutionen in Amerika und Frankreich, warum die Reformation? Es waren die ersten Aufstände, die nicht einfach niedergeschlagen wurden, sondern im Gegenteil die Welt nachhaltig verändert haben.
Die naheliegenste Anwort ist, dass diese Umstürze von Teilen der alten Eliten angestoßen und unterstützt wurden. Das wäre aber nicht passiert, wenn in den Veränderungen nicht eine grundlegende geschichtliche Logik, ein geschichtliches An-der-Zeit-sein gelegen hätte. Auf allgemeinstem Niveau formuliert: Je größer die Welt wird, je mehr die Völker oder die bewohnten Teile der Erde mittels der immer komplexer werdenden Weltzivilisation zusammenwachsen, desto weniger läßt sich ein solches kulturelles und politisches Gebilde mit dem klassischen hierarchischen Gesellschaftsmodell ordnen. Die Alternative braucht lange, um hervorzutreten und zu funktionieren: Die Selbstregierung der einzelnen Menschen, die die gesellschaftlichen Institutionen auf vernünftige, einander achtende Weise zur Organisation ihres Zusammenlebens nutzen!
Diese neue Form menschlicher Koexistenz, die ihre Anfänge schon in der Antike hat, ist immer noch nicht selbstverständliche Realität, z.B. weil sie sehr hohe Ansprüche an die Menschen stellt oder
weil das Leben bis heute von der Knappheit der Güter, vom Machtgebaren und Bosheit als Selbstzweck und von den mannigfaltigen Traditionen partikularer Kollektivismen und deren Feindschaften bestimmt wird oder
...


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nach einem Brief an eine befreundete Protestantin (April 2010):

"Ich bin davon überzeugt, dass das Christentum und die christlich orientierte Politik (z.B. Karls des Großen!) lange Zeit die zivilisierende Kraft der abendländischen Geschichte war. Parallel zum Islam und Judentum trug das Christentum das sog. "Alte Testament" (die Tora) und entscheidende Elemente der griechischen und römischen Antike durch das Mittelalter. Darauf konnte die Neuzeit aufbauen.

Allerdings glaube ich auch, dass, wenn nicht schon längst, spätestens heute nach der Shoah und angesichts der Wasserstoffbombe, die Kraft des Christentums nicht mehr genügt.

Da kommen dann solche Gedanken: Kann es sein, dass die Pascha-Erzählung des Neuen Testaments vom Kreuzestod und der Auferstehung Jesus Christi zu individualistisch und zu idealistisch ist?
Kann es sein, dass die jüdische Alternative aus dem Alten Testament, die (zeitgleich in der Pessachfeier begangene) Erinnerung an den Auszug aus Ägypten, an den mit Gottes Hilfe gelungenen Übergang aus der Sklaverei in die Selbständigkeit eines Volkes im eigenen "Gelobten Land", der eigentliche Mythos unserer Zeit ist?

Der Nationalismus hatte im Deutschland Hitlers, wenn auch in einer entsetzlich entstellten Form, das Christentum locker "besiegt". In ihrer großen Mehrheit forderten die Kleriker beider großer Kirchen bis zum Schluß die deutschen Soldaten und die Bevölkerung auf, mit allem Einsatz für das "Dritte Reich" zu kämpfen.
>>Der Münchner Weihbischof Ernst Tewes, während des Krieges als Wehrmachtsseelsorger im Einsatz, bezweifelt in seinen "Erinnerungen" (München 1995), "ob ein Priester je einem geraten hat, den Kriegsdienst zu verweigern. Sie wären wohl auch von ihren Bischöfen nicht gedeckt worden."<< (aus Arno Kleinebeckel, "Requiem für Hitler", http://www.heise.de/tp/r4/artikel/32/32534/1.html)

Der Grund für dieses Versagen des Christentums könnte darin liegen, dass der auf dem jüdischen Mythos der Befreiung und Entstehung eines Volkes beruhende Nationalismus in der Neuzeit trotz seiner Schattenseiten die im politischen Sinne realitätsgestaltendere, freiheitsbewußtere und universellere Ideenkonzeption ist.
Der Nationalismus hat es wie Kapitalismus, Technologie und Wissenschaft, Rechtsstaatlichkeit u.s.f. geschafft, sich auf dem Erdball über alle Religionen und Kulturen hinweg auszubreiten, wohingegen die Kirchen seit langem partikular geworden sind. (Was eher universell erscheint, sind die auf Religion basierenden Gemeinden vor Ort, die nicht für überregionale Machtspiele missbraucht werden und die sich nicht sektenartig abschotten.)

Andersherum betrachtet: Kann die christliche Distanznahme zur politischen Macht - "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist" - einer Zeit noch gerecht werden, in der es keine "Kaiser" mehr gibt, sondern Bürger von Nationen (im Sinne von "citoyen")?

Vielleicht dachten die Christen im "Dritten Reich" tatsächlich, mit Hitler würde "der Kaiser" wieder existieren? Das würde bedeuten, dass nicht nur der nationalistisch dynamisierte Gruppendruck, sondern auch ihre eigene reaktionäre Unzeitgemäßheit die Christen damals "besiegt" hat.
Vielleicht dachten sie zudem, gleich sehr vieler Mitbürger gefangen in Ängsten und nationalen Überheblichkeits/Untergangs-Phantasmen, dass "Der Führer" sie vor der (angeblich "jüdischen") Macht des Geldes und vor der (bolschewistischen) Gottlosigkeit bewahren könnte - ausgerechnet ein Nazi, der jegliche Moral ins absolut Bodenlose fallen ließ und dessen Eliteeinheit SS eine dezidiert antichristlicher Orden sein sollte.
(Trotzdem gilt: Wer von heute bildet sich ein zu wissen, wie er sich damals gestellt hätte?! Die Kirchen wollten am Anfang des "Dritten Reiches" ihren Bestand sichern und schlossen viele Kompromisse mit den Nationalsozialisten, ja bestärkten bis zum Schuß die Identifikation der Gläubigen mit Hitlers untergehendem "Reich". Allerdings ahnte damals niemand oder wollte noch niemand ahnen, wie schlimm es geworden ist.)


Mein gerade fertiggestellter Text "Hitler als Katalysator einer absoluten Kollektivität" handelt über die Fehler des Nationalismus und über die deutsche Pflicht gegenüber dem Judentum nach der Shoah, im Rahmen des Nationalismus etwas Maßstabsetzendes im Sinne der politischen Freiheit sowie der Friedfertigkeit und Selbständigkeit der Gruppen und der einzelnen Personen zu verwirklichen, das nicht mehr hinter das christliche Menschenbild und die christliche Moral (wie auch nicht hinter Demokratie und Rechtstaat) zurückfällt."

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"Hitler besiegen" heisst ein Buch von Avraham Burg;

siehe auch weitere Variationen dieses Themas  

"Hitler besiegen" I

"Hitler besiegen" III



Februar 2010

Orientierung und "Orientierung"

Es gibt zwei Arten der Orientierung (im Raum). Zum einen die egozentrische Orientierung, bei der man durch einen virtuellen Faden mit dem eigenen Ausgangspunkt quasi verbunden bleibt und so weiß, wo man ist. Die Polynesier, die vor Jahrhunderten über tausende Kilometer "Meereswüste" hinweg mit ihren Einbäumen kleine Inseln des Südpazifik besiedelten, orientierten sich auf diese Weise. Sie war vor allem auf die kleinen Veränderungen im nächtlichen Sternenhimmel "geeicht", in denen sich ihre jeweiligen Ortsveränderungen spiegelten, um so jederzeit zu wissen, in welcher Richtung und in welcher Entfernung ihre Heimatinsel zu finden war.

Das Abendland brachte zum zweiten die geozentrische Orientierung hervor. Es wurde auf der Basis einer Idee, wie die Erde aussieht, und aufgrund von Angaben von Reisenden Karten gezeichnet und immer wieder verbessert. Irgendwann waren die Karten so gut, dass der Weg von Punkt A nach Punkt B auf einer Karte "erkannt" werden und anschließend in der Wirklichkeit gesucht und gefunden werden konnte.
Die abendländischen Seefahrer definierten mit Kompass und Sextant ihren momentanen Ort auf einem geistig um die Erde gelegten und auf einer Karte eingezeichneten Raster von Längen - und Breitengraden und bestimmten daraus ihren weiteren Kurs.
Heute ist die Satellitennavigation mit GPS oder mit dem geplanten Galilei, verbunden mit Satellitenbildern und guten Karten, geradezu die Apotheose dieser Art der Navigation oder Orientierung.


Überträgt man den Unterschied der Orientierungsweisen bildhaft auf das menschliche Leben, so läßt sich sagen, dass wir Menschen immer auf die egozentrische "Orientierung" angewiesen bleiben, dass aber die Kompetenz in geistigen Dingen und Welten einerseits und andererseits die gesellschaftliche Macht uns dazu verführt, uns in unserem Leben quasi "geozentrisch orientieren" zu wollen. Wir wollen den größtmöglichen Überblick gewinnen und aus dieser Kenntnis unser Leben steuern.

Das gelingt manchen Menschen in manchen Zeiten ganz gut. Sie planen ihre Karriere, die schon von ihren Eltern geplant wurde und gehen am Schluß wie vorgesehen in Rente und verbringen ihren Lebensabend in der Schar ihrer Enkel. Nur, zum einen ist das eher langweilig. Zum anderen können das unmöglich alle Menschen so tun. Im Gegenteil, den wenigen gelingt dies nur, weil andere für sie die Last der Zufälle und Unwägbarkeiten des Lebens teilweise mitbewältigen oder abpuffern.

Das "Immer-Oben-Schwimmen" gelingt in einer komplexen modernen Gesellschaft Leuten sehr gut, die über große Machtressourcen verfügen, geistig mobil sind und sozial kompetent, um Seilschaften aufzubauen oder daran teilzuhaben. Dies ist dann meist nicht mehr langweilig. Trotzdem ändert es nichts daran, dass andere eher unter den Kontingenzen des Lebens leiden, wohingegen die Überflieger darauf "surfen". Auf das Ganze der Welt gesehen scheint dieser Zustand heute erst recht zementiert: Einmal unten, immer unten. Havard-Studenten machten sich über einen Imbissbudenbetreiber lustig mit der Bemerkung: "Deine Kinder werden die Burger für unsere Kinder braten!"

Alle reden immer von der Gier, die die Banker umtreibt und ihre (betrogenen oder sich selbst betrügenden) Kunden ebenfalls, die immer höhere Renditen haben woll(t)en.
Es handelt sich bei den allermeisten Menschen aber höchstens in zweiter Linie um Gier. Bei dem Wunsch nach Verfügung über viel Geld und, daraus resultierend, nach einem gehobenen gesellschaftlichen Status handelt es sich - bewußt oder unbewußt - immer auch um den Wunsch eines bestmöglichen Schutzes vor der Kontingenz des Lebens, vor Krankheiten, Notsituationen, etc..
Selbst beim Streben nach Luxus geht es nicht zuletzt um eine Art "gnostischer" Verdrängung des mit fortschreitendem Alter dem Verfall und der Häßlichkeit preisgegebenen materiellen Substrats des Lebens, des Körpers.

Je mehr Geld (oder andere wertvolle Ressourcen) man hat und je besser man sozial vernetzt ist, desto besser kann man sich "geozentrisch" (geistig) durch seinen Leben "navigieren". Man kauft Sicherheit und Überblick, ja sogar Glück, glaubt man. Das täuscht aber. Geistesmenschen sind eher weltfremd. In Wirklichkeit "orientiert" sich niemand primär von oben. Jeder lebt sein Leben egozentrisch so gut er kann, der eine egoistischer, der andere altruistischer. Der Bauernschlaue ist der beste Überlebenskünstler. Der "Bauch" bleibt entscheidendes "Orientierungsinstrument" - gerade auch dann, wenn Misserfolge und Schicksalsschläge "verdaut" werden müssen.

Das geht in der überbordenden und oft fatalen Komplexität des Lebens gar nicht anders. Wenn also jemand die geistigen und materiellen Errungenschaften unserer Zeit in Wissenschaft, Organisationslehre, Technologie, Produktion etc. benutzt, um sich als Einzelner gegenüber anderen vorteilhafte Überblicke und die daraus resultierenden Gewinne und sozialen Stellungen zu verschaffen, dann missbraucht er diese geistigen Errungenschaften bis zu einem gewissen Grad - so sehr ihm sein persönlicher Wohlstand und sein Glück auch zu gönnen sind!
Er missbraucht diese Kompetenzen, indem er für (viel) Geld Menschen anwirbt, die diese Kompetenzen in seinem Sinne ausüben können. Auf diese Weise werden die Muster der vormodernen hierarchischen Gesellschaften fortgesetzt in einer Zeit, in der der Geist diese Muster längst obsolet gemacht hat.

Am ausgeprägtesten findet man die Verbindung von vormodernem "egozentrischem" Machtgewinnen und dem Agieren mit den Mitteln der "geozentrischen Orientierungsformen" heute im Bereich des organisierten Verbrechens. Wer im Kampf auf Leben und Tod (im Clan, zwischen den Clans, mit der Polizei) gewinnen will, muss ganz bei seiner inneren Linie bleiben, bei seinem Glauben an das eigene Siegerschicksal, bei seiner "starken Festung" - und er muss gewinnen. Diese extrem "egozentrische" Vorgehensweise erzeugt in den ungeregelten oder illegalen, d.h. "wilden" Bereichen der globalen Welt die nötige Ausgangsposition, um erfolgreich zu handeln - insbesondere, wenn sie "pseudogeozentrisch", d.h. mit immer moderneren Mitteln ergänzt wird. ("Lokal Denken, global Handeln!")

Aber auch diesseits der offensichtlichen Kriminalität existiert das Phänomen. Das ganze Lobby(un)wesen, das von Einzelpersonen und Gruppenvertretern, von vielen Organisationen, Wirtschaftskonzernen bis hin zu ganzen Völkern und Staaten betrieben wird, ist vor allem zu nennen. Denn es hat sehr oft neben dem gerechtfertigten Streiten für die eigenen Interessen die Qualität eines der Allgemeinheit gegenüber mehr oder weniger verantwortungslosen Handelns.
Bis heute gibt es hierfür keine global anerkannten Kriterien der Unterscheidung von richtig und falsch. Und wenn es Regelungen gibt, dann fehlt das internationale Regime, um sie durchzusetzen, wie die unglaubliche Vermüllung und die Überfischung der Weltmeere aufzeigt.

Wenn man den Begriff "Demokratie" jenseits aller Fragwürdigkeiten dieser Gesellschaftsform als Chiffre für eine moderne Gesellschaftlichkeit benutzt, dann ist zu sagen, dass wir immer noch keine endgültige "demokratische" Form für unsere moderne Zivilisation gefunden haben. Die ist erst gegeben, wenn die Kompetenzen und Möglichkeiten der modernen Geistigkeit so gestaltet sind, dass sie allen Menschen zur Verfügung stehen, um ihr Leben egozentrisch und bestmöglich, d.h. so "geozentrisch" wie möglich durch die Unwägbarkeiten des Schicksals zu "manövrieren". Das schließt ausdrücklich mit ein, dass diese Kompetenzen und Möglichkeiten verantwortlich erlernt werden konnten und auch im materiellen Bereich realistisch erarbeitet werden können!

Zu einer "demokratischen" Form für unsere moderne Zivilisation gehört ausdrücklich der Verzicht auf bestimmte traditionelle Machttechniken wie Bedrohung, Bestechung, Krieg, Auftragsmord. Die Absolutheit von Ansprüchen, wie sie der traditionelle Ehrbegriff beinhaltet, ist nicht mehr akzeptabel. Und noch viel mehr.
Da der Mensch immer Mensch bleibt, geht es dabei sicher nicht um die heile Welt ohne alle Fehler. Die Freiheit des Menschen ermöglicht ihm, auch böse zu sein.
Unverzichtbar aber ist die Entwicklung und die sichere Vorherrschaft dessen, was hier mit "demokratischer" Zivilisationsform bezeichnet wird. Allgemeiner formuliert: Was die Menschheit benötigt, ist eine dauerhafte Veränderung des Machtgebarens der Menschen - im Kleinen wie im Großen, im Institutionellen wie im Persönlichen. Das allgemeine Menschenbild muss politisch nachvollziehbar verwirklicht werden. Sonst ist es reiner Idealismus.


Dieses Ansinnen oder diese Perspektive erscheint immer noch als revolutionär oder einer Revolution bedürftig, insbesondere auf das Ganze der Welt gesehen. So gesehen haben wir das Zeitalter, das vor etwa 230 Jahren mit der amerikanischen und französischen Revolution begann, noch nicht verlassen! Vielleicht braucht es nocheinmal soviele Jahre, um damit zu einem befriedigenden Ende zu kommen.

Der nächste Schritt auf diesem Weg kann aber keinesfalls aus einer primär "geozentrischen" Perspektive oder Position gewonnen werden kann und zwar weder in der alten Form gesellschaftlicher Macht, noch in der Form moderner geistiger, rationaler Kompetenz, noch in einer Mischung aus beiden. Denn Machteliten können generell die Welt nicht mehr politisch ordnen. Wenn sie es versuchten, würden sie die Welt im Kampf um die Vorherrschaft, bzw. ums Rechthaben ins Chaos stürzen. Sie können nur noch dienende Funktionen auf dem Weg in die Zukunft ausfüllen.

Es genügt nicht mehr, den "König zu töten", denn dann folgt bald ein "Napoleon". Die Position des "Geozentrikers" der Macht als solche hat heute ausgedient! Diese Erkenntnis muss sich Schritt für Schritt in gesellschaftlichen Strukturen niederschlagen, die eine über Demokratie und nationale Rechtsstaaten hinausgehende Dezentralisierung der Macht verwirklicht.

Die rechtsstaatlich legitimierten Vertreter des Gewaltmonopols müssen diesen historischen Übergangsprozess gegen alle reaktionären Fraktionen und deren Übergriffe entschieden beschützen. Aber innerhalb der zivilen Gesellschaft müssen sie wie der Staat insgesamt lernen, defensiv und sensibel, ja in gewisser Weise schwach zu sein.
Da wir schon längst in einer globalen "innenpolitischen" Situation leben, gilt dieser Lernprozess vor allem für das Militär aus demokratischen Staaten. Freiheit muss beschützt werden. Völker und Nationen hingegen können ihre Freiheit nur selbst (revolutionär) erkämpfen und nicht von fremdem Militär aufgezwungen bekommen. (Sehr wohl kann man aber Diktatoren nicht unterstützen.)

Der Staat und alle Regierungen sind für die Bürger da und nicht die Bürger für Staat und Regierungen. Das funktioniert aber nur, wenn die Bürger ihren Egoismus und ihre Rechthaberei sublimieren, ihre Infantilitäten ablegen. Das bedeutet für die "Starken", auf den einen oder anderen Vorteil zu verzichten und auch mal eine schwache Position zu riskieren, nachzugeben. Das bedeutet, dass die Sündenböcke "in die Freiheit entlassen werden" und die realen Verantwortlichkeiten gesucht und aufgearbeitet werden.

Bei gegebenem Zivilisationstand sind Leute, die sich aus Prinzip für besser und stärker als anderen dünken, eine manifeste Gefahr für das Gemeinwohl. Sie neigen dazu, in den maximal interdependenten Strukturen der heutigen Weltgesellschaft mittels für die Allgemeinheit mehr oder weniger ruinösen Vorgehensweisen große Vorteile zu realisieren und sich dabei vollkommen im Recht zu fühlen. Sie schauen auf die Mehrheit der Menschen herab und sind an der manipulierbaren Masse viel mehr interessiert als an der individuellen Person.

Fatal daran ist, dass der Mensch nichts Vorgegebenes ist, sondern als kulturelles Lebewesen in unvergleichlichem Maße von den individuellen, sozialen und historischen Umständen seines Lebens geformt wird. Daher die lange Adoleszenz, daher die großen Unterschiede der Gesellschaften und Zivilisationen.
Modern ist die Welt erst, wenn die "Schwachen" sich aufgerafft und selbstbestimmt zu leben gelernt haben und wenn sie die Ressourcen dazu finden.
Es ist für einen jeden besser, seine Mitmenschen zu achten, als auf sie herabzusehen oder sie zu beschimpfen.

Die Revolution, die Umwälzung kann heute nicht mehr durch die Zerstörung des Alten, Falschen geschehen! Das hat längst stattgefunden. Sie muss der Aufbau des Neuen, Richtigen sein. Die Revolution muss - konditionales "muss", Bedingung der Möglichkeit(!) - sie muss heute zuallererst in den Personen stattfinden. Sie muss die Haltung der Menschen verändern, sonst ist sie keine Revolution.
Das "geozentrische" Element im Sinne der Besorgung und Verwaltung kollektiver Angelegenheiten muss, soweit notwendig, von Funktionseliten bestellt werden, als begrenzter, definierter Beruf. Das "geozentrische" Element im Sinne von Herrschaft und klassisch-politischer Ordnungsmacht jedoch muss in das "egozentrische" Leben der einzelnen Personen, aller einzelnen Personen integriert werden. Das heisst, jede Person selbst muss sich die politische Souveränität nicht zuletzt als ganzheitliche schicksalhafte Verantwortlichkeit zueigen machen.

Nur die einzelnen Personen als solche können "graswurzelmäßig" die Welt politisch ordnen, in dem sie sich eine Existenzform erarbeiten, die mit den anderen Menschen als ebenso selbständige Personen zurechtkommt und eine freie Gemeinschaft mit ihnen verwirklichen kann. Das klingt erstmal utopisch. Aber ist es das? Denn, nochmal, Eliten mit Macht, politisch, ökonomisch, ... , die heute immer noch versuchen, die Geschicke der Welt zu bestimmen, können das in Zukunft immer weniger tun, weil die Welt immer unübersichtlicher und immer unregulierbarer wird, und sollen das nicht mehr tun, weil ein möglicher Machtmissbrauch viel zu gefährlich ist.
Also müssen die Menschen selbst ran und die Welt regieren. Nur sie können diese Unübersichtlichkeit vor Ort in den Griff bekommen, vorausgesetzt, jegliche größere kollektive Machtressource wird abgeschafft. Denn die Menschen in ihrer Allgemeinheit können die Welt nur regieren, wenn kein bestimmter Mensch, auch keine bestimmte Menschengruppe, wesentlich mehr Macht hat, als die anderen Menschen. Vielleicht ist das utopisch. Dann ist es eine notwendige Utopie.

Den daraus resultierenden menschheitlichen Weltzustand kann man sich jetzt nicht ohne weiteres vorstellen. Er beruht darauf, dass (mehr oder weniger) alle Menschen sich in neuer Art und Weise für das Ganze verantwortlich zeigen. Sie werden diese Verantwortung schon als Kinder lernen und als Erwachsene ihren Stolz daraus beziehen. Was die materiellen Lebensbedingungen betrifft, die heute in vielen Weltgegenden hochprekär sind, so sollte man daran glauben, dass ein vernünftiger Fortschritt, in dessen Focus die Existenzmöglichkeiten der einzelnen Personen steht, weiterhilft.
Die seelischen und materiellen Abgründe zwischen den Menschen heute sind mit dem Verstand dieser Zeilen aber sicher nicht erreichbar. Man kann nur der Hoffnung Ausdruck verleihen, dass große zerstörende, krankmachende, traumatisierende Kollektivzustände wie Kriege, Diktaturen, Mafia, die die Menschen unter die Knute ihrer Zwecke zwingen und ein selbständiges "egozentrisches Orientieren" im eigenen individuellen Leben fast unmöglich machen, in Zukunft weniger werden.

...

Die "westliche" Welt vertritt eine freie (nicht korrupte) Wirtschaft, Demokratie und Rechtsstaat, die auf dem allgemeinen Menschenbild beruhenden Menschenrechte, die Dominanz einer freien zivilen Gesellschaft mit Religionsfreiheit etc..

Die "westliche" Welt kann nicht in althergebrachter "egozentrischer" Machtform gewaltsam die Welt erobern und beherrschen und danach die Völker und Menschen dazu zwingen, allesamt demokratisch, rechtsstaatlich, liberal, unkorrupt, zivil, frei etc. zu werden.
Sie kann nur ihre Werte selbst leben - womit sie sich in den eigenen Ländern immer noch schwer tut (siehe Monopole, Populismus, Gruppenegoismus) und die sie durch rücksichtsloses, egoistisches, "egozentrisches" Verhalten gegenüber den "nichtwestlichen" Teilen der Welt in Frage stellt.
Sie muss diese ihre Werte verteidigen, wenn sie direkt angegriffen wird. Defensiv darf sie ihre ganz Kraft einsetzen. Dafür darf sie im Namen der Freiheit (nicht des Reichtums!) ihrer Mitglieder "egozentrisch" sein.

Eine freie moderne Welt musste und muss von den Völkern und Menschen selbst, "egozentrisch", den eigenen "vorwestlichen" Machthabern abgerungen werden und unter Veränderung der Gesellschaftsstrukturen verwirklicht werden! Das galt und gilt immer noch für die "westliche" Welt, das gilt für die "nichtwestlichen" Teile der Welt.

Die "westliche" Welt als Machtform muss den Menschen in ihrer eigenen Sphäre und in der restlichen Welt Platz machen, damit diese als Einzelpersonen selbstbestimmt werden können. Individuell und in der Machtform, die den anderen Mitmenschen dieselbe Möglichkeit beläßt, wird die "Egozentrik" der wesentliche Baustein einer freien politischen Weltordnung - ein Ordnung, die es umfassend zu verwirklichen gilt.



29.10.2009

"Hitler besiegen" I

- durch das schlagende Beispiel eines strikt emanzipatorischen, seelisch introvertierten deutschen Nationalismus

(siehe auch: "Hitler besiegen" II und "Hitler besiegen" III)

(zur Herkunft des Titels siehe Ende des Textes)


Den Faden der deutschen Geschichte im Jahre 1945, nach dem Ende des II. WK, wieder aufnehmen! - viele behaupten ja, es gäbe gar keine deutsche Geschichte mehr.
Was bedeutet es, die Shoah, den Krieg, das "Dritte Reich", Hitler in die Kontinuität der deutschen Geschichte zu integrieren, um die ganze Verfügung über sie wiederzuerlangen - eine Verfügung, die den Deutschen nicht erst von den Alliierten entzogen wurde, sondern schon von einem sehr geschickten Hitler qua egoistischem Missbrauch einzigartiger "monarchischer" Macht?!
Diese unendlich schwierige nationale (Re-)Integration der gesamten Geschichte, die in Wirklichkeit eine Neuerfindung sein muss, ist das entscheidende Kriterium neuer deutscher nationaler Selbständigkeit und nicht, dass ehemalige Alliierte des II.WKs der Bundesrepublik Deutschland keine Vorschriften mehr machen oder selbst wenn.

Ein derartiger Integrationsversuch bedeutet nicht weniger, als die Existenz und Bedeutung dieser Geschehnisse und des Wirkens dieser Person in einen organischen Gesamtzusammenhang der nationalen Geschichte einbinden zu müssen. Ausgangspunkt dafür sind die anderen Nationen. Denn angesichts der weltweiten Bedeutung des Nationalismus - man denke an beliebige Länder, die USA, Brasilien, ... - gibt es keine Möglichkeit, so zu tun, als wäre die Nation und der Nationalismus keine aktuelle Sache mehr. In Asien fängt seine Zeit gerade erst richtig an.
Zugegeben, insbesondere der Nationalismus ist immer zwiespältig. Denn er ist allzuoft mit Chauvinismus, Arroganz, Fremdenfeindlichkeit, ethnischen Säuberungen, Gewalt verbunden. Er ist vielerorts noch das, was man eine "heisse Religion" nennt, eine, die zum Töten und zum Sterben bereit macht.

Trotz dieser Problematik und trotz aller Globalisierung ist die Nation und der Nationalismus ein entscheidendes identitätsstiftendes Element im Leben sehr vieler Menschen überall auf der Welt. Manche geben ihm die Bedeutung von Freiheit und Emanzipation, diesmal von der Gängelung durch international agierende Eliten - eine Haltung, die zwischen symphatischer Widerborstigkeit, handfesten Autonomiebestrebungen, Gruppen-Egoismus, Terrorismus und Realitätsverleugnung schwankt.

Deutsche Nationalität kann es nicht ohne Hitler und alles, was mit im verbunden ist, geben. Denn er war tatsächlich Staatschef der deutschen Nation über 12 Jahre hinweg und er hat in dieser Zeit Geschichte gemacht, wie wenige sonst - deutsche Geschichte - entsetzliche Geschichte, wie wenige sonst!

Da ist diese Dichotomie zwischen (aussterbenden) Mitgliedern der deutschen Nation, die das "Dritte Reich" als Erwachsene erlebt haben und daher die absolute moralische Katastrophe der Shoah nicht wirklich als existent annehmen können, weil sie das mit ihrem faktischen inneren und äußeren Erleben nationaler Bedeutung nicht in Einklang bringen können. In der Epoche vor 1945 musste man sich mit dem Kollektiv - Deutschland - in viel höherem Maße verbinden und war dementsprechend mit ihm verbunden, als das die Nachkriegsdeutschen kennen.
Auf der anderen Seite haben eben diese Nachkriegsdeutschen eine starke Tendenz, das gesamte "Dritte Reich" mehr oder weniger bewußt auf eine irreale Ebene zu schieben, weil der moralische Abgrund der Shoah es nicht zuläßt, diese Phase der deutschen Geschichte als tatsächlich und real anzunehmen. Sie reduzieren eine ungeheuer aktive und prägende Geschichtsepoche, die zeitlich unmittelbar vor ihnen liegt, auf ein einziges Geschehen - die Shoah -, das zudem als eigene Herkunft nicht positiv angenommen werden kann.

Hitler und sein nationales Kollektiv der Deutschen war Realität genauso wie die Shoah Realität war und wenn man zu einer integralen deutschen Geschichte als nationaler Identität kommen will, die einen als Deutschen, wenn man denn einer sein will, trägt, dann muss man Hitler, dem "Dritten Reich" und der Shoah einen irgendwie zugehörigen Platz in einer deutschen Geschichte zuweisen können, die insgesamt positiv zu werten ist. Denn nur als positive kann man sie als eigene nationale Herkunft annehmen und affirmieren. Als negative Geschichte kann man sich nicht auf sie stützen, sondern muss sie verdrängen.

Diese Integration, die die deutsche Geschichte insgesamt wieder auf die positive Seite bringt, gibt es bis heute nicht! Hitler und alles, was mit ihm zusammenhängt, läßt sich (noch) nicht in eine persönliche und kollektive historische Kontinuität integrieren. Die Geschehnisse und Taten waren absolut extrem, zu extrem bisher.
Das bedeutet aber, dass Hitler, wenn auch indirekt, immer noch herrscht, weil er verhindert, dass man sich gemäß einer globale verbreiteten Normalität unmittelbar und positiv mit der eigenen, in diesem Fall der deutschen Nation identifizieren kann.

Viele Deutsche reagieren darauf mit Rationalisierungen. Die einen nehmen einen blutleeren elitistischen Staatsbegriff als Ersatz für den uneingestandenen Mangel. "Uns Deutsche muss Nation nicht mehr interessieren" behaupten andere. Die Nation und den Nationalismus wären überwundene Formen der Politikgeschichte.
All das mag angesichts der Shoah verständlich sein, aber es ist ein Widerspruch in sich! Denn wenn das so wäre, wären die Deutschen die große Ausnahme, die Nation der Nicht-Nationale.

Es gibt zudem einen pragmatischen Grund, die Nation voll umfänglich wieder aufzurichten. Denn die Nation ist nach den aus der Antike stammenden politischen Ordnungsformen polis und Reich die einzige Form, die in der Neuzeit neu geschaffen wurde. Und man kann ihr eine große Zukunft voraussagen, weil die polis als politischer Ordnungsrahmen zu klein und das Reich zu groß ist.

Tatsächlich hat Hitler mehr als jemand sonst, mehr als Bismarck, mehr als der I. WK die Deutschen zu einer Nation gemacht und zwar bis heute. Denn sie sind es, die mit dieser absolut außerordentlichen Verantwortung (nicht Schuld!) für die durch viele Deutsche und im Namen des "Dritte Deutschen Reichs" in der Zeit zwischen 1933 und 1945 vollbrachten Untaten zurechtkommen müssen. Sie sind auf der Welt dadurch zu einer einzigartigen "Marke" geworden - einzigartig im negativen Sinne!!

Natürlich kann man individuell aussteigen aus dieser Verantwortung. Aber naheliegenderweise sind es oft genau diejengen, die in (unterdrückter) Wut aussteigen wollen, die eigentlich am meisten an einem gesunden "unbelasteten" Nationalismus hängen würden, die sich also von einer seelischen Quelle abschneiden, von der sie sich gerne laben würden und die ihnen sehr viel geben würde.

Ist die Behauptung der deutschen Nationalismusverächter richtig, dass es keinen "unbelasteten Nationalismus" gibt? Kulturwissenschaftler vertreten die These, dass jede Gemeinschaft ihren Ursprung in einem Verbrechen hat. Und da das Leben nie einfach ist und der Gegensatz oder gar die Feindschaft zu anderen Menschen eine universelle Lebenstatsache ist, erhalten sich Gemeinschaften sehr oft durch Abgrenzung, ja durch Feindschaft, Unterdrückung oder Bekriegung von anderen Personen oder Gruppen, die nicht zur eigenen Gemeinschaft gezählt werden.

Im "Dritten Reich" war diese Identitätsstiftung vor allem auf Kosten der Juden kaltblütig geplant und wurde - lange vor der Shoah, die erst im Krieg begann - von der Bevökerung gerne angenommen. Genau aus diesem Grund sehen viele Nachkriegsdeutsche im Abschied vom Nationalismus die einzige "gute" Reaktion auf die Exzesse des "Dritte Reichs". Es gilt aber nach wie vor, das können nur Deutsche tun, diesen von Hitler erzwungenen Abschied aus der deutschen Nation. Ein richtiger, befreiender Schritt sieht anders aus. Er wäre die Etablierung einer dezidiert nationalen Gemeinschaft, welcher es gelingt, Nationalität in ihrem ursprünglichen Sinne als emanzipatorische, befreiende Bewegung zu verwirklichen.
Wenn die Deutschen das friedlich und in sich ruhend erreichen könnten, dann würden sie dieses Ziel auch den anderen Nationen zugestehen und den anderen Menschen. Das führt zu einer selbstverantwortlichen und offenen, z.B. den Einwanderern aus anderen Nationen positiv verantwortlichen Haltung. (Dem spricht keineswegs entgegen, auch von den Zugewanderten eine positive Haltung zu dem Land ihrer Wahl zu erwarten!)

Wie wird man so eine Gemeinschaft? Ich glaube, dazu muss man als Deutscher zurück zum "Dritte Reich", zurück zu Hitler. Er war ja mehr als ein Nationalist. Er war ein Protagonist der Weltgeschichte. Er hatte für eine bestimmte Zeit eine Machtfülle erreicht, wie wenige Menschen vor und nach ihm. Es genügt daher nicht, als deutscher Nationalist nur brav zu werden und über die Untaten des Krieges und der Shoa zu klagen, mit denen das nationale deutsche Ansehen zerstört wurde. Es genügt auch nicht, die Untaten von damals durch gute Taten von heute gegenzugewichten. Das ist zu wenig politisch!
Die Deutschen, die sich für ihre Geschichte verantwortlich erweisen, müssen sich mit Hitler messen, sie müssen ihn politisch und geistig angreifen und überwinden, von mir aus "besiegen" (- wie das auch die Israelis immer noch sollen, wenn es nach Avraham Burg geht, dem Autor des Buches "Hitler besiegen").

Hitler stand für die Reaktion (auf die Revolution) in einer absolut gnadenlosen Form. Er wollte mit seinem Arier-Rassismus einen neuen Adel etablieren. Er wollte im brutalsten "mittelalterlichen" Herrschaftsstil ein Großreich errichten, das letztlich sogar die Erde umspannen sollte. Er wollte, was die anderen europäischen Mächte seiner Meinung nach längst hatten, Kolonien als eine Art Sklavenreservoir. (Osteuropa wurde im Nazi-Jargon "Deutsch-Indien" genannt.) Und er konnte mit all diesen größenwahnsinnigen Plänen nur so weit kommen, wie er gekommen ist, weil sich die Deutschen als eine nationale Schicksalsgemeinschaft empfanden, die ein gewaltiges umfassendes Potential der Mobilisierung in sich trug. Dieses Potential konnte von Hitler und den Nazis realisiert werden. Zugleich waren die Deutschen aber auf groteske Weise unfähig, zu beurteilen, für was dieses Potential eingesetzt würde und wer sie wie manipulierte.

Wenn die Deutschen ihre Geschichte nach diesem Tiefpunkt wieder in die eigenen Hände nehmen wollen, dann müssen sie der Prägekraft ihrer großen und langen nationalen Kultur und Geschichte gerecht werden. Der universelle Anspruch wurde nicht von Hitler erfunden. Insbesondere die großen Philosophen und Kulturschaffenden deutscher Herkunft, aber auch schon Luthers Reformation traten mit universellen Zielen an. Es ist nicht zu plakativ, zu behaupten, dass die Deutschen eine ähnliche große Aktion vollbringen müssen wie Hitler, nur eben im Sinne der Werte und Herausforderunge der Neuzeit, der Demokratie, der Menschenrechte, der sozialen Frage, der globalen Welt. Nicht mehr kollektiver Todeskult unter der Ägide eines paranoischen, kriminellen Charismatikers, sondern persönliche und politische Selbstbestimmung im Geiste sowohl der eigenen religiösen Wurzeln als auch der Aufklärung und der politischen Emanzipation - das sind die Ziele, die es schlagend vor der Welt zu präsentieren und zu verwirklichen gilt.

Das, was die Deutschen von Hitler lernen können, ist seine Strahlkraft, sein historischer Weitblick. Sie müssen als Einzelne dort, wo sie das Schicksal hingestellt hat, mit der ihnen ganz persönlich gegebenen Kraft eine freie und gerechte Welt verkörpern - ganz dezidiert gegen Hitler und alle anderen noch aktiven Reaktionäre. In diesem Geiste müssen sie ihre Nation neu begründen - eine Gemeinschaft, die sich nicht mehr durch Abgrenzung gegen andere, sondern aus innerer geistiger Eigenständigkeit in der Kontinuität der eigenen kulturellen Geschichte stabilisiert - eine Gemeinschaft, die einen hohen Anspruch der Friedensfähigkeit verkörpert, sich aber nicht über andere setzt, sondern diesen Anspruch auch an die anderen stellt, dass diese sich auf ihren eigenen Weg zu einer globalen Koexistenz der Menschheit machen. Das gilt für die einzelnen Personen genauso wie für die nationalen Gesellschaften (und alle anderen Kollektivformen).

Wenn das gelingt und weltweites Aufsehen erregt, dann werden die Deutschen das Menetekel, das Hitler darstellt, bannen können - die globale Welt als mörderische Megadiktatur der Menschenverächter oder als Nuklearkriegsinferno, ausgelöst durch um die Macht kämpfende Menschenverächter. Letzteres ist heute die wahrscheinlichere Variante des Menetekels, die zu Hitlers Zeit glücklicherweise noch nicht zur Verfügung stand - außer einseitig den Amerikanern in Hiroshima und Nagasaki.

Die Nation bleibt ein wesentlicher Auftrag. So unabdingbar die individuelle Selbstbestimmung ist, wir Menschen sind immer soziale Lebewesen. Nur wenn wir in guten gesellschaftlichen Zusammenhängen leben, können wir zu selbständigen Personen werden.

Ergänzung: Avraham Burg, dessen gerade auf deutsch erschienenes Buch "Hitler besiegen" ich erwähnt habe und das mir den Titel dieses kurzen Textes vorgab, sagte in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, 24./25. Oktober 2009, S. V2/8: "Ich bin für einen gemeinsamen Weg für Deutsche und Juden. Wir können uns nur gegenseitig vom Holokaust befreien. Ich schlage vor, dass die Kinder der Täter und die Kinder der Opfer gemeinsam Lehren aus der Vergangenheit ziehen, statt jeder für sich sein Trauma zu pflegen."



mehr zu diesem Thema hier:

"Hitlers Universalismus (und Celans Antwort darauf)"



20.10.2009

Kunst und Religion

Formal könnte man meine Arbeit an dem STRING-Projekt als Kunst (als Literatur, als "gedankliches Bildhauen") begreifen, wenn auch nicht als bürgerliche Kunst. Eher müsste man das Projekt als politisch-historische Kunst bezeichnen. Denn es ist der personalisierte Versuch einer erneuten substantiellen Grenzüberschreitung von der "alteuropäischen" transzendent-hierarchischen Welt in die nachrevolutionäre Moderne des allgemeinen Menschenbildes.
Dass dieser Schritt (von neuem) notwendig ist, ergibt sich aus der Krise der Demokratie in der sich globalisierenden Welt. Im Speziellen handelt es sich um den eigenen nationalen deutschen Nachvollzug des Übergangs vom "Dritten Reich" zum demokratischen Nachkriegsdeutschland, der 1945 ja kein selbstbestimmter Schritt war, sondern - wenn auch von manchen Deutschen gewünscht - von den Siegermächten erzwungen wurde.

Es liegt an der deutschen Kulturtradition, dass ich diesen Schritt nicht nur als nationalen, sondern auch als universellen tun muss. "Politisch-historisch" meint in diesem Zusammenhang daher nicht, dass irgendein bestimmter Stoff aus früheren Zeiten - und sei es das "Dritte Reich" - verarbeitet wird, sondern es geht um Bearbeitung der Geschichte überhaupt, die in ihrer Gesamtheit und als solche zum Material wird, weil sie als Ganzes auf dem Spiel steht.

Es soll aber auf keinen Fall angedeutet werden, dass das Projekt STRING Kunst ist und noch viel weniger, dass ich Künstler bin.

Die Bewältigung der Aufgabe, die sich mir schicksalhaft gestellt hat und die ich nicht zuletzt mit der Web-Präsentation adSTRING.org vorantreiben will, kann nur als formal einzigartiges, d.h. individuiertes Geschehen begriffen werden. Auch wenn es allgemein oder universell ausgerichtet ist, zielt es auf keine Massenbewegung oder eine andere gegebene Kollektivitätsform, sondern ist wesentlich einzelnes Handeln. D.h., jeder kann es nur für sich selbst vollbringen!
Es gibt schlicht keine (formalen) Vorgaben, die ich in diesem Zusammenhang direkt übernehmen könnte - auch wenn alles, was ich tue und schreibe zu 100% aus Traditionspartikeln besteht.
Die einzige existierende Institution oder "Institution", die ich uneingeschränkt nutzen darf, ist die Sprache und das Sprechen. Dabei hat meine Nutzung der Sprache das Ziel, diese endgültig zu einer Institution (ohne Anführungszeichen) zu machen - und damit auch den oder die Sprecher/in!

Ich gehe davon aus, dass es heute notwendig ist, die Geschichte als Ganzes zu bearbeiten, weil die Menschheit vor einer die gesamte Geschichte betreffenden Zäsur steht. Einerseits liegt das an dem unglaublichen zivilisatorischen Leistungsniveau dieser Epoche, die ein zentrales Kennzeichen der Geschichte in Frage stellt, den Kampf oder Krieg um die Freiheit oder um die Vorherrschaft.
Andererseits liegt es an der immer konkreteren Existenz einer Weltgemeinschaft des homo sapiens sapiens, die alle bisherigen sozialen Formen sowohl materiell als auch ideell überschreitet.
Es geht also um nichts weniger, als dieser neuen "Art-Gemeinschaft" eine angemessene (freie) politisch-kulturelle Ordnung zu geben, ohne Kriege führen zu können.

Geschichte, wie wir den Begriff meist verstehen, ist mit dem Aufkommen der schriftlichen Überlieferungen verbunden, auch mit der langsamen Entstehung großer Reiche beginnend vor ca. 5000 Jahren. Ich möchte die Grenze zwischen Geschichte und der sog. Prähistorie demgegenüber an das Aufkommen der Sesshaftigkeit vor ca. 11.000 Jahren legen. Denn damals war der Anfang der Entwicklung zu über die "evolutionären" Kleingruppen der nomadischen "Jäger und Sammler" hinausgehenden, immer größeren Gesellschaften, an deren Endpunkt wir "Globalisierten" heute stehen.

Das Ziel, die Geschichte als solche zu fassen, läßt sich gar nicht anders als auf quasi-künstlerische, sprich formal einzigartige Weise angehen. Denn zum einen sind geschichtliche Ereignisse nicht mehr direkt greifbar. Selbst Quellen werden aus zeitgenössischer Sicht interpretiert, schlicht, weil es keine andere Sicht gibt. Zum anderen ist schon Gegenwart und nahe Zukunft unermesslich komplex und unüberschaubar, wie erst die unendliche Zahl vergangener Gegenwarten - und wie erst, wenn man das Leben der anderen tendenziell so ernst nimmt, wie sein eigenes.
Zugänglich ist die Geschichte für mich daher nur so, wie sie sich in mir repräsentiert und von mir realisiert wird. Das gilt auch für partikulare Kollektivgeschichte z.B. einer Nation oder einer Organisation. Da mag es lange Traditionen und Meinungsführerschaften geben. Trotzdem muss jedes Mitglied der Gemeinschaft die Inhalte bis zu einem gewissen Grad selbst nachvollziehen, was immer ein individueller, kreativer Akt ist.

Ich suche demnach die Effekte, die die das Leben prägenden Begegnungen und Erfahrungen von frühester Kindheit an bis heute auf mich ausüb(t)en. Teile davon sind dann das sich ständig wandelnde historische Material, aus dem ich etwas zu formen versuchen. In meinen STRING-Texten ist vielfach ausgeführt, wie ich beeinflusst worden bin und was ich daraus zu machen versuche und vielleicht, warum man mein Bemühen als quasi- oder transkünstlerische Bearbeitung der gesamten Menschheitsgeschichte verstehen könnte, wenn auch nicht als Kunst.

Modernes personalisiertes Künstlertum ist eine Erbschaft der griechischen Antike. Schon damals gab es namhafte Künstler, z.B. der athenische Bildhauer Phidias. Ästhetische Geschichtspunkte hatten einen sehr hohen Stellenwert.
Was hingegen noch aussteht, ist eine vergleichbare Renaissance des jüdischen Erbes der Antike. Dabei geht es vor allem um die politische und zugleich transzendente Eigenständigkeit der einzelnen Personen, wie sie im Pharisäertum und im nach der zweiten Zerstörung des Tempels daraus hervorgehenden rabbinischen Judentum entstanden war. Der in dieser Tradition zentrale Begriff "Gott" steht für den Maßstab und wirkt als Projektionsfläche einer derart umfassenden individuellen Selbständigkeit, die den einzelnen Menschen, besser die einzelne Person als solchen so absolut setzt, dass diese Personen gesellschaftlich nur mehr als gleichwertig, als gleichwertige Einzigartigkeiten mit ihrer je eigenen Transzendenz nebeneinander stehen können. Dieses Nebeneinander darf von den gesellschaftlichen Mächte und Prozessen nicht mehr zerstört werden, sondern muss in Verfahren bewältigt werden, die alle kollektive Macht relativieren.

Die Gesellschaft(en) der essentiell selbständigen Personen gilt es daher nicht nur theoretisch zu postulieren, sondern lebenspraktisch aus dem Bestehenden zu entwickeln, wie es mühsam seit Jahrhunderten geschieht. Dieser politische Akt kann aber nicht nur in einem sozial objektivierten, d.h. bürokratischen, rechtsstaatlichen, republikanischen Verfahren geschehen. Im logischen - nicht im zeitlichen - Sinne muss er zuallererst von Subjekten, im Rückgriff eines jeden Menschen auf sich selbst in universellem Geist vollbracht werden. Das bedeutet, jeder von uns Menschen muss Träger und Vertreter dieser freien Gesellschaft(en) und damit der einen Weltgemeinschaft der Menschheit werden - nicht nur irgendwelche Eliten.
Der entscheidende Schritt zur politischen Subjektivität im "Reich des allgemeinen Menschenbildes" kann von niemand für jemand anderes vollzogen werden! Daher können Nationen, Organisationen oder wirtschaftliche Vorgänge die einzelne Person als Kern und Anker einer neuen globalen Weltordnung auch nicht ersetzen!

Dass ein solches historisch-persönliches Denken und Handeln der einzelnen Menschen zu einer allgemeinen gesellschaftsprägenden Kraft wird, kann nur einem Wunder oder Zauber jenseits des Aberglaubens zugeschrieben werden. Denn die Freiheit des Menschen sowohl zum Schlechten wie zum Guten ist heute unhintergehbarer denn je. Sehr oft sind Leute tödlicher Gefahr durch andere ausgesetzt, wenn sie für die Selbstbestimmtheit und Freiheit des Einzelnen einstehen wollen. Das fängt bei Luther oder noch früher an und hört bei Anna Politkowskaja oder bei den unterdrückerischen Gepflogenheiten in vielen Familien, Sippen und Gesellschaften lange nicht auf.
Diejenigen, die gegen die Freiheit der Menschen kämpfen, was würden sie tun, wenn sie über Wasserstoffbomben verfügten? Könnten sie diese Macht mangels Verantwortungskompetenz nur für ihre erpresserischen egoistischen Ziele einsetzen, dann würden sie bald vom "Kalten" in den selbstmörderischen "Heissen Krieg" geraten.

Bleibt noch die Frage: Wird unser Umgang mit der Natur, ihre Nutzung als Substrat unserer Megazivilisation, ihre fortschreitende Verkünstlichung und ihre Hegung diesen Weg zur Freiheit und Gemeinschaft erlauben?



12.10.2009

Es gibt ein striktes, im gesamten persönlichen Dasein verankertes Verbot, sich zu spezialisieren, d.h. Teil der arbeitsteiligen Gesellschaft zu werden. Daraus kann man die Aufgabe ableiten, wieder eine menschlich-gesellschaftliche "Stammzelle" zu werden. Man soll quasi einen vorzivilisatorischen Zustand realisieren, der insofern als "omnipotentiell" zu bezeichnen ist, weil er alle Berufe und/oder gesellschaftlichen Rollen, die sich seither entwickelt haben, als Möglichkeit in sich trägt.

Entscheidend ist dabei jedoch nicht die Frage der Arbeit, sondern die soziale Komponente, also das Potential einer nicht stratifizierten (geschichteten) Gesellschaftsform. Maßstab ist jener egalitäre und anarchische Zustand, den Anthropologen manchen (wenigen!!) nomadischen Jäger- und Sammlergesellschaften zubilligen. Diese egalitären und anarchischen Gesellschaften - man nennt sie auch akephal, also kopflos - können als die ersten eigentlich menschlichen Gesellschaften gelten. Denn sie haben die Gesellschaftsform der Horden oder Gruppen, deren Ordnungen primär auf biologischen Vorgaben beruhen, wie wir sie z.B. von Pavianen oder Schimpansen kennen und wie sie in der Jahrmillionen währenden Entwicklung des homo sapiens sicher der Normalfall war, hinter sich gelassen.
Ein ganz wichtiger Faktor solcher im eigentlichen Sinne menschlicher, egalitär-anarchischer Gesellschaften war vermutlich, dass sehr viel Zeit für das sog. Palaver vorhanden war, für das nicht enden wollende Gruppengespräch. Denn im ständigen Miteinanderreden wurde die Dynamik geschaffen, die die "harten Fakten" der Biologie, z.B. der Unterschied Frau-Mann, quasi verflüssigten und relativierten - ohne dass diese Fakten deshalb keine Rolle mehr gespielt hätten, im Gegenteil, der Umgang mit ihnen war sicherlich Hauptgegenstand des Palavers.

Dafür spricht auch, dass diese egalitären und anarchischen Kleingruppen nur entstanden, wenn die Lebensressourcen relativ leicht zu beschaffen waren. Anthropologen gehen von vier Stunden pro Tag aus, die die Mitglieder brauchten, um im Urwald die nötige Menge Nahrung zu sammeln. Der Rest des Tages gehörte dem Palaver.
In unwirtlicheren Gegenden (aber nicht nur dort) blieben die Kleingruppen eher in der Tradition der tierischen Horden gemäß der biologischen Funktionen und hierarchisch geordnet. In dieser Tradition gab es Gewalt in und vor allem zwischen den Gruppen, die bei homo sapiens sapiens durch dessen Intelligenz und Fertigkeiten die Tiere an Intensität und Grausamkeit &uum;bertraf.

Die vor ca. 12 000 Jahren entstehende Sesshaftigkeit hob diese Disposition auf eine ganz neue, fatale Ebene. Die unglaubliche Zivilisationsgeschichte der letzten Jahrtausende hat einen bösen Zwilling. Denn durch das permanente Zusammenleben in immer größerer Zahl trafen die Menschen oft auf Nicht-Gruppen-Mitglieder. Ein unmittelbares Kommunikationsband war im großen Zusammenhang nicht aufrechtzuerhalten und die Gewalt zwischen den längst nicht mehr instinktgebundenen Menschen wurde zu einem manifesten Problem des Überlebens. Um suizidale Blutrachefehden zu unterbinden, mussten harte Gewaltmonopole etabliert werden (sog. Häuptlingsreiche). Außerdem wurde mit der Sesshaftigkeit der Krieg, besser der Überfall immer lukrativer, weil in den angesammelten Ernten und Schätze der Nachbarn lukrative Ziele für Raub entstanden waren. Dazu kam irgendwann die Erkenntnis, dass es umfassende Vorteile bot, immer größere Reiche zu errichten. Die eigentliche Geschichte begann.
All das führte zu einer Dominanz von Kampf, Krieg und Körperstärke, die bis heute andauert und in der keine egalitären und anarchischen Zustände ent- oder bestehen konnten. (Es gab und gibt sie trotzdem immer, wenn auch im kleinen Umfang, die akephalen oder matriarchalischen Gesellschaften.)

Heute, unter dem Damoklesschwert der ABC-Waffen, gilt es daher, die Kollektivität als solche zu problematisieren. Denn es ist eine tödliche Kombination, die aus den Machtmitteln einer Kultur mit den heutigen (waffen-)technischen Fähigkeiten und den neoarchaischen (tiergesellschaftlichen) Sozialstrukturen der Sesshaftigkeit, die bis in die keine inhärenten Grenzen des Machterwerbs kennenden modernen Großorganisationen dominant sind, entsteht. Ganz abgesehen von der Gefährlichkeit ist es eine unvorstellbare Ressourcenvergeudung, der mit der Sesshaftgkeit aufgekommenen Renaissance der primitiven Bedürfnisse, etwas sozial "Besseres" als andere zu sein oder die höhere Position auf der "Hühnerleiter" darzustellen, zu folgen, indem man aufwendige Produkte und Lebensweisen kreiiert und konsumiert.
So essentiell diese Formen gesellschaftlich-geschichtlicher Ordnung für das Etablieren der Gewaltmonopole, für die Ordnung großer politischer Reiche und für die Entstehung höherer Zivilisationsstufen über die Jahrtausende waren, heute ist ihre Überwindung überlebensnotwendig geworden.

Die hier postulierte Omnipotentialität des Einzelnen vor und nach jeder Gesellschaftlichkeit soll wie eine Reinigung und Befreiung der zeitgenössischen zivilisatorischen Kräfte und Chancen wirken. Sie ist eine geistige Fiktion. Nur als solche kann sie heute zur Bändigung der Kultur des geistigen Überschlags dienen, als die sich die Geschichte mehr und mehr herausstellt.
Es gab diese Omnipotentialität aus gesellschaftlicher und historischer Sicht noch nie. Wohl mag ein Wolfskind zum "Wolfserwachsenen" geworden sein und irgendwann weit ab von jeder menschlichen Behausung in tiefen Wäldern gestorben sein. Aber die Gesellschaft mit ihren Sklaven und Herrschern und allem dazwischen hätten dieses menschliche Lebewesen sicher nicht als gesellschaftlich omnipotentielle Person wahrgenommen oder gelten lassen.
Dieser Akt steht noch bevor. Er ist selbst heute, im sog. 21. Jahrhundert noch keine Kategorie von Bedeutung. Vielleicht haben schon immer manche Philosophen oder Poeten diese Perspektive entwickelt. Man denke z.B. an den griechischen Philosophen Diogenes, der sich in Abgrenzung zu der (athenischen) polis als "Kosmopolit", als Bürger der ganzen Welt bezeichnete.
Aber die vielen historischen Welten und die eine Geschichte waren sicher nicht wesentlich davon berührt. Der einflussreiche Karl Marx lehrte sogar: "Das Sein bestimmt das Bewußtsein!" D.h., keiner könne sich davon dispensieren, wovon er "produktionstechnisch" gesehen lebt. Das macht ihn zum zoon politicon, zum Element der stratifizierten Gesellschaft (der Klassengesellschaft).
Immer schon gab es die Gegenposition: Früher sollte man vor Gott gleich sein, heute vor dem Recht. Aber so recht hat das nie geklappt.

Die Menschen wollen souveräne Geistigkeit realisieren und können das meist nur - mehr schlecht als recht - durch Herrschaft und Macht über andere Personen erreichen. Das Problem ist, dass die Weltzivilisation wegen ihrer Hyperpotentiale den Punkt überschritten hat, sich "durchwurschteln" zu können, also den Dinge einfach ihren Lauf zu lassen. Daher ist der geistige Akt hin zur Omnipotentialität, der dem Menschen neben seinem "real existierenden" partikularen gesellschaftlichen Dasein die souveräne Verkörperung der ganzen Welt ermöglicht, unverzichtbar.
Diesen universellen politischen Akt kann er nur als Einzelperson tun.
Kein verfasstes Kollektiv kann die ganze Welt repräsentieren, da es gegenüber anderen Kollektiven selbst repräsentiert werden muss, d.h. immer partikular ist. Der einzelne Mensch, sobald er seine Zugehörigkeiten zu Kollektiven hinanstellt und sich zuerst als solcher, d.h. als Mensch sieht und diese Sicht gesellschaftlich, d.h. gegenseitig realisiert, repräsentiert automatisch die ganze Welt und die ganze Menschheit.

Es kommt darauf an, dass sich diese Repräsentation als dominant auf der Erde durchsetzt. Die traditionellen hierarchischen machtpolitischen Ordnungsmodelle, die nur im Rahmen von partikularen Kollektiven existenzfähig sind, können die Welt nicht ordnen. Die Gewalt, die materielle Macht, das Recht des Stärkeren sind zu suizidalen Momenten der Menschheit geworden. Das Streben nach (geistiger) Souveränität kann nicht mehr mittels Herrschaft über andere Menschen und über materielle Umstände (Luxus) erfolgen. Aber die Souveränität der einzelnen Personen, auch wenn sie primär ein geistiger Akt ist, benötigt auf Dauer eine relative materielle Entsprechung. Die Künstlichkeit der modernen Zivilisation bekommt genau dann ihren letztgültigen Sinn, wenn sie diese materielle Entsprechung geistiger Souveränität nach Maßgabe der konkreten Gegebenheiten (ärmlich oder luxuriös), auf defensive Weise und dauerhaft herzustellen vermag.




22.09.2009

Leider wurde Hitler-Deutschand nicht militärisch bekämpft und besiegt, weil es auf so grausame und schlimmste Maßstäbe setzende Art gegen Millionen von Menschen vorgegangen ist, sondern weil es aus historisch rückwärtsgewandter Perspektive und sicherlich in großer Verblendung (Wagenburgmentalität) und bösartiger Dummheit (z.B. Russlandfeldzug) "die Welt" erobern wollte, um sie dann nach eigenem Gutdünken politisch ordnen zu können. (Die Nazis nannten Osteuropa "Deutschindien".)
Dieser brachial ausgeführte Versuch allein vereinigte fast alle anderen, untereinander selbst verfeindeten Mächte der Epoche zum Kampf gegen Hitler-Deutschand.
Seither gab es keine Weltkriege mehr. Sie hätten im Zeitalter der Wasserstoffbombe auch ihre Funktion verloren. Der Krieg ist nicht mehr, wie in den letzten zehntausend Jahre Sesshaftigkeit und territorialer Integration der Menschheit, der "Vater aller Dinge, der die einen zu Sklaven, die anderen zu Freien macht." (so der griech. Philosoph Heraklit).

Das bedeutet, wir sind in dieser Epoche auf eine Neuschöpfung der Politik angewiesen, die man sich kaum radikal und absolut genug vorstellen kann - im Rahmen des praktischen Lebens selbstverständlich, nicht als ideologische Fiktion. Im Rahmen der deutschen Geschichte ist dieser Wechsel im Übergang von vor 1945 auf nach 1945 im Prinzip schon vollzogen worden - eine Vorwegnahme, vielleicht gerade dadurch ermöglicht, dass Deutschland nach 1945 kein wirklich souveräner Staat war.

Dass der epochale Schritt im Übergang von vor 1945 auf nach 1945 in Deutschland im Ansatz schon stattgefunden hat, liegt nicht in dem Unterschied von Krieg und Frieden, nicht in dem politisch-moralischen Tiefpunkt davor und der Wiedergutwerdung und -machung danach. Der epochale Schritt liegt in der Diskrepanz zwischen dem unzeitgemäßen und reaktionären Versuch Hitlers und seines "Dritten Reichs", wieder vor die Zeit und die Welt der französischen Revolution zurückzukehren einerseits und der eindeutigen Ausrichtung der Bundesrepublik Deutschland an den Freiheits-Werten der französischen Revolution und des bürgerlichen Liberalismus bei gleichzeitigem (von den Siegermächten verordnetem) Verzicht auf die klassische militärische Souveränität andererseits.

Allerdings bleiben wesentliche Reste, und zwar unabhängig davon, dass dieser besondere Schritt von 1945 von dem geteilten Deutschland im Kalten Krieg und von dem geeinten heute in der Nato relativiert wird. Der Epochenbruch von 1945 in Deutschland war keine aktive deutsche Sache, sondern notwendig fremdbestimmt. Deutschland war 1945 so am Ende, so kaputt, materiell, kulturell, moralisch, dass es zu diesem historischen Schritt von sich aus - souverän - nicht in der Lage gewesen wäre. Was daher u.a. noch aussteht, ist ein "deutscher" Nachvollzug dieses epochalen Schrittes - also ein politischer Akt, der direkt an die selbstbestimmte deutsche Geschichte und damit an die Zeit vor 1945 anknüpft, als Deutschland noch die zeitgemäße nationale Souveränität hatte, insofern dies trotz der Politik des "Dritten Reiches", die diese Souveränität vielfach missbrauchte, ein (Freiheits-)Wert an sich ist.

Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die Bemerkung des Frankfurter Erziehungswissenschaftlers Micha Brumlik, dessen Vorfahren dem Judentum entstammten. Er meinte, dass das besondere, "einzigartige" an der Shoah nicht die Opfer sind, sondern die Fallhöhe der Nation, der das Gros der Täter angehörte, insofern Deutschland eine der hervorragenden "Kulturnationen" der Neuzeit war, von der man sich entscheidende Schritte (man denke an Immanuel Kant) in eine neuzugestaltende Zukunft erwartete. Der moralische und politische Abgrund, der sich vor dieser "Höhe" hin zu den Geschehnissen im II. WK und in den Konzentrationslagern im "Deutschen Reich" auftat und -tut, ist nicht groß genug vorstellbar. Politisch ist dieser Abgrund deshalb, weil sich eine Menschheit, die sich nach der Vorgabe der "Werte" des "Dritten Reichs" zu organisieren versuchte, heute zwangsläufig dem selbst herbeigeführten Untergang geweiht wäre.

Auf Grund dieser unendlichen, die ganze Geschichte in sich tragenden politischen Dichotomie - vor 1945, nach 1945 - kann die deutsche Geschichte im Rahmen einer freien Wirtschaft und einer parlamentarischen Demokratie alleine noch nicht zu sich zurückgebracht werden. Diese obwohl unhintergehbar bleibenden Elemente der nachkriegsdeutschen politisch-gesellschaftlichen Existenz können den Abgrund noch nicht "füllen" (soweit das überhaupt möglich ist).

Es gibt keine Alternative! Diejenigen, die aus biographischen und ethischen Gründen sich der Verantwortung für die deutsche Geschichte nicht entziehen können oder ihr verpflichtet sind, müssen einen direkt an die Geschichte anknüpfenden Schritt - und er würde der nationalen Tradition nicht gerecht, wenn er nicht zugleich ein universeller Schritt wäre - finden, gestalten, tun, der dem Epochenbruch von 1945 im Sinne der oben beschriebenen, historisch notwendigen Zeitenwende gerecht werden kann, bzw. ihn erneut und in spezifischer Weise vollzieht - was auch bedeutet, dass die (politische) Souveränität eine neue Form finden muss, jenseits von Heraklit.


Das eine Problem, das ich, der ich mich dieser nationalen deutschen Verantwortung schon unterstellt sah, bevor ich mein Leben überhaupt selbst - als Erwachsener - bestimmen konnte, zu vergegenwärtigen habe, ist, dass nach 1945 diese Verantwortung nicht mehr als direkte kollektive Verantwortung wahrzunehmen ist. Denn ein nationales deutsches Kollektiv in einem affirmativen geschichtsgestaltenden Sinne gab es und gibt es nicht mehr. Daher konnte und kann ich mich dieser Verantwortung nur als Einzelperson stellen - zugleich auch gesellschaftlich elementar vereinzelt, insofern sich nach dem Krieg dieser Verantwortung wegen ihrer unfassbaren, ja monströsen Dimension niemand bewusst und freiwillig stellen konnte, m.a.W. sie nicht in die Zeit oder in eine normale Biographie passte.
Das macht die Arbeit und die damit verbundene Existenz zu einer den Einzelnen überfordernden Angelegenheit und zugleich zu einem Geschehen, von dem man sich nicht dispensieren kann, wenn man ihm einmal verbunden ist.

Das zweite Problem, oder besser, die andere Seite des (ersten) Problems liegt darin, dass ich die Ergebnisse meiner lebenslangen Arbeit zur Bewältigung dieser historischen Aufgabe nur als Einzelner und im Prinzip nur für und gegenüber einzelnen Personen präsentieren/vertreten kann. Das nationale deutsche und damit kollektive Element kann angesichts der Artung der deutschen Geschichte vor 1945 nur noch indirekt eine Rolle spielen, aufgehoben in die Verantwortung der einzelnen Personen für die Geschichte und für die Zukunft der ganzen Menschheit.

Dass ich in der freiheitlich-demokratischen Nachkriegsgesellschaft aufgewachsen bin, ist sicherlich eine conditio-sine-qua-non, die mir überhaupt erst die Chance gab, zu versuchen, der deutschen Geschichte gerecht zu werden. Daher ist ein wichtiges Ziel meiner Arbeit, die Menschen überall auf der Welt zu bestärken, die für freiheitlich-demokratische Gesellschaftsordnungen kämpfen.




17.09.2009

Zeitungslektüre(n):

"Ein Leben ist den Schlächtern von Ciudad Juárez (in Nordmexiko W.B.) nicht viel wert, ...
... 23 Patienten wollten am Mittwoch in der Entzugsanstalt Aliviane ihr gemeinsames Therapiegespräch beginnen, als zwölf Killer die Tür aufbrachen. Sie zerrten ihre Opfer aus dem Raum, stellten sie an die Wand und schossen aus ihren Gewehren ...
... Laut Statistik sind mehr als 135 000 Einwohner im Alter von 17 bis 25 Kokain, Heroin und anderen Rauschmitteln verfallen."
(Süddeutsche Zeitung, 07.09.09, S. 7)

"Ein Beispiel gefällig, um die schwarze, zerstörerische, menschenfeindliche Seele des Kapitalismus zu entlarven? ...
Man könnte zum Beispiel, rein theoretisch, den Amerikanern massenweise ihre Lebensversicherungen abkaufen. Dann würde man hunderttausende dieser Policen zu neuen Finanzprodukten bündeln, mit denen spekuliert werden darf - schon wären Billionen Dollar darauf verwettet, dass möglichst viele ältere Menschen möglichst früh sterben. Woraufhin eine neue Lobbygruppe in Washington folgerichtig daran arbeiten müsste, das Gesundheitssystem und andere Institutionen so umzubauen, dass sich das Investment lohnt, und die Leute einfach, nun ja ... schneller verrecken.
... Ein kleiner gedanklicher Exkurs ..., dessen erklärtes Ziel es ist, solche Perversionen des Kapitalismus anzuprangern? Eben nicht. Es ist die aktuelle Topmeldung der New York Times, und es geht um einen völlig realen Plan, den sich die Banken in den USA ausgedacht haben - weil das große Spiel nach einer kleinen Verschnaufpause weitergehen muss."
(Süddeutsche Zeitung, 07.09.09, S. 13)

Diese beiden Zustände sollen keinesfalls gleich gesetzt werden!!! Es soll nur daraufhingewiesen werden, dass es eine uralte und große Tradition gibt, ganz nüchtern und kalt den eigenen Vorteil auf mehr oder weniger große Kosten anderer zu suchen und zu finden. Die Unterschiede zwischen einzelnen Vorgehensweisen muss genau und angemessen anhand des Maßes getroffen werden, wie sehr andere Menschen dabei geschädigt werden.

Es ist falsch, diese Vorkommnisse oder Pläne vor allem moralisch zu bewerten, bzw., es hilft nicht weiter. Solange es möglich ist, zum Schaden anderer seinen Vorteil zu suchen, wird es Leute geben, die es versuchen, mit aller Cleverness und Skrupellosigkeit. Dabei nutzen sie konsequent die verschiedensten Schwächen der Menschen aus, die diese als durchschnittliche beliebige Einzelpersonen ohne besondere geistige und/oder gesellschaftliche (Macht-)Kapazitäten nunmal haben.

Solche Praktiken können heute das menschliche Leben zerstören, wenn sie, mehr oder weniger direkt, den Boden für kriegerische Zustände bereiten.

Demokratie kann sich demgegenüber auf Dauer und weltweit nur durchsetzen, wenn die durchschnittlichen Einzelpersonen gegenüber allen gesellschaftlichen Machtpotentialen konsequent "aufgerüstet" werden, mit allen Mitteln und auf alle erdenklichen und so intelligent, wie möglichen Arten und Weisen. Eine der wichtigsten Mittel ist der Umbau der Weltgesellschaft in immer kleinere politische Verwaltungseinheiten mit je nach Umständen wachsendem Subsistenzanteil und dem politischen Ethos der Selbständigkeit. Die Größe der heutigen kollektiven Zusammenhänge an sich ist schon das größte Problem. Das bedeutet, man soll weniger die einzelnen Personen aufrüsten, sondern vielmehr die kollektiven Machtpositionen konsequent und dauerhaft abrüsten und entmachten.

Aber kann man damit die archaischen Gewaltverhältnisse überwinden?
Sicher nicht direkt, aber Gewaltverhältnisse sind immer dann ein dominantes Problem, wenn sie mit machtpolitischen Interessen verknüpft sind, wenn Gewalt bis hin zum Mord und Massenmord nüchtern kalkulierend eingesetzt wird. Genau diese Szenarien gilt es zu überwinden/auszuschließen. Wenn dies gelingt, wird das untolerierbare Gewaltverhältnis ein Fall für die Polizei und Justiz.




29.06.2009

Ich habe mich immer wieder gefragt, warum bestimmte konservative Denkarten sich mit solchem Aufwand gegen die These von der durch den Verbrauch fossiler Energieträger induzierten Klimaerwärmung wenden.
Denn eigentlich ist es gar nicht so wichtig, ob der Mensch an diesem Phänomen "schuld" ist oder nicht. Jeder kann wissen, dass die fossilen Energieträger in den nächsten ein bis zwei Jahrhunderten versiegen werden. Was bedeutet, dass man gar nicht früh genug anfangen kann, effektiven Ersatz bis zur Marktreife zu entwickeln.

Meine einzige Erklärung dafür ist der Umstand, dass wir homo sapiens sapiens aus einer Geschichte kommen, in der wir allzuoft untereinander das größte Überlebensrisiko oder -problem dargestellt haben. Absolute, metaphysisch begründete Feindschaften bestimmt das Denken und Handeln der Menschen. Oft sind derartige Frontstellungen gegenüber anderen Gruppen des homo sapiens sapiens der einzige metaphysische Lebensbezug der Menschen.

Da "passt es natürlich gar nicht in den Kram", dass die Menschheit insgesamt durch ihr Lebensgebaren ein Problem verursacht, das sie auch nur gemeinsam und nur durch defensives, sorgendes Verhalten lösen kann. Es gibt in diesem Zusammenhang schlicht keine Möglichkeit mehr, das Bedürfnis nach Konfrontation in eine klassische politische Form zu gießen.

Wenn die Leute etwas mehr nachdenken würden, dann könnten sie wissen, dass schon die Atom- oder Wasserstoffbombe die Menscheit in diese postbellizistische Ära katapultiert hat.
Wir müssen heute unseren metaphysischen oder kollektiven Bezug anders und allgemeinmenschlich finden und erstellen.




24.06.2009

Ohne Souveränität ist alles nichts!

Vielleicht ist es falsch, von Kapitalismus zu reden. Gäbe es den Kapitalismus, wären die Marktteilnehmer, die falsch gerechnet oder spekuliert haben, alle Bankrott gegangen.

Tatsächlich wird die Welt von den Prinzipien des Nationalismus, der Oligarchie, des traditionellen Dominanzstrebens und ein wenig der Demokratie (Wahlen!) bestimmt. Der Kapitalismus oder die freie Marktwirtschaft sind Instrumente in den Händen mächtiger Entscheider. Damit ist keineswegs gesagt, dass diese Entscheider unabhängig von den Verfahren des Kapitalismus sind.

Der Nimbus, der den Kapitalismus (bisweilen im Gegensatz zum Sozialismus) mit Freiheit ineins setzt(e), ist erstmal weg. Das wird auch kein "Dritter Weg" (z.B. die "Soziale Marktwirtschaft") mehr ändern können. Es wird überhaupt keine Ideologie und Praxis eines ökonomischen Materialismus, gleich welcher Couleur, mehr helfen.

Es gibt noch den Rechtsstaat. Der hat sich wohl als Garant der Freiheit erwiesen, indem er, so gut er kann, kollektive Macht teilt, beschränkt, kontrolliert - ihr die Absolutheit nimmt. Vor dem Recht sind alle gleich!
Aber der Rechtsstaat kann nicht selbst frei sein. Frei können nur die Menschen sein.

Was die Weltzivilisation in diesem Augenblick und für die Zukunft benötigt, ist eine elementar neue, zeitgemäße Bestimmung des Freiheitsbegriffs. Diese Bestimmung muss sich, um neuen Raum zu gewinnen, an einer politischen Realität aus der Epoche vor dem modernen Rationalismus orientieren - der persönlichen Souveränität.
Selbstverständlich kann sich persönliche Souveränität heute nurmehr auf der Basis des allgemeinen Menschenbildes verwirklichen. D.h., Souveränität wird nie mehr absolute Herrschaft über andere sein, wie das vor der Moderne und bei Reaktionären der Fall war und ist.


15.06.2009

Unausgegoren?

Man kann die Investmentbanker nicht davon abhalten, möglichst viel Geld verdienen zu wollen. Sie tun es mit allen Mitteln, selbst wenn sie dabei zugrunde gehen. Sie würden sich andernfalls selbst verraten.

Das bedeutet aber, dass die Finanzierungs- und Sparbedürfnisse der restlichen Gesellschaft von dem Treiben der Investmentbanker abgekoppelt werden muss.

Das wiederum geht nicht, weil sie ja gerade auf dem wirtschaftlichen Gebaren der restlichen Welt ihre Spekulationen aufsetzen. (Mehr Ölbedarf? Weniger Ölbedarf?)

Also doch verbieten? Aber wer soll das machen? Und nach welchen Kriterien?